Was junge Menschen wirklich über Feminismus denken

Während sich die einen für Gender-Themen stark machen, scheint „Feminismus“ für andere ein regelrechtes Schimpfwort zu sein. Wir haben Leute auf der Straße gefragt, was sie unter Feminismus verstehen – und ob der Kampf um Gleichberechtigung noch...

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25 Juli 2016, 8:28am

Demonstrant_innen am Weltfrauentag 2015 in Berlin. Foto: imago | Christian Ditsch

Feminismus, den brauchen wir nicht mehr. So oder so ähnlich könnte man den Standpunkt vieler Feminismusgegner im Jahr 2016 zusammenfassen. Schließlich dürften Frauen mittlerweile wählen und werden nicht öffentlich geächtet—zumindest nicht überall—, wenn sie sich dagegen entscheiden, ihr Leben hinter dem Herd zu verbringen. Auf den ersten Blick sind Frauen und Männer gleichgestellt, wofür braucht man also noch Feminismus?

Zusätzlich werden die neueren Themen des Feminismus (Frauenquote, gendergerechte Sprache, Geschlechtsidentität), nicht selten als Instrumente zur Unterdrückung des Mannes gesehen. Auf dieser Annahme fußen Männerrechtsbewegungen, die durch Personen wie Roosh V auch recht öffentlichkeitswirksam den weißen, heterosexuellen Mann als wahren Verlierer der westlichen Gesellschaft stilisieren. Es gibt sogar eigene Seiten, die in Wikipedia-Manier Informationen über die mutmaßliche Benachteiligung von Männern sammeln.

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Statistiken zeigen hingegen immer wieder deutlich, dass es, zum Beispiel in Bezug auf die Bezahlung, noch immer Differenzen gibt. Gleichzeitig lassen Diskussionen wie die um die Verschärfung des Sexualstrafrechts wahre geschlechterideologische Abgründe aufklaffen. Über die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft zu sprechen und die Ungerechtigkeiten, die augenscheinlich immer noch existieren, zu thematisieren, macht also durchaus Sinn.

Trotzdem: Wer sich in der Öffentlichkeit als Feminist_in zu erkennen gibt, wird nicht selten mit Anfeindungen oder Verständnislosigkeit konfrontiert. Heute noch für Frauenrechte und Gleichberechtigung einzutreten ist, aus dem Blickwinkel mancher, fast schon radikal. Interessant ist auch, dass der Begriff als solcher selbst für viele Frauen eine negativ konnotierte Bezeichnung zu sein scheint, den man in jedem Fall von sich weisen möchte. Aber wie ist es denn nun? Was denken junge Menschen abseits von Kommentarspalten und emotional aufgeladenen Facebook-Diskussionen über Feminismus, Frauenquote und den fortwährenden Kampf um Gleichberechtigung? Wir haben uns auf die Straßen von Wien begeben und nachgefragt.

Denise, 30

Broadly: Was versteht du unter Feminismus?
Denise: Ich verstehe darunter einen Kampf für Gleichberechtigung. Was andere Leute manchmal darunter verstehen, finde ich ein bisschen abgedreht. Ich finde Labels immer ein wenig schwierig. Meiner Meinung nach geht es um die Sache an sich und nicht darum, dass man da unbedingt einen Begriff dafür findet, oder dem irgendetwas überstülpt. Ich mag das Wort eigentlich gar nicht so gerne. Es hat so etwas Kämpferisches und es gibt genug Kampf auf der Welt. Es geht einfach darum, gewisse Begebenheiten zu verändern.

Hast du das Gefühl, dass es noch notwendig ist, sich für Gleichberechtigung einzusetzen?
Absolut. Ich komme ja aus dem orientalischen Kreis und finde, dass es da einen unfassbaren Aufholbedarf gibt. Gerade jetzt wieder. Wir befassen uns zurzeit mit Themen, von denen wir in den 80ern und 90ern schon gedacht haben, dass sie keine Rolle mehr spielen. Auch in unserer Gesellschaft, gibt es da sicher viel zu tun. Das beginnt bei gleicher Entlohnung und bei verschiedenen anderen Sachen, die gar nicht so mit Zahlen zu belegen sind, sondern eher im zwischenmenschlichen Bereich stattfinden.

Was sagst du zur Frauenquote?
Ich weiß nicht ... Prinzipiell ist es sicher etwas Gutes, aber ich würde mir eher wünschen, dass sich die Gesellschaft selbst organisch dahingehend verändert. So, dass eine Quote gar nicht mehr notwendig ist. Ich weiß nicht, ob es gut ist das von außen zu reglementieren. Ich finde, das erzeugt immer so wahnsinnig viel Gegendruck.

Wie stehst du zu gendergerechter Sprache?
Das finde ich irgendwie unnötig. Ich fühle mich nicht angegriffen, wenn man sagt „die Schauspieler" und nicht „die Schauspieler und Schauspielerinnen". Da gibt es noch viele Sachen davor zu klären, bevor man sich über die Begriffe Gedanken macht.

Bojan, 28

Wie würdest du Feminismus definieren?
Bojan: Das ist eine sehr komplexe Frage, mir persönlich bedeutet es recht viel. Für mich ist Feminismus Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern und hat daher auch mit Männern zu tun.

Was sagst du zur Frauenquote und zur geschlechtergerechten Sprache?
Ich finde es einen guten Schritt, oder einen Anfang, um die Präsenz von Frauen in bestimmten Bereichen zu erhöhen. Aber es erfordert auch einfach Arbeit in der Gesellschaft, um Aufmerksamkeit zu schaffen und Denkweisen zu ändern, damit die Quote einmal nicht mehr notwendig ist. Also: Als Schritt in die richtige Richtung ist es gut, aber es sollte keine permanente Lösung sein.

Was das Gendern angeht: Ich finde es eigentlich wichtig, weil in meinen Augen Sprache sehr viel Macht hat. Durch Sprache passiert Veränderung. Es ist einfach so, dass wenn man bestimmte Sachen liest, Bilder hervorgerufen werden und wenn es nicht gendergerecht geschrieben wird, werden Frauen—oder auch Transgender-Personen—aus bestimmten Dingen immer herausfallen.

Martha, 21

Was bedeutet für dich der Begriff Feminismus?
Martha: Gleichheit. Ich finde es sehr wichtig, weil ich glaube, dass es in der Welt zurzeit noch keine Gleichheit gibt. Deshalb muss man dafür kämpfen. Gerade im Arbeitsbereich gibt es noch viel Ungerechtigkeit—Stichwort ‚gläserne Decke'. Die wichtigen Positionen werden noch immer von Männern besetzt, sei es in Universitäten oder in Firmen. Frauen sind auch heute eher Sekretärinnen oder Krankenschwestern.

Deshalb finde ich auch die Frauenquote gut. Ich denke, dass wir so etwas noch brauchen, solange es keine Gleichstellung gibt. Für eine gewisse Zeit, ist diese Form der positiven Diskriminierung sicherlich die richtige Lösung.

Amir Puriya, 26

Was verstehst du unter Feminismus und findest du, dass er heutzutage noch notwendig ist?
Feminismus ist die Gleichstellung von Mann und Frau und von der sind wir noch weit entfernt. Rechtlich sind sie gleichgestellt, aber faktisch gibt es sehr große Unterschiede. Was von einer Frau alles erwartet wird ... Sie soll Mutter sein, Karriere machen, sich gewissen Normen entsprechend verhalten und ich finde, da hat es ein Mann schon einfacher. Von einem Mann wird nicht dasselbe erwartet. Was nicht in Ordnung ist. Jeder soll das machen, was er machen will, solange er nicht in die Freiheiten und Rechte anderer eingreift.

Was denkst du über die Frauenquote, oder auch die gendergerechte Sprache, als Instrumente zur Gleichberechtigung von Mann und Frau?
Die Frauenquote finde ich positiv. In Bezug auf die Sprache habe ich einmal einen Artikel in der Presse gelesen, den fand ich ziemlich interessant. Da stand, dass sich die Gesellschaft auch in der Sprache widerspiegelt. Davor habe ich gedacht, dass es vielleicht ein bisschen übertrieben ist, aber anscheinend ist es ziemlich wichtig und wenn es Fortschritt mit sich bringt, dann finde ich das gut.

Cherrelone, keine Altersangabe

Was verbindest du mit dem Begriff Feminismus?
Cherrelone: Einfach die Tatsache, dass du als Frau deine Bedürfnisse wahrnimmst und sie ausleben kannst. Wo auch immer du bist. Jedes Individuum sollte seine Freiheiten leben können. Es ist ein großes Thema in der Welt und bedeutet überall etwas anderes. Tatsächlich habe ich aber oft das Gefühl, dass viele Menschen noch nicht ganz verstanden haben, wo sie beginnen müssen, um überhaupt von Feminismus, oder feministischen Bewegungen zu reden. Ich finde es relativ lächerlich, wenn Leute behaupten, sie seien Feministinnen und denken, es hat etwas mit Achselhaaren zu tun.

Von gegenderter Sprache halte ich zum Beispiel überhaupt nichts. Vor allem deshalb, weil ich mehrere Sprachen spreche und es in anderen Sprachen teilweise noch viel sexistischer zugeht. Ich finde, Sprache sollte eigentlich einfacher werden. So, dass du mit weniger Worten mehr sagen kannst und nicht umgekehrt. Das trennt ja wieder. Es sollte viel mehr in Richtung Vereinigung gehen.

Wie stehst du zur Frauenquote?
Ich finde, das ist genau das Gleiche. Es sollte um andere Dinge als um das Geschlecht gehen. Ich meine: Wenn Frauen von vornherein ausgeschlossen werden, ist das schlimm. Aber eigentlich sollte die Qualifikation im Vordergrund stehen und das Geschlecht unwichtig sein.

David, 25

Welche Bedeutung hat für dich das Wort Feminismus?
David: Es geht prinzipiell um eine Gleichstellung der Frau zum Mann und einen Einsatz in diese Richtung. Weil diese Gleichstellung einfach nicht existiert, besteht die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun und dafür einzustehen. Das beginnt bei Kleinigkeiten und zieht sich dann weiter. Da gibt es schon mehrere Punkte, bei denen noch Handlungsbedarf besteht.

Ich finde, dass zum Beispiel die Frauenquote eine gute Idee ist. In männerdominierten Bereichen ist es oft so, dass Frauen schwerer reinkommen, glaube ich. Weil die Leute, die das Sagen haben, eher ihre Gruppe reinlassen.

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Amy, 24 (wollte nicht fotografiert werden)

Was bedeutet Feminismus für dich?
Amy: Feminismus ist für mich im Prinzip die Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau.

Hast du das Gefühl, dass Feminismus heutzutage noch gebraucht wird?
Ich glaube, es wird da auch oft übertrieben—in Bezug auf Verständnis und Ausübung. Aber ich denke, dass es schon wichtig ist, dass es diese Gerechtigkeit gibt. Aber generell bin ich dagegen, wenn man zu viel in diese Richtung sagt oder macht. Von wegen: Frauen sollen noch stärker profitieren. Auch die Quote finde ich nicht so gut. Ich würde mich persönlich schlecht fühlen, wenn ich eine Arbeit bekomme, nur weil ich eine Frau bin.

Die gendergerechte Sprache finde ich nicht notwendig, ehrlich gesagt. Kleinigkeiten gibt es natürlich schon, in denen Frauen und Männer nicht gleichberechtigt sind, aber ich habe persönlich einfach noch nie erlebt, dass ich ungerecht behandelt wurde, nur weil ich eine Frau bin.