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Ein männliches Vergewaltigungs-Opfer über Trauma und die Angst, schwach zu wirken

"Mir kam gar nicht in den Sinn, dass Männer vergewaltigt werden können. Man hört immer nur von Frauen."

Sirin Kale

Sirin Kale

Foto mit freundlicher Genehmigung von Channel 5

Die überwältigende Mehrheit aller Opfer sexualisierter Gewalt ist weiblich, die überwältigende Mehrheit der Täter? Männer. Laut Bundeskriminalamt ist nur bei etwa sieben Prozent aller 2016 erfassten Sexualstraftaten das Opfer männlich. Das bestimmt, wie wir über das Thema denken und sprechen. Laut der amerikanischen Opferhilfe-Organisation RAINN können Männer sich unter Umständen noch stärker schämen als Frauen, wenn sie einen derartigen Übergriff durchmachen mussten. Der starke, dominante Mann auf der einen Seite, der gewaltsam Unterworfene auf der anderen – das Geschlechterklischee zu Männlichkeit hält einen solchen Widerspruch kaum aus.

Auch Sam Thompson aus der englischen Grafschaft Nottinghamshire dachte immer, dass sexualisierte Gewalt nur Frauen passiert. Bis der DJ 2016 von zwei Männern vergewaltigt wurde. "Mir kam gar nicht in den Sinn, dass Männer vergewaltigt werden können. Man hört immer nur von Frauen", erzählt er. "Als Mann macht man sich eher Sorgen, dass man seine Schlüssel oder sein Portmonee verlieren könnte."

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Thompson war im September 2016 mit einem Freund in Manchester feiern. Nach ein paar Bar- und Clubbesuchen verlor er allerdings nicht nur sein Handy, sondern auch seinen Freund. Also schloss er sich einer anderen Gruppe an. "Wenn man ein bisschen getrunken hat, unterhält man sich ja ganz gern mal mit Fremden", sagt Thompson. "Ein paar Typen luden mich ein, mit ihrer Gruppe was zu trinken, und wir landeten in einem Hotelzimmer. Wir waren recht viele."

Irgendwann verließ der Großteil der Gruppe das Zimmer, nur zwei Männer blieben mit dem 26-Jährigen zurück. "Ich habe mich kein bisschen bedroht gefühlt", erinnert er sich, "also blieb ich noch für einen Drink. Ab da verschwimmt meine Erinnerung. Wie wenn man einen Albtraum hatte und danach versucht, sich an die Details zu erinnern."

Beide Männer vergewaltigten Thompson, doch er erinnert sich nur noch schemen- und bruchstückhaft an die Tat. So geht es sehr vielen Überlebenden sexualisierter Gewalt. "Ich erinnere mich noch an Momente, aber nicht die ganze Sache am Stück. Ich weiß noch, dass sie mich irgendwie positioniert haben. Ich erinnere mich an den Schmerz der Penetration, und daran, dass sie sich abgewechselt haben. Ich stand unter Schock und konzentrierte mich einfach auf alles, nur nicht das."

"Heute kann ich das Wort 'Vergewaltigung' verwenden, aber es ist immer noch schwer, es auszusprechen".

Anschließend stand Thompson unter Schock und irrte geistesabwesend durch die Straßen von Manchester. Irgendwann betrat er einen Laden und kaufte sich einen Drink. "Es klingt bizarr, aber es ging mir erst alles richtig auf, als ich bei der Brücke in der Nähe meiner Wohnung ankam. Als mir bewusst wurde, dass ich meine Freundin und unseren Kumpel gleich sehen würde, realisierte ich erst, was mir passiert war. Ich wollte einfach nur sterben."

Als Thompson auf der Brücke stand, dachte er kurz darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Doch er schaffte es, den Drang zu bekämpfen. Stattdessen ging er nach Hause und erzählte seiner Freundin von der Vergewaltigung. Eine Entscheidung, die er heute als eine der wichtigsten seines Lebens ansieht. "Ich kam zur Tür rein und brach in Tränen aus. Es sprudelte einfach aus mir raus. Ich glaube, wenn ich heimgekommen wäre und niemand wäre zu Hause gewesen, dann hätte ich es komplett für mich behalten."


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Forscher schätzen, dass Männer mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit sexuelle Übergriffe melden als Frauen. Wie eine Studie von 1999 feststellte, liegt das daran, dass es ihr männliches Selbstbild stört. Andere Forscher sehen den Hauptgrund für das Schweigen der Männer in der Angst, als homosexuell zu gelten. Zwei Gründe, die eng zusammenhängen.

"Heute kann ich das Wort 'Vergewaltigung' verwenden, aber es ist immer noch schwer, es auszusprechen", erklärt Thompson. "Du fragst dich, ob dir andere überhaupt glauben werden. Du fühlst dich schmutzig und schämst dich und willst einfach nur duschen. Da sind so viele Emotionen im Spiel – da kann man sich kaum vorstellen, das Telefon in die Hand zu nehmen und zu erklären, was einem passiert ist."

Als der Brite seine Vergewaltigung bei der Polizei anzeigte, stieß er auf ähnliche Hürden wie viele Frauen: mangelnde Sensibilität seitens der Beamten und das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden. "Die Polizei war es nicht gewohnt, mit männlichen Vergewaltigungsopfern umzugehen. Sie haben mir Fragen gestellt, die mich ernsthaft daran zweifeln ließen, dass sie mir glauben und überhaupt etwas unternehmen würden."

"Wenn ich meine Gedanken teile, dann fühlen sich andere Männer, die dasselbe durchgemacht haben, vielleicht nicht so allein."

Die Männer, die Thompson vergewaltigten, wurden nie verurteilt. Im Oktober 2016 teilte die Polizei ihm mit, dass sie die zwei mutmaßlichen Täter aus Mangel an Beweisen nicht anzeigen könnten. Der 26-Jährige fiel aus allen Wolken. "Ich hatte wirklich angefangen zu glauben, dass man etwas unternehmen würde. Ich war so enttäuscht. Ich hatte es gleich angezeigt, ich hatte ihnen forensische Beweise gegeben, und diese Erklärung kam so spät."

Selten überwinden Vergewaltigungsüberlebende das Stigma, mit dem Opfer belegt sind, und äußern sich öffentlich. Doch Thompson empfand es als eine Pflicht, seine Geschichte mit Angehörigen, Freunden und der breiten Öffentlichkeit zu teilen. "Ich wollte eine negative Erfahrung in eine positive verwandeln", erklärt er. "Anfangs habe ich mich typisch maskulin verhalten – mich geweigert, in Therapie zu gehen oder Medikamente zu nehmen. Wie man eben meint, dass ein echter Mann sich zu verhalten hat."

Erst als er in der Therapie daran arbeitete, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken, überwand er diese Blockade. "Ich dachte mir: Wenn ich meine Gedanken teile, dann fühlen sich andere Männer, die dasselbe durchgemacht haben, vielleicht nicht so allein."

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Heute will er schädliche Geschlechterrollen aufbrechen, indem er deutlich macht, dass sexualisierte Gewalt jeden Menschen treffen kann. "Männlichkeit hieß für mich immer, stark und mutig zu sein. Männer montieren Regale, Männer fühlen sich nie verletzt, Männer weinen nicht, sondern machen einfach weiter. Dabei ist das eine völlig lächerliche und veraltete Denkweise. Um ein guter Mann zu sein, muss man einfach nur ein guter Mensch sein."

Thompson hält inne, dann folgt ein weiterer Wortschwall. Er hat seine Stimme gefunden und will, dass auch andere verstehen: Wenn ihnen jemand Schaden zufügt, haben Männer das Recht darauf, Gefühle und ihren Schmerz zeigen. "Dass mir das passiert ist, macht mich nicht zu einem minderwertigen Mann", erklärt er abschließend. "Ich hoffe, anderen Männern wird das auch klar."

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