Alle Fotos: Rion Harmon

Als erwachsene Frau Skateboard fahren zu lernen, ist verdammt erniedrigend

Mein Experiment hat mich vor allem eines gelehrt: Wir sollten alle viel mehr Angst vor Teenagern haben.

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29 Juni 2017, 9:28am

Alle Fotos: Rion Harmon

Es ist nie einfach, etwas Neues zu lernen. Als ich vor zwei Jahren einen Malkurs angefangen habe, endete das ganze damit, dass ich vor versammelter Mannschaft in Tränen ausbrach und alles hinschmiss. Es gibt wohl nichts Schlimmeres als zu merken, dass man etwas nicht kann. Gleichzeitig ist dieses Gefühl aber immer auch ein grundlegender Bestandteil davon, etwas zum ersten Mal zu machen. Vielleicht habe ich deswegen auch keine Hobbies. Die Wahrscheinlichkeit, an irgendetwas zu scheitern, wäre einfach zu groß.

Vor einem Monat hatte ich dann eine Vision: mich, wie ich auf einem Skateboard und mit einem coolen Hut durch die Straßen gleite. Mir war augenblicklich klar, dass ich zu dem Mensch vor meinem geistigen Auge werden musste. Cool, souverän – eine echte Skaterin eben. Alles was ich brauchte, waren eine Gang, ein Skateboard, einen Hut ... und der Rest würde sich schon irgendwie ergeben.

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Schritt 1: Stell dir eine Crew zusammen

Skateboarden scheint eine dieser Beschäftigung zu sein, die man sich aussucht, wenn man am Leben zweifelt. Der Vorteil: Man braucht dazu nicht viel. "Es gibt keinen Trainer. Keine Regeln. Keine Grenzen. Keine Eltern", formuliert es Dan Meyer. Er arbeitet bei VICE und ist erfahrener Skater. (Wovon es bei uns im Büro ausgesprochen viele zu geben scheint.)

Eine Regel scheint es dann aber doch zu geben: Wer über 14 Jahre alt ist und zum ersten Mal auf einem Skateboard steht, wird sich blamieren.


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Glücklicherweise haben mein erwachsener Freund Rion und mein ebenso erwachsener Mitbewohner Spencer beschlossen, mich auf meiner transformativen Reise zu begleiten. Damit hatte ich zumindest schon mal eine Crew, die mich vor der Unannehmlichkeit bewahren würde, mich allein durch eine Horde von Teeangern – denn Teeanger sind immer in Gruppen unterwegs – zu navigieren, die zu allem Überfluss auch noch alle besser Skateboard fahren können als ich.

Schritt 2: Finde das passende Skateboard

Rion, Spencer und ich machen uns gemeinsam auf den Weg, um uns ein Skateboard zu kaufen. Aus Sicht eines Erwachsenen, der gerade eine ausgewachsene Quarterlife-Crisis durchmacht, wirkt das Innere eines Skateshops extrem einschüchternd: Man ist umgeben von jungen Menschen, die sich selbstbewusst ihre Boards aussuchen und tiefenentspannten Verkäufern (natürlich alles Männer) in Crewneck-Sweatshirts, die in aller Ruhe darauf warten, dass man sie anspricht. Das Problem: Man möchte sie nicht ansprechen. Es scheint nämlich unvermeidbar, dass man sich dabei auf irgendeine Art und Weise blamiert.

Nachdem wir 15 Minuten lang auf eine Auswahl von standardmäßigen Skateboard-Decks mit ziemlich verwirrenden Größenangaben gestarrt haben, die sich nur um wenige Zentimeter unterschieden, hat Spencer schließlich Hilfe geholt: "Hey, also wir sind Erwachsene und wollen lernen, wie man Skateboard fährt. Was sollen wir tun?"

Alle Fotos: Rion Harmon

Der Verkäufer hat noch nicht einmal versucht, über die nicht ganz ernst gemeinte Ansprache meines Mitbewohners zu lachen. Wahrscheinlich hört er so was jede Woche von Menschen mittleren Alters, die ihren Bürojob hingeschmissen haben, um Künstler zu werden und sich nun nach einem passend urbanen Hobby umsehen. Er erklärte uns, dass es eigentlich nicht auf die Größe des Skateboards ankommt, weil wir vermutlich keine besonders ausgefallenen Tricks damit machen würden. Weil er damit absolut Recht hatte, suchten wir uns das Deck aus, das uns am Besten gefiel. Während Spencer kalte Füße bekam und den Laden mit leeren Händen verließ, kaufte sich Rion ein Board mit Zeichnungen von Echsen.

Während sie sich also an Ollies und Kickflips versuchten, rollte ich nur die Straße auf und ab.

Ich schlug in dieselbe Kerbe und entschied mich für ein Deck mit der Aufschrift "Lizard King"(große, neongrüne Buchstaben auf violett glitzerndem Grund), eine Hommage an mein Chamäleon Drake. Zusammen mit den Achsen, Rollen und dem Griptape – Wörter, die ich noch nie zuvor gehört habe – kostete das Ganze umgerechnet rund 135 Euro. Ein geringer Preis für das großartige Leben, das vor mir lag, dachte ich.

Wie ich später erfahren habe, ist "Lizard King" der Name einer aktuellen Skateboard-Größe und das Deck, für das ich mich entschieden hatte, war "sein" Deck. Einen Moment lang fühlte ich mich wie ein Angeber und dachte kurz darüber nach, daran zu arbeiten, Lizard Kings größter Fan zu werden. Ich habe es dann aber doch sein gelassen und habe stattdessen beschlossen, den Namen wieder für die wahren Echsen zurückzuerobern. Entsprechend unbeeindruckt blieb ich auch, als mir ein Freund erzählte, dass der Schutzheilige meines Skateboards vor Kurzem bei King of the Road – einer VICELAND-Show über Skatewettbewerbe – aufgetreten ist und dabei in einen Schuh gekackt hat.

Schritt 3: Ab aufs Brett

In den Wochen danach stellten meine Crew und ich sicher, dass wir zum Üben immer mindestens vier Querstraßen von unserer Wohnung entfernt waren, damit sich unsere Nachbarn nicht über uns lustig machen konnten. Spencer hat letztendlich das alte Skateboard meines Freundes genommen. Um das Ganze noch dramatischer zu machen, als es ohnehin schon war, haben wir einen kleinen Lautsprecher mitgeschleppt und Blink 182 gehört. Rion und Spencer sind beide schon mal Skateboard gefahren, als sie jünger waren. Sie beherrschten damit zumindest schon mal die Grundlagen. Während sie sich also an Ollies und Kickflips versuchten, rollte ich nur die Straße auf und ab. Nach einem Tag bekam ich das eigentlich ganz gut hin.

Die nächste Herausforderung war es nun herauszufinden, wie ich eine elegante Kehrtwende hinbekommen würde. Kurven zu fahren ist eigentlich sehr entspannt, weil man sich nur leicht nach vorn oder nach hinten lehnen muss. Eine komplette Umdrehung ist dagegen schon schwieriger. Ich habe Stunden mit dem Versuch verbracht, meinen hinteren Fuß nach unten zu drücken und gleichzeitig meinen vorderen Fuß leicht anzuheben, ohne mich dabei hinzulegen. (Ich habe mich dabei sehr oft hingelegt.)


Wenn mir das zu langweilig wurde – oder ich neidisch wurde, weil die Jungs so viel Spaß hatten –, habe ich auch versucht, einen Ollie zu machen. Ich möchte nicht angeben, aber: Schon nach wenigen Tagen schaffte ich einen "kleinen Baby-Ollie" – oder bekam zumindest einen Hauch von Luft unter meine Hinterräder. Ich begann, mich ganz allmählich an mein neues Skater-Dasein zu gewöhnen.

Schritt 4: Die passenden Skater-Klamotten

Sich anzuziehen wie ein Skater, bedeutet vor allem eins: flache Schuhe und T-Shirts mit Rundhalsausschnitt. Achtung! Wenn du gerne kurze Hosen trägst, musst du dazu aber unbedingt hohe Socken tragen. Anscheinend geht es bei Skater-Mode vor allem darum, gekonnt scheiße auszusehen. Zwar sollen die Sachen vor allem bequem sein, inzwischen gibt es aber trotzdem verblüffend viele Skater, die Röhrenjeans tragen.

Ich möchte nicht angeben, aber mein Kleiderschrank hatte schon immer einen sehr entspannten Skater-Vibe: Im Winter trage ich eigentlich ausschließlich Chucks, Sweatshirts und Baggy Pants getragen. Das liegt zugegebenermaßen aber auch daran, dass ich in der dunklen Jahreszeit meistens so depressiv bin, dass ich mich einfach nicht zu mehr aufraffen kann.

Das Einzige, was mir noch zu meinem ultimativen Skater-Outfit fehlte, war eine coole Mütze. Mein Wahl fiel am Ende auf einen roten Anglerhut, weil meine Haare darunter im Vergleich zu allen anderen Modellen am wenigsten albern aussahen. Um mein mein Erscheinungsbild abzurunden und das optische Thema meines Decks wieder aufzugreifen, habe ich mir anschließend noch ein T-Shirt mit einem Leguan darauf gekauft.

Schritt 5: Der erste Auftritt im Skatepark

Nachdem ich nun auch optisch vorzeigbar war, war es an der Zeit für den ganz großen Auftritt. Wenn ich den Skatepark in drei Worten beschreiben müsste, dann würde ich sagen: "Hüte" und "pubertäre Jungs". Sehr viel, von beidem. Jeder betonierte Quadratzentimeter des Parks war mit Teenagern gefüllt, die sich abwechselnd in die Rampen stürzten, auf Geländern grindeten und von Sachen sprangen. Abgesehen von mir konnte ich nur ein einziges anderes Mädchen entdecken. Sie hatte Dreads und trug eine Sonnenbrille mit einem Drahtgestell, ein zerschlissenes Tanktop und eine blaue Jogginghose. Es sah überraschend gut aus. In der Nähe des Eingangs stand eine Gruppe von Jungs, die kifften und versuchten, auf einen Baum zu klettern. Etwas weiter hinten klammerten sich einige Mittelschüler an ihre City-Roller und hatten offenbar genauso viel Angst wie ich.

Statt meines neuen Huts hatte ich einen klobigen Helm auf, weil ich Angst vor einer tödlichen Schädelfraktur hatte.

Ich konnte mir vorstellen, wie sie sich fühlen mussten. Auch ich fühlte mich schließlich ziemlich fehl am Platz. Statt meines neuen Huts hatte ich einen klobigen Helm auf, weil ich Angst vor einer tödlichen Schädelfraktur hatte. Allerdings konnte ich in dem Meer aus Basecaps und 5-Panel-Caps nur einen einzigen Jungen entdecken, der auch eine Anglermütze trug. Ich wünschte, ich hätte ihm ein Zeichen geben können, um ihm zu sagen, dass ich Anglermützen auch lieber mochte. Hach.

Ähnlich wie die Kinder mit den City-Rollern fühlte auch ich mich bei dem Gedanken unwohl, mich ins Getümmel zu werfen. Die Skater schienen in einer geheimen Ordnung aneinander vorbei zu rasen. Als hätten sie sich vorab abgesprochen und es wäre nun zu spät, um noch einzusteigen. Ich war vollkommen überfordert. Außerdem war und bin ich noch immer keine gute Skaterin und hatte das Gefühl, dass ich in dem Durcheinander nicht einmal genug Platz hätte, um hinzufallen. Also ging ich wieder nach Hause.

Schritt 6: Der zweite erste Auftritt im Skatepark

Ich wollte unbedingt noch einmal in den Skatepark. Dieses Mal kam ich allerdings so früh, dass die ganzen Teenager noch nicht da waren. Denn mir war klar: Wenn ich eine Skaterin werden wollte, dann müsste ich meine Ängste überwinden. Während der Sieg über meine Teenager-Phobie noch warten musste, wollte ich zumindest schon mal eine kleine Rampe hoch und runter rollen. Also bin ich am nächsten Morgen um 6 Uhr aufgestanden, um mit meiner Crew zum Skatepark zurückzukehren. Meine "Crew" bestand zu diesem Zeitpunkt allerdings nur noch aus meinem Freund, der auch nur mitkam, um Fotos zu machen. Als wir ankamen, waren wir die Einzigen dort – zwei Mittzwanziger und genug Platz, um sich zu blamieren.

Mir wurde allerdings schon nach kurzer Zeit klar, dass die Unebenheiten, die ich beim Skaten auf der Straße überwinden musste, nichts im Vergleich zu den Rampen im Park waren. Schon bei meinem ersten Versuch, eine sanft geneigte, 90 Zentimeter hohe Quarterpipe hinunter zu fahren, rutschte ich aus und schlug mir den Ellenbogen auf. Anschließend habe ich mir bei demselben Versuch auch noch die Hüfte und das Knie geprellt. Scheiß auf den verdammten Helm, ich hätte eigentlich einen Ganzkörperschutz gebraucht.

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Eigentlich wollte ich mich auch noch eine große Halfpipe hinunter zu stürzen und meinen Artikel mit einer triumphalen Wendung abzuschließen. Als ich dann allerdings oben stand, wurde mir bewusst, dass ich bei diesem Versuch aller Wahrscheinlichkeit nach umkommen würde. Ich bekam ja noch nicht mal eine Kehrtwende hin! Skateboarden – also mit reiner Beinarbeit von Punkt A nach Punkt B zu kommen und dabei eine Reihe von Hindernissen wie Geländer, Rampen und Kurven zu bewältigen – war extrem schwer.

Als ich mich von meinem erhöhten Aussichtspunkt aus umsah, wurde mir bewusst, dass mir alles weh tat und ich mir ziemlich lächerlich vorkam. Dann fiel mir Lizard King, der Namensvetter meines Skateboards. Ein erwachsener Mann der vor laufenden Fernsehkameras in einen Schuh gekackt hatte. Es hätte also bedeutend schlimmer kommen können.

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