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Selbstliebe reicht nicht: Im Gespräch mit einer Fettaktivistin

Mit ihrem Buch 'Fa(t)shionista' will Magda Albrecht zeigen, welche Unwahrheiten über dicke Körper wir auch heute noch glauben – und wird dafür massiv angefeindet.

Lisa Ludwig

Lisa Ludwig

Foto: Hans Scherhaufer

Sieht man fülligere Menschen im Fernsehen, dann meistens in einem negativen Kontext. Als undisziplinierte Trash-TV-Kandidaten zum Beispiel, oder in einer Show, in der am Schluss die Person gewinnt, die am meisten abnimmt. Ein dicker Körper, so scheint es, bestimmt von vornherein, wie eine Person in unserer Gesellschaft wahrgenommen wird. Noch bevor sie den Mund aufgemacht hat. Dickendiskriminierung wird von vielen nicht ernstgenommen, treibt große Teile der Bevölkerung aber ganz systematisch in Depressionen oder schließt sie vom öffentlichen Leben aus. Magda Albrecht will das ändern.

Die Bloggerin und Aktivistin hat mit Fa(t)shionista ein Buch veröffentlicht, in dem sie erklärt, wie man es "rund und glücklich durchs Leben" schafft. Neben motivierenden Sprüchen zum Über's-Bett-Hängen, will Albrecht aber vor allem das Bild der faulen, ungebildeten Dicken aufbrechen, die nicht nur an ihrem Körper, sondern auch am Leben "gescheitert" sind. Uns erklärt die Berlinerin, warum der BMI eine so gefährliche Lüge ist – und wieso die Body-Positivity-Bewegung nicht weit genug geht.

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Broadly: Body Positivity an sich wird aktuell sehr positiv angenommen. Sei es nun von Medien, die darüber berichten, oder von Nutzern auf Instagram oder Twitter. Warum scheint sich das nicht auf unser gesellschaftliches Bild eines "angemessenen" Körpers auszuwirken?
Magda Albrecht: Teile von Body Positivity sind schon ganz gut im Mainstream angekommen, allerdings nur ganz bestimmte Ideen. Diese zum Teil sehr oberflächlichen "Lieb dich doch einfach selbst"-Botschaften zum Beispiel, weil sie sehr viele Menschen betreffen. Es ist ja nicht nur so, dass dicke Frauen vor dem Spiegel stehen und sich ätzend finden. Die meisten Frauen stehen vor dem Spiegel und finden sich ätzend. Es ist gewollt, dass wir uns selber als mangelhaft empfinden, damit wir immer noch etwas an uns verbessern können, und das hat nicht nur mit Gewicht zu tun. Dickendiskriminierung bezieht sich aber nicht nur darauf, wie man sich selbst sieht. In der Arbeitswelt wird der BMI zu Rate gezogen, um zu gucken, ob Leute verbeamtet werden können. Flugbegleiterinnen werden zum Bodenpersonal versetzt, wenn sie über Größe 40, 42 sind, was weniger Geld bedeutet. Das ist ein gesellschaftlicher Zeitgeist, in dem es nicht reicht, sich einfach nur selbst zu lieben.

Hast du das Gefühl, dass dicken Menschen so ein bisschen die Lobby fehlt?
Ich würde schon sagen, dass es vor allem medial diese stark formierte Idee einer "dicken, faulen Unterschicht" gibt. Ich sehe selbst bei vielen linken Leuten, dass die sich darüber lustig machen. An sich glaube ich, dass das Thema Dickendiskriminierung kein sonderlich beliebtes ist. Das ist anstrengend, nervig und man bekommt massive Gegenwehr. Ich setze einen Tweet ab und habe zehn Replies, dass ich eine fette Sau bin und übermorgen sterben werde. Das muss man auch erstmal aushalten können. Es gibt diesen Spruch, dass Dickendiskriminierung das letzte ist, was man noch bekämpfen muss. Dann ist alles gut. Das glaube ich allerdings nicht, dafür gibt es zu viele Probleme in unserer Welt.


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Wer sagt das?
Ich verfolge die Diskussionen in fettaktivistischen Communities und Bodypositivity-Foren und da kommt dann eben manchmal hoch: "Gegen Sexismus und Rassismus gibt es Gesetze, aber gegen uns Dicke kann man immer noch alles sagen!" Das stimmt einerseits, das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz hat Gewicht nicht als Kategorie aufgenommen. Es ist für die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung gerade ein wichtiger Kampf, dass Gewicht als Diskriminierungsgrund anerkannt und damit eben auch klagbar gemacht wird. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass das die letzte zu bekämpfende Diskriminierungsform ist, weil alles andere schon "viel besser" ist. Ich habe mich schon zu viel mit Sexismus und Rassismus befasst, um zu wissen, dass das nicht stimmt.

"Es wird von dicken Menschen permanent verlangt, dass sie entweder abnehmen oder zumindest permanent ausrufen: 'Ich will aber abnehmen!'"

Du hast den Hass schon angesprochen, der einem oft entgegenschlägt, wenn man sich als dicke Person öffentlich äußert. Warum sind die Leute so wütend?
Zum Einen höre ich sehr oft, mal mehr, mal weniger offen gesagt: "Ihr dicken Leute liegt uns mit euren Gesundheitsproblemen auf der Tasche." Das ist ein krasser Mythos, der der Realität so überhaupt nicht standhält. Es lässt sich nicht lupenrein feststellen, ob eine Krankheit wegen hohem Gewicht oder tausend anderen Faktoren entstanden ist. Diabetes Typ 2 bekommen ja schließlich auch schlanke Menschen. Außerdem ist es eine total kapitalistische, neoliberale Sicht, Körper dahingehend einzuteilen, wie viel sie das Gesundheitssystem kosten. Auf der anderen Seite hat natürlich auch jeder einen Körper und eine ganz bestimmte Beziehung dazu. Viele schlanke Menschen glauben, dass sie sich ihren Körper dadurch erkämpft haben, dass sie einmal die Woche zum Sport gehen. Aber guess what: Mache ich auch! Außerdem stellt sich mir die Frage, ob es wirklich das Lebensziel für uns alle sein sollte, uns alle halbtagsmäßig damit zu beschäftigen, unseren Körper so optimal hinzubekommen wie möglich. Mein Leben ist das nicht, ich habe andere Ziele und Träume.

Das heißt, die Wut kommt auch daher, dass sich andere vermeintlich "gehen lassen" und sich nicht quälen?
Ich kann nur mutmaßen, aber vielleicht ist das tatsächlich ein Punkt. Es wird von dicken Menschen permanent verlangt, dass sie entweder abnehmen oder zumindest permanent ausrufen: "Ich will aber abnehmen!" Das ist unsere gesellschaftliche Rolle. Wenn ich aber sage, dass ich mit mir zufrieden bin, dann rebelliere ich dagegen. Dann erfülle ich die mir aufgelegte Aufgabe im Leben nicht. Aber warum müssen wir uns denn überhaupt so gut wie möglich optimieren, nur um dann möglichst lange gesund zu leben? Selbst wenn irgendwann eine riesengroße Studie rauskommt, die klar beweist, dass ein BMI über 30 zu dieser oder jener Krankheit führt – dann muss das immer noch nicht heißen, dass ich alles tun muss, um abzunehmen.

Foto: Hans Scherhaufer

Man muss ja auch sagen, dass diese Diskriminierung eine große mentale Belastung darstellt. Es gibt genug dicke Menschen, die Probleme haben, in der Öffentlichkeit zu essen. Oder man sich im Sommer lieber totschwitzt, als etwas anzuziehen, was zu viel Haut zeigt.
Ich zitiere in meinem Buch eine Studie von Linda Bacon, eine der bekanntesten Forscherinnen im "Health at every size"-Bereich. Sie hat die teilnehmenden weißen Frauen mit einem BMI über 30 in zwei Gruppen eingeteilt. In der einen Gruppe haben sich die Frauen kritisch mit Gewichtsdiskriminierung und Körpernormen befasst. Die andere Gruppe hat sich an sehr strenge Diätparameter gehalten. Das Ergebnis war, dass die Gesundheitswerte der Frauen aus der Diätgruppe sich eher verschlechtert haben, weil der Druck so groß war. Die andere Gruppe hat hingegen kein Gewicht verloren, ihre Werte haben sich aber verbessert. Die These der Wissenschaftlerin war also: Wenn man den Druck aus dieser ganzen Körperdebatte herausnimmt, kann man erreichen, dass dicke Menschen bessere Gesundheitswerte haben.

Ist es also wirklich der dicke Körper, der dafür sorgt, dass Menschen höheren Blutdruck und die angeblichen "Dickenkrankheiten" bekommen, oder ist es eher der Stress, der damit verbunden ist, mit so einem Körper durch die Welt zu laufen? Beweisen kann man das nicht, aber es gibt auch Studien, die hohe Depressionsraten innerhalb schwarzer Communities in den USA festgestellt haben. Ist es der schwarze Körper, oder ist es nicht doch eher der Rassismus, der damit zu tun hat, dass Menschen depressiv werden?

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Wenn eine nicht schlanke Frau interviewt wird, wird sie oft auch auf ihren Körper angesprochen – egal ob im positiven oder negativen Sinne. Stört dich das?
Wenn ich eine Musikerin oder Schauspielerin interviewen würde, würde ich diese Frage nicht stellen. Es sei denn, sie selbst bringt es auf den Tisch. Bei Beth Ditto fände ich es viel spannender, etwas über ihr Schaffen als Musikerin zu erfahren, als in jedem verdammten Interview zu lesen, dass sie eine "stolze dicke Frau" ist. Wenn ich ein Interview mit ihr lese, dann sehe ich ja, dass sie eine dicke Künstlerin ist. Stell dir vor, ich lese das und es geht nicht um ihr Gewicht. Das wäre doch schon fast radikal, weil sie einfach existieren darf! Was wir bisher aber gelernt haben ist: Dicke Leute müssen immer noch einen Satz dazu sagen, dass sie dick sind.

Es ist immer ein Prozess, sich selbst zu akzeptieren. Gab es irgendein Buch, eine Serie, einen Song, ein Zitat, das dir auf dem Weg dahin geholfen hat?
Es gibt einen Satz von Virgie Tovar, der mich die letzten Jahre hindurch begleitet hat: "My fat is political", mein Fett ist politisch. Das fand ich für mich sehr wichtig. Es hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie politisch eigentlich über Körper gesprochen wird, auch wenn wir das gar nicht als politisch wahrnehmen. Mein Fett wird auch von anderen politisiert. Mein Fett kann nicht einfach nur sein, es wird mit Stigmata aufgeladen und mit negativen Attributen belegt. Kategorien wie Normal- oder Übergewicht, perfekt und nicht perfekt, sind keine objektiven, neutralen Einteilungen. Das hat etwas mit Gesellschaft und auch mit politischer Ideologie zu tun. Und die ist gerade so gestrickt, dass dicke Menschen eigentlich keinen Blumentopf gewinnen können.

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