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Interview

'The Handmaid's Tale' ist nicht die einzige feministische Serie des Jahres

'Alias Grace' erzählt die Geschichte einer vermeintlichen Mörderin. Wir haben mit Hauptdarstellerin Sarah Gadon über vielschichtige Frauenfiguren und die Auswirkungen des Weinstein-Skandals gesprochen.

Kristen Yoonsoo Kim

Foto mit freundlicher Genehmigung von Netflix

Grace Marks ist eine Mörderin, so viel steht fest. Oder? Es wird viel spekuliert in Alias Grace, der neuen Netflix-Serie nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Atwood. Die Serie erzählt die Geschichte eines irisch-kanadisches Hausmädchen im 19. Jahrhundert, das tatsächlich gelebt hat. Die kanadische Schauspielerin Sarah Gardon – bekannt durch Rollen in Cronenberg-Filmen wie Eine dunkle Begierde, Cosmopolis und Maps to the Stars – spielt Grace, und das tut sie mit einer derartig perfiden Mehrdeutigkeit, dass man unmöglich wissen kann, ob sie ihren Arbeitgeber Thomas Kinnear (Paul Gross) und seine Liebhaberin wirklich getötet hat.

In einem Jahr, in dem sich Atwoods andere Serienadaption, The Handmaid's Tale, als erschreckend relevant entpuppte, kommt mit Alias Grace nun eine andere Frauenfigur, die ihr ganzes Leben lang vom Patriarchat unterdrückt wurde. Eine Geschichte, die durch Regisseurin Mary Harron ( American Psycho) und Autorin Sarah Polley ( Take This Waltz) ebenfalls von zwei Frauen erzählt wird. Wir haben Hauptdarstellerin Sarah Gadon getroffen und sie gefragt, wie es sich an einem Set voller Frauen arbeitet und wie man in der Filmindustrie überlebt.

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Broadly: Deine Figur ist sehr geheimnisvoll und man weiß eigentlich gar nicht, wer sie wirklich ist. Wie bist du an die Rolle herangegangen?
Sarah Gadon: Es war definitiv eine Traumrolle. Ich wollte sie unbedingt und war hinter ihr her. Ein paar Tage bevor ich zum Casting eingeladen war, habe ich noch mal in dem Buch geblättert. Eigentlich wollte ich nur ein paar Seiten lesen, aber dann konnte ich es nicht mehr weglegen. Grace hat mich vollkommen in ihren Bann gezogen. Ihre Geschichte ist so faszinierend und die Art, wie Margaret Atwood sie erzählt, ist unglaublich. Als ich das Skript las, sagte Sarah Polley zu mir: "Ich habe das gelesen, als ich 17 war, und versucht, mir die Rechte daran zu reservieren, aber Margaret hat mich nicht gelassen. Ich bin da seit Jahrzehnten hinterher und alles, was ich je getan habe, ist in irgendeiner Weise davon beeinflusst." Ich wusste also, wie viel es ihr bedeutet, und verstand auch warum.

Als ich die Rolle schließlich bekam, habe ich mich unglaublich gefreut. Gleichzeitig war ich aber etwas mit der Aufgabe überfordert, diese Figur zu verstehen. Ich war geradezu von Grace besessen und wollte sie unbedingt "knacken". Als ich dann mit Margaret über alles sprach, hat sie mich daran erinnert, was für eine Kraft in der Mehrdeutigkeit der Geschichte liegt und warum diese Ambiguität in Bezug auf Erinnerungen so wichtig ist. Dadurch habe ich verstanden, dass ich nicht eine bestimmte Version von ihr spielen muss – ich war frei, einfach alle Versionen spielen zu können.

Meinst du es fühlt sich noch mächtiger an, wenn man einfach unbefangen an den Stoff herangeht?
Ich glaube, dass es beim Lesen, und hoffentlich auch beim Gucken der Serie, weniger um das Endergebnis geht – ob sie schuldig ist oder nicht –, sondern vielmehr um die Reise, auf die du dich begibst, um Grace zu verstehen. Das habe ich an dem Roman geliebt und war es, was mich so in seinen Bann gezogen hat. Letztlich habe ich genau das mit der Serie zu erreichen versucht.


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Diese Geschichte ist natürlich immer aktuell, aber angesichts des Weinstein-Skandals erscheint sie relevanter denn je.
Das hat natürlich dazu geführt, dass ich über meine eigenen Erfahrungen als Schauspielerin nachgedacht habe : Welche waren negativ und warum, welche waren positiv und warum? Dazu gehört auch, jeden Morgen zu den aktuellen Nachrichten aufzuwachen. Da gibt es Momente, in denen ich definitiv eine gewisse Hoffnungslosigkeit verspüre – insbesondere für die Filmindustrie und diejenigen, die sie kontrollieren. Wenn ich über unsere Serie nachdenke, bin ich so stolz darauf, eben weil sie das Produkt dieser intelligenten, starken, artikulierten und kunstschaffenden Frauen ist. Und obwohl unsere Serie im gleichen Jahr erscheint wie The Handmaid's Tale, sind die Reaktionen darauf nicht etwa: "Oh nein, es reicht jetzt. Wir hatten genug Frauenperspektiven für das Jahr." Es scheint vielmehr, als würde es einen richtigen Appetit auf so was gegeben.

Du hast wahrscheinlich Sarah Polleys Artikel in der New York Times über ihr furchtbares Arbeitserlebnis mit Harvey Weinstein gelesen?
Ja. Zuerst war ich wirklich sauer. Sarah ist eine tolle Schauspielerin und hat sich wegen Menschen wie Harvey aus dem Geschäft zurückgezogen und so was macht mich wirklich wütend. Es macht mich wütend, wenn ich darüber nachdenke, was uns alles deswegen von ihr entgangen ist. Aber dann schaust du dir die Richtung an, die sie eingeschlagen hat und wie sie ihre Energien gebündelt hat. Sie berührt Menschen mit ihren Filmen und Werken.

Ich habe gehört, dass du extra für den Film in ein historisches Reenactment-Camp gegangen bist. Bist du vorher schon mal ähnlich tief in eine Rolle eingestiegen und was war das für eine Erfahrung?
Für andere Rollen hab ich schon mal so was wie Benimm- oder Klavierunterricht gehabt. Ich war vorher aber noch nie in einem Reenactment-Camp. Für die Rolle von Grace musste ich mich ganz anders vorbereiten, das hat mich wirklich mit Haut und Haaren verschlungen. Es hätte nicht gereicht, sich einfach nur aus der Distanz heraus zu fragen, wie es wohl als Frau oder Einwanderin in den 1840ern war.

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Weil Margaret in ihrem Buch so detailliert über die Aufgaben schreibt, die Frauen als Hausangestellte im viktorianischen Zeitalter hatten, war es für Mary wirklich wichtig, dass ich lerne, wie man alles macht und vor allem auch richtig vor der Kamera darstellt. Also habe ich eine Woche dort verbracht und gelernt, wie die ganzen Hausarbeiten damals abliefen.

Wie ist es für dich, eine Protagonistin zu spielen, die nicht eindeutig eine Heldin ist? Man möchte sie eigentlich anfeuern, kann es aber irgendwie nicht.
Für mich als Schauspielerin ist das extrem aufregend. Ich muss nicht irgendwelchen Klischees dieser Frau entsprechen und muss sie nicht aus einer bestimmten Perspektive heraus spielen. Und ich liebe so etwas einfach – auch als Zuschauerin. Es war wirklich spannend, nicht einfach nur eine Heldin, Verführerin oder anderweitig eindimensionale Figur zu spielen.

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