Alle Fotos: Rebecca Rütten

"Das ist Gender-Apartheid" – diese Imamin kämpft für einen liberalen Islam

In Seyran Ateş' Moschee sollen sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen. Uns hat sie erklärt, warum sie sich von westlichen Kopftuch-Aktivistinnen verraten fühlt.

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Juni 19 2017, 9:42am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Seyran Ateş ist Anwältin, Feministin, Muslimin – und Imamin. Ihre Moschee eröffnete sie im Juni in Berlin und will dort für einen liberalen Islam eintreten, der Frauen und Männer gleichberechtigt behandelt. Das bedeutet auch, dass Frauen und Männer nicht getrennt beten müssen. Ein Raum zum Beten für alle Geschlechter, auf Augenhöhe.

Bei der Eröffnung der Moschee fällt am meisten der große Medienrummel ins Auge. Dutzende Journalist_innen sind gekommen, die begleitende Pressekonferenz findet großen Anklang. Die Moschee selbst ist in Räumen einer evangelischen Kirchengemeinde untergebracht, im Garten wachsen Rosenbüsche an einer Klinkerfassade. Wer zum Gebetsraum möchte, steigt einige Stufen in den dritten Stock hinauf, vorbei am Konfirmantenraum. Friedlich sind hier buchstäblich zwei Religionen unter einem Dach vereint.

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Gleichzeitig will Seyran Ateş keine Harmonie um jeden Preis. In ihrem Buch Selam, Frau Imamin geht sie hart mit den fundamentalistischen Strömungen ihrer Religion ins Gericht und stößt damit nicht immer auf Gegenliebe. Stellenweise bekommt sie wegen ihrem Engagement sogar Morddrohungen. Mit uns hat die 54-jährige Türkin über "Gender-Apartheid" im Feminismus und falsch verstandene Kopftücher gesprochen – und erklärt, warum sie sich wünscht, dass sich die muslimische Community von Terroranschlägen distanziert.

Broadly: Was bedeutet für Sie ein liberaler Islam?
Seyran Ateş: Liberal bedeutet sehr viel mehr auf das Leben im Diesseits zu gucken und sich nicht nur aufs Jenseits zu konzentrieren. Die Welt nicht nur in halal und haram einzuteilen und vor allem nicht in gute und schlechte Menschen, in Gläubige und Ungläubige. Uns ist wichtig, dass die Frauenfrage, die Geschlechtergerechtigkeit, thematisiert wird; dass eine Frau gleichwertig und gleichberechtigt ist in der Gesellschaft. Das heißt: Wir beten gemeinsam in einem Raum, Männer und Frauen sind nicht getrennt. Wir sind da sehr viel offener für die Pluralität des Islam.

Diese Frauen würden protestieren, wenn katholische oder evangelische Eltern auf die Idee kämen, ihre Töchter nur noch mit Hauben und langen Kleidern in die Schule zu schicken.

Deutschland hat sich mit der Islamkonferenz und dem Versuch, den Islam zu integrieren, zu sehr auf die konservativen Verbände konzentriert und die Moscheegemeinden meiner Meinung nach auch sehr unbehelligt gelassen. Weil man sich das bequem eingerichtet hat. "Sollen die sich mal kümmern und wir schauen da mal weg."

Auch wenn man das natürlich nicht generalisieren kann: Wie konservativ ist der Islam in Deutschland?
Man kann das nicht generalisieren, aber ich kann mich da eigentlich auf Männer, die in Moscheen gehen, berufen. Auf Flüchtlinge, die jetzt zu uns gekommen sind und teilweise sagen, dass in Syrien die Moscheen liberaler waren. Da wurde in Moscheen nur gebetet, hier wird Politik betrieben. Der Islam, der hier in den Moscheen mehrheitlich gelehrt wird, ist teilweise rückständiger ist als der in den Ländern selbst.


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Sie bezeichnen sich als Feministin. Meinen Sie, es macht einen Unterschied zu sagen: Ich bin muslimische Feministin?
Ich muss nicht "muslimisch" davor hängen. Ich bin Feministin, ich bin Seyran, ich bin Mutter, ich bin Anwältin, ich habe so viele Identitäten. Aber sobald ich in eine Moschee trete, bin ich Muslimin. Da bin ich wiederum nur vor Gott und da geht's mir nur um die Religion und die Nähe zu Gott. Die will ich aber gleichberechtigt mit anderen Männern. Weil ich mich da nur noch als Mensch fühle, muss ich da nicht auch Feministin sein.

Das klingt wie etwas, das ich schon von verschiedenen Feministinnen gehört habe, die auch Musliminnen sind. Gibt es da etwas, das Sie sich von anderen nicht-muslimischen Feministinnen wünschen? Dass man die Religion vielleicht nicht so voran stellt oder mehr zusammenarbeitet?
In der Mehrheitsgesellschaft gibt es ja auch unterschiedliche Feminismusverständnisse und Begrifflichkeiten. Ich sehe gerade bei den Gender-Fraktionen eine starke Unterstützung der Kopftuch- und auch der Burka-Fraktion. Eine Unterstützung eines rückwärtsgewandten Frauenbildes. Dass da Gender-Apartheid in der islamischen Community von Feministinnen, die nicht Muslime sind, unterstützt wird, ist ein sehr schwieriges Thema.

Das ärgert mich persönlich sehr, weil ich ganz genau weiß: Während diese Frauen gegen die klassischen Rollenzuschreibungen innerhalb ihrer eigenen Community kämpfen und da keine Tradition und Religion gelten lassen, solidarisieren sie sich für das Kopftuch. Das ist für mich kolonialistisches, orientalistisches Denken und eine sehr arrogante Herangehensweise. "Für uns in unserer Gesellschaft gelten die universellen Menschenrechte, aber die anderen haben eine andere Kultur und da sind ja Frauen, die das wollen, also unterstützen wir die." Mit ganz komischen Argumenten wird da verbogen und verdreht.

Ich weiß ganz genau, dass diese Frauen protestieren würden, wenn reihenweise katholische oder evangelische Eltern auf die Idee kämen, ihre Töchter nur noch mit Hauben und langen Kleidern in die Schule zu schicken. Da wird mit zweierlei Maß gemessen.

Das Wort "Gender-Apartheid" ist schon sehr stark. Können Sie noch mal erklären, was Sie damit meinen?
Klare klassische Geschlechtertrennung, wie sie in muslimischen Haushalten immer noch existiert. Wenn Männer und Frauen anwesend sind, gehen Männer in Männerräume und Frauen in Frauenräume. In den meisten Moscheen gibt es einen großen gemeinsamen Raum für die Männer und einen Nebenraum für die Frauen. Da, wo es nur einen Raum gibt, sitzen die Männer vorne und die Frauen hinten. Für mich ist das Gender-Apartheid in der Religion.

Eigentlich sollten die ganzen ach so toleranten westlichen Feministinnen ein Jahr lang im Iran, in Afghanistan oder Pakistan leben müssen.

In einem Interview mit einem österreichischen Medium sagten Sie: "Wenn sich Kopftuchträgerinnen so extrem schminken, wie ich es nie tun würde, dass der Mund wie eine Vagina aussieht, und die Kleidung enganliegend, (...) All das steht im Widerspruch für das, wofür das Kopftuch – wenn schon – steht." Ist es für Sie ein Widerspruch, das Kopftuch zu tragen und sich modern zu kleiden, zu schminken, Schmuck zu tragen?
Absolut. Es geht ja bei dem Kopftuch darum, dass man nicht auffällt fürs andere Geschlecht. Was die Frauen machen ist, dass sie das Kopftuch aufsetzen und dann alles andere extrem gestalten. Sie wollen auffallen für das andere Geschlecht. Das heißt, sie können nicht religiös begründen, warum sie es aufsetzen.

In Deutschland?
Überall auf der Welt. Es gibt Islamgelehrte, Imame, die nennen diese Frauen die "angezogenen, verhüllten Nackten". Sie benutzen ein religiöses Symbol, was es ja sein kann, aber geben diesem religiösen Symbol nicht das, wofür es steht. Sie nutzen es als Schmuck, unterstützen dadurch aber wiederum eine Bewegung der Verhüllung der Frauen.

In manchen Ländern ist es Pflicht, sich zu verhüllen. Ich frage mich gerade, inwiefern das für diese Frauen vielleicht eine Möglichkeit sein kann, dieses System zu umgehen.
Die Frauen, die Sie beschreiben – die extrem geschminkten, extrem gekleideten im Westen – kann man nicht mit dem vergleichen, was die iranischen Frauen aus Protest machen. Sie kämpfen ja für jedes Stück Haar, was sie zeigen können. Eigentlich sollten die ganzen ach so toleranten westlichen Feministinnen ein Jahr lang im Iran, in Afghanistan oder Pakistan leben müssen, bevor sie sich weiter zur Verhüllung der Frau im Islam äußern.

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Das ist auf jeden Fall eine sehr interessante und für viele auch provokante Forderung.
Klar, ich provoziere gerne. Ich fühle mich von diesen Feministinnen ja auch hintergangen. Nicht nur ich, sondern die gesamte islamische Welt, wo Frauen gegen diese Verhüllung kämpfen. Diese Frauen fühlen sich verraten von westlichen Frauen, die diese archaisch-patriarchalen Traditionen unterstützen.

Gibt es für Sie theoretisch oder auch praktisch eine Möglichkeit, in der eine Frau ein Kopftuch freiwillig tragen kann und emanzipiert ist?
Selbstverständlich. Und solche Frauen haben wir auch in unserer Gemeinde. Wenn eine Frau wirklich ihre Kindheit und ihre Jugend so frei und selbstbestimmt leben konnte und dann diese Entscheidung trifft, nehme ich ihr das ab. Aber wenn der soziale Druck von außen da ist, wenn es fremdbestimmt ist, Mann-bestimmt ist, aus Mann-Gefälligkeit passiert: Dagegen kämpfe ich. Wenn das Kopftuch so viel wichtiger ist als die fünf Säulen des Islam oder andere wichtige Rituale oder Regeln in der Religion, wenn Frauen nur dieses Kopftuch als feministisches Thema haben, das Recht auf Verhüllung – dann ist das für mich ein politisches Tuch, kein religiöses.

Auf ihrem Weg zur Imamin haben sie viel studiert und gelernt, auch im Ausland. Was würden Sie jungen Muslima raten, die auch Interesse daran haben, Ihren Weg zu verfolgen?
Es heißt "Musliminnen". Muslima ist die arabische Endung, so nennen das die Konservativen. Das ist ein Unterschied.

Oh, Verzeihung.
Muslimin, wie Christin und Jüdin. Nein, aber es ist interessant. Wörter sind Überträger von Inhalten.

Sprache schafft Realität.
Genau. Aber Frauen und Feministinnen wissen ja genau das. Ja, ich wünsche mir, dass sich viel mehr Musliminnen mit ihrer Religion beschäftigen, wenn sie sich gerade auch für Frauenthemen interessieren. Und das Feld nicht den Männern überlassen.

Der Mensch ist nicht nur dafür verantwortlich, was er tut, sondern auch dafür, was er nicht tut – deshalb müssen wir uns distanzieren.

Was entgegnen Sie Menschen, die fordern, dass sich Muslime von Anschlägen distanzieren müssen?
Seit dem 11. September 2001 gibt es überhaupt gar keine Diskussion darüber, finde ich. Ich distanziere mich und wir haben uns zu distanzieren. Wenn wir sagen, dass es eine schweigende Mehrheit gibt, die friedlich ist, dann will ich sie sehen. Wenn wir uns nicht sichtbar machen, dann dürfen wir uns nicht beschweren, dass Vorurteile existieren. Der Mensch ist nicht nur dafür verantwortlich, was er tut, sondern auch dafür, was er nicht tut – deshalb müssen wir uns distanzieren. Das mache ich nicht, weil man das von mir einfordert, weil ich mich anbiedern will. Sondern weil ich mir Sorgen um meine Religion mache.

Das ist ja durchaus eine kontroverse Meinung innerhalb Deutschlands.
Ja natürlich, aber schauen Sie sich doch an, wer sich dagegen wehrt. Wer wehrt sich dagegen, sich zu distanzieren? Die Verbände, die Konservativen.

Was meinen Sie, warum die das tun?
Das verstehe ich nicht. Das müssen Sie die Verbände fragen. Ich kann's nicht nachvollziehen. Ich hab auch keine Erklärung dafür.

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