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Der rätselhafte Ursprung des Zungenkusses

Die einen finden's scharf, die anderen einfach nur eklig. Wir haben mit Forscherinnen darüber gesprochen, woher das Knutschen kommt.

Leila Ettachfini

Leila Ettachfini

Foto: Imago | Müller-Stauffenberg

Die Spucke eines Fremden finden wir in der Regel eher ekelhaft. Wir sind nicht begeistert, wenn jemand beim Nippen an unserem Drink Speichel zurücklässt – selbst wenn wir die Person kennen und attraktiv finden. Und es ist eindeutig abstoßend, wenn ein Mann laut und schleimig auf den Gehweg spuckt. Wenn derselbe Mann Manieren lernt und sich ein bisschen in Schale wirft, hat er aber vermutlich keine Probleme, eine Person zu finden, die mit ihm die ganze Nacht lang Spucke tauscht. Doch woher kommt es eigentlich, dass wir Rumknutschen so sexy finden? Sind wir einfach freaky Perverslinge, oder gibt es einen angeborenen Trieb zum Speichellecken?

Leider sind sich die Forscherinnen und Forscher da uneinig. Manche halten Küssen für eine evolutionäre Entwicklung, die bei der Partnerauswahl hilft. Andere verweisen auf ganze Kulturen, in denen es keine Zungenküsse gibt und solche sogar als schlecht gelten: Dies beweise, das Küssen auf "französisch" ein erlerntes Verhalten ist, das durch die globalisierte und von Medien beeinflusste Welt gewandert ist. Unter Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen gibt es also eine lebhafte Debatte, die Durchschnittsperson dürfte darüber allerdings weniger nachdenken und tut es einfach.

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Im Gespräch mit VICE-Kollegen und Bekannten stellt sich schnell heraus: An der Theorie, dass Zungenküsse etwas Erlerntes sind, könnte etwas dran sein. Taji ist Producer und erklärt auf die Frage, was ihn am Küssen so fasziniert hat, dass er es seinen Freunden nachtun und "cool" sein wollte. "Ich wusste ja, dass andere es taten. Außerdem hat es Spaß gemacht." Auf dieselbe Frage antwortet die freiberufliche Autorin Cheryl: "Weil das Fernsehen mir gesagt hat, ich soll das machen. Außerdem war es der ultimative Beweis, dass ich nicht hässlich bin." Dan, ein weiterer VICE-Kollege, hat eine tiefgründigere Überlegung dazu: "Ich denke, wenn zwei Menschen ihre Zungen zusammentun, ist das der direkteste und intimste Weg, eine Verbindung herzustellen."

Um dem Phänomen richtig auf die Spur zu kommen, haben wir außerdem mit zwei Forscherinnen gesprochen. Die eine hält feuchte Küsse für ein Ergebnis der Evolution, die andere vertritt das kulturelle Erklärungsmodell.

"Wenn zwei Menschen ihre Zungen zusammentun, ist das der direkteste und intimste Weg, eine Verbindung herzustellen."

"Ich halte es für angeboren", sagt die biologische Anthropologin Dr. Helen Fisher. "Wir sind nicht die einzige Tierart, die mit offenem Mund küsst. Schimpansen haben schon Menschen geküsst, Elefanten stecken bei der Balz den Rüssel in den Mund ihres Gegenübers, viele Vogelarten stecken die Schnäbel zusammen. Und manche Tiere lecken das ganze Gesicht ab, wie Hunde." Fisher erwähnt auch das Mund-zu-Mund-Füttern als Hinweis darauf, dass oraler Austausch für viele Säugetiere ein Instinkt ist.

Aber vielleicht ist es doch nicht ganz so eindeutig. Shelly Volsche, Professorin für kulturelle Anthropologie an der University of Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada glaubt: "Man kann es als angeboren bezeichnen, weil es ein natürliches Verhalten ist. Aber dass es dann in einem sexuellen oder romantischen Kontext gemacht wird, wirkt, als habe sich ein Verhalten aus einem bestimmten evolutionären Grund entwickelt und als hätten wir es dann für ein anderes Verhalten übernommen."


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Ein Team um Volsche stellte 2015 in einem Forschungsbericht fest, dass es den Zungenkuss nur in 46 Prozent aller menschlichen Kulturen gibt. Vor dieser Studie hatten Forscher geschätzt, dass dieses Verhalten in etwa 90 Prozent der Kulturen verbreitet ist. Zu diesem Schätzwert sagt Volsche: "Die Menschen, die keine richtigen Zungenküsse kennen, knabbern oft sanft am Gesicht, lecken irgendwo im Gesicht oder kuscheln die Gesichter aneinander. Das sind einfach Abwandlungen des Küssens ohne Zunge."

Weil der französische Kuss vor allem in großen, industrialisierten Ländern praktiziert werde, sei der weltweite Prozentsatz der Menschen, die mit Zunge küssen, trotzdem größer als der Anteil der Küsser ohne Zunge, so die Expertin.

In Kulturen, die kein Rumknutschen kennen, reagieren laut Volsche viele Menschen angeekelt, wenn sie dieses Verhalten beobachten oder davon hören. Ich bin in einem westlichen Land sozialisiert worden und wurde von klein auf mit Bildern bombardiert, in denen sich schöne Menschen gegenseitig die Zunge in den Hals stecken. Trotzdem kann selbst ich diesen Ekel nachvollziehen. Knutschen widerspricht augenscheinlich jedem Instinkt, der uns vor Krankheiten schützt. Vielleicht gibt uns das Verhalten deswegen solche Rätsel auf.

"Der erste Kuss kann die Beziehung entweder auf die nächste Stufe heben oder sie im Keim ersticken."

"Wenn man sich anschaut, wer mit Zunge küsst und wer nicht, weist vieles darauf hin, dass es mit Zugang zu Hygiene zu tun hat", sagt Volsche. Wer also antibakterielle Mundspülung kennt und zu Hause hat, kann sich viel leichter mit der Vorstellung anfreunden, jemanden auf diese Art zu küssen.

Außerdem erklärt Volsche, ausgedehntes Vorspiel sei in der Menschheitsgeschichte weniger präsent gewesen als heute, und auch in der Moderne würden Jäger-Sammler-Kulturen das Vorspiel weniger praktizieren. "Die Aka-Pygmäen sind eine Kultur, die keine Zungenküsse kennt. Außerdem nennen sie Sex 'Nachtarbeit'. Sie erkennen zwar an, dass Nachtarbeit Spaß macht, aber ihnen geht es mehr um Quantität als Qualität."

Manche Forscher sind auch der Meinung, dass Zungenküsse etwas mit unseren Hormonwerten zu tun haben könnten. "Die Hypothese geht so, dass Speichel eine gewisse Menge Testosteron enthält, und möglicherweise versucht der Mann, der Frau Speichel abzugeben, um mit dem Testosteron ihre Libido zu erhöhen", sagt die biologische Anthropologin Fisher. (Diese Hypothese erklärt allerdings nicht so ganz, warum Frauen das gern mitmachen und auch oft ganz ohne Männer rumknutschen.)

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Selbst wenn wir die Hormone außen vor lassen, ist Fisher überzeugt, dass Küssen mit offenem Mund eine Schlüsselrolle bei der Partnerwahl spielt. "Der erste Kuss kann die Beziehung entweder auf die nächste Stufe heben oder sie im Keim ersticken", erklärt sie.

Zwar vertritt Fisher das biologische Erklärungsmodell für den Zungenkuss, doch auch sie hält kulturelle Einflüsse für wichtig. "Das menschliche Gehirn ist flexibel. Wir können grundlegende Verhaltensmuster erben, die dann von der Kultur geformt und verändert werden", sagt sie. "Ich bleibe dabei, dass Küssen ein natürliches Verhalten ist, aber es hat neben dem biologischen Nutzen auch einen kulturellen."

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