Die Heuchelei "feministischer" Unternehmerinnen

Immer mehr führende Unternehmerinnen bezeichnen sich selbst ganz unverblümt als feministische Vorbilder. Das bringt allerdings überhaupt nichts, wenn sie ihren Mitarbeitern die grundlegendsten Arbeitnehmerrechte verweigern.

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27 April 2017, 7:58am

Photo by Robin Marchant via Getty / Photo via Flickr

"Sie ist kess, clever und entschlossen, ein Modeimperium aufzubauen", so lautet die Beschreibung der neuen Netflix-Serie Girlboss, die auf der wahren Geschichte von Sophia Amoruso beruht – der Gründerin des amerikanischen Modeunternehmens Nasty Gal. Die Serie folgt allerdings nur dem Mythos, den Amoruso selbst erschaffen hat: Eine schrullige, ehrgeizige Frau, die entgegen aller Erwartungen Erfolg hat, eben weil sie eine Frau ist, die andere Frauen versteht und an sie glaubt.

Was die Serie nicht zeigt? Mehrere ehemalige Mitarbeiter von Nasty Gal haben 2015 Klage gegen das Unternehmen eingereicht, weil ihr Arbeitsplatz offenbar nicht so frauenfreundlich war, wie Amoruso gerne behauptet. In einer Beschwerde, die dem Online-Magazin Jezebel vorliegt, heißt es, dass das Unternehmen "vier schwangere Frauen sowie einen Mann, der Elternzeit nehmen wollte, entlassen" und damit gegen das kalifornische Recht verstoßen hat. (Eine Pressesprecherin von Nasty Gal nannte die Anschuldigungen gegenüber Jezebel "verleumderisch" und bezeichnete das Verfahren als "unseriös und unbegründet".) In anderen anonymen Interviews sprachen die Mitarbeiter von einer Atmosphäre der Angst und erklärten, dass es häufig zu Entlassungen kam. Amoruso bezeichneten sie als "rachsüchtig".

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Angesichts der zunehmenden Popularität und Sichtbarkeit von Feminismus in der Popkultur – und der wachsenden Lukrativität der Bewegung – hört man immer öfter von Geschichten wie in Girlboss. Die meisten von ihnen drehen sich um den glorreichen Aufstieg einer Unternehmerin, die ihren Erfolg der Tatsache zu verdanken hat, dass sie sich selbst und ihr Unternehmen als feministisch bezeichnet hat und damit auch ihre Produkte und die Arbeitsatmosphäre besonders emanzipiert und fortschrittlich wirken ließ. Allerdings haben in den USA in den vergangenen Monaten mehrere öffentliche Skandale deutlich gemacht, dass die Rolle selbsternannter feministischer Unternehmerinnen sehr viel komplexer ist als ihre mediale Darstellung. Was bringt es schon, wenn sich ein Unternehmen als feministisch bezeichnet, aber seine Mitarbeiter ungerecht behandelt?

Nehmen wir das amerikanische Online-Modeunternehmen ModCloth, das vor Kurzem von Jet – einer Tochterfirma von Walmart – übernommen wurde. ModCloth begann als kleines, explizit feministisches Unternehmen, das sich damit brüstete, Mode in Übergrößen anzubieten. Doch nun behaupten Mitarbeiter, dass Entlassungen, Niedriglöhne und unsensible Kommentare von Seiten der Geschäftsführung keine Seltenheit in dem Unternehmen sind. Wie Jezebel berichtet, soll Matt Kaness, der 2015 die Geschäftsführung übernommen hat, die Mitarbeiter im Rahmen eines Meetings dazu angehalten haben, weniger Plus-Size-Models bei ModCloth zu zeigen, weil ihr Aussehen nicht "erstrebenswert" sei. (Kaness bestreitet diese Anschuldigungen.)

Und dann wäre da natürlich noch Thinx – das amerikanische Unternehmen, das Menstruationsunterwäsche herstellt und sich selbst gerne als modernes, progressives und offen feministisches Unternehmen präsentiert. Genau wie Amoruso hat sich auch Miki Agrawal – Thinx' selbsterklärte "She-E-O" – einen Namen als alternative, feministische Ikone gemacht und wird regelmäßig dafür bejubelt, dass sie mit sexistischen Tabus bricht. Doch auch bei Thinx wurde offenbar nicht viel Wert auf Arbeitnehmerrechte gelegt. Berichten zufolge werden die Mitarbeiter nicht nur schlecht bezahlt, sondern erhalten auch kaum Vorsorgeleistungen von ihrem Arbeitgeber. Auch die Elternzeit, die in den USA auf der Kulanz des Arbeitgebers beruht, wurde angeblich auf ein Minimum reduziert. Zudem soll die Arbeitsatmosphäre bei Thinx extrem angespannt sein.

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Gegenwärtige und ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens erklärten gegenüber dem Online-Magazin Racked, dass ihnen unerwartet Urlaubstage gestrichen wurden und sie ihre Krankenversicherung nahezu allein tragen mussten, weil sich ihr Arbeitgeber kaum daran beteiligte. Eine Woche später berichtete das New York Magazine, dass eine ehemalige Mitarbeiterin von Thinx Anzeige erstattet hat, weil sie von Agrawal angeblich sexuell belästigt worden ist. (Agrawal nannte die Vorwürfe "haltlos" und sagte, dass sie "vollkommen unbegründet" seien.)

Angeblich soll sie ihrer Mitarbeiterin an die Brüste gefasst und das Gewicht anderer Mitarbeiter kommentiert haben – "entweder direkt oder hinter ihrem Rücken", heißt es in dem Artikel des New York Magazine. Derartige Vorwürfe stehen in grundsätzlichem Widerspruch zu Agrawals vermeintlich feministischem Image – ganz egal, wie man es dreht und wendet. Dennoch scheinen nach wie vor viele daran festzuhalten. "Manche Menschen bewundern sie einfach zutiefst", erklärte ein ehemaliger Mitarbeiter gegenüber Racked. "Doch es ist schwierig, Menschen sagen zu hören, sie sei ihre feministische Heldin, wenn man selbst schon mal erlebt hat, wie sie eine ehemalige Mitarbeiterin als Schlampe bezeichnet hat."

Doch wie kann das sein? Wie kann sich ein Unternehmen als feministisch bezeichnen und seinen Mitarbeitern gleichzeitig den Urlaub streichen, Vorsorgeleistungen verweigern und die Elternzeit auf zwei Wochen begrenzen? Wie kann man behaupten, die Frauen im Unternehmen zu fördern, dann aber angeblich nur zwei männlichen Mitarbeiternehmern eine Gehaltserhöhung geben? Wie kann eine Chefin in einem vermeintlich gleichberechtigten und antisexistischen Arbeitsumfeld das Gewicht ihrer Mitarbeiterinnen kommentieren? Noch wichtiger ist aber vermutlich die Frage: Warum überrascht uns das?


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Ich habe selbst schon erlebt, dass Welten zwischen den feministischen Botschaften und der Realität eines Unternehmens liegen können. Als ich im vergangenen Jahr bei Babeland gearbeitet habe – einem amerikanischen Sex-Shop unter der Leitung queerer Frauen –, haben sich meine Kollegen und ich gewerkschaftlich organisiert. In den Augen der Kunden ist Babeland ein offenes und lockeres Unternehmen, das Frauen etwas über ihren Körper und ihr sexuelles Lustempfinden beibringen möchte. Die Erfahrungen der Mitarbeiter haben allerdings nicht das Geringste mit Feminismus zu tun. Grundlegende Arbeitnehmerrechte wie der Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, Jobsicherheit und höhere Löhne wurden uns erst zugesichert, nachdem wir unseren ersten Vertrag ausgehandelt haben. Massima Lei, eine meiner ehemaligen Kolleginnen, kann sich noch erinnern, wie schockiert sie war, als sie erfahren hat, dass wir in einem überwiegend queeren Unternehmen erst um unsere Rechte kämpfen mussten und sie nicht schon von vornherein bekommen haben.

Lei sagt auch, dass es zwar wie eine Errungenschaft aussehen mag, wenn Frauen in der Unternehmenshierarchie ganz oben stehen, es aber doch eigentlich darum gehen sollte, "Alternativen [zu solchen Hierarchien] zu entwickeln. Bisher ahmen wir nur die altbekannten Machtstrukturen nach, in denen Minderheiten nach wie vor unterdrückt werden. Natürlich ist es schön, dass das Unternehmen von queeren Frauen geführt wird, aber wäre es nicht noch besser, wenn die mehrheitlich queeren, transsexuellen und weiblichen Mitarbeiter mehr Mitspracherecht im Unternehmen hätten?

Wenn über Frauen berichtet wird, die ihr eigenes feministisches Unternehmen leiten, geht es in den meisten Fällen ausschließlich um die Chefin – die "She-E-O". Es wird überhaupt nicht hinterfragt, ob feministische Unternehmen genauso geführt werden können oder sollten wie männerdominierte Unternehmen – mit dem einzigen Unterschied, dass Frauen die Führungsposition übernehmen. Genau genommen wird die Arbeit der Mitarbeiter in frauengeführten Unternehmen komplett bagatellisiert. (Wenn man nach der Logik von Artikeln wie diesem hier geht, könnte man glauben, dass feministische Unternehmen ein Ein-Mann-Unternehmen sind.)

Maga Miranda ist Lehrerin und Forscherin und hat den International Women's Strike in New York City mit organisiert. Sie sagt, dass sich der Mainstream-Feminismus zu sehr auf erfolgreiche Unternehmensmodelle verlässt – zu seinem eigenen Nachteil. "Wenn mehr Frauen in Führungspositionen sitzen, muss das nicht bedeuten, dass sich die Arbeitsbedingungen für alle Frauen verbessern", sagt sie gegenüber Broadly. Nur weil ein Unternehmen von einer Frau geführt wird, muss das nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass sie damit eine feministische Revolution lostritt. Es muss noch nicht einmal heißen, dass sie sich auch an die grundlegenden Arbeitnehmerrechte hält, sagt sie und bezieht sich damit auf ihre Studie über lateinamerikanische Migrantinnen, die in den USA als Haushälterinnen arbeiten. Im Rahmen ihrer Untersuchung konnte sie zeigen, dass Arbeitgeber, die ihre Haushälterinnen "respektlos behandeln, vorwiegend Frauen aus der Mittel- und Oberschicht sind".

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Miranda betont, wie wichtig es ist, das zugrundeliegende System zu verändern: Statt uns auf den Erfolg einiger weniger Frauen zu konzentrieren, sollten wir Feministinnen dazu ermutigen, "sich anzusehen, an welcher Stelle Frauen von der Politik und den Unternehmen im Stich gelassen werden und sich dafür einzusetzen, dass ihre Forderungen ernstgenommen werden".

Eine feministische Bewegung, die sich um die Bedürfnisse von Arbeitnehmerinnen kümmert, würde beispielweise auch die gewerkschaftliche Organisation von Haushälterinnen fördern und Frauen (genau wie alle anderen Menschen) für ihre unlauteren Arbeitspraktiken zur Verantwortung ziehen, je weiter sie in der Geschäftswelt aufsteigen. Frauen in Führungspositionen würden uns nur dann weiterbringen, wenn sie sich für die feministischen Werte und die Rechte ihrer Arbeitnehmerinnen einsetzen würden.


Foto: Tech Crunch | Flickr | CC BY 2.0