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„Ich habe mich so geschämt“: Wenn Akne dein Sozialleben ruiniert

Pickel in der Pubertät hatte wahrscheinlich jeder, bei Menschen mit Spätakne verschwinden die Hautunreinheiten allerdings nicht—und können Betroffene in tiefe Depressionen stürzen.

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Jan. 20 2017, 8:00am

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„Bei mir hat alles angefangen, als ich 15 Jahre alt war", erzählt Celine. „Es gab eine Zeit, in der ich es strikt vermieden habe, dass meine Freunde rechts von mir gehen, da die Akne auf dieser Gesichtshälfte schlimmer war. Ich versuchte so gut es geht, meine Hautprobleme zu verstecken, zog in der U-Bahn immer den Schal über mein Kinn und schaute morgens in den Spiegel, um abzuschätzen, wie nahe mir die Leute kommen können, ohne dass ihnen meine Akne gleich ins Auge fällt."

Hautunreinheiten entstehen dann, wenn sich die Talgdrüsen an den kleinen Härchen, die wir überall am Körper haben, entzünden. Während ein Pickel eine einzelne kleine Entzündung darstellt, verändert sich bei Akne allerdings das natürliche Milieu um die Talgdrüsen herum, erklärt Dr. Anya Miller, Inhaberin der Praxis „Die Hautexperten" in Berlin, gegenüber Broadly. „Der Hauptkeim, der die Entzündung bei der Akne verstärkt, heisst Propioni Acnes und nistet sich gerne in und um die Talgdrüsen herum ein. Somit kommt es zu einer Veränderung der Haut, es werden vermehrt kleine Hornschüppchen gebildet, die das Abfliessen des Talges verhindern. Auslöser ist vielfach eine hormonelle Dysbalance, die vermehrt in der Pubertät auftritt."

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Die Hauterkrankung kann allerdings auch durch andere Faktoren wie Ernährung, Medikamente, psychischer Stress oder Nahrungsergänzungsmittel und Muskelaufbaupräparate ausgelöst werden.

Während Pickel durch die hormonellen Veränderungen in der Pubertät eine zwar nervige, aber doch gängige Begleiterscheinung sind, wird nur wenig über die sogenannte „Spätakne" gesprochen—und das, obwohl laut Elena Helfenbein vom VKE-Kosmetikverband „jede vierte Frau zwischen 25 und 45" unter den starken Hautunreinheiten leidet. Frauen wie Celine.

Am Anfang fand ich es ziemlich eklig, in einen Becher zu pinkeln und mir das dann aufs Gesicht zu schmieren.

Von Cremes, Lotionen bis hin zu Gesichtsbürsten und Vitamin-Präparaten hat die heute 25-Jährige alles ausprobiert, doch nichts hat so richtig geholfen. Mit 17 ließ sie sich dann die Pille verschreiben. Ihre Akne war bis auf wenige kleine Pickel komplett weg, sagt sie. Als sie zwei Jahre später jedoch das Hormonpräparat absetzte, kam die Akne zurück. „Am Anfang war meine Haut noch immer perfekt, doch sechs Monate später waren alle Unreinheiten wieder da. Ich war bei zwei Hautärzten und ließ mich sogar zwei Wochen krankschreiben, weil ich mich so dermaßen für meine Haut geschämt habe."

Während Akne bei jungen Frauen laut der Dermatologin primär in der T-Zone—Stirn, Nase und Kinn—auftritt, haben reifere Frauen mit „eher tieferen Knoten" in der U-Zone an Kinn und Wangen zu kämpfen, sagt Miller. Die Hautunreinheit kann aber auch dann ein großer Einschnitt ins eigene Leben bedeuten, wenn sie nicht im Gesicht auftritt, sondern beispielsweise an Schultern, Dekolleté, den Leisten oder im Nacken. „Meine Pickel am Rücken haben mich ziemlich gestört", erzählt die 20-jährige Martina. „Ich fand es sehr unhygienisch und ich fühlte mich nicht wohl, wenn ich rückenfreie Oberteile oder Bikinis trug."

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Dass Akne für die Betroffenen eine große Last sein kann, bestätigt auch die Dermatologin aus Berlin. In ihrer Praxis behandelt sie vorwiegend Frauen mit Spätakne (70 Prozent aller Patientinnen) und weiß: „Die Frauen leiden sehr unter der Akne, das ist psychisch sehr belastend und kann zu einer Depression führen." Deswegen empfiehlt sie bei besonders schweren Fällen psychologische Betreuung parallel zur Behandlung des Hautbildes.

„Es gab eine Phase, in der ich vier bis fünf Schichten Make-up trug und aussah, wie eine 30-Jährige", erzählt Celine. „Ich bin sogar geschminkt ins Schwimmbad und konnte nicht ungeschminkt ins Fitnessstudio oder bei Freunden übernachten, was das ganze Problem natürlich nur noch viel schlimmer gemacht hat."

Eine Frau mit Akne auf dem Rücken. Foto: imago | UIG

Die 25-Jährige ist verzweifelt. „Ich habe alles versucht. Ich habe Zucker komplett aus meinem Ernährungsplan gestrichen, vegane Menüs zubereitet und versucht, Stress zu vermeiden, doch das alles änderte nichts. Irgendwann habe ich dann sogar angefangen, mir Apfelessig auf die betroffenen Stellen zu tupfen und zum Abschminken Olivenöl und Arganöl verwendet." Aus Verzweiflung probiert die 25-Jährige schließlich für acht Monate die umstrittene Eigenurin-Therapie aus. „Am Anfang fand ich es ziemlich eklig, in einen Becher zu pinkeln und mir das dann aufs Gesicht zu schmieren. Irgendwann gewöhnte ich mich daran und fand es auch nicht mehr so schlimm", erzählt sie. „Die Eigenurin-Therapie hat mir sehr geholfen—das Einzige, was ein bisschen stört, ist der Geruch." Und tatsächlich: Heute muss man sehr genau hinschauen, um kleine Unreinheiten auf ihrer Haut zu entdecken.

Das Problem dabei, sich online in die Thematik einzulesen und dann zu versuchen, sich selbst zu therapieren: Eine Patentlösung gibt es nicht, denn jede Haut ist anders. Ein paar ganz grundlegende Tipps für Betroffene hat Dr. Miller trotzdem. Wer sich schminkt, sollte darauf achten, sich gründlich abzuschminken und dabei Produkte verwenden, die speziell für die Gesichtsreinigung von zu Akne neigender Haut entwickelt wurden.

Je mehr man über seine unreine Haut nachdenkt, desto schlimmer wird es.

Gleichzeitig rät die Dermatologin davon ab, blind zu vermeintlich bewährter Naturkosmetik zu greifen. „Teebaumöl zum Beispiel enthält ca. 100 Substanzen und in jeder Flasche ist etwas anderes drin. Dadurch ist das Risiko einer allergischen Reaktion sehr hoch", erklärt sie. „Gerade bei verschiedenen Ölen muss man vorsichtig sein, denn Öl auf Akne ist keine gute Idee, da die Haut sowieso schon fettig ist. Mit dem zusätzlichen Öl nehme ich der Haut die Möglichkeit zu atmen, mache somit quasi einen Deckel drauf und die Keime, die sich darunter befinden, freuen sich."

Statt sich mit Eigenurin zu behandeln, der neben seiner antibakteriellen Wirkung eben auch Ausscheidungsprodukte enthält, die die Haut nicht benötigt, empfiehlt sie Pflegeprodukte, die Urea (also Harnstoff) enthalten. Richtiggehend gefährlich werden können Medikamente wie Accutan oder Roaccutan (erst kürzlich von der Schauspielerin Chloë Grace Montez empfohlen), das den nebenwirkungsreichen Wirkstoff Isotretinoin enthält. „Vitamin A-Säure (Isotretinoin) sollte erst bei vernarbenden Akne-Formen verschrieben werden", warnt Dr. Miller. Patientinnen müssten regelmäßig ihre Leberwerte kontrollieren lassen, sicher verhüten und alle vier Wochen einen Schwangerschaftstest machen.

„Wenn eine Patientin während der Einnahme dieses Medikamentes schwanger wird, muss ganz genau geprüft werden, ob ein Abort eingeleitet werden soll oder nicht. Allein schon die Einnahme von einer Tablette kann das Risiko einer Fehlbildung enorm erhöhen", sagt die Ärztin. Außerdem trockne Vitamin A-Säure die Schleimhaut aus, was beispielsweise für Kontaktlinsenträgerinnen problematisch werden könnte.

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Das Wichtigste bleibt laut der Berliner Dermatologin in jedem Fall, einen Experten hinzuzuziehen: „Akne sollte von einem Spezialisten behandelt werden, da das Risiko einer Narbenbildung besteht, die dann ein Leben lang bleibt. Das Sahnehäubchen einer guten Akne-Therapie ist zusätzlich eine regelmäßige Behandlung bei einer medizinischen Kosmetikerin."

Martinas Hautunreinheiten besserten sich schließlich durch eine Mischung aus äußerlicher Behandlung mit Molke und einer Veränderung ihrer Flüssigkeitszunahme. „Trinkt viel Wasser! Das sollte der Haut helfen. Wichtig finde ich auch, dass man sich nicht dauernd ins Gesicht fasst und wenn es mal absolut nötig ist, dann nur mit sauberen Händen." Außerdem empfiehlt sie, dem Drang zu widerstehen, an Hautunreinheiten herumzudrücken.

„Die Behandlung der Akne ist kein einfacher Weg. Man braucht sehr viel Geduld und Durchhaltevermögen und darf nicht gleich aufgeben oder die Cremes in die Tonne schmeißen, nur weil sie nicht auf Anhieb ihre Wirkung gezeigt haben", sagt Celine abschließend. Zu akzeptieren, dass sie unter Akne leidet, hat ihr zusätzlich geholfen. „Je mehr man über seine unreine Haut nachdenkt, desto schlimmer wird es."


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