Die Geschichte des weiblichen Zorns

Die Feministin als solche ist vielerorts als hysterische Zicke verschrien. Doch wütende Frauen haben Tradition – und genau dadurch etwas bewegt.

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02 August 2016, 7:30am

Foto: Pixabay | CC0

Die Wut einer Frau ist eine überaus mächtige Waffe. Sie gilt als äußerst gefährlich und destabilisierend und richtet angeblich Chaos und Verwüstung in glückseligen Haushalten und beschaulichen Gemeinden an. Stereotypen weiblicher Wut findet man überall: die schrille Ehefrau, die verrückte Ex-Freundin, Feminazis und wütende schwarze Frauen. Diese Schlagworte wecken vertraute Bilder und suggerieren, dass eine Frau sich meist grundlos aufregt. Wenn ein Mann laut wird, hat das schon seinen Grund und er zeigt Stärke. Wenn es eine Frau tut, ist sie „hysterisch".

Und dennoch gibt es Frauen, die sich—trotz aller Warnungen und Missbilligungen—weigern, weiterhin zu schweigen und sich bewusst von ihrem Zorn leiten lassen. Ihre Wut ist die radikale Ablehnung des Schweigens und ein Aufbegehren gegen die Aufforderung, ihre Emotionen zu zügeln. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass es seit langer Zeit Frauen gibt, die sich dem modernen, von Oprah Winfrey inspirierten Rat, „es einfach dabei bewenden zu lassen", widersetzt haben.

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Von der Bibel bis zur Renaissance

„Es ist besser, [zu] wohnen im wüsten Lande denn bei einem zänkischen und zornigen Weibe", lautet ein Vers im Buch der Sprichwörter im Alten Testament. Was für ein Gedanke, lieber ein zurückgezogenes Dasein in der Wildnis zu fristen, als bei einer Frau zu sein, die es wagt, ihre Unzufriedenheit zu äußern. Und wenn eine Frau beides möchte—einen zufriedenen Mann und ein glückliches Zuhause—dann sollte sie ihre Wut besser runterschlucken und in einer mentalen Schachtel mit der Aufschrift „Nicht öffnen" verstauen.

Das scheint jedoch nahezu unmöglich zu sein, wie bereits mehrere Studien gezeigt haben. Demnach berichten Frauen, dass sie häufiger und länger wütend sind und Wut auch sehr viel intensiver empfinden als Männer. Und wie die moderne Wissenschaft zeigt, sind die Gründe hierfür gar nicht mal so abstrakt: Was Frauen am wütendsten macht, sind Überheblichkeit, Vernachlässigung und Zurückweisung. Ein Forscher hat zudem herausgefunden, dass sich Frauen meistens „über die negativen Verhaltensweisen von Männern ärgern, wohingegen Männer sich in der Regel über die negativen emotionalen Reaktionen von Frauen ärgern."

Dennoch werden Männer von der Bibel weder dazu ermahnt, ihr Verhalten zu ändern, noch wird darin auch überhaupt nur angedeutet, dass Männer der Grund sein könnten, warum Frauen wütend sind. Stattdessen heißt es in der Bibel nur, dass sich Männer in die Einsamkeit flüchten sollten und vielleicht ist das auch der Grund, warum die Gesellschaft—scheinbar losgelöst von Zeit und Raum—wütende Frauen immer von oben herab betrachtet.

Es ist besser, [zu] wohnen im wüsten Lande denn bei einem zänkischen und zornigen Weibe.

Die wohl erste Frau, die ihre Wut produktiv genutzt hat, war die Schriftstellerin Jane Anger, die ihrem Namen damit alle Ehre gemacht hat. In einem Pamphlet Schutzbrief für Frauen von 1589 legt sich Jane mit der Ignoranz ihrer männlichen Kollegen an, ihrem schlichten Rückgriff auf stereotype Darstellungen des „schwächeren" Geschlechts und ihrer arroganten Überzeugung, dass sie ihre persönlichen Eindrücke mit Fakten gleichsetzen könnten. Jane hat ihr feuriges Pamphlet aber nicht geschrieben, um Männer und ihre Ansichten bloßzustellen oder um darauf zu reagieren: Sie schrieb ihren Schutzbrief für Frauen, um das Unaussprechliche auszusprechen. Sie schrieb ihn, um ihre Wut zum Ausdruck zu bringen.

Jane bestätigt, dass Zorn ihre Muse war und beschreibt ihr Pamphlet selbst als einen Text, den „meine cholerische Ader schnell zu Papier gebracht hat [...] es war ZORN [ANGER], der das geschrieben hat." Ihr Pamphlet ist eine bewusste Absage an die damaligen Standards—ein radikaler Bruch mit dem versöhnlichen Ton, der von Frauen im 16. Jahrhundert erwartet wurde. Jane hat sich nicht darum gekümmert, was andere über ihr proto-feministisches Manifest sagen würden und traf ihre männlichen Kollegen hart mit der Kritik an deren Unzüchtigkeit und Exzessen. Außerdem kritisierte sie, dass sich die Männer weigerten, endlich mit den alten rhetorischen Traditionen zu brechen, die Frauen noch immer als naive Flittchen darstellten:

„Pfui! über die Falschheit der Männer, deren Geist häufig von Sinnen ist und deren Zungen sich kaum so schnell bewegen können, wie sie gerne losschimpfen möchten. Ist jemals einer von ihnen so verunglimpft, so verleumdet, so geschmäht, ungerechtfertigt so gemein behandelt worden wie wir Frauen?"

Ob Jane Anger nun ein „Nom de Plume" war oder ob sie einfach einen sehr passenden Namen hatte, darüber streiten sich Studenten von früher englischer Literatur bis heute. Manche (Männer) fragen sich auch, ob Jane überhaupt eine Frau gewesen ist oder ob sich dahinter vielleicht ein Mann versteckte, der als Frau gesprochen hat—eine sogenannte „bauchredende Frau". Aber dass Jane ein Mann gewesen ist, ist ziemlich unwahrscheinlich. Schließlich hätte kein Mann so viel Leidenschaft in ein Manifest gesteckt, um dann eine Frau die Lorbeeren dafür ernten zu lassen.

Jane erwies sich als äußerst einflussreiche Figur. Sie war die erste, die ihrem Ärger über das vorherrschende Frauenbild Luft machte und damit auch das gängige gesellschaftliche Bild von Frauen, welches auch die Rolle der Frau in einer heterosexuellen Beziehung bestimmte, ablehnte.

Es zürnt der Himmel nicht wie Liebe, die zu Hass ward, es rast die Hölle nicht wie ein verschmähtes Weib.

Hierzu passt auch die berühmte Zeile aus The Mourning Bride (1679) von Congreve: „Es zürnt der Himmel nicht wie Liebe, die zu Hass ward, es rast die Hölle nicht wie ein verschmähtes Weib." Dieser Satz scheint so tief in unserem kulturellen Bewusstsein verankert zu sein, dass es vollkommen natürlich zu sein scheint, dass sich Frauen rächen, wenn sie zurückgewiesen werden. Wir erinnern uns an Fatal Attraction, als Glenn Close einen niedlichen Hasen gekocht hat oder an Filme wie Rache ist sexy oder The Other Woman, wo sich ein paar Frauen zusammentun, nur um den Mann für seine Zurückweisung zu strafen.

Von Wollstonecraft bis Woolf

Genau diese Denkweise hat auch Mary Wollstonecraft in Eine Verteidigung der Rechte der Frau (1792) gemeint, als sie schrieb: „Ich führe nur Krieg mit der Sensibilität, die ihn dazu verleitete, die Frau herabzuwürdigen, indem er sie zur Sklavin der Liebe machte."

Man muss aber sagen, dass Wollstonecrafts Zorn durch ihre vornehme Herkunft gedämpft wurde—schließlich war sie auch nicht so anonym wie Jane Anger. Aber sie erkundete die Untiefen der Wut und ihre Ausdrucksformen. Was Wollstonecrafts Wut anfeuerte, war vor allem die fehlende Sichtbarkeit und—im weiteren Sinne—die fehlende Identität von Frauen. Und tatsächlich stieß man häufiger auf so eine Artikulation von intellektualisierter Wut.

Virginia Woolf. Foto: George Charles Beresford | Wikimedia Commons | Public Domain

Virgina Woolf ist die wohl bekannteste Vertreterin dieser Form von hochtrabender Wut. Der Großteil ihrer Arbeit widmet sich der Frustration, die ihrer Ansicht nach daraus entstanden ist, dass viel gesagt, aber wenig getan wurde. In Ein Zimmer für sich allein spricht Woolf über die Wut anderer Frauen der Literaturgeschichte und bringt dadurch ihre eigene Frustration zum Ausdruck. Diese Wut war in ihren Augen die Reaktion auf den Umstand, dass Frauen wie Bürger zweiter Klasse behandelt wurden und vor allem in der Arbeit von Charlotte Brontë zum Ausdruck kommt. Die war immerhin so wütend, dass sie über eine verrückte Frau schrieb, die auf dem Dachboden lebt und am Ende das Haus niederbrennt.

„Wir spüren darin den Einfluss von Angst", schreibt Woolf über Brontës Roman Jane Eyre, „und genauso spüren wir unentwegt den bitteren Beigeschmack der Unterdrückung—dem vergrabenen Leid, das unter ihrer Leidenschaft schwelt." Woolf beschreibt darüber hinaus auch die Spannung zwischen der Ansicht, der Zorn der Frauen sei invasiv—eine zerstörerische Kraft, die die Kreativität von Frauen untergräbt—und einer legitimen Reaktion auf die Unterdrückung. Aber Wut beherrscht nicht nur die Werke von Woolf und Brontë, es gab auch viele andere Schriftstellerinnen, die die schreckliche Macht der Unterdrückung spürten.

Die Zweite Welle der Frauenbewegung

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts—einer Zeit, die als das goldene Zeitalter wütender Frauen betrachtet wird—hatte Woolfs Zorn eine neue Gestalt angenommen: Die Zweite Welle der Frauenbewegung baute voll und ganz darauf, ihre Wut zum Ausdruck zu bringen. Sie waren eine neue Generation von Frauen, die die wütende Feministin zur Welt brachten, in der festen Überzeugung, so das Patriarchat demontieren zu können. „Ich habe meinen feministischen Zorn genährt und beschützt wie eine geliebte Tochter", schrieb die feministische Kritikerin Jane Marcus.

Ich habe meinen feministischen Zorn genährt und beschützt wie eine geliebte Tochter

Und diese Wut wurde irgendwann deutlich spürbar. Ihre Geburtsstunde erlebte sie in Pamphleten wie SCUM (1968) von Valerie Solanas und in der Messer wetzenden Videoinstallation Semiotics of the Kitchen (1975) der Künstlerin Martha Rosler. Darin rezitiert Rosler sechs Minuten lang das Alphabet und hält dazu ein Küchengerät in die Höhe, das mit dem entsprechenden Buchstaben beginnt. „A, apron", sagt Rosler während sie in die Kamera starrt und eine Schürze hochhält. Während sie spricht und dazu die Objekte ihrer Unterdrückung benennt, wird sie immer ungehaltener. Sie schwingt die Messer, knallt die schweren Geräte auf den Tisch und als sie bei „W, X, Y, Z" ankommt, hört sie plötzlich auf, Küchenobjekte zu benennen und formt stattdessen die Buchstaben mit ihrem eigenen Körper. Dazu schwingt sie ein Messer, das sie in der rechten Hand hält und eine Gabel, die sie in der linken Hand hat. Bei Z legt sie die Gabel hin und schneidet wie Zorro ein Z in die Luft. Bei Rosler verwandelt sich die feierliche Geste eines fiktionalen Helden in einem bedrohlichen Ausdruck von Machtlosigkeit. Solanas dagegen nannte Männer einfach nur „Scheißhaufen".

Während Rosler ihre Messer hatte, hatte Solanas ihre Waffe, mit der sie später Andy Warhol erschoss. Diese Form der gewaltbereiten Wut war neu: Sie wurde nicht von Männern in der Literatur hervorgerufen, kam nicht durch Schöngeistigkeit zum Ausdruck und konnte auch nicht infantilisiert werden. Kein Mann konnte SCUM lesen oder sich Semiotics ansehen und gönnerhaft sagen: „Du bist so schön, wenn du wütend bist." Weder Rosler noch Solanas ließen Raum für Beschwichtigungen. Ihre Form der Wut war längst nicht mehr nur eine leidenschaftliche Erregung. Sie haben Grenzen überschritten und neu gesteckt—der Zerstörung halber.

hooks, Lorde und Call-Out Culture

Die Zweite Welle der Frauenbewegung wollte zwar alle Frauen vom Patriarchat befreien, doch auch sie stieß an ihre Grenzen. Solanas und Rosler, Kate Millet und Judy Chicago—sie alle hatten eines gemeinsam: Sie waren alle weiß. Während die Feministinnen selbst versuchten, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, unterdrückten sie den Zorn schwarzer Frauen und sagten ihnen, dass sie ihre Rage in Zaun halten sollten, um die Bewegung nicht zu gefährden. Weiße Frauen haben nicht-weißen Frauen also genau das gesagt, was das Patriarchat Frauen schon seit Jahrhunderten gesagt hat.

„Die weißen Menschen haben die schwarzen Amerikaner kolonialisiert", schreibt bell hooks. „Teil dieser Kolonialisierung war es, uns beizubringen, unsere Wut zu unterdrücken, um sie niemals zum Ziel unserer Wut zu machen, die der Rassismus in uns hervorruft." Man könnte sagen, der Ausdruck zügelloser Wut war eine neuartige Waffe, die dazu genutzt wurde, um Mauern einzureißen. Doch dann haben die weißen Feministinnen die Stücke dieser zerstörten Mauern aufgesammelt und ihre Überreste genutzt, um die Wut schwarzer Frauen abzuwehren.

Audre Lorde. Foto: K. Kendall | Flickr | CC BY 2.0

Weiße Feministen konnten mit den Beleidigungen umgehen, die ihnen von Männern an den Kopf geworfen wurden—es hatte etwas mächtiges, einem Mob aus wütenden Feministen anzugehören—, doch wenn sie die Wut schwarzer Frauen nicht zu ihren Gunsten nutzen konnten, brachten sie sie zum Schweigen. „Von schwarzen Frauen wird erwartet, dass sie ihre Wut nur im Dienste der Befreiung anderer einsetzen ... aber diese Zeiten sind vorbei", sagte Audre Lorde 1981 in einer Rede. „Mein Ärger hat mir oft Schmerzen bereitet, aber bedeutet auch Überleben und bevor ich [meinen Ärger] aufgebe, werde ich sicherstellen, dass er auf dem Weg zur Klarheit durch etwas mindestens genauso mächtiges ersetzt wird."

Von schwarzen Frauen wird erwartet, dass sie ihre Wut nur im Dienste der Befreiung anderer einsetzen.

Für schwarze Frauen wie hooks und Lorde war es ein besonders befreiender Akt, ihre Wut zu nutzen, denn seit dem 19. Jahrhundert existierte der Stereotyp der „wütenden schwarzen Frau". Dieser stammte aus den Minstrel Shows, einem Unterhaltungsgenre, das einzig und allein dazu diente, schwarze Menschen auch nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA herabzuwürdigen. Dennoch kam Lordes radikale Kritik nicht bei den weißen Feministinnen an. Sie sahen darin nur den Ausdruck einer allgemeinen Kritik—ganz unabhängig von der damaligen Rassenpolitik.

Girl Squads und der kollektive Jubel

Über die eigene Wut zu diskutieren, war bisher Bestandteil nahezu jeder feministischen Bewegung. Doch Wut kann Leute nicht nur näher zusammenbringen, sondern sie auch spalten. Der kollektive Ausdruck von Wut zeigt nur dann Wirkung, wenn jedes Mitglied der Gruppe auf die gleiche Weise wütend ist. Auch über Unterdrückung zu sprechen, besitzt sehr viel Macht, aber Frauen sind keine harmonische Gruppe und jede von ihnen wird sich ihrer Machtlosigkeit in einer anderen Situation oder aus einer anderen Perspektive heraus bewusst.

Während es früher ganz klare Formen von Dissens gab, scheint der Zorn der Frauen mittlerweile aus fast allen Diskussionen über die Rechte der Frauen verbannt worden zu sein. Was bleibt, ist nur das katharsische Entblößen von Wunden. Seit dem Siegeszug gleichgesinnter Zusammenschlüsse—von Cliquen über die sogenannten „Girl Squads"—scheint es, als wäre der Raum verschwunden, der sonst immer für Wut und wegweisende Diskussionen reserviert war.

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Mit zunehmender Beliebtheit hat die Frauenbewegung irgendwann einen Schwenk hin zur Positivität gemacht: Böse zu sein ist verboten und von jedem wird erwartet, dass er den anderen unterstützt, was dann so eine Art politischen Akt darstellt. Aber wenn die obligatorisch positive Einstellung zur Norm wird, stellt die Kritik an anderen Frauen im besten Fall nur noch eine Abweichung und im schlimmsten Fall eine Gefahr für den Fortschritt des Feminismus dar. Nehmen wir zum Beispiel Taylor Swift, die Schutzheilige der Girl Squads, die eine öffentliche Verfechterin der Frauenbewegung ist und dennoch bekannt dafür ist, dass sie sich gegen berechtigte Kritik von wütenden Frauen sträubt. In der Swift'schen Weltanschauung ist Jubeln zum Modus Operandi geworden. In einer Welt, in der Frauen nur Teamplayer sein oder hübsch aussehen können, wird die Wut von Frauen oft als Hickhack „fieser Mädchen" abgetan.

Doch der Zorn von Frauen—in seiner reinsten und kraftvollsten Form—und die Geschichte, auf der die Wut beruht, sind von Natur aus rebellisch. Glücklicherweise gibt es noch immer sehr viele wütende Frauen: Die Frauen von Elena Ferrante zum Beispiel, Pussy Riot und die Guerilla Girls feiern ihre Wut und auch Bewegungen wie der SlutWalk sind nach wie vor davon überzeugt, dass Wut eine wirkungsvolle destabilisierende Waffe gegen das Patriarchat ist. Die Geschichte der wütenden Frauen ist—wie es scheint—noch nicht zu Ende.


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