Für immer allein: Die schmerzhafte Erfahrung, seinen Zwilling zu verlieren

Die Beziehung zwischen Zwillingen wird häufig als "die innigste und beständigste aller menschlichen Beziehungen" bezeichnet. Was aber passiert, wenn einer der beiden unerwartet verstirbt?

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27 Juni 2017, 8:41am

Foto: Dan Botan | Unsplash | CC0

Der Morgen des 8. Oktobers 2010 hat sich tief in Siobhans Erinnerung eingebrannt. Es war der Tag, an dem sie den leblosen Körper ihrer zweieiigen Zwillingsschwester Sharon auf dem Fußboden ihres Hauses im nordirischen Antrim fand. Sie wurde nur 33 Jahre alt.

Sharon wurde von ihrem Mann Philip erwürgt, mit dem sie sich zerstritten hatte. Kurz darauf nahm er sich selbst an einem anderen Ort das Leben. "Im ersten Moment war ich hysterisch", erklärt Siobhan. "Daraus wurde sehr viel Wut, gefolgt von tiefer Trauer. Zuerst konnte ich an nichts anderes mehr denken, als dass ich sie verloren habe und dass ich ihr folgen müsste. Schließlich habe ich mir Hilfe geholt, um zu lernen, wie ich mit diesem seelischen Trauma umgehen soll."

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Sharon war die Ältere der beiden Schwestern. Siobhan kam elf Minuten nach ihr zur Welt. Die beiden Zwillinge standen sich unglaublich nahe. "Wir haben seit unserer Geburt jeden wachen Moment miteinander verbracht. Unsere Partner haben immer gesagt, dass man mit uns beiden nur eine 'Beziehung zu Dritt' führen kann", sagt sie. "Wir haben unglaublich viel miteinander erlebt und unternommen. Zwei unserer Kinder kamen mit nur sechs Tagen Abstand zur Welt. Wir haben sogar im selben Büro gearbeitet und gingen jeden Tag zusammen Mittag essen. Sharon war der Mensch, den ich in jeder Situation anrufen konnte und mit einem Mal war sie weg. Zu Beginn war es ziemlich schwer, darüber hinwegzukommen."

Genau wie Siobhan geht es weltweit Tausende "Zwillinge ohne Zwilling", Menschen also, die ihren Zwilling verloren haben – sei es während oder kurz nach der Geburt, in der Kindheit oder als Erwachsener. Der Verlust ist so schwer, dass selbst Menschen, deren Zwilling schon während der Geburt oder im Mutterleib verstorben ist, tief davon betroffen sein können. Ein bekanntes Beispiel ist Elvis Presley: dass sein Zwillingsbruder tot geboren wurde, soll ihn angeblich ein Leben lang verfolgt haben. Auch der Pianist Liberace sagte, dass sein extravaganter Lebensstil und sein Wunsch danach, "für zwei zu leben", durch den Tod seines Zwillings geschürt wurde, der bereits im Mutterleib verstarb.

Auch Olga aus Dublin kennt dieses Gefühl. "Mir war immer klar, dass ich anders war", sagt sie. "Ich hatte schwere Verlustängste und obwohl ich Geschwister habe, hatte ich immer das Gefühl allein und von den anderen abgeschnitten zu sein. Ich hatte immer das Gefühl, dass jemand fehlt." Als sie herausfand, dass ihr Zwilling bei der Geburt verstorben ist, schloss sie sich dem Verband Womb Twin aus Großbritannien an. Inzwischen hilft sie dabei, verschiedene Veranstaltungen zu organisieren, die Menschen zusammenbringen sollen, die dasselbe Schicksal erlebt haben wie sie.


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Es gibt aber auch noch weitere Organisationen, die sich speziell um Menschen kümmern, die ihren Zwilling verloren haben. Eine der größten amerikanischen Organisationen ist die Twinless Twins Support Group. Siobhan hat derweil Hilfe durch das Long Twin Network gefunden, das ebenfalls aus Großbritannien stammt. Die Organisation wurde in den 1980er-Jahren infolge eines Forschungsprojekts von Joan Woodward gegründet, die selbst ihren Zwilling verloren hat. Inzwischen hat das LTN mehr als 600 Mitglieder, die sich gegenseitig durch Supportgruppen und über Facebook unterstützen.

"Im vergangenen Jahr habe ich eine Dokumentation über Menschen gesehen, die ihren Zwilling durch die Anschläge am 11. September verloren haben. Einer von ihnen hat von dem Netzwerk Twinless Twin erzählt und ich habe mich gefragt, ob es so etwas auch in Großbritannien gibt", sagt Siobhan. "Das LTN hat mir sehr geholfen. Wenn ich mich schlecht fühle, dann weiß ich, dass ich immer etwas posten kann, was nur Menschen sehen werden, die ihren Zwilling verloren haben und genau verstehen, was ich gerade durchmache. Die Menschen, die ihren Zwilling verloren haben, können nachvollziehen, wie innig die Beziehung ist."

"Die Trauer darüber, seinen Zwilling zu verlieren, ist nur schwer zu vergleichen."

Im September 2017 möchte Siobhan nach Edinburgh fliegen, um zum ersten Mal auch persönlich an einer Supportgruppe teilzunehmen. "Dieser Monat wird besonders schwierig, weil sich im September der Todestag meiner Schwester jährt. Ich bin sicher, dass es mir gut tun wird, unter Menschen zu sein, die dasselbe durchgemacht haben."

Eine Langzeitstudie der California State University in Fullerton bezeichnet die Verbindung zwischen Zwillingen – insbesondere zwischen eineiigen Zwillingen – als "die innigste und beständigste aller menschlichen Beziehungen".

Foto: David Marcu | Unsplash | CC0

Dass die daraus resultierende Trauer anders ist, als wenn man andere nahestehende Menschen verliert, bestätigt auch Olga. Wenn sie nicht Konferenzen leitet, arbeitet sie in Teilzeit als Life-Coach und Therapeutin hauptsächlich mit anderen Menschen, die ihren Zwilling verloren haben. "Die Trauer darüber, seinen Zwilling zu verlieren, ist nur schwer zu vergleichen. Das Gefühl, dass jemand fehlt, gräbt sich tief in die DNA der Menschen und deswegen brauchen sie auch eine ganz besondere Form von Therapie."

Die Fullertone-Studie geht davon aus, dass der Verlust für eineiige Zwillinge besonders schwer ist. Das könnte unter anderem auch daran liegen, dass der lebende Zwilling aussieht wie der Verstorbene, was die Betroffenen andauernd an ihren Verlust erinnert.

Obwohl Sharon und Siobhan keine eineiigen Zwillinge waren, sahen sie sich dennoch sehr ähnlich. "Als wir noch klein waren, musste ich immer Rosa und Sharon immer Gelb tragen, damit uns unser Vater unterscheiden konnte", sagt Siobhan. "Doch selbst als Erwachsene hatte er noch manchmal Schwierigkeiten damit. Auch unsere Kollegen haben uns immer wieder verwechselt und uns mit dem falschen Namen angesprochen."

Auf der einen Seite war es tröstend wie Sharon auszusehen, auf der anderen Seite erinnert es aber auch immer wieder an ihren Verlust.

Inzwischen, sagt sie, habe ihr Aussehen den Prozess definitiv erschwert. "Wenn ich aus dem Haus gehe und meine Haare wie Sharon hochgesteckt habe, macht meinen Vater das oft sehr traurig. Selbst wenn ich in unserem alten Büro zu Besuch bin, muss die Frau am Empfang immer kurz schlucken", sagt sie. "Auch Sharons Kinder haben mich am Anfang immer lange angestarrt. Auf der einen Seite war es tröstend, wie Sharon auszusehen, auf der anderen Seite erinnert es aber auch immer wieder an ihren Verlust."

Auch Geburtstage können ein trauriger Anlass sein, der die Hinterbliebenen an ihren verstorbenen Zwilling erinnert. "Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen, ob ich meinen 40. Geburtstag im vergangenen Februar feiern sollte. Sharon und ich haben manchmal auch zusammen gefeiert. Einmal haben wir einen Karaoke-Abend gemacht", erzählt sie. "Sie ging ziemlich gerne feiern, daher wusste ich, dass sie definitiv etwas zu unserem Geburtstag gemacht hätte. Das hat mich letztendlich zum dem Schluss gebracht, dass ich auch feiern sollte." Am Ende entschied sie sich für einen Geburtstagskuchen mit einem Foto von sich und ihrer Schwester.

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Siobhan versucht noch immer, den Verlust ihrer Zwillingsschwester zu verkraften, geht zur Therapie und besucht Orte, an denen sie mit ihrer Schwester war, um sich ihr nahe zu fühlen. "Sharon hat Friedhöfe gehasst. Deswegen gehe ich lieber an Orte, an denen wir gemeinsam waren, obwohl sie eigentlich ganz in der Nähe begraben liegt." Das können Orte in Belfast sein, die die beiden gemeinsam besucht haben, oder auch ihr ehemaliges Büro, wo sich Siobhan manchmal in den Besprechungsraum setzen darf, um ein wenig allein zu sein.

"Es mag sich vielleicht seltsam anhören, weil ich meinen Mann, meine Familie und meine Freunde habe, aber manchmal fühle ich mich ziemlich allein", sagt sie. "Auch nach sechs Jahren habe ich noch immer das Gefühl, dass es niemanden auf der Welt gibt, zu dem ich eine ähnliche Beziehung habe wie zu Sharon."

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