Frauen erzählen, wie es sich wirklich anfühlt, an Borderline zu leiden

Betroffene gelten als manipulativ und werden in Filmen und Serien sehr klischeebehaftet dargestellt. Die Wahrheit sieht allerdings ganz anders aus.

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Juli 5 2016, 7:10am

Foto: Porsche Brosseau | Flickr | CC BY 2.0

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, kurz BPS, ist eine der missverstandensten psychischen Erkrankungen, die es gibt. In Filmen und im Fernsehen—wie in Eine verhängnisvolle Affäre oder Durchgeknallt—wird BPS entweder dazu eingesetzt, um die Geschichte durch die Krankheit besonders unvorhersehbar zu machen oder die Realität der Persönlichkeitsstörung wird vollkommen beschönigt.

Die Klink für Psychiatrie und Psychotherapie des Berliner Universitätsklinikums Charité definiert die Borderline-Störung als „instabiles Verhaltensmuster", unter das verschiedene Beschwerden und Symptome fallen. Darunter beispielsweise Schwierigkeiten mit ihrem Selbstbild, ein Gefühl chronischer Leere und die Angst, verlassen zu werden. Darüber hinaus haben Betroffene generell Schwierigkeiten damit, ihre Emotionen zu regulieren und neigen häufiger zu suizidalen Gedanken, die oftmals fälschlicherweise als Manipulationsversuche missgedeutet werden und nicht als Versuch, dem eigenen gefühlten Leid zu entkommen. Die Zahl der tatsächlichen Selbstmordfälle unter Borderline-Betroffenen ist infolgedessen tragischerweise noch immer sehr hoch und liegt schätzungsweise bei 4 bis 9 Prozent.

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Die Realität der Betroffenen unterscheidet sich stark von den vorurteilsbehafteten Darstellungen von BPS in den Medien. Mit der entsprechenden Therapie—wie einer Dialektisch-Behaviorale Therapie, die darauf abzielt, selbstschädigende Verhaltensmuster zu unterbrechen, noch bevor sie zum Ausbruch kommen—können viele Betroffene ein glückliches Leben führen und empathische, liebevolle Ehepartner, Eltern und Freunde sein. Dabei ist vielen nicht bewusst, wie verbreitet BPS tatsächlich ist: Eine Studie aus dem Jahr 2008 stellte fest, dass BPS bei 6,2 % der Frauen und 5,6 % der Männer diagnostiziert wird.

Wir haben mit drei Frauen gesprochen, die sich im Moment wegen BPS in Behandlung befinden, um herauszufinden, wie die Realität der Erkrankung wirklich aussieht.


Amanda Wang
BPS-Aktivistin, Filmemacherin, Gründerin der Initiative The Fight Within Us

Broadly: Wie war es für dich, als du herausgefunden hast, dass du BPS hast?
Amanda Wang: Wahrscheinlich reagieren nicht besonders viele Leute positiv auf ihre Diagnose oder wollen es nicht wahr haben, aber für mich war es ehrlich gesagt eine ziemliche Erleichterung. Ich habe eine Behandlung bekommen, die speziell zu meiner Diagnose passte und ich dachte nur: „Wow, wieso habe ich das nicht schon zehn Jahre früher rausgefunden?"

Welchen Einfluss hatte deine Erkrankung auf deine zwischenmenschlichen Beziehungen?
Ich glaube, eines der gängigen Symptome von BPS sind flüchtige Beziehungen. Allerdings gibt es wohl 256 verschiedene Formen von BPS oder so und ich selbst hatte nie wirklich Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Deshalb war es für mich auch sehr viel einfacher, offen mit der Diagnose umzugehen.

Welches Vorurteil über Menschen mit BPS stört dich am meisten?
Ich glaube, die Annahme, wir seien manipulativ. Ich denke, wenn jemand selbst durchmachen würde, was wir durchmachen—Stunde für Stunde, Tag für Tag—, dann würden sie verstehen, warum unser Verhalten so ist, wie es ist. Manchmal wirkt es manipulativ, aber mehr aus der Verzweiflung heraus, mit anderen ganz aufrichtig in Kontakt treten zu wollen und jemanden zu haben, der versteht, wie es ist, in unserem Schuhen zu stecken. Manchmal gerät das komplett in Vergessenheit, wenn wir mit anderen Menschen interagieren. Ich glaube allerdings, dass Impulsivität im Grunde unser Versuch ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Auf Außenstehende wirkt das aber oft manipulativ.

Wenn jemand selbst durchmachen würde, was wir durchmachen—Stunde für Stunde, Tag für Tag—, dann würden sie verstehen, warum unser Verhalten so ist, wie es ist.

Gibt es irgendwelche fiktionalen Darstellungen von BPS, von denen du sagen würdest, dass sie der Realität nahe kommen?
Ich weiß nicht. Ich glaube, dass es leider noch keine gute fiktionale Darstellung von BPS gibt.

Gibt es etwas, was du anderen Menschen mit BPS gerne sagen würdest?
Ich wünsche mir oft, ich hätte die Symptome schon früher erkannt. Ich glaube, ich habe die Diagnose 2007 bekommen. Damals war ich 27 Jahre alt und hatte die Probleme schon seit ich ein Teenager war. Ich war seit meiner Jugend bei Ärzten und Therapeuten und keiner von ihnen hat mir etwas von BPS erzählt. Erst nachdem ich eine schwere Krise hatte und ins Krankenhaus kam, habe ich endlich die richtige Diagnose bekommen. Ich frage mich, ob es einen Weg gibt, die Diagnose zu stellen, noch bevor man eine solche Krise durchlebt—denn das war wirklich ein schreckliches Erlebnis.


Debbie Corso
Autorin, Bloggerin, Lehrerin in der Erwachsenenbildung und Gründerin von DBT Path

Broadly: Was waren die deutlichsten Symptome, die du gezeigt hast?
Debbie Corso: Die Krankheit wurde dadurch erkannt, dass ich eine ziemlich schlimme Identitätsstörung hatte. Ich wusste nicht, wer ich bin und habe mich gegenüber jedem einzelnen Menschen anders benommen. Aber nicht im Sinne von: Zu seinem Chef ist man anders, als zu seinem Freund—das ist normal. Es war wirklich extrem und der ausschlaggebende Punkt, der zu meiner Diagnose geführt hat.

Wie hat sich damals ein schlechter Tag für dich angefühlt?
Es gab sehr viele verschiedene Trigger, die zu unterschiedlich schlechten Tagen geführt haben. Aber wenn ich jetzt ein einzelnes Szenario wählen muss, dann war es wohl, wenn mein Lebensgefährte für einige Zeit weg musste. Wenn er zum Beispiel zur Arbeit gegangen ist, noch schlimmer war es aber , wenn er geschäftlich verreisen musste oder zu seiner Familie fuhr. Ich konnte mich einfach nicht zusammenreißen. Ich konnte mich zu nichts aufraffen, was so viel heißt wie: Ich konnte nicht essen, mir war schlecht vor Angst und ich hatte das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ich fing an zu weinen und zu fluchen, konnte nicht arbeiten oder mich auf irgendetwas konzentrieren. Außerdem war ich leicht reizbar und fühlte mich ziemlich hilflos und bedürftig.

Warum glaubst du, dass so viele Menschen, die unter BPS leiden, versuchen, sich umzubringen?
Ich persönlich glaube, dass das vor allem ein Ruf nach Hilfe ist. Aber kein Manipulationsversuch im Sinne von „Ich werde sagen, dass ich mich selbst umbringen werde, damit mir die Leute zuhören." So bewusst habe ich meine Handlungen damals gar nicht wahrnehmen können. Das trifft aber ganz sicher nicht auf jeden zu und man muss Selbstmorddrohungen immer ernst nehmen, weil es viele Leute auch versuchen. Ich glaube, 10 Prozent der BPS-Betroffenen nehmen sich selbst das Leben.

Ich glaube, manchmal hat man einfach das Gefühl, dass alles so schlimm wird, dass man keinen anderen Weg mehr sieht, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Deswegen glaubt man, dass man sterben möchte, weil man denkt, dass es der einzige Ausweg ist. Aber was du eigentlich wirklich willst, ist, dass jemand voll und ganz für dich da ist und neben dir sitzt und versteht und weiß, dass diese Episode vergehen wird und du dich irgendwann wieder besser fühlen wirst.

Du hast keine Ahnung, wie schlimm meine Episode gerade ist und wie schlecht ich mich fühle.

Was denkst du über die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), mit der Borderline primär behandelt wird?
Wenn ich ganz ehrlich bin, dachte ich in den ersten paar Monaten: „Was für eine Scheiße. Es wird mir nicht besser gehen, nur weil ich mich hinsetze und an Lavendelöl rieche." Mir wurde gesagt „Berühr das Fell eines Tieres!" und ich dachte nur: „Nein, du hast keine Ahnung, wie schlimm meine Episode gerade ist und wie schlecht ich mich fühle. So einfach ist das nicht." Das war nach ungefähr drei Monaten Behandlung.

Irgendwann fing ich an, an mir zu arbeiten. Ich begann Veränderungen in meinem Leben zu bemerken—noch keine gewaltigen Veränderungen, weil ich erst seit sechs Monaten in Therapie war, aber ich konnte schon viel besser wahrnehmen, wenn Emotionen in mir hochstiegen. Der Teil mit der Achtsamkeit hat mir geholfen, ruhiger zu werden. Und ich habe immer mehr damit aufgehört, mich selbst zu sabotieren. Irgendwann passierte es dann fast gar nicht mehr, was wirklich toll ist.


Tami Green
Life-Coach, BPS-Aktivistin und Gründerin des Love Bugs Blog

Broadly: Sind die Leute überrascht, wenn sie erfahren, dass du BPS hast?
Tami Green: Viele Leute haben noch noch nie davon gehört. Die Leute, die mir nahe standen, wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Ich habe aber unglaublich viele Menschen getroffen, die gesagt haben: „Zum Glück gibt es da draußen noch jemanden wie mich." Trotzdem stößt man auf Leute, die was die Störung angeht sehr voreingenommen sind und ziemlich erstaunt waren, dass ich es habe. Sie wollten es mir erst nicht so richtig glauben, weil sie ein ziemlich konkretes Bild davon hatten, wie Betroffene zu sein haben.

Was sind die größten Vorurteile gegenüber Leuten mit BPS?
Dass sie gemein oder manipulativ sind. Ich weiß, dass das Verhalten oft so rüberkommt, aber die Intention, die dahinter steckt, ist in den meisten Fällen eine ganz andere. Borderliner sind hoch sensible, warmherzige und fürsorgliche Menschen, die nur lieben und geliebt werden wollen. Manipulation bedeutet, sich eine Strategie auszudenken, um das zu bekommen, was man will. Wenn du an einer Borderline-Störung leidest, dann denkt man nicht viel nach—man macht einfach. Ich glaube, dass viele Leute denken, man würde ihnen Schuldgefühle einreden wollen und darin liegt ihrer Meinung nach das manipulative Verhalten. Aber man denkt nicht wirklich über sein Verhalten nach. In Wahrheit bereuen [die Betroffenen] vieles von dem, was sie tun und sagen und wünschen sich, dass sie es kontrollieren könnten.

Borderliner sind hoch sensible, warmherzige und fürsorgliche Menschen, die nur lieben und geliebt werden wollen.

Wie hast du herausgefunden, dass du BPS hast?
Ich habe lange Zeit mit einer falschen Diagnose gelebt, weil ich selbstmordgefährdet war. Ich wurde schon vor ungefähr zehn Jahren suizidal, was meinen Therapeuten dazu veranlasste, sich mit der Diagnose Borderline zu beschäftigen. Viele Therapeuten bringen Borderline-Störungen nämlich recht schnell mit suizidalen Tendenzen in Verbindung—aus gutem Grund. So habe ich dann irgendwann die endgültige Diagnose bekommen.

Was für Theorien gab es vorher? Woran dachten sie, leidest du?
Unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, Depressionen—das waren die beiden Hauptdiagnosen.

Wie ist deine Beziehung zu deinen Kindern heute im Vergleich zu damals?
Ich habe mich über viele Jahre von meinen Kindern entfremdet. Sie hatten es einfach satt, sich mit mir auseinandersetzen zu müssen und ich musste an mir selbst arbeiten, auch wenn der Verzicht für beide Seiten schmerzhaft war. Ich habe den Beschluss gefasst, dass ich alles tun würde, um gesund zu werden und eine besser Mutter zu sein. Ich habe wirklich hart dafür gearbeitet. Mein Ziel war es, wenn ich zu meinen Kindern zurückkomme, dass sie mir absolut alles erzählen können sollten und ich nicht überreagieren, sondern ruhig bleiben würde. Das war wirklich schwer. Dabei ging es nicht um mich und meine Gefühle, sondern darum, dass ich sie liebe.


Titel-Foto: Porsche Brosseau | Flickr | CC BY 2.0