Können Männer und Frauen wirklich nur Freunde sein?

Ich habe mich mit einer Evolutionspsychologin und einer Genderexpertin unterhalten, um sicherzustellen, dass meine männlichen Freunde auch wirklich nicht heimlich in mich verliebt sind.

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06 Dezember 2016, 8:00am

Photo by Per Swantesson via Stocksy

Viele von uns erinnern sich an die romantische Komödie Harry und Sally aus dem Jahr 1989—vor allem wegen Meg Ryans schrecklicher Dauerwelle und der berühmten Orgasmusszene. Langfristig ist er den Meisten von uns aber wahrscheinlich in Erinnerung geblieben, weil er die Vorstellung verbreitet hat, Männer und Frauen könnten keine Freunde sein. „Dir ist natürlich klar, dass wir nie Freunde sein können", sagt Harry zu Sally und erklärt auf ihre Frage nach dem Wieso: „Was ich sagen will, und das soll keine Anmache sein, weder versteckt noch offen: Männer und Frauen können nie Freunde sein! Der Sex kommt ihnen immer wieder dazwischen."

Dass Harry und Sally schließlich doch noch ein Paar werden, bestätigt die Annahme, dass Freundschaften zwischen heterosexuellen Männern und Frauen immer irgendeinen romantischen Anstrich haben oder an der sexuellen Anziehungskraft scheitern werden—selbst wenn man versucht, es zu leugnen. Ursprünglich sollte Harry und Sally aber eigentlich sehr viel komplizierteres, ehrlicheres Ende haben. Die Drehbuchautorin Nora Ephron wollte, dass Harry und Sally Freunde bleiben und kein Paar werden. Sie sollten sich langsam aus den Augen verlieren und erst Jahre später wieder zufällig auf der Straße treffen. Das Drehbuch wurde allerdings so abgeändert, dass der Film letztendlich das romantische Ende bekommen hat, das das Publikum an der Abendkasse sehen möchte. Letztendlich hat der Film eine ganze Generation dazu gebracht zu glauben, dass platonische Freundschaften zwischen einem Mann und einer Frau nichts als Lügen sind.

Die Vorstellung, Männer und Frauen könnten nicht befreundet sein, ist natürlich nichts Neues. Wenn wir noch weiter in der Geschichte zurückgehen, kann dem mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin die Schuld dafür gegeben werden, dass sich die Auffassung verbreitet hat, Männer und Frauen könnten keine Freunde werden.

„Eine Frau ist unvollkommen und scheußlich, da die aktive Kraft im männlichen Samen die Produktion einer perfekten Gestalt im männlichen Geschlecht anstrebt. Die Produktion einer Frau wird dagegen von einer defekten aktiven Kraft gesteuert, einem Materialfehler oder sogar einem äußeren Einfluss, wie dem feuchten Südwind", meinte von Aquin 1485 in dem meteorologischen Trauerspiel Summa Theologiae. Mal abgesehen von den feuchten Winden (gib nicht dem ‚Vurz' die Schuld) können Männer und Frauen laut von Aquin also keine Freunde sein, da Freundschaften per Definition nunmal Beziehungen zwischen gleichberechtigten Partnern sind.

Ein Jahrzehnte alter Film sollte eigentlich genauso wenig Einfluss auf unsere Vorstellung vom sozialen Miteinander zwischen Männern und Frauen haben wie erfundene Nachrichten auf die US-Wahl. Leider ist aber nunmal beides der Fall.

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Es war unerwartet schwierig, meine männlichen Freunde und Kollegen dazu zu überreden, mit mir über Freundschaften zwischen Männern und Frauen zu diskutieren. Doch ich blieb hartnäckig und habe meinen Bekannten Alex* beim Mittagessen mit dem Thema konfrontiert. Als ich mir anschließend die Audio-Aufzeichnungen angehört habe, wurde mir erst richtig bewusst, wie unwohl er sich bei dem Gespräch gefühlt hatte. Schließlich hatte ich ihn mehr oer weniger dazu gezwungen zuzugeben, dass er sexuelle Gedanken über seine weiblichen Freunde hat.

„Ich weiß nicht", murmelt Alex. „Ich glaube, ich vertraue Frauen einfach ein bisschen mehr—vor allem, wenn man wie ich auf eine reine Jungenschule gegangen ist. Wenn man immer nur mit Männern rumhängt, die sich über Sport und solche Sachen unterhalten, wird es irgendwann ziemlich langweilig."

Ich frage ihn, ob er es komisch findet, dass manche Männer keine weiblichen Freunde haben. „Ja, oder? Das würde ja bedeuten, dass man mit 50 Prozent der Weltbevölkerung nichts zu tun haben möchte. Vielleicht haben manche Männer auch Angst, dass ihre Freunde sie für Pussys halten könnten, weil sie mit Frauen rumhängen." Alex schaut mich gequält und mit fragendem Blick an. „Reicht das für deinen Artikel?" Ich habe ein schlechtes Gewissen und lasse ihn in Ruhe essen.

Die Vorstellung, dass Männer und Frauen keine Freunde sein könnten, ist Quatsch, meint Professor Sandra Faulkner von der Bowling Green State University in Ohio. (Ich paraphrasiere.) „Das hat etwas mit dem—wie ich es nenne—heteronormativen Drehbuch zu tun", erklärt sie. „Wenn man diesem Drehbuch folgt, dann geht man immer davon aus, dass es einen romantischen Hintergrund hat, wenn ein Mann und eine Frau Zeit miteinander verbringen. Doch viele von uns folgen diesem Drehbuch nicht."

Foto: U.S. Embassy New Delhi | Flickr | CC BY-ND 2.0

Faulkner ist eine Expertin für Gender und Sexualität. Ihrer Meinung nach geht diese Auffassung auf die normative Vorstellung zurück, eine Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau sei die höchste Form der sozialen Interaktion. „Das basiert auch auf der Annahme, dass jeder heterosexuell ist und dass romantische Beziehungen wichtiger sind als alle anderen Formen von Beziehungen. Es geht dabei um den Romantikkult—die Vorstellung, eine romantische Beziehung könne all unsere Bedürfnisse erfüllen."

Eine aufrichtige und langjährige Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau sticht romantische Beziehungen allerdings oft aus. „Als meine erste feste Freundin und ich Freunde geworden sind, hat mir das gezeigt, dass Männer und Frauen auch ohne Sex koexistieren können", erklärt mir mein Kollege Nick. „Wir haben uns jahrelang leidenschaftlich gehasst, bevor wir schließlich wieder Freunde wurden. Sie ist mir noch genauso wichtig wie damals—nur ohne jeden Hauch von Romantik."

Nicht jeder ist so zuversichtlich, dass Männer und Frauen ihre Vergangenheit hinter sich lassen und einfach nur Freunde sein können. „Ich fände es interessant, die Frage aus einem evolutionsbiologischen Blickwinkel zu betrachten", erklärt mein Kollege Brian. „Asexuelle Beziehungen mit dem anderen Geschlecht sind in vielerlei Hinsicht nicht produktiv. Natürlich erfüllen Frauen innerhalb der patriarchischen Hierarchien auch asexuelle Rollen, aber kann man den Punkt mit der Reproduktion bei Männern und Frauen mit dem gleichen Alter und/oder demselben gesellschaftlichen Ansehen wirklich ausschließen?"

Die Vorstellung, dass wir durch unsere Biologie definiert werden—ein Weltbild, das Rechtspopulisten und Männerrechtsaktivisten gerne vertreten—, ist in meinen Augen kein hinreichendes Argument. Im Sinne der Ausgewogenheit habe ich mich aber trotz allem an April Bleske-Rechek gewandt. Sie ist Evolutionspsychologin an der University of Wisconsin-Eau Claire und Autorin einer aktuellen Studie über Freundschaften zwischen Männern und Frauen.

„Wir haben Männer und Frauen befragt und sie gebeten, an einen Freund des anderen Geschlechts zu denken, mit dem sie noch keine romantische Beziehung hatten", erklärt sie. „Dann haben wir sie gebeten, diese Person zu beschreiben: Gehört die Person zu dem Geschlecht, mit dem ich befreundet bin, gehört sie zu dem Geschlecht, zu dem ich mich hingezogen fühle oder beides? Dabei haben wir festgestellt, dass Männer ihre weiblichen Freunde häufiger als attraktiv beschreiben."

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Bleske-Rechek sagt, dass es Berichte von kulturellen Anthropologen gibt, die festgestellt haben, dass Männer und Frauen aus traditionellen Stammesgesellschaften im reproduktiven Alter in der Regel keine platonische Freundschaften führen. „Wenn ein Mann und eine Frau genetisch nicht miteinander verwandt sind und sie nicht bereits in einer romantischen Beziehung sind, dann sind die beiden potenziell romantische Partner", erklärt sie. Laut der von ihr gesammelten Daten, „neigen Männer dazu, die sexuellen Absichten von Frauen überzuinterpretieren. Wenn Frauen etwas wahrnehmen, aber zweideutige Signale aussenden, könnte es sein, dass Männer sie anders interpretieren."

Dennoch glaubt Bleske-Rechek, dass Männer und Frauen Freunde sein können—allerdings nur, wenn sie offen und ehrlich sind. „Sie müssen geradeheraus sagen, welche Ziele sie mit der Beziehung verfolgen", sagt sie. „Wenn du gerne Zeit mit jemandem verbringst und ihn körperlich anziehend findest, dann könnte es sein, dass deine evolutionären Paarungsstrategien angesprochen werden. Doch wie verschiedene meiner Untersuchungen gezeigt haben, kann man anhand der Anziehungskraft, die man selbst verspürt, nicht voraussagen, wie die andere Person darüber denkt. Eine gute Lösung wäre es also, offen zu sagen, wie man sich fühlt und was man von der Beziehung erwartet."

Wenn du deine platonischen Freunde sexy findest, ist das aber auch keine große Sache—es sei denn, du machst dich betrunken an sie ran. „Ich habe definitiv auch ein paar Freunde, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie scharf auf mich sein könnten", sagt mein Freund Tim. „Wer weiß? Ich habe vermutlich auch manchmal so eine Ausstrahlung", sagt er weiter. „Leute flirten, das ist menschlich, aber es ist schwer zu sagen, ob es etwas bedeutet oder nicht."

Wenn man offen und ehrlich über seine Gefühle sprechen möchte, muss man aber zunächst einmal ehrlich zu sich selbst sein. „Eifersucht ist ein gutes Barometer, um zu sagen, ob man wirklich keine romantischen Gefühle für seine Freunde hat", erklärt mein Freund Adam. „Wenn wir zusammen unterwegs sind und du was mit einem Typen hast", erinnert er mich, „muss ich das Taxi nach Hause immer ganz allein zahlen—egal wo wir sind." Er macht eine kurze Pause. „Eigentlich muss ich das Taxi fast immer allein bezahlen, selbst wenn du nicht mit irgendeinem Typen nach Hause gehst." (Das ist nicht wahr.)

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Einer der Gründe, warum viele Menschen glauben, dass Männer und Frauen nicht bloß Freunde sein könnten, ist der, dass wir gesellschaftlich darauf konditioniert sind, unsere Freunde auf potenzielle romantische Partner zu prüfen. Zurück zu Faulkners (heterosexuellem) Romantikkult. „Viele Menschen—insbesondere Frauen—haben das Gefühl", sagt Faulkner, „dass man eine romantischen Beziehung haben muss, was durch die Popkultur nur weiter bestärkt wird." Ein Sinnbild dafür sind Serien wie Friends, bei denen der Großteil der Charaktere am Ende zusammenkommt. Wenn man seinen Freundeskreis als fruchtbaren Boden für sein Liebesleben nutzt, endet das allerdings nur selten so, wie es einen die Drehbuchautoren glauben machen wollen. „Ich war vor 18 Monaten mit einer meiner Freundinnen zusammen", sagt Tim. „Es war ein verdammtes Desaster und es fiel mir ziemlich schwer, darüber hinwegzukommen."

Was ist also die Moral der Geschichte, abgesehen von der beruhigenden Bestätigung, dass meine männlichen Freunde nicht heimlich in mich verliebt sind? Männer und Frauen können sehr wohl Freunde sein. Schlaf mit deinen Freunden oder lass es sein: Der Mensch ist kein Opfer seiner Biologie und Körperflüssigkeiten mit einem engen Freund auszutauschen, muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Und selbst wenn das Ganze in einem totalen Disaster endet—du wirst neue Freunde finden.


*Alle Namen wurden geändert.

Foto: Carwyn Lloyd Jones - Dylunio Creadigol | Flickr | CC BY 2.0