Foto: imago | Westend61

„Die dunkle Seite von Frauen wird unterschätzt“: wie Frauen morden

Frauen spenden Leben, nähren und ziehen auf. Aber manche nehmen auch Leben—und unterscheiden sich in der Art und Weise, wie sie das tun, oftmals von männlichen Tätern.

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Juni 2 2016, 6:00am

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Denkt man an berühmte Mord- und Kriminalfälle im deutschsprachigen Raum, dürften vielen auf Anhieb ein paar Namen einfallen: Fritzl, Priklopil, Jack Unterweger, Tibor Foco, Wolfgang Schmidt alias der „Rosa Riese" oder Olaf Däter, der „Oma-Mörder". Was all diese Namen eint: Ihre Opfer waren Frauen, sie selbst waren, beziehungsweise sind, Männer. Das mag die antiquierte These stützen, dass es sich bei Frauen um das „schwache", sanftmütige Geschlecht handelt und Mordlust, rohe Gewalt oder sexueller Missbrauch eher Männern zugeschrieben werden. Gleichzeitig sind es aber eben auch die männlichen Täter, die mystifiziert werden oder um die sich sogar ein regelrechter Kult bildet— so wie es zum Beispiel bei den Frauenmördern Unterweger oder Foco passierte, der übrigens bis heute nicht gefunden werden konnte, nachdem er im Jahr 1995 im Rahmen einer für österreichische Verhältnisse spektakulären Aktion aus dem Linzer Gefängnis ausgebrochen war.

Dabei ist der letzte spektakuläre Doppelmord in Österreich, der von einer Frau begangen wurde, gar nicht so lange her. Die sogenannte „Eislady", Estibaliz Carranza, ermordete im Jahr 2008 erst ihren deutschen Ex-Ehemann, der sie laut ihren Aussagen jahrelang unterdrückte, und zwei Jahre später ihren damaligen Lebensgefährten. Die beiden Leichen zerstückelte sie und mauerte sie in ihrem Eissalon, der „Schleckeria", ein. Vor dem Wiener Landesgericht wurde sie 2012 zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Aber die „Eislady" ist nicht die einzige bekannte Mörderin. Da gibt es zum Beispiel noch Irene Becker, die als Krankenschwester in der Intensivstation der Berliner Charité fünf Menschen tötete, indem sie ihnen einen stark blutdrucksenkenden Medikamenten-Cocktail spritzte—was ihr schließlich auch den Spitznamen „Die Todesspritzerin" einbrachte. Beschäftigt man sich eingehender mit der Geschichte von mordenden Frauen in Österreich und Deutschland, stößt man schnell auf zwei berühmte Fälle: Martha Marek alias „Der blonde Engel von Wien" und Elfriede Blauensteiner, die „schwarze Witwe von Wien". Martha Marek machte in den 1920er Jahren eine große Erbschaft, die sie innerhalb von wenigen Jahren mit ihrem neuen, jüngeren Ehemann Emil aufbrauchte. Das Paar wollte seinen gewohnten Lebensstil allerdings halten—und machte in den nächsten Jahren Schlagzeilen mit einem spektakulären Versicherungsbetrug: Emil hatte vorgegeben, beim Zerkleinern von Holz ein Bein verloren zu haben, nachdem seine Frau nur einen Tag zuvor eine hohe Lebens- und Unfallversicherung abgeschlossen hatte. Im Endeffekt stellte sich heraus, dass er es sich vorsätzlich mit drei Axthieben selbst abgehackt hatte. Als Martha für diesen Versicherungsbetrug eine Gefängnisstrafe absitzen musste, teilte sie sich eine Zelle mit der Mörderin Leopoldine Lichtenstein, die ihren Ehemann mit Rattengift ermordet hatte.

Frauen sind nicht die besseren Menschen, nur weil sie Kinder gebären und aufziehen können.

Ein Umstand, der die anscheinend zu allem bereite Österreicherin inspirierte. Sowohl ihr Mann, als auch eines ihrer Kinder starben innerhalb kurzer Zeit an ähnlichen Vergiftungssymptomen und die „trauernde Witwe" erhielt im Anschluss mehrere Spenden. Außerdem bekam sie eine große Erbschaft einer ihrer Tanten, die ebenfalls kurze Zeit später mit schweren Magenkrämpfen und Lähmungserscheinungen verstarb—die selben Symptome, die auch bei ihrem Mann und ihrem Kind aufgetreten waren. Ihr nächstes Opfer war eine Schneidermeisterin, die sie vorher überredet hatte, eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten abzuschließen. Eine anschließende Untersuchung ergab, dass Marek ihre Opfer mit der selben Rattengift-Paste ermordet hatte, die auch Leopoldine Lichtenstein verwendet hatte. Marek war die erste Frau, die in Österreich, das zu diesem Zeitpunkt kurz zuvor an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, hingerichtet wurde. Zuvor war es üblich, Frauen zu lebenslanger Haft zu begnadigen.

Elfriede Blauensteiner, die „schwarze Witwe", suchte sich ihre Opfer über Kontaktanzeigen. Es handelte sich dabei um Pflegebedürftige, die sie um ihr letztes Erspartes brachte. Sie ließ von einem Anwalt Testamente fälschen, die jeweils festhielten, dass sie das verbliebene Vermögen erben solle—anschließend sorgte sie dafür, dass ihre Gönner schnell das Zeitliche segneten. Sie verabreichte ihnen ein blutzuckersenkendes Medikament in Kombination mit einem Antidepressivum und legte ihnen dann ein eiskaltes Handtuch auf die Stirn, was die bewusstlosen Opfer schließlich erfrieren ließ. Anschließend verprasste die Spielsüchtige das geerbte Geld in Casinos. 1997 wurde Blauensteiner zu lebenslanger Haft verurteilt. In die Geschichte ging sie jedoch nicht nur mit ihren Morden, sondern auch mit ihren Auftritten vor Gericht ein, bei denen sie stets ihre Unschuld beteuerte. Einmal erschien sie mit einem Kruzifix und zitierte aus dem Neuen Testament. 2003 starb die „schwarze Witwe".

Diese beiden Fälle zeigen recht deutlich, dass sich männliche und weibliche Täter oftmals in ihrer Vorgehensweise unterscheiden. Ebenso wie bei Racheakten nach Trennungen, handeln Männer oft impulsiv und aggressiv. Frauen gehen hingegen still und heimlich vor—wenn auch natürlich nicht ausnahmslos.

Amanda Knox, „Der Engel mit den Eisaugen". Sie stand wegen Mordes an einer Austauschstudentin vor Gericht, wurde jedoch in letzter Instanz freigesprochen. | Foto: imago | Milestone Media

Sigrun Roßmanith, Fachärztin für Psychiatrie, Gerichtsgutachterin und Autorin des Buches Sind Frauen die besseren Mörder? hat in ihrer Tätigkeit schon tiefe Einblicke in die Seele von Straftäterinnen bekommen. Gegenüber Broadly erklärt sie, warum Frauen bei Morden oft anders vorgehen als Männer: „Frauen gehen taktisch und überlegt vor. Natürlich gibt es auch abrupte Beziehungs- und Gewaltdelikte, zum Beispiel wenn eine Frau über lange Zeit geschlagen wurde. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich da alles Aufgestaute in einem Moment entlädt, wie zum Beispiel bei der Eislady, die ihren Mann erschossen hat. In der Regel können Frauen aber besser abwarten, sind geduldiger, raffinierter. Frauen töten auch oft, weil sie sich nicht trennen können."

Das alles bedeute aber nicht, dass Frauen im allgemeinen weniger zu aggressiven Handlungen neigen: „Weil sie weniger körperliche Kraft besitzen, müssen sie sich mehr einfallen lassen, hinterrücks agieren, ihre Opfer im Schlaf betäuben zum Beispiel."

Auf die Frage, ob Mord zum sexuellen Lustgewinn eine reine Männerdomäne sei, sagt Roßmanith: „Frauen, die Sexualstraftäterinnen sind, stellen eine eher kleine Gruppe dar. Aber es gibt sie auf jeden Fall. Frauen haben auch oft sadistische Veranlagungen, die sie beim Morden ausleben." Das konnte Roßmanith unter anderem in ihrer Tätigkeit als Gutachterin bei Elfriede Blauensteiner, der „schwarzen Witwe" feststellen: „Auch Blauensteiner hatte einen sadistischen Anteil. Sie wollte ihre Opfer dahinsiechen sehen, Macht empfinden und über deren Leben entscheiden. Viele Frauen leben diese Bedürfnisse auch gemeinsam mit einem Partner aus oder werden von den Schreien ihrer Opfer erregt. Das Zufügen von Schmerz und Betteln der Opfer verleiht ihrem Selbstwertgefühl Flügel."

Grundsätzlich scheint es, als wären mordende Frauen einerseits ein Tabu und andererseits etwas, das oft idealisiert wird. „Es ist ein Tabu, dass Frauen und Mütter töten. Denken Sie an die Eislady: An der war das Skurrile, an dem sich die Medien aufgehängt haben, dass da eine Schwangere auf der Anklagebank sitzt, die zwei Männer getötet hat. Frauen spenden Leben, geben, schützen, nähren. Dass sie auch eine dunkle, destruktive Seite haben, wird oft unterschätzt und verdrängt. Man traut Frauen nicht zu, dass sie morden, denn dann müsste man zum Beispiel auch der eigenen Mutter einen Mord zutrauen."

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Liest man im Boulevard von Mörderinnen, findet man oftmals Schlagzeilen wie „Schönste Killerin der USA hinter Gittern" oder „Sexy Mörderin gefasst". Die Täterinnen bekommen Namen wie „schwarze Witwe" (Elfriede Blauensteiner), „Engel mit den Eisaugen" (Amanda Knox) oder „Eislady" (Estibaliz Carranza) zugeschrieben. Aber warum ist das so? Warum schwingt so oft, wenn eine Frau als Mörderin im Rampenlicht steht, ein sexualisierter Unterton mit? Sigrun Roßmanith erklärt sich dieses Phänomen schlicht und einfach dadurch, dass das Böse die Menschen fasziniert und Mörderinnen oftmals von der Öffentlichkeit idealisiert werden: „Da wird einfach der Sexappeal der Frauen hervorgehoben. Ich möchte nicht wissen, wie viele Anträge Amanda Knox ins Gefängnis bekommen hat. Auch die Eislady ist heiß begehrt, das ist ja bekannt."

Die Frage, ob Frauen die „besseren" Mörder sind, bleibt unbeantwortet. Fest steht aber, dass sie oft anders morden: taktisch, überlegt, hinterrücks. Und sie ermorden selten Unbekannte. Das macht sie allerdings nicht weniger gefährlich, wie Roßmanith betont: „Nicht nur Männer sind zu vielem fähig. Frauen sind nicht die besseren Menschen, nur weil sie Kinder gebären und aufziehen können."