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Ich habe meinen Kieferknochen in Ohrringe verwandelt

Seit Jahren kämpfe ich mit meiner Körperschemastörung. Dann beschloss ich, mein Innerstes nach Außen zu kehren.

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Juli 24 2018, 3:00am

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Am Abend vor der Operation sitzt der braungebrannte, beleibte Kraniofazial-Chirurg auf der Couch meiner AirBnB-Wohnung in Buenos Aires. Er ist Gesichtsspezialist, und wir sitzen zusammen, um noch mal genau zu besprechen, wie er morgen meinen Kiefer zerschneidet. Neben den üblichen medizinischen Fragen habe ich noch ein anderes Anliegen. Ich will wissen, ob ich den Knochen behalten darf, den mir mein Chirurg entfernen wird. Er runzelt die Stirn und seufzt: "Nein, ich glaube nicht." Dann zählt er Krankenhausregeln und Vorschriften zu medizinischen Abfällen auf.

Ich versuche, meine Enttäuschung so gut es geht zu verbergen, und nicke einfach so, wie es Ärzte von ihren Patienten erwarten. Ich wünsche mir eine reduzierte Kieferpartie und ein kürzeres Kinn, weil ich die volle Kontrolle über meinen Körper haben will. Dass mir ein Teil dieses Körpers – meines Körpers – verwehrt wird, wirkt da eher kontraproduktiv. "Es sei denn …", überlegt mein Chirurg schließlich mit hochgezogener Augenbraue. "Morgen ist ja Montag, da sind nicht viele Leute im Krankenhaus. Ich schaue mal, was sich machen lässt." Zwölf Stunden später liege ich im OP-Saal. Der Narkosearzt schiebt mir eine dicke Nadel unter die Haut. Erst tut es verdammt weh, dann bin ich weg.

Ich habe Dysmorphophobie – eine Art Zwangsstörung, bei der sich betroffene Menschen auf eingebildete oder marginale Körperfehler einschießen. Wenn Psychologinnen und Psychologen über das Thema reden, dann beschreiben sie oft, wie Leidende Spiegel meiden, von der Arbeit fernbleiben, Verabredungen sausen lassen und sich manchmal auch selbst verletzen. Bei dieser Beschreibung fehlt mir allerdings die tiefgreifende Erfahrung, sich selbst nicht zu erkennen.

Immer, wenn ich irgendwo mein Spiegelbild sehe, denke ich: "Das kann nicht ich sein. Wenn das wirklich ich bin, bringe ich mich um." Mein Gehirn ist nicht in der Lage, mein tatsächliches Körperbild zu akzeptieren. Irgendetwas in mir hat für dieses Bild nur Hass übrig. Zwar sagen mir sowohl Freunde als auch Fremde immer wieder, wie hübsch ich sei, aber solche Komplimente prallen einfach an mir ab.

Was Dysmorphophobie noch viel schwieriger macht: Die Störung hat biopsychosoziale Grundlagen, ist also ein komplexer Cocktail aus Genen, Erziehung und Denkmustern. Deswegen lässt sich Dysmorphophobie nur schwer behandeln. In der Regel bekommen Betroffene Antidepressiva und eine kognitive Verhaltenstherapie. Mein Therapeut weist mich immer an, nicht zu sagen, dass mein Gehirn kaputt sei. Meine Mutter hat mir aber mal erzählt, dass in der Psyche unsere Familie etwas nicht richtig zusammenpasse. Ihre Seite der Familie ist geprägt von Melancholie, Stimmungsschwankungen und Depressionen. Ich frage mich, wie es meine Eltern überhaupt geschafft haben, mich zu bekommen.


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Egal, ob meine Mutter nun recht hat und irgendetwas in meinem Gehirn nicht richtig schaltet; egal, ob irgendein traumatisches Ereignis in meiner Kindheit mein Selbstbild verändert hat; egal, ob das stets präsente, von den Medien vorangetriebene Schönheitsideal mich beeinflusst – trotz jahrelanger Therapie, trotz Medikamenten und trotz bewusster Achtsamkeit hat sich mein Zustand nie wirklich gebessert.

Viele Psychologinnen sagen, dass sich Menschen mit Dysmorphophobie auf keinen Fall unters Messer legen sollten. Eine Operation werde sie nicht zufriedenstellen. Oder ihre Obsession werde sich nur auf ein anderes Körperteil verlagern. Aber meine Unzufriedenheit mit meinem Kiefer ist so tiefgreifend, dass ich mich trotzdem für eine OP entschieden habe.

Als ich aus der Narkose aufwache, bin ich total vernebelt. Der Tropf sorgt dafür, dass ich nicht dehydriere, gegen meinen trockenen Mund kann er aber nichts machen. Mein Chirurg betritt mit einem triumphierenden Lächeln das Zimmer. "Einen Teil konnte ich mitnehmen, mehr aber nicht", sagt er und stellt einen kleinen Plastikbecher neben mich.

Durch das Plastik ist der blanke Knochen kaum zu erkennen. Ich mache nur eine Form und Farben aus: eine Art Grauweiß, durchzogen mit Rot. Der Anblick macht mich fertig. Eigentlich hatte ich das mit dem Knochen gar nicht so richtig ernstgemeint. Jetzt steht er neben mir. Ich stopfe den Becher in meine Tasche und versuche, erstmal nicht weiter daran zu denken.

Mein bloßer Kieferknochen

Erst Wochen später, als ich längst wieder zu Hause bin, öffne ich den Becher berühre zum ersten Mal den Knochen. Der ehemalige Teil meines Körpers, den ich da in der Hand halte, wurde bewusst entfernt. Und das getrocknete Blut und Gewebe an dem Knochen erinnern mich daran, warum das Ganze eigentlich als medizinischer Abfall gilt. "So etwas befindet sich also direkt unter meiner Haut", denke ich mir. Es fühlt sich nicht nach mir an, trotzdem will ich dieses Fragment meines Kiefers behalten. Und das aus einem Grund, der über einfache Faszination hinausgeht: Ich will einen Teil von mir in etwas Wunderschönes verwandeln.

Ich habe mich nur wenig informiert, als ich dem Künstler Christian Fox den herausgeschnittenen Teil meines Körpers anvertraue. Seine Seite hatte ich über Twitter gefunden. Christian säubert und bearbeitet den Knochen zuerst, zersägt ihn dann in zwei Teile und befestigt diese schließlich an Ohrringhaken. Obwohl ich Christian nicht kenne, weiß ich genau, dass Christian die richtige Person für diesen Auftrag ist. "Durch meine Arbeit erkenne ich, wie viel ich mit allen anderen Lebewesen gemeinsam habe”, erklärt er mir, und bestätigt damit mein gutes Gefühl. “Und wie ich den Körper, in dem ich mich nicht immer wohlfühle, etwas mehr wertschätzen kann."

Warum bieten nicht mehr Ärzte ihren Patienten die Möglichkeit an, das zu behalten, was bei einer OP aus den Körpern entfernt wird? Es scheint eine Art gegenseitiges Einverständnis zu geben, dass die Patienten nicht mit dem konfrontiert werden wollen, was von ihnen stammt. In unserer kollektiven Existenz gilt es als schlecht, wenn man die inneren Teile des Körpers draußen sieht – weil das mit dem Tod assoziiert wird und wir den in unserer Kultur so vehement ablehnen.

Mein Kiefer ist immer noch nicht abgeheilt. Ich meide mein Spiegelbild und schminke mich nur mit einem kleinen Klappspiegel, um nicht mein ganzes Gesicht auf einmal sehen zu müssen. Ich würde gerne schreiben, dass ich jetzt glücklich mit meinem Körper bin und nie wieder eine OP brauche. Leider kann ich das nicht. Ich weiß, dass ich mich wieder unters Messer legen und meinen Körper weiter verändern werde. Ich werde mich immer weiter nach etwas sehnen, das außerhalb meiner Reichweite liegt.

Jede Woche fotografiere ich meinen Fortschritt. Ich vergleiche mein Bild mit älteren Fotos, die nicht durch Make-up oder Filter verfälscht sind. Das Ganze geht nur schleppend voran und tut weh. Und ich frage mich, ob die Psychiater, die vor Operationen warnen, vielleicht recht haben: Möglicherweise bin ich so kaputt, dass mich kein Schönheitschirurg dieser Welt reparieren kann.

Die fertigen Ohrringe

Als die Knochenohrringe bei mir ankommen, nehme ich sie aus dem weißen Briefumschlag, fühle sie zwischen meinen Fingern und ziehe sie schließlich an. Beim Anblick des unbearbeiteten Knochens fühlte ich mich noch unwohl, jetzt verspüre ich nur Bewunderung. Christian hat etwas, das eigentlich als Abfall gilt, in etwas Wunderschönes verwandelt.

Ich trage die Ohrringe inzwischen fast täglich und spiele dabei gerne mit dem weichen Spitzen herum. Mein Therapeut findet, dass die beiden Schmuckstücke eine schöne Art sind, meinen Körper zu ehren, während ich daran arbeite, diesen endlich richtig zu akzeptieren. Die Ohrringe erinnern mich daran, dass mein Körper alles ist, was ich habe – dass er in eine neue Form gebracht, verbessert, aufgeschnitten und wieder zusammengenäht werden kann, abgesehen von den Knochen aber alles vergänglich ist (und selbst die sind irgendwann nur noch Staub). Deswegen sollte ich das Meiste daraus machen.

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