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Warum viele Vergewaltiger nicht wahrhaben wollen, dass sie Vergewaltiger sind

Wir haben Experten gefragt, warum es so viele Missbrauchsfälle gibt, bei denen Vergewaltiger ihre Taten leugnen und beteuern, dass alles, was sie getan haben, einvernehmlich war—ganz egal, ob das Opfer bei Bewusstsein war oder nicht.

Polina Bachlakova

In der vergangenen Woche hat das Urteil über einen Vergewaltigungsfall in den USA für Empörung gesorgt. Brock Turner, ein ehemaliger Student an der Elite-Uni Stanford und Mitglied des Schwimmteams der Universität, wurde zu lediglich sechs Monaten Haft verurteilt, weil er eine bewusstlose Frau hinter einem Müllcontainer auf dem Campus sexuell missbraucht hatte. Besonders verstörend war unter anderem auch, dass er in seiner Aussage vor Gericht zwar erklärte, dass er der „Alleinverantwortliche für die Ereignisse dieser Nacht" sei und zugab, dass er seinem Opfer „emotionales und körperliches Leid" zugefügt hätte, die Worte „sexueller Missbrauch" seinerseits aber nie fielen.

Stattdessen schob er die Schuld auf die vermeintliche Kultur des „Komasaufens und sexueller Promiskuität" und beschrieb das, was in dieser Nacht passiert war, lediglich als eine Art Konsequenz seines eigenen exzessiven Alkoholkonsums. „Ich hatte nicht die Absicht, jemanden zu missbrauchen. Ich hatte nicht die Absicht, jemandem wehzutun. Ich hatte nicht die Absicht, jemanden auszunutzen", sagt er.

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Für Dr. Svend Aage Madsen, Vizepräsident des European Men's Health Forum und Leiter des Zentrums für Opfer von sexuellem Missbrauch des Rigshospitalet in Kopenhagen, ist dies ein klassischer Fall von Selbstverleumdung. „Eine solche Reaktion kann man sehr häufig bei Sexualstraftätern beobachten", erklärt Dr. Madsen. „Wenn man sich die Gerichtsverfahren genauer ansieht, dann stellt man fest, dass es nur sehr wenige Fälle gibt, in denen sich Sexualstraftäter zu ihrer Tat bekennen. Stattdessen hört man immer wieder den Satz: ‚Ich dachte, sie wollte es auch.'"

Dr. Madsen sieht darin zum Teil auch den Versuch des Täters, sich selbst das eigene Verhalten zu erklären. „Er möchte ein guter Mensch sein und er hält sich selbst auch für einen guten Menschen, deswegen kann er sich das eigentliche Problem nicht eingestehen: dass er ein Sexualdelikt begangen hat", erklärt er.

Es gibt viele gut dokumentierte Fälle, bei denen deutlich wird, wie Sexualstraftäter ihre Taten leugnen. Das kann zum Teil auch dazu führen, dass die Aussagen der Opfer angezweifelt werden—wie der Fall von Gina-Lisa Lohfink gezeigt hat, die sich nun sogar gegen den Vorwurf wehren muss, zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt zu haben. Zudem wird, laut einer 2004 veröffentlichten Studie der Universität von Südflorida, auch der Umgang mit den Tätern durch „das Leugnen ... wesentlich erschwert". Einige führende Wissenschaftler auf diesem Gebiet, wie Jon A. Shaw, haben sich eingehend mit der Frage beschäftigt, wie die Täter versuchen, sowohl sich selbst als auch ihre Opfer davon zu überzeugen, dass ihre Handlungen einvernehmlich waren. Ein solcher Fall sorgt gerade auch in Dänemark für Aufsehen: Dort wurden vor Kurzem drei Männer freigesprochen, nachdem sie eine Frau auf einer Party sexuell missbraucht haben. Sie selbst beteuerten felsenfest, dass das Ganze einvernehmlich geschehen sei.

Ein Satz, den man immer wieder hört, ist: ‚Ich dachte, sie wollte es auch.'

„Es fällt den Leuten sehr schwer, diese Grenze in ihrem Kopf zu überschreiten und sich ihr Verhalten selbst einzugestehen—insbesondere, wenn das Opfer und der Täter keinen Kontakt haben", erklärt Madsen. Damit Vergewaltiger diese mentale Barriere überwinden, bietet das Zentrum für Opfer von sexuellem Missbrauch des Rigshospitalet Mediationsangebote an. Dabei stellt das Zentrum Opfer und Täter in weniger schwerwiegenden Fällen von sexuellem Missbrauch einander gegenüber und ermutigt die Beteiligten dazu, über das Geschehene zu sprechen. „Es ist faszinierend zu beobachten, dass vielen Tätern erst bei dieser Begegnung klar wird, was sie getan haben", merkt Madsen an. „Wenn sie direkt mit den Gefühlen des Opfers konfrontiert werden ... ist das ein effektiver Weg, um das Verständnis des Vergewaltigers zu fördern."

Wenn man bedenkt, dass 80 Prozent der Sexualstraftäter ihre Opfer kennen, wirkt es äußerst plausibel, dass der Täter durch direkten Kontakt Schuldbewusstsein und Mitgefühl gegenüber dem Opfer entwickelt, was er oder sie andernfalls nicht getan hätte. Dr. Marie Bruvik Heinskou, Assistenzprofessorin für Soziologie an der Universität von Kopenhagen, meint jedoch, dass es noch einen weiteren Grund dafür gibt, dass Sexualstraftäter leugnen, was sie getan haben.

„Scham hat einen maßgebenden Einfluss auf unsere Erinnerungen und Gefühle, der sehr viel stärker ist, als man erwarten würde", erklärt sie und merkt an, dass dieses Gefühl bei sexuellem Missbrauch vielschichtig ist. „Zum einen ist es extrem beschämend, ein Sexualstraftäter zu sein, zum anderen ist Sexualität allgemein mit Scham behaftet."

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Studien haben gezeigt, dass die Emotionen, die wir mit gewissen Ereignissen in Verbindung bringen, unsere Erinnerungen verstärken, verformen oder verändern können und Dr. Heinskous Ansicht nach, könnte Scham ein so starker Katalysator für unsere Emotionen sein, dass das Geschehene in den Köpfen der Täter verformt wird. „Wenn man bedenkt, zu welchen Problemen Scham bei vielen Menschen führen kann—egal ob Aggressionen, Depressionen oder psychische Krankheiten—, dann wird deutlich, welchen Einfluss dieses Gefühl haben kann", sagt sie.

Turners Selbstverleumdung mag ein klassisches Beispiel dafür sein, dass Täter versuchen, sich ihr eigenes Verhalten rational zu erklären. Vielleicht ist es aber auch nur das Resultat der Arbeit seiner Anwälte, die seine Aussage so gestaltet haben, dass er die geringstmögliche Strafe erhält. Doch dass er nicht in der Lage ist, sich selbst einzugestehen, dass das, was er getan hat, sexueller Missbrauch ist, eint ihn mit vielen anderen Sexualstraftätern—und das ist eigentlich das Beschämendste an der ganzen Sache.