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Wie es ist, Yogakurse in einem Frauengefängnis zu geben

Bram Williams erlebte auf diese Weise rührende und intensive Momente mit Straftäterinnen und lernte sie abseits von Aggressionsproblemen und harter Schale kennen.

Lucy Draper

Lucy Draper

All photos courtesy of Prison Phoenix Trust

Bram Williams hat es nur ein paar Mal erlebt, dass eine Gefangene seine Yogaklasse gestört hat. „Ich hatte ein Mädchen, die hat wirklich losgelegt. Sie war noch jünger und ziemlich aufbrausend. Ich glaube, ein Besuchstermin wurde abgesagt. Sie hat ziemlich viel geschimpft, aber am Ende der Klasse kam sie zu mir und sagte: ‚Es tut mir wirklich leid, so bin ich eigentlich gar nicht' und hat mir erklärt, warum sie so wütend war."

„Ich habe danach mit einer der Wärterinnen aus der Turnhalle gesprochen und die meinte: ‚Es ist ein absolutes Wunder, dass sie zu dir gegangen ist und das gesagt hat.' Das hat mir gezeigt, dass Meditation und Yoga wirklich einen positiven Einfluss haben."

Seit fast drei Jahren gibt der 43-jährige Londoner Williams Yogaklassen in Holloway, dem größten Frauengefängnis Großbritanniens. Gekommen ist er dazu durch sein Engagement bei der Wohltätigkeitsorganisation Prison Phoenix Trust (PPT), die Gefängnisinsassen die Zeit hinter Gittern etwas positiver gestalten möchte. Neben Yoga- und Meditationsklassen stellen sie kostenlose Materialien zur Verfügung, mit denen die Inhaftierten die Übungen auch alleine in ihren Zellen durchführen können.

Das Programm gibt es seit 1988. Heute veranstaltet die PPT 131 Klassen in 77 gesicherten Institutionen in ganz Großbritannien und Irland. Das schließt sowohl Krankenhäuser als auch Einwanderungszentren mit ein, der Großteil der Klassen findet jedoch in Gefängnissen statt. Während sich die Organisation zu 50 Prozent über Zuschüsse aus gemeinnützigen Stiftungen finanziert, kommt die andere Hälfte von privaten Spenden. Williams erstes Jahr in Holloway wurde von einem einzigen privaten Spender finanziert, der es allerdings zur Auflage machte, dass es auch Meditationsübungen gäbe. Erst nachdem die positiven Effekte, die der wöchentliche Yogaunterricht mit sich brachte, sichtbar wurden, hat sich Holloway dazu bereit erklärt, die Kosten ab dem zweiten Jahr zu übernehmen.

Eine der Yogaklassen, die von Prison Phoenix Trust organisiert werden.

Williams sagt, dass die Größe der Klasse von Woche zu Woche variiert—je nachdem, was den Frauen sonst noch angeboten wird. „Wenn es zu Personalmangel kommt und die anderen Kurse nicht stattfinden, kommen alle zu mir", erklärt er. „Es kann schon ziemlich einschüchternd sein, plötzlich 30 Leute vor sich stehen zu haben." Normalerweise besteht eine Klasse aus 10 bis 16 Frauen, da Holloway ein Gefängnis mit einer Jugendstrafanstalt ist, sind die Teilnehmer 16 Jahre alt oder älter. „Es kommen viele Jugendliche, viele junge Straftäter, aber wie gesagt, es kommen alle möglichen Leute", sagt Williams. „Ich muss nur sichergehen, dass die Klasse möglichst ausgewogen ist, damit es für die jüngeren, sportlicheren schwer genug ist, ich mich aber auch um diejenigen kümmere, die nicht so fit sind."

Ganz abgesehen von den Alters- und Leistungsunterschieden zwischen den Teilnehmern, haben doch alle Insassen eins gemeinsam: Sie sind motiviert. „In meinen anderen Klassen [außerhalb von Holloway] lachen sie immer, wenn ich sage, dass sie zuhause üben sollen und ich ihnen Hausaufgaben gebe", sagt Williams. „Aber im Gefängnis kommen sie in der nächsten Woche wieder und meinen: ‚Ich hab es versucht, aber es hat nicht funktioniert' oder ‚Ich hab versucht und es hat wirklich funktioniert. Ich habe total ruhig geschlafen'. Sie sind die meiste Zeit weggesperrt und wollen etwas zu tun haben."

Ich schätze, Yoga schafft eine Verbindung, eine Verbundenheit mit den Menschen, und da setze ich an.

Hier kommen die Materialien, die vom PPT zur Verfügung gestellt werden, zur Anwendung. Aufgrund von fehlenden Spenden kommt Williams nur für eineinhalb Stunden pro Woche zu den Frauen, sodass die Insassinnen den Rest der Zeit allein üben müssen. Mithilfe der Bücher und CDs, die von der Initiative ausgegeben werden, kann der Unterricht konsequent fortgesetzt werden und die Frauen können trotz des begrenzten Raums weiterhin für sich selbst lernen und üben.

Eine Studie von der Oxford University aus dem Jahr 2013 hat herausgefunden, dass Yoga positive psychologische Effekte auf Gefängnisinsassen hat. Unter anderem wird ihr Stresslevel reduziert, ihr mentales Wohlbefinden gesteigert und sogar Impulsivität kann dadurch beeinflusst werden. Aber Williams betont, dass es mehr ist als nur das: „Eine Geschichte, die ich immer wieder zu hören kriege—das, was alle sagen—ist: ‚Ich schlafe besser.' Das allein ist ja schon einmal sehr positiv. Andere haben mir erzählt, dass sie dadurch ein wenig mehr Respekt vor sich selbst bekommen haben und die Fähigkeit entwickelt haben, innezuhalten oder kurz durchzuatmen, bevor sie reagieren."

Bram Williams bei einem Lehrerforum der britischen Organisation Wheel of Yoga. Foto: Bram Williams

Ende letzten Jahres wurde die Schließung von Holloway bekannt gegeben. Das bedeutet auch für Williams Klassen das Ende, denn der Großteil der Insassen soll nach Surrey verlegt werden—was nicht mehr in Williams Einzugsbereich liegt. „Die Schließung kam wirklich ziemlich plötzlich ... Ich habe keine offizielle Mitteilung oder ähnliches bekommen. Ich hab das alles erst von den Leuten in meiner Klasse erfahren."

Er sagt, dass viele Frauen trotz der schlechten Verhältnisse im Gefängnis, nicht unbedingt umziehen wollen. „Viele der Insassinnen, die als Ordner in der Turnhalle arbeiten und mit denen ich oft spreche, sind ziemlich traurig darüber, weil ihre Familien jetzt viel weiter fahren müssen, um sie besuchen zu kommen. Eine von ihnen hat mir erzählt, dass sie zwei kleine Töchter hat, die dann immer bis raus nach Surrey fahren müssen, um sie zu sehen. Sie war irgendwie schon fast betrübt. Es wird schwierig werden."

Während PPT seine Arbeit in den Frauengefängnissen in ganz Großbritannien fortsetzen wird, hat Williams über seine Zukunft nachgedacht und sagt, dass es im Moment so aussieht, als würde er zukünftig in einem Gefängnis für Männer arbeiten. Sowohl für Williams als auch für die Frauen, die er unterrichtet, wird es ein trauriger Abschied werden. Vor allem, weil viele von ihnen schon seit Jahren an seinen Klassen teilnehmen.

„Ich schätze, Yoga schafft eine Verbindung, eine Verbundenheit mit den Menschen, und da setze ich an. Es ist schön, in die Klassen zu kommen und diese Frauen jede Woche persönlich zu treffen, ihnen in den Augen zu schauen und sich an ihre Namen zu erinnern", sagt er. „Ich führe ein kleines Notizbuch, in dem ich mir aufschreibe, wenn mir zum Beispiel jemand erzählt, dass er nächste Woche Besuch bekommt oder sich darauf freut, seine Kinder zu sehen, damit ich sie in der darauffolgenden Woche danach fragen kann. Dann sind sie meistens völlig baff, dass sich jemand daran erinnert und Interesse zeigt."

Bevor er auflegt, denkt Williams noch laut darüber nach, was es eigentlich bedeutet, in einem Gefängnis Yoga zu unterrichten: „Die Klassen geben ihnen einerseits die Möglichkeit Yoga und Achtsamkeit zu praktizieren, andererseits ist es aber auch eine Auszeit vom Gefängnis und eine Flucht aus der Routine. Eineinhalb Stunden lang fühlt es sich anders an, in ihrer Haut zu stecken und sie haben die Möglichkeit tief durchzuatmen und zu erkennen, wer sie sind."