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Sex im Schlaf: Sexsomnia ist längst nicht so sexy, wie es sich anhört Sex im Schlaf: Sexsomnia ist längst nicht so sexy, wie es sich anhört

Illustration: Brandon Bird

Sex im Schlaf: Sexsomnia ist längst nicht so sexy, wie es sich anhört

30 Mai 2016

Betroffene masturbieren, betatschen die Person neben sich, haben Geschlechtsverkehr oder werden plötzlich sehr dominant. Am nächsten Morgen fehlt ihnen allerdings jede Erinnerung daran.

Sexsomnia könnte den Preis für den dümmsten Namen in der Kategorie ernstzunehmende Erkrankungen gewinnen. Als Colin Shapiro den Begriff 2003 zum ersten Mal verwendete, beschrieb sie damit mehrere Arten von Schlafstörungen, die sich immer durch ein und dasselbe Symptom äußern: die unbewusste Vollführung sexueller Handlungen. Betroffene berichten, dass sie alles verschlafen—von Stöhnen über Masturbation bis hin zu vollständigem Geschlechtsverkehr. Und wenn sie aufwachen, haben sie keinerlei Erinnerungen an ihre erotischen Eskapaden.

Was sich zunächst witzig anhört, kann sowohl für die Betroffenen als auch für die Person, die neben ihnen schläft, äußerst verstörend sein. Emily* hatte eines Tages genug von ihren nächtlichen sexuellen Aktivitäten und begann, online nach Antworten zu suchen. Per Mail hat sie uns ihr Problem detaillierter beschrieben. „Oft ist es mir peinlich und manchmal habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich wieder mal eine Episode hatte", sagt sie, „vor allem weil ich mir Sorgen mache, was ich wohl gesagt oder getan habe." Ihr Sexleben im Wachzustand beschreibt Emily selbst als sehr viel „vanilliger" und zahmer, als das ihres Sexsomnia-Ichs:

Ich werde unglaublich aggressiv und dominant, vulgär und übernehme komplett die Kontrolle. Was Sex betrifft, war ich eigentlich schon immer ziemlich ruhig und irgendwie langweilig. Ich habe immer einen großen Bogen um Dirty Talk gemacht, weil ich mir dabei immer ziemlich blöd vorgekommen bin. Zu hören, dass ich eine völlig andere Person bin, wenn ich schlafe, war irgendwie ein ganz schöner Schlag für mich. Gleichzeitig hat es mein Ego aber auch irgendwie gepusht.

Sexsomnia ist eine Form von Schlafstörung, ähnlich wie Angstträume oder Schlafwandeln. Lediglich zehn Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hat herausgefunden, dass vier Prozent der Frauen, die unter Schlafstörungen leiden, im Schlaf Sex haben. Eine Studie aus dem Jahr 2007 schlüsselte das Verhalten von Sexsomniacs nach dem Geschlecht der Betroffenen auf: Die Forscher haben festgestellt, dass Frauen, die an Sexsomnia leiden, sehr viel seltener Sex haben. Vielmehr kam es „bei Frauen fast ausschließlich zu Masturbation oder sexuellen Verbalisierungen, wohingegen es bei Männern in der Regel zu sexuellem Kontakt in Form von Liebkosungen und Verkehr mit Frauen kam", wie die Forscher berichten.

Aber wieso sollte jemand aggressiver sein, wenn er im Schlaf Sex hat? „Wenn ich höre, dass ich Sachen mache, die mir sonst absolut unangenehm wären, fange ich an, mich zu fragen, ob ich vielleicht irgendeinen Teil in mir unterdrücke, der in solchen Moment zum Vorschein kommt", sagt Emily. Auch andere Menschen mit Sexsomnia berichten von ungewöhnlich aggressivem Verhalten. „Ich bin sehr viel aggressiver [im Schlaf]. Ich habe das Vorspiel quasi direkt übersprungen", sagt Joseph, der nach eigener Einschätzung ungefähr einmal im Monat eine Episode von Sexsomnia erlebt. „[Meine Partner] waren ziemlich verwirrt, wie plötzlich und heftig all das kam."

Schlaf an sich ist sehr viel komplexer, als viele denken. Was so wirkt, als würde das Gehirn abschalten, ist in Wirklichkeit mehr wie der „Ruhemodus" auf deiner Playstation 4. Bestimmte Hintergrundfunktionen laufen immer noch: Du aktualisierst Software, lädst deinen Controller wieder auf und— wenn du an Sexsomnia leidest—versuchst du eben auch, dich mit anderen Spielern zu verbinden. Es gibt mehrere Schlafstadien, von denen verschiedene Teile unseres Gehirns und unseres Körpers betroffen sind. Sexsomnia findet im dritten Schlafstadium, dem NREM-Schlaf, statt. In dieser Schlafphase geht der präfrontale Cortex offline. Dieser ist für unsere rationalen Gedanken, Entscheidungen, Moralvorstellungen usw. verantwortlich. Grundlegende Funktionen wie Atmen oder unser Fluchtinstinkt sind noch immer extrem aktiv. Und, was für Sexsomnia eine wichtige Information ist: Unser Körper ist während der REM-Schlafphase nicht paralysiert. Sexuelle Aktivitäten im Schlaf sind nur eine von vielen Möglichkeiten, wie der Körper auf Störungen in der dritten Schlafphase reagiert. Viele Menschen reden, laufen oder essen im Schlaf, wenn sie in diesem Schlafstadium teilweise geweckt werden. Ohne den präfrontalen Cortex—das Ruder des Schiffs—ist der Körper sich selbst überlassen und versucht, seine Grundbedürfnisse zu erfüllen: Hunger, Sicherheit und Geilheit.

Foto: Seniju | Flickr | CC BY 2.0

Ohne deinen präfrontalen Cortex bist du nicht du selbst, sondern viel mehr eine laufende (oder in diesem Fall liegende) Notrufzentrale, die verantwortlich ist für Flucht, Essen und Sex. „Ich hatte eine Phase, in der ich immer aufgewacht bin, weil ich eine plötzliche Panikattacke hatte. Ich bin dann meist aufgestanden und musste herumlaufen", sagt Joseph. Josephs eigentliches Problem ist unter Umständen aber weder Sexsomnia noch Panikattacken, sondern vielmehr eine Schlafapnoe. Auch Emily hat neben der Sexsomnia noch weitere Schlafstörungen: Sie leidet unter extremen Albträumen und einem Restless-Legs-Syndrom. Wenn diese Probleme behandelt werden würden, würde auch die Sexsomnia verschwinden. Eine Studie der Medizinischen Fakultät in Stanford hat elf Menschen mit Sexsomnia behandelt. Durch die Behandlung der zugrunde liegenden Störungen konnten die Ärzte zehn von elf Betroffenen heilen. In einer Pressemitteilung, die begleitend zur Studie erschien, schrieb Dr. Christian Guilleminault: „Der Geisteszustand beeinflusst, wie sich [die Schlafstörung] darstellt." Doch das Hauptproblem ist noch immer der Schlaf.

Ist Sexsomnia das Resultat unterdrückter Persönlichkeitsanteile? Lebt der Betroffene frei von seinem wachen Bewusstsein sein „wahres Ich" aus? Die Antwort lautet ganz klar: Nein, wache Menschen sind nicht für ihre schlafenden Alteregos verantwortlich. Trotzdem ist Sexsomnia noch lange kein Freifahrtschein. Nachdem die Krankheit in Deutschland nicht offiziell anerkannt ist, kann sie auch nicht zur Verteidigung vor Gericht geltend gemacht werden, wenn der Vorwurf von sexuellem Missbrauch im Raum steht. In den USA ist die Rechtslage dagegen anders. Dort wird Sexsomnia als offizielle Krankheit anerkannt und zählt zu den sogenannten Automatismen—ein rechtlicher Begriff, der so viel bedeutet wie: „nicht Herr seiner Handlungen sein." Wie uns die Rechtsanwältin Bella Bravo erklärt, hat diese Rechtslage zwei Grundlagen: Einerseits gibt es unkontrollierte, wiederholt auftretende Bewegungen oder Handlungen (z.B. Zuckungen oder Anfälle), andererseits gibt es auch Zustände, in denen unser Bewusstsein eingeschränkt ist. Sexsomnia fällt unter beide Kategorien, nachdem der Automatismus sowohl aus einem Anfall (Option eins) als auch aus einer Schlafstörung vergleichbar mit Schlafwandeln (Option zwei) resultieren kann.

Doch auch in diesem Fall kann nicht alles mit Sexsomnia gerechtfertigt werden, denn „das Gericht kann diesen Bestand auslegen, wie es will und entscheiden, ob die andernfalls kriminellen Handlungen des Angeklagten tatsächlich unfreiwillig waren", sagt Bravo. Dr. Michel A. Cramer Bornemann, einer der führenden Ermittler der Sleep Forensics Associates, kennt solche Fälle. Er ist auf die forensische Untersuchung von Schlafstörungen spezialisiert. „Seit der Gründung unsere Vereinigung vor rund zehn Jahren, gab es zahlreiche Untersuchungen von Seiten der Strafverfolgung und Rechtsgemeinschaften wegen Fällen von Sexsomnia", sagt er gegenüber Broadly. Er erzählt uns von einem Fall, in dem ein Vater beschuldigt wurde, seine Tochter belästigt zu haben. Der behauptete, Schlafwandler zu sein, aber tat Dinge, die für Bornemann darauf hinwiesen, dass der Mann unter keiner Schlafstörung litt. Dass er die Tür zum Zimmer seiner Stieftochter geöffnet und geschlossen und ihr Kissen zurechtgerückt hat, deutete in diesem Fall auf eine höhere Gehirnaktivität hin, als sie für eine Episode von Sexsomnia typisch ist.

Wie wir am Fall von Joseph und Emily gesehen haben, waren die beiden zwar sehr viel aggressiver im Schlaf, aber keiner von ihnen hat das Bett verlassen. Wer die Initiative ergreift, um aufzustehen und eine Tür zu öffnen, leidet also nicht zwingend unter Sexsomnia, sondern ist ein Triebtäter, der zur Verantwortung gezogen werden muss.



*Name wurde geändert.

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