Alice und Maxi | Alle Fotos: Hakki Topcu

"Sie kann niemand ersetzen": Frauen erzählen von ihrer besten Freundin

Yasmina Banaszczuk

Yasmina Banaszczuk

Sie sind immer für uns da, trösten uns, lachen mit uns, und begleiten uns ein Leben lang: Freundschaften. Zeit für eine Liebeserklärung.

Alice und Maxi | Alle Fotos: Hakki Topcu

Allerbeste Freundinnen für immer und ewig oder gnadenloser Zickenkrieg: Die Beziehungen von Frauen zu anderen Frauen werden oft in Extremen gedacht. Doch wie sehen Freundschaften zwischen Frauen wirklich aus? Muss man jeden Tag stundenlang telefonieren, überall zusammen hingehen und der Anderen alles erzählen, damit eine Freundschaft hält? Oder geht es vielleicht auch ein bisschen lockerer?

Wir haben Frauen von Anfang 20 bis Mitte 80 gefragt, was ihre Freundschaft so besonders macht, wie sich ihr Verständnis von Freundschaft im Laufe der Zeit entwickelt hat, und warum gerade diese andere Person ihre beste Freundin ist. Schnell stellt sich heraus: So unterschiedlich die Frauen, so unterschiedlich die Freundschaften.

Maxi (29) und Alice (29)

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Alice: Wir waren bei einer gemeinsamen Freundin auf dem Geburtstag. (Zu Maxi) Kannst du das erzählen mit dem Buddha?
Maxi: Ich wurde als Kind kleiner Buddha genannt, weil ich ein kleiner Mops war, mit ganz dicken Backen. Als ich das Alice erzählt habe, war sie ganz entrüstet: "Was fällt dir ein! Ich bin Buddhistin!" (beide lachen) Dann haben wir uns ein bisschen kritisch beäugt, aber eigentlich fanden wir uns toll. Wir sind zusammen in die 5. Klasse gekommen, haben um die Ecke voneinander gewohnt, und waren sofort beste Freundinnen. Das ist jetzt fast 18 Jahre her. Wir haben fast jeden Nachmittag miteinander verbracht. Bis Alice in der elften Klasse ins Ausland gegangen ist, hat sie sogar jeden Montag bei mir übernachtet.


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Was bedeutet Freundschaft für euch?
Maxi: Freundschaft bedeutet für mich, dass man sich vertraut. Dass man sich nicht in den Rücken fällt, dass man sich unterstützt. Mir ist auch sehr wichtig, dass man keinen negativen Vibe bekommt. Dass man zusammen lachen kann, sich alles erzählen kann. Beständigkeit.

Alice: Freundschaft ist für mich oft ein Spiegel. Die Leute, mit denen man befreundet ist, sagen sehr viel über einen selbst aus. Deshalb bin ich froh, dass ich so tolle Freundinnen hab. Was ich an meinen Freundschaften schätze ist Ehrlichkeit. Eine Freundschaft gibt mir Halt.

Wie hat sich euer Verständnis davon im Laufe der Zeit entwickelt?
Alice: Bei Freundschaften gibt es, wie bei anderen Beziehungen auch, Momente, wo man sich neu austarieren muss. Sich selber finden und sich außerhalb der Freundschaft ausprobieren und dann wieder zusammenfinden, war für uns eine wichtige Erfahrung. Dabei ist es eigentlich ziemlich ungewöhnlich, erwachsen zu werden und eine Freundschaft zu behalten.

Maxi: Wir haben uns früher viel darüber definiert, dieses Duo zu sein. Das wussten alle: Alice und Maxi, die gehören zusammen. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Aber es gibt dennoch Momente, wo ich denke: "Ich brauche unbedingt Alices Meinung dazu." Das kann niemand ersetzen.

Was ist die beste Eigenschaft an deiner besten Freundin?
Alice: Was ich an Maxi so sehr wertschätze, ist ihre Offenheit. Sie ist unglaublich mutig, sie versteckt sich nicht. Das sind Sachen, die ich sehr bewundernswert finde, weil ich selbst häufig nach innen gekehrt bin – auch wenn ich eigentlich mehr gesehen werden will. Da lerne ich schon seit Jahren viel von ihr.

Maxi: Alice ist frei von jeglicher Verurteilung. Egal, was ich anstelle: Wenn ich zu Alice gehe und es ihr erzähle, wird sie ruhig bleiben, ihre ehrliche Meinung sagen, und mit mir zusammen gucken, was man tun kann. Sie ist unglaublich diplomatisch, ich bin lauter und kommunikativer, ecke dadurch manchmal mehr an. Alice ist da einfach ein sehr ausgleichender Pol für mich. Deswegen sind wir auch ein gutes Duo.

Was war das schwierigste, das ihr zusammen durchgestanden habt?
Maxi: In der 11. Klasse hat sich unser Freundeskreis aufgelöst und Alice ist ins Ausland gegangen. Ich habe damals gemerkt: Ich bin hier nicht mehr glücklich und habe die Schule gewechselt. Als Alice aus dem Ausland zurückkam, ist sie glücklicherweise auch auf meine neue Schule gegangen.

Alice: Während ich im Ausland war, hat Maxi mir dabei geholfen, den Schulwechsel zu organisieren. Das ist mir damals auch gar nicht so aufgefallen, wie stressig das war, aber im Nachhinein bin ich schon beeindruckt, was wir als kleine Teenies da alles gemacht haben. Ich weiß nicht, ob ich ohne sie die Schule gewechselt hätte.

Inge (83) und Rosi († 81)

Inge (links) mit Rosi und ihrer Tochter | Foto bereitgestellt von Rosis Patentochter

Wie waren die letzten Jahre nach dem Tod Ihrer besten Freundin?
Inge: Das war fürchterlich. Ich bin auch immer noch nicht darüber hinweg. Sie war die einzige von uns, die mobil war. Sie war gesund, hat gestrotzt vor Gesundheit, war viel unterwegs. Wir anderen hatten inzwischen unsere Gebrechen. Aber sie war immer voll da. Für mich war ihr plötzlicher Tod dann auch unfassbar.

Wie haben Sie sich kennengelernt?
Das war 1949. Rosi und ich waren auf der Mädchenmittelschule, wir waren beide so um die 15 Jahre alt. Sie wohnte im Berliner Bezirk Tempelhof, ich in Kreuzberg. Früh morgens haben wir uns jeden Tag auf dem Weg zur Schule in der Straßenbahn getroffen: letzter Wagen, letzte Tür.

Wie hat sich Ihre Freundschaft im Laufe der Jahre entwickelt?
Rosi war immer eine Konstante. Wir haben auch in der Schule zusammen gesessen, nebeneinander, und haben selbstverständlich allen Blödsinn zusammen gemacht. So viel hat sich da über die Jahre eigentlich gar nicht verändert. Die Familien blieben zusammen, man hat sich nachmittags getroffen, die Geburtstage zusammen gefeiert. Mit Rosi war ich ja so eng befreundet, dass ich sogar die Patentante ihres Kindes wurde. Das Wichtigste war Vertrauen: Man hat miteinander über Dinge reden können, über die man nicht mit jedem geredet hat.

Was war die schönste Eigenschaft an Ihrer besten Freundin?
Rosi war immer realistisch. Wir waren beide nicht wirklich verträumt und wurden sehr real erzogen. Es war eine andere Zeit. Ich möchte heute nicht mehr jung sein, da bin ich ganz ehrlich. Wir hatten genug Sorgen: Geld war nie vorhanden, Vater war arbeitslos, Mutter hat nie gearbeitet. Es gab gewisse Schwierigkeiten, aber man musste damit leben. Und man hat damit gelebt, ohne darüber viel zu sprechen. Insofern waren wir viel harmloser und sind ein bisschen leichter durchs Leben gegangen.

Was war das Schwierigste, das Sie zusammen durchgestanden habe?
Wir mussten zum Abitur kommen, das war klar, und haben uns Mühe gegeben, das zu schaffen. Aber es gab nie einen Streitpunkt oder so. Wenn ich heute so höre, was die Leute für Probleme haben... Wir hatten wirklich Probleme, aber wir haben die überstanden. Augen zu und durch, anders ging das nicht. Man hat wenig über Probleme gesprochen. Wir haben unser Leben gelebt und versucht, das Beste draus zu machen.

Gibt es einen besonderen Ort, den Sie mit Ihrer besten Freundin verbinden?
Das war immer Berlin. Klar hat man sich auch mal in Mahlow getroffen, bei meiner Oma im Garten. Aber das ging eigentlich eins ins andere über. Man war immer… da. Wenn ich zurückdenke – die Zeit war schön.

Kim (22) und Laura (23)

Kim (links) und Laura (rechts)

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Kim: Das war vor zehn Jahren.

Laura: Wir waren in der 8. Klasse baden, oder?

Kim: Ja! Meine Freundin damals hatte einen Freund, der Lauras bester Freund war.

Laura: So kamen wir in Kontakt. Seitdem sind wir konstant befreundet und wohnen jetzt in Berlin zusammen.

Was bedeutet Freundschaft für euch?
Kim: Auf jeden Fall Vertrauen. Egal in welcher Lebenslage oder Situation, man darauf zählen, dass die andere Person da ist. Man muss sich nicht schlecht fühlen, mit etwas zu ihr zu kommen.

Laura: Für mich vor allem Loyalität. (Zu Kim) Ein bisschen auch das, was du gerade beschrieben hast. Egal was ist, man ist loyal gegenüber der anderen Person. Ehrlichkeit und Offenheit, und, dass man auch Sachen, wo man sich nicht einig ist, ansprechen kann. Freundschaft passiert nicht einfach so, man muss auch ein bisschen investieren. Auch wenn Kim und ich nicht mehr den ganzen Tag miteinander abhängen können. Man kann auch befreundet sein, wenn man sich nur einmal im Monat sieht, weil jeder sein Leben und seinen Job hat und man erwachsen wird.

Was ist die beste Eigenschaft an deiner besten Freundin?
Kim: Laura ist super straight in allem, was sie macht. Wenn sie sich was vornimmt, dann zieht sie es durch. Wenn man mal sagt "Hey, Laura, ich kann grad nicht", dann sagt sie: "Komm, wir schaffen das jetzt zusammen, wir machen das!" Das schätze ich sehr an ihr.

Laura: Kim hat das größte Herz auf Erden. Sie kann wahnsinnig gut verzeihen. Das merkt man im Zusammenleben natürlich stark. Bei manchen Menschen sagst du "Hey sorry, das war kacke von mir" und die sind dann eine Woche beleidigt. Kim sagt: "Hey, cool, alles easy."

Was war das schwierigste, das ihr zusammen durchgestanden habt?
Laura: Unser Freundeskreis ist eine Konstellation von sechs Mädels, und Kim hatte mal eine Auseinandersetzung mit einer davon. Das hat sich so über ein halbes Jahr gezogen. Ich konnte beide Seiten verstehen. Es war ein bisschen schwierig, aber trotzdem haben wir es geschafft, zueinander zu stehen. Wir haben unsere Freundschaft, und nur weil es an einer Ecke nicht läuft, heißt es nicht, dass es zwischen uns nicht läuft.

Wie läuft das mit dem Zusammenwohnen bei euch?
Laura: Jeder, der mal in einer WG gewohnt hat, weiß, dass das kompliziert ist und jeder eigene Vorstellungen hat. Es verändert eine Freundschaft. Daher finde ich Kims Ehrlichkeit so gut. Es ist wichtig, da so offen drüber …

Kim: (vollendet Lauras Satz) zu sprechen. Wir sind aber auch relativ entspannt. Wir sagen uns gegenseitig, wenn etwas nicht funktioniert. Dann sagt die andere: Ja, stimmt schon. Und dann ...

Laura: ... passt es.

Kim: Wir haben früher schon immer gesagt, dass wir nach dem Studium oder nach der Ausbildung nach Berlin wollten. Es war immer klar: Das ist unsere Stadt, hier leben wir mal zusammen. Jetzt ist es genauso gekommen, obwohl wir das nie erwartet hätten. Diese gemeinsame Erfahrung werden wir nie vergessen.

Silke (35) und Astrid (58)

Astrid (links) und Silke (rechts). Foto: Hakki Topcu

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Silke: Wir haben beide im gleichen Unternehmen gearbeitet. Eine Freundin von mir war im Personalwesen und hat irgendwann gesagt: "Ihr müsst euch kennenlernen, ihr passt so gut zusammen. Ihr wärt gute Freunde." Und das hat funktioniert.

Astrid: Wir haben uns dann zum ersten Mal in einem Café getroffen. Ich weiß noch, dass ich mir an dem Tag eine Schramme ins Auto gefahren habe.

Silke: Wir saßen draußen in der Sonne und haben total viel gequatscht. Direkt auch sehr tiefe Gespräche geführt.

Wie lange seid ihr schon befreundet?
Astrid: Das war kurz nach deinem 30. Geburtstag, meine ich.

Silke: Ich muss das in Männern überlegen… Ja, das war vor viereinhalb Jahren.

Was bedeutet Freundschaft für euch?
Astrid: Wertschätzende Ehrlichkeit, den anderen verstehen, aber auch mal ganz anderer Meinung sein können. Immer jemanden haben, zu dem man gehen kann, wenn es einer nicht gut geht; mit der man aber auch schöne Sachen teilt. Jetzt kannst du mal ergänzen (lacht).

Silke: Da war total viel drin, das ich genauso sehe. Füreinander dasein, auch wenn’s kritisch ist. Ganz offen sein können. Auch schwierige Sachen ansprechen zu können.

Astrid: Die kleinen Peinlichkeiten des Lebens.

Silke: Tolle Sachen miteinander machen können, aber auch eine Tiefe zu haben. Jede kann so sein wie sie ist, mit allen Ecken und Macken.

Wie hat sich euer Verständnis davon im Laufe der Zeit entwickelt?
Silke: Der Wunsch nach so einer Freundschaft, die Astrid und ich jetzt haben, war vor zehn, zwanzig Jahren schon da, aber unerfüllt. Je mehr ich ich selbst werden konnte, desto besser und freier wurden auch meine Freundschaften.

Astrid: Weg von dem: "Ich pass mich an, damit ich Freunde habe." Früher bin ich immer hinterher gerobbt. Mit Silke ist das anders, da gibt's eine Augenhöhe. Gesucht haben wir das beide immer, gefunden haben wir es aber nicht überall.

Was ist die beste Eigenschaft an deiner besten Freundin?
Astrid: Die herausstechendste ist ihre Empathie. Ihr Gefühl für den anderen, mit allen wunderschönen und schwierigen Momenten, die eine sehr empathische Person auch kaputt machen können.

Silke: Die Dinge, die sie sehen kann. Die sie auch sagt und ausspricht, und wie viel Wahres da auch dran ist. Ihr Dasein.

Was war das schwierigste, das ihr zusammen durchgestanden habt?
Silke: Männer.

Astrid: Männer.

Silke: Trennungen.

Astrid: Trennungen von Beziehungen, die sehr tief gingen.

Bei euch gibt es einen deutlichen Altersunterschied. War das jemals Thema?
Silke: Da wir auf Augenhöhe miteinander umgehen, fühlt sich die Freundschaft ganz normal an.

Astrid: Für uns war das nie ein Thema. Wenn wir aber unterwegs sind, wird öfter "Ihre Mutter" oder "Ihre Tochter" gesagt und eine von uns korrigiert dann meist zu "Nein, meine Freundin". Da sind die Leute schon überrascht.

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