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„Platonische“ Liebe in der Warteschleife: Warum wir uns Menschen warmhalten „Platonische“ Liebe in der Warteschleife: Warum wir uns Menschen warmhalten

Illustration: Grace Wilson

„Platonische“ Liebe in der Warteschleife: Warum wir uns Menschen warmhalten

Ob es nun daran liegt, dass wir schon einen Partner haben oder wir uns einfach momentan keine Beziehung vorstellen können—Back-up-Beziehungen finden größtenteils in unserem Kopf statt und dennoch kommen wir nicht umhin, uns immer wieder zu fragen: Was wäre wenn?

Alex* und ich haben uns bei der Halloween-Party einer Freundin kennengelernt. Nachdem wir feststellten, dass wir beide ziemlich große Magic the Gathering-Fans sind, hat er mich zu einem Spiel zu sich nach Hause eingeladen. Ich hatte eigentlich nicht unbedingt ein romantisches Interesse an ihm, trotzdem war ich geschminkt, als ich bei ihm vor der Tür stand.

In den darauffolgenden drei Jahren haben wir uns immer wieder getroffen, um Magic zu spielen, Kaffee zu trinken und (vielleicht sogar bewusst) detailliert über unser Sexleben zu sprechen. Wir haben uns zweimal ein Bett geteilt und dreimal „platonisch" gekuschelt.

Später haben wir uns dann auf Tinder gematcht. Er schrieb mir daraufhin eine Nachricht, in der stand: „Gefunden!" Ich habe nicht geantwortet.

Ich sah keine Chance für eine Beziehung mit ihm. Er schien mehr an oberflächlichen Affären interessiert zu sein und sagte öfter mal Dinge, die mir ziemlich unangenehm aufstießen. Doch in stillen, einsamen Momenten kamen mir die wildesten Gedanken. Ich spielte in meinem Kopf immer wieder durch, wie es wäre, wenn ganz klischeehaft „aus Freundschaft Liebe" würde.

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Als ich mit meinem Freund zusammenkam, war Alex einer der ersten, der ihn kennenlernte. An sich war ich glücklich mit ihm und auch Alex fand ihn gut (und nannte ihn sogar „süß"). Trotzdem: Immer wenn ich Zweifel an meiner Beziehung hatte und mich gefragt habe, was passieren würde, wenn mein Freund und ich Schluss machen würden, war Alex einer der Ersten, der mir in den Kopf kam.

Ich hielt mir Alex nicht warm—sprich, er saß nicht auf meiner Ersatzbank, bereit einzuspringen, wenn meine Beziehung erster Wahl nicht funktionieren würde. Es war vielmehr so, dass wir uns gegenseitig in die Warteschleife gesetzt hatten: Wir hatten eine einvernehmliche, stumme Übereinkunft getroffen, dass eine Beziehung unter den gegebenen Umständen momentan nicht funktionieren würde. Falls sich die Umstände allerdings ändern würden, wer weiß?

Wenn wir uns Freunde, Bekannte oder Sexbeziehungen warmhalten, muss das nicht immer heißen, dass wir ihnen etwas vormachen. Es heißt nur, dass wir uns vorstellen können, dass sich daraus eine Beziehung entwickeln könnte, wir dem Ganzen momentan aber einfach nicht nachgehen können oder wollen—ob es nun unsere Prioritäten sind, die uns dabei im Weg stehen, ein anderer Partner, unüberbrückbare Differenzen, von denen wir glauben, dass sie eines Tages aus dem Weg geräumt sind, oder einfach nur schlechtes Timing.

Menschen in Backup-Beziehungen „haben echte Gefühle füreinander, verstehen aber auch, dass die Beziehung—in ihren Augen—mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt wäre", erklärt die Ehe- und Familientherapeutin Allen Wagner.

Als Sabrina ihren Backup-Partner auf OKCupid kennengelernt hat, hatte sie gerade eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Weil sie damals gerade beide mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten, befand sich keiner von ihnen in der Verfassung, sich ernsthaft auf eine Beziehung einzulassen. Sie kamen sich aber trotzdem näher. „Es fiel uns einfach leicht, uns voreinander zu öffnen, weil wir in einer ähnlich schwierigen Situation steckten", sagt sie.

Foto: femme run | Flickr | CC BY-ND 2.0

Alice* war mehr als einmal in ihren Backup-Partner verknallt, hat es aber für sich behalten, weil sie Angst hatte, dass es ihre Freundschaft zerstören könnte. „Wenn ich total verknallt ihn ihn war, hatte ich oft Tagträume, in denen ich mir vorgestellt habe, wie es wäre, wenn wir zusammen sind und ich dachte auch ernsthaft, dass wir irgendwann in ferner Zukunft zusammen kommen würden. Damals kam mir das aber alles noch viel zu beängstigend vor und hätte in meinen Augen alles nur noch komplizierter gemacht", sagt sie.

Der Wohnort spielt bei Backup-Beziehung auch häufig eine wichtige Rolle. Abe hat mir erzählt, dass er sich mit einigen seiner Ex-Partner auf eine Backup-Beziehung eingelassen hat, weil einer von ihnen umgezogen ist und sie gehofft haben, dass sie ihre Romanze wieder aufleben lassen könnten, sobald sie wieder vereint sind. Das hat bisher allerdings noch nie funktioniert.

Matt Hunter, Gründer des Beziehungscoachings cambyo, hat schon viele solche Leute getroffen, die nicht wussten, in welcher Stadt sie sich später niederlassen wollten und sich daher alle Optionen offen halten wollten. Er hat selbst auch mal jemanden in die Warteschleife gesetzt, weil er gehofft hat, dass sie am Ende beide wieder am selben Ort landen würden und sich nur noch mehr zueinander hingezogen fühlen würden.

Es ist schön zu wissen, dass es jemanden gibt, der dir sagt, dass du einen hübschen Hintern hast.

Ein anderer Mann, Michael, schreibt oft mit seinem „nicht festen Freund", der vier Stunden von ihm entfernt lebt. Er ist auch schon ein paar mal mit ihm ausgegangen, bevor er umgezogen ist. Michael zweifelt zwar daran, dass die Beziehung wirklich funktionieren könnte, kann die Hoffnung, dass es vielleicht doch klappen könnte, aber auch nicht aufgeben. Außerdem, sagt er, „ist es schön zu wissen, dass es jemanden gibt, der dir sagt, dass du einen hübschen Hintern hast, wenn man sich langweilt oder sich unattraktiv fühlt."

Die klinische Psychologin Wyatt Fisher vermutet, dass der Wunsch nach Anerkennung einer der Hauptgründe dafür ist, dass man sich einen anderen Menschen warmhält. Allein die Erinnerung daran, dass uns jemand attraktiv genug findet um mit uns auszugehen, ist ein ziemlicher Egoboost—selbst wenn der andere nichts in dieser Richtung unternimmt. Dadurch hat der Backup-Partner eine ähnliche Funktion wie Freunde mit gewissen Vorzügen. Statt Sex bekommt man von ihnen die Bestätigung, die man sonst nur in einer Beziehung bekommt—und vielleicht auch die Sicherheit, dass du nicht für immer allein bleiben wirst.

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Fisher glaubt, dass es aber auch Menschen gibt, die „chronische Backup-Beziehungen" führen, weil sie die Vorzüge genießen wollen, ohne weitere Verpflichtungen einzugehen. Michael gibt zu, dass er einer von diesen Menschen ist.

„Ich gebe jedem Mann die gleiche Chance mich aus den Socken zu hauen und ein Teil meines Lebens zu werden, aber ich jage niemandem nach oder versuche, eine Beziehung um jeden Preis voranzubringen", erklärt er. „Sobald sie mir die Gelegenheit dazu geben, vergesse ich sie auch schnell wieder—bis ich mich einsam fühle. Dann gehe ich durch meine Nachrichten und fange wieder an, ein paar von ihnen zu schreiben."

Manche Menschen, die Angst vor Verpflichtungen haben, setzen andere auch gerne mal in eine Endloswarteschleife. Sie wollen auf den Moment warten, in dem sie sich endlich „bereit" fühlen, aber der kommt einfach nicht—oder erst viel zu spät. „Manche Menschen ruhen sich zu lange auf ihren Backup-Beziehungen aus und wenn der Tag kommt, an dem sie sich bereit fühlen, der Beziehung eine Chance zu geben, ist die andere Person längst an einem anderen Punkt in ihrem Leben", sagt Wagner.

Außerdem, sagt er, machen viele Menschen den Fehler, dass sie sich andere Leute warmhalten, weil sie sich zwar mit ihnen verbunden fühlen, sie aber nicht alle Punkte auf der Checkliste erfüllen. Unser „unbezwingbare Optimismus", der dazu führt, dass wir immer weiter nach jemandem Ausschau halten, der noch besser zu uns passen könnte, kann auch dazu führen, das uns die Optionen ausgehen.

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Backup-Beziehungen können es aber auch bis über die Zielgerade schaffen. Clarissa Silva, Autorin des Beziehungsblogs YOU'RE JUST A DUMBASS, hat mal einen Freund auf die Ersatzbank verbannt, weil sie in New York wohnte und er in Alambama, also ungefähr 1.600 Kilometer voneinander entfernt. Sie blieben aber trotzdem in Kontakt—rein freundschaftlich—, bis ihr irgendwann klar wurde, dass sie ihn sehr viel lieber mochte, als die Männer in ihrer Stadt. Sie holte ihn von der Ersatzbank, er ist zu ihr gezogen und mit einem Mal waren sie verlobt. Sie gibt aber zu, dass sie ihrer Checkliste auch beinahe in die Falle gegangen wäre, denn bevor sie sich auf eine Beziehung mit ihm einlassen konnte, musste sie erst sehen, welche Optionen es sonst noch so gab.

Eine Backup-Beziehung kann durchaus gesund sein, solange sie dich nicht dauerhaft davon abhält, jemanden kennenzulernen und dir bewusst ist, dass das Ganze nicht unbedingt ein Happy End hat, sagt Wagner. Klar: Warum sollte sich etwas, dass sich jetzt noch nicht richtig anfühlt, nicht doch irgendwann richtig anfühlen? Da wir uns ständig verändern, genau wie unsere Bedürfnisse, verändert sich aber natürlich auch unser Verhältnis zu anderen. „Was in einer Phase unsere Lebens nicht passend schien, kann in einer anderen Phase unseres Lebens schon wieder ganz anders aussehen", sagt Wagner.

Das ging auch Sabrina so, die ihren Backup-Partner vom Haken gelassen und nach nur zehn Monaten Funkstille auf Bumble wiedergetroffen hat. Heute sind sie in einer festen Beziehung. „Diese Mal ist es allerdings anders, weil wir sehr viel mehr über uns wissen. Er war ganz ehrlich und meinte, dass er es leid ist, umzuziehen und allein zu sein", sagt sie. „Ich halte ihn mir definitiv nicht mehr nur warm."

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