„Geilheit und Anerkennung“: Warum Frauen swingen

In den vergangenen Jahren ist Swingen immer gesellschaftsfähiger geworden, doch was motiviert Pärchen zum offen zelebrierten Partnertausch? Wir haben mit zwei Frauen und ihren Partnern über ihr ungewöhnliches Hobby gesprochen.

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16 Januar 2017, 8:00am

Fotos mit freundlicher Genehmigung

Als ich mich mit Judith verabrede, wählen wir als Treffpunkt einen Winter-Grillplatz. 18:30 Uhr, ich stehe davor und warte. Wenige Minuten später kommt eine Frau in roten Lack-Pumps und schwarzem Pelzmantel auf mich zu. Sie umarmt mich: „Schön, dass du da bist." Ihr Freund wartet bereits beim Feuer auf uns. Er legt gerade Fleisch auf den Grill. Alex*, Typ Kuschelbär, groß und kräftig, kurze Haare, in Jeans und grauem Pullover. Mit der Zeit trudeln immer mehr Freunde von ihnen ein. Sie alle sind zwischen 30 und 65, haben unterschiedliche Berufe, manche auch Partner und Familie, aber eines haben sie gemeinsam: Sie swingen.

Historisch gesehen gab es Swinger bereits in der Antike. In den Aufzeichnungen der Griechen und Römer sind erste Hinweise auf Orgien zu finden. In den 1960er-Jahren wurden schließlich Swinger-Organisationen und Clubs in den USA gegründet. Im deutschsprachigen Raum verbreitete sich der Trend etwas später in den 90er-Jahren in Form einer Subkultur, die stark mit FKK und Nudismus verbunden war. Seitdem hat sich das Bild des Swingens in der Öffentlichkeit stark gewandelt.

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Die deutsche Soziologin Miriam Venn hat sich in ihrer Doktorarbeit „Paare in der Swingerszene—Ethnographie einer modernen Lebenswelt" mit dem Thema auseinandergesetzt. Dort schreibt sie: „Das Swingerdasein entspricht nicht mehr dem Klischee vom dunklen Kellerclub, wo Leute über 40 in Lack und Leder herumspringen und es nur um Sex mit einer anderen Person geht." Vielmehr sei Swingen ein Trend, der sich unter erfolgreichen Paaren um die 30 verbreite.

Der Trend hat sich von seinem Schmuddel-Image befreit und wird immer gesellschaftsfähiger. Spätestens seit dem Erfolg von Shades of Grey ist die sexuelle Experimentierfreudigkeit der Frau kein Tabu mehr, sondern trendy. Zudem gibt es heute unzählige Erotik-Plattformen, die eine bessere Kommunikation zwischen den Swingern ermöglichen. In Österreich wird vor allem die Plattform „Le Swing" genutzt, in Deutschland gibt es dutzende Communitys wie Augenweide oder Joyclub.

Judith entdeckte ihre Lust erst mit 27 so richtig. Durch die beiden Kinder war sie meist einfach zu müde für Sex. Zudem nahm sie eine Zeit lang Psychopharmaka, die sich negativ auf ihre Libido auswirkten. „Ich spürte gar nichts mehr", erklärt sie mir. Erst als sie das Medikament nicht mehr nehmen musste, entwickelte sich ihre Lust. Oder besser ausgedrückt: ein schwer zu stillender Hunger. Nach der Trennung des Vaters der Kinder hatte sie Sex mit unzähligen Männern. Dann lernte sie Alex kennen und verliebte sich. Nach zwei Jahren Beziehung begannen sie gemeinsam Sex-Kinos und Swinger-Clubs zu besuchen. Heute bezeichnet sich Judith selbst als „typische MILF".

Am liebsten würde ich in meinem Lebenslauf bei meinen Hobbys ‚Sex' anführen.

Ihren Rekord von 71 Männern an einem Abend feierte sie bei einem Gangbang im vergangenen Jahr, der über ein Erotikforum angekündigt wurde. Alex war dabei, passte auf sie auf und zählte mit. In insgesamt drei Sessions hatte sie oralen, vaginalen und analen Sex und squirtete dazwischen auch. Ihren Höhepunkt teilte sie aber erst zu Hause mit ihrem Freund. Einer der Männer dieses Gangbangs ist anwesend und erzählt mir, dass er Judith zeigen wollte, dass er nur für sie in den Club kam—also ließ er sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „I came for the Princess" drucken. Princess ist Judiths Name im Forum. Die Princess könne so gut blasen, das könne ich mir gar nicht vorstellen, erzählt er mir. Dabei isst er Rotkraut.

Dieser Abend mit 71 Männern ist Judiths persönlicher Triumph, sagt sie, gleichzeitig aber auch ihr Limit. Mehr geht und will sie auch nicht, Tabus hat sie dabei allerdings nur wenige. Was sie nicht mag, sind Dinge, die auf die Toilette gehören und vaginaler Sex nach Analsex. Auch wenn ihre Beziehung zweifelsohne sehr offen ist, Regeln gibt es zwischen ihrem Freund und ihr trotzdem: Beide müssen einverstanden sein, Geschlechtsverkehr geht nur mit Kondom und Küssen ist immer verboten.

„Ich machte bei den Gangbangs vor allem für sie mit", erzählt Alex, der dem Thema Swingen zu Beginn sehr zwiegespalten gegenüberstand. Meist schaut er nur zu und speichert die Bilder in seinem Kopf für später—fürs Schlafzimmer—ab. Manchmal laden die beiden auch jemanden zu sich nach Hause ein, allerdings nur, wenn die Chemie stimmt. Wir kochen gemeinsam, trinken was und reden übers Leben, Kunst, Leidenschaft und Dinge, die uns beschäftigen. Wir machen uns einen schönen Abend und schauen, was sich entwickelt",erzählt er. An solchen Abenden werden, wenn es eben passt, auch Partner getauscht.

Als ich den Erzählungen und Geschichten zuhöre, fällt mir auf, dass es bei allen einen ganz konkreten Auslöser für die plötzliche Neugierde am Sex und am Swingen gab—meistens eine Trennung, das Ende einer langen Beziehung oder einer Ehe, in der Sex keine große Rolle gespielt hat. Gerade bei Frauen würde es aber dauern, bis sie sich trauen, ihre eigene Sexualität ehrlich zu erkunden, meint Judith. Das sei auch der Grund, warum man in den Clubs und auf Swinger-Partys nur selten Frauen unter 30 treffe. Man brauche viel Erfahrung und Vertrauen zu seinem eigenen Körper, erklärt sie.

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Auch Atka* ist Swingerin. Sie hat langes dunkles Haar, ist 42 und sieht deutlich jünger aus. Atka und ihr Mann lernten sich kennen, als sie beide aus einer langen Beziehung kamen. Vor zwei Jahren, 2015, besuchten sie zum ersten Mal einen Swinger-Club. „Eigentlich wollten wir gleich wieder gehen, weil es uns so unangenehm war. Wir haben dann aber ein Paar kennengelernt, mit dem wir ganz normal reden und lachen konnten und Sex kein Thema war", erklärt sie. An diesem Abend berührte Atka zum ersten Mal eine Frau und mochte es. Mittlerweile geht das Paar einmal im Monat in den Swinger-Club, zu privaten Partys oder lädt Paare zu sich ein.

Zu dem Ergebnis, dass Partner gerne gemeinsam neue Dinge ausprobieren, kam auch eine Studie der Dating-Plattform Elite Partner im vergangenen Jahr, bei der 11.000 Internetnutzer dazu befragt wurden, was für sie zu gutem Sex dazugehört. Hierbei gaben 57 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer an, „gemeinsam Neues ausprobieren" zu wollen, gleichzeitig gaben aber auch 51 Prozent der befragten Frauen an, bereits eifersüchtig gewesen zu sein. Wenn die Angst davor, dass der Partner oder die Partnerin jemand anderen attraktiver finden könnte als einen selbst, unter Frauen recht groß ist—was genau reizt sie dann am Swingen? Judith gibt mir eine ebenso knappe wie unmissverständliche Antwort: „Geilheit und Anerkennung". An Gangbangs mag Judith auch die Dankbarkeit der Männer und die vielen schönen Momente, die sie mit zum Teil komplett Fremden teilt.

„Am liebsten würde ich in meinem Lebenslauf bei meinen Hobbys ‚Sex' anführen. Aber so weit ist unsere Gesellschaft noch nicht.", sagt sie. Dass ihre Freizeitaktivitäten nicht öffentlich werden ist Judith wichtig. Sie hat eine Führungsposition und glaubt, dass ihr bewegtes Sexleben ihr auch beruflich deutlich größere Probleme einbringen könnte als beispielsweise Alex. Sie erklärt das so: „Als Frau bist du automatisch die Hure, als Mann ein geiler Hecht. Das finde ich unfair, aber so denkt unsere Gesellschaft leider."

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Eines macht Judith als Frau zudem manchmal Probleme: Blasenentzündungen. Darum nimmt sie vor bestimmten Abenden und Gangbangs schon präventiv pflanzliche Mittel ein. Ziemlich entspannt wirkt sie, als ich sie auf das Thema Geschlechtskrankheiten und HIV anspreche. „Man muss zirka sieben Liter Sperma schlucken, um sich zu infizieren. Alex ist immer dabei und achtet darauf, dass es keiner ohne Kondom bei mir versucht", erzählt sie. Wirkliche Angst habe sie aber keine. (Die AIDS-Hilfe sieht das übrigens anders und führt „kein Sperma schlucken" unter den drei wichtigsten Regeln für wirkungsvollen Schutz gegen HIV an.)

Eine generelle Kondompflicht gibt es laut Judith in den meisten Swinger-Clubs nicht, ob Männer Präservative verwenden, liegt in ihrem eigenen Ermessen. Alex, der immer ein Auge auf seine Freundin hat, achtet jedoch darauf, dass die Männer, mit denen Judith Sex hat, eines tragen. Die Paare bestimmen die Regeln und Solo-Männer müssen sich anpassen.

Ich bekomme die Bestätigung, dass ich als Frau begehrenswert und erotisch bin.

Auch wenn vieles, was Judith und Atka erzählen, krass klingen mag, haben Gangbangs und Blowjobs mit Fremden in ihren Augen nichts Erniedrigendes an sich. Schließlich entscheiden sie ganz allein, mit wem sie wann, wo und wie an diesen Abenden Sex haben. Gleichzeitig leben sie mit ihren Partnern ganz offen ihre sexuellen Wünsche aus und thematisieren, was sie anmacht und was nicht. Geheimnisse und unterdrückte Gelüste, die in nicht abgesprochenen Affären mit anderen ausgelebt werden müssen, gibt es nicht.

Bei Judith und Alex liegen die Karten auf dem Tisch. Sie sprechen über alles, sexuelle Tabus gibt es in ihrer Beziehung schon lange nicht mehr. Auch Atka sieht das ähnlich: „Swingen gibt mir ein Gefühl der Verbundenheit zu meinem Partner und auch Selbstvertrauen. Ich bekomme die Bestätigung, dass ich als Frau begehrenswert und erotisch bin. Das tut einfach gut."

Und eines ist für Judith klar: Schlafen kann sie mit vielen Männern, lieben tut sie aber nur einen. Von Polyamorie hält sie nichts, erklärt sie mir, während sie ihre Zigarette ausdrückt.