Illustration: Sarah Schmitt

Sexy Krankenschwester, strenge Lehrerin: der Alltag als Porno-Klischee

Polizistinnen, Stewardessen, Krankenschwestern und Lehrerinnen haben eines gemeinsam: Ihr Beruf gilt als erotische Männerfantasie. Wir haben mit ihnen über ungewollte Flirts und sexuelle Übergriffe gesprochen.

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06 April 2016, 6:00am

Illustration: Sarah Schmitt

Allen bekennenden Porno-Konsumenten, die sich mehr oder weniger regelmässig in die unendlichen Weiten des Internetporno-Universums begeben, wird bestimmt schon Folgendes aufgefallen sein: Für viele Männer scheint es nichts sexuell erregenderes zu geben, als sich von einer sexy Krankenschwester mit üppigem Vorbau und kurzem Minirock verarzten, oder sich von einer willigen Sekretärin jeden Wunsch von den Augen ablesen zu lassen.

Sucht man auf einschlägigen Internetseiten zum Beispiel nach dem Begriff „Nurse", zu deutsch: „Krankenschwester", springen einem die Videos förmlich entgegen. Es gibt harmlosere Filme mit Titeln wie „Nasty blonde nurse" oder etwas extravagantere wie „Nasty old nurse gapes her pussy", bei denen der Name Programm ist. Der Fantasie sind also keine Grenzen gesetzt. Wie sehr Pornoklischees Einfluss darauf nehmen, wie „sexy" eine Berufsgruppe wahrgenommen wird, zeigt sich in schönster Regelmäßigkeit in mal mehr, mal weniger repräsentativen Umfragen.

Als die Mean's Health 2008 von ihren Lesern wissen wollten, welche Frauenberufe ihrer Meinung nach am meisten Sex-Appeal hätten, landeten Krankenschwestern knapp hinter Stewardessen auf dem zweiten Platz. Auch das Erotikportal MyDirtyHobby hat 2015 mal genauer hingeschaut und eine Auswertung zu den Suchanfragen der deutschen Nutzer gemacht. Die Ergebnisse waren fast identisch. Doch, wie realitätsnah sind diese ganzen Pornofantasien? Stöckeln Krankenschwestern wirklich den ganzen Tag in hohen Schuhen und knapp bekleidet durch die Flure und warten Sekretärinnen tatsächlich nur so darauf, vom nächsten Klienten auf dem Bürotisch flachgelegt zu werden? Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man in einem Berufsfeld tätig ist, von dem insbesondere Männer eine recht ... idealisierte Vorstellung haben?

„Ich arbeite schon seit vier Jahren als Sekretärin und ich bin noch nie Nägel feilend und breitbeinig auf meinem Schreibtisch gesessen und habe auf einen Kunden gewartet!", erzählt uns Denise, Sekretärin eines Heidelberger Großunternehmers. „Ich weiss aber auch, dass das in Pornos oft so dargestellt wird. Das wirft einfach ein falsches Bild auf meinen Beruf und hat mit der Realität gar nichts am Hut." Tanja Thelen, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Sexualtherapeutin, erklärt uns, weshalb einzelne Berufsbilder als besonders sexuell attraktiv wahrgenommen werden: „Bei Sekretärinnen ist es so, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes Mädchen für Alles sind. Sie kümmern sich auch um private Angelegenheiten, sind sozusagen ‚willig"', was im Gegensatz zu anderen Berufsbildern eher als devot und unterwürfig dargestellt wird."

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„Ich habe nur einmal eine schlechte Erfahrung mit einem Kunden gemacht", erzählt Denise weiter. „Das Büro in dem ich arbeite, ist so gebaut, dass man den Fahrstuhl zwar nicht sieht, aber irgendwie alles hört, was dort geredet wird. Ein Kunde und sein Kollege kamen aus dem Lift, blieben kurz dort stehen und ich hörte, wie einer von Beiden sagte: „‚Ich hoffe, da sitzt wieder diese kleine geile Sekretärin, die ich gerne mal so ordentlich durchnehmen würde!'" Eine unangenehme Situation—nicht zuletzt, weil besagter Kunde vom Alter her ihr Vater hätte sein können. Auch Leonie, Krankenschwester und Stationsleiterin in einem Kölner Krankenhaus, kennt sexuelle Anspielungen seitens der Patienten sehr gut. „Ich glaube, bei den meisten ist das Bild der sexy Nurse noch immer irgendwie präsent im Kopf, besonders bei den etwas älteren Herren. Die jüngeren Patienten versuchen vielfach nur auf eine nette Art zu flirten. Ein Patient hat mal gesagt, dass er mir gerne beim Sex zuschauen würde, das war noch so das Harmloseste. Mir wurde schon Geld für Sex angeboten und ich wurde auch mal angefasst", erzählt die 26-Jährige.

Weshalb der Beruf der Krankenschwester besonders anziehend auf Männer wirkt, erklärt die Sexualtherapeutin Tanja Thelen so: „Zwei Komponenten spielen hier eine wichtige Rolle: Erstens die Uniform und zweitens das Thema Macht und Unterwerfung. Krankenschwestern tragen meist eine weiße Uniform, was wiederum etwas Reines symbolisiert. Sie versorgen Patienten, kümmern sich um sie und haben keinerlei Berührungsängste gegenüber Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen." Leonie räumt das Klischee der sexy Krankenschwesternuniform jedoch aus dem Weg: „Das typische Bild der Krankenschwester ist in Wahrheit ein ganz anders: Wir tragen oft viel zu große Arbeitshosen die wir umschlagen müssen, damit sie nicht über den Boden schleifen. Wir haben undefinierbare Flecken auf unseren Arbeitsklamotten, die von Blut bis hin zu Kot eigentlich alles sein könnten, und es kommt vor, dass gelbes Zeug in unseren Haaren klebt, was sich nicht selten als Eiter herausstellt. Das ist dann schon nicht mehr so sexy."

Die ehemalige Polizistin Lena stimmt dieser Aussage ebenfalls zu: „Auch wir Polizistinnen rennen nicht in Netzstrümpfen und Hotpants durch die Gegend. Das wäre doch viel zu unbequem!", sagte sie lachend. Für Tanja Thelen kommen bei der Sexualisierung der Polizistin beide bereits erwähnten Komponenten ins Spiel: Die Uniform und die Machtausübende, die bestrafen kann, sollte man nicht gefügig sein. Ex-Polizistin Lena erzählt weiter: „Ich habe einige Male bei Verhaftungen den Spruch ‚Oh, schlagen Sie mich jetzt, Frau Sexy-Polizistin?' gehört, aber da muss man einfach drüberstehen. In der Ausbildung lernt man, solche dummen Sprüche zu ignorieren. In Einsätzen ist es meistens so, dass die männlichen Kollegen eingreifen, wenn sie sehen, dass wir sexuell belästigt oder diskriminiert werden."

Selina, Lehrerin an einer deutschen Schule in Italien, erläutert uns ebenfalls eher ernüchternde Tatsachen zum Dasein als Lehrerin: „In Klassenräumen herrschen ganz klare Vorschriften und so werden, wie in Pornos vielfach dargestellt, kurze Röcke und tiefe Ausschnitte auf gar keinen Fall toleriert. Das Bild der sexy Lehrerin im engen kurzen Kleid und den hohen Schuhen ist definitiv etwas, das die Pornoindustrie geschaffen hat. Keine Lehrerin kann sich erlauben, so zu unterrichten." Lehrerinnen hätten zwar keine Uniform, wie Tanja Thelen uns erklärt, jedoch erzieherische Fähigkeiten. „Sie werden in Pornos oftmals als Strenge und Bestrafende dargestellt. Hier geht es eindeutig um Macht und Unterdrückung. Wir sprechen aber nicht von Sado-Maso-Spielchen, sondern von Gefügigkeit, bestraft werden und hörig sein."

Illustration: Sarah Schmitt

Selina betont, dass sie zwar schon oft den Spruch „So eine Lehrerin wie dich hätte ich auch gerne gehabt!" gehört hat, jedoch immer im positiven und nicht im anzüglichen Sinne. Aber wie ist es denn nun bei den Flugbegleiterinnen, laut Umfragen schließlich die Nummer Eins unter den sexuell konnotierten Berufen? Claudia, Stewardess bei einer Tochtergesellschaft der Lufthansa, hat für uns mal reinen Tisch gemacht und erklärt, ob sie die Begeisterung für ihre Profession nachvollziehen kann.

„Einerseits schon, andererseits nicht. Männer haben noch immer ein sehr klischeehaftes Bild von Flugbegleiterinnen. In fast keinem Beruf spielt die Uniform bei Frauen in heutiger Zeit noch eine so große Rolle, in vielen wurde sie sogar abgeschafft. Ich glaube, genau diese Uniform, die oftmals aus hohen Schuhen, Jupes und teilweise rotem Lippenstift besteht, ist das, was die Männer besonders reizt—zumal man das nicht jeden Tag sieht."

Claudia verrät außerdem, dass sie in der Öffentlichkeit dank ihrer Uniform viele neugierige Blicke erntet. Sie glaubt jedoch auch, dass viele, die hinschauen, gar keine sexuellen Hintergedanken hätten, sondern eher vom gesamten Erscheinungsbild fasziniert wären. Die 28-Jährige hat zwar schon Visitenkarten zugesteckt bekommen, aber dennoch würden die meisten sehr positiv auf ihren Beruf reagieren. Vielfach werde sie auch nach ihrem Lifestyle gefragt, wie der Ablauf bei Langstreckenflügen aussehen und wie man so mit dem Jetleg umgehen würde. Auch die Beziehungen zwischen Piloten und Flugbegleiterinnen sind immer mal wieder ein Thema, oft will man von Claudia wissen, ob man diesem Klischee glauben schenken soll und ob in dieser Hinsicht tatsächlich viel los sei.

Die Sexualtherapeutin erklärt uns, dass besonders bei Stewardessen die Uniform im Vordergrund stehen würde, da Flugbegleiterinnen leider noch immer bestimmte Maße erfüllen müssten. „Sie dürfen nicht zu klein und nicht zu füllig sein, müssen ein attraktives Erscheinungsbild haben. Sie bedienen die Fluggäste, sind immer freundlich und versuchen jeden Wunsch zu erfüllen. Ähnlich wie die Sekretärin ist die Stewardess [darin, wie sie wahrgenommen wird] auch eher devot und unterwürfig." Da der Beruf der Flugbegleiterin ein Dienstleistungsberuf ist, müssen diese stets nett und zuvorkommend sein. Eine berufsbedingte Freundlichkeit, die schnell mit Flirten verwechselt werden kann: „Manch einer meint, hier weitergehen zu können. Stewardessen lernen in Schulungen aber, mit betrunkenen und pöbelnden Passagieren umzugehen und sich professionell abzugrenzen."

Wie Tanja Thelen erklärt, bringt die Sexualisierung bestimmter Berufsgruppen auch die Gefahr mit sich, dass die Ausübenden vermehrt sexuell belästigt werden könnten. Von sexueller Diskriminierung betroffene Frauen müssten sich daher besser schützen. „Die Abgrenzung ist hier sehr wichtig. Wann überschreitet jemand meine persönliche Grenze und wie reagiere ich darauf? Ich denke, dass Frauen in diesen Berufen noch mehr Kraft aufwenden müssen, sich gegen diese Klischees, schlimmer noch gegen Übergriffe und Diskriminierungen, zu wehren. Es gibt viele Frauen, die aus Angst vor Jobverlust vieles über sich ergehen lassen und den Weg zur Geschäftsleitung oder Polizei nicht gehen. Es ist auch bekannt, dass Betroffene nicht immer ernst genommen werden und/oder aus Scham keine Anzeige erstatten."

Es ist also nicht zwingend die Pornoindustrie, die einen Beruf zum „Fetisch" macht. Ob und warum jemand einen Fetisch entwickelt, hängt von der Person selbst und deren Erfahrungen und Prägungen ab. Es kann durchaus sein, dass jemand, der in seiner Kindheit gute Erfahrungen mit Krankenschwestern gemacht hat, eine gewisse Vorliebe für diese Berufsgruppe entwickelt und diese als sexuell anziehend empfindet. Das Recht, sich Vertretern ebenjener Berufsgruppe auf sexuelle Art und Weise zu nähern, hat er dadurch aber natürlich nicht.

„Niemand soll sexuelle Diskriminierung tolerieren müssen", beschließt Sekretärin Denise unser Interview. „Im Nachhinein betrachtet, würde ich dem perversen Kunden so Einiges an den Kopf werfen. Leider fielen mir die passenden Worte damals nicht ein, ich war so perplex. Wir Frauen müssen uns eindeutig viel öfter zur Wehr setzen und unserem Gegenüber nur schon bei dummen Sprüchen zu verstehen geben, dass wir das so nicht akzeptieren!"