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Teenager werden von Pornos beeinflusst, finden es aber selbst nicht gut

Entgegen der Annahme, Heranwachsende wären sexverrückte Monster, die unter dem Einfluss der Pornoindustrie stehen, sagt eine neue Studie nun, dass auch junge Menschen sich eigentlich eine gesunde Form der Aufklärung über Sex und Intimität wünschen.

Lauren Oyler

Lauren Oyler

Photo by Branislav Jovanovic via Stocksy

Fakt ist, dass die Teenager von heute weniger Sex haben als jemals zuvor. Fakt ist aber auch—wie eine neue Studie aus Großbritannien festgestellt hat—, dass nahezu jeder Jugendliche bis zu seinem 14. Lebensjahr schon mal einen Porno gesehen hat. Die Studie wurde von Forschern der Middlesex University durchgeführt und von der NSPCC, einer gemeinnützigen Organisation zum Schutz von Kindern, sowie dem Kinderbeauftragten Englands unterstützt. Die Forscher beleuchten darin die weit verbreitete Annahme, die Kinder von heute würden durch den leichten Zugang zu expliziten Inhalten negativ beeinflusst.

Das Fazit lautet: Kinder werden zwar durch pornografische beziehungsweise explizite Inhalte beeinflusst, finden das aber nicht zwangsläufig auch gut.

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Bei einer Befragung von mehr als 1.000 Schülern im Alter von 11 bis 16 Jahren haben Forscher versucht zu verstehen, wie, wann und warum junge Teenager pornografischen Inhalten ausgesetzt sind. Dabei haben sie nicht nur festgestellt, dass 94 Prozent der Jugendlichen, die 14 Jahre alt oder jünger waren, im Netz bereits auf explizite Inhalte gestoßen sind, sondern auch, dass 65 Prozent der 15- bis 16-Jährigen bereits Pornos angesehen haben. Bei den 11- bis 12-Jährigen sind es 28 Prozent. Während einige von ihnen (19 Prozent) aktiv danach gesucht haben, stieß der Großteil von ihnen (28 Prozent) versehentlich darauf. Dabei suchen Jungs häufiger aktiv nach Pornografie als Mädchen. Das deckt sich auch mit den Ergebnissen einer Studie aus dem Jahr 2005, bei der nur 5 Prozent der Mädchen angaben, aktiv nach Pornografie gesucht zu haben.

Angesichts der nahezu grotesken Zunahme von Smartphones unter 9- bis 12-Jährigen waren solche Ergebnisse eigentlich schon zu erwarten. Interessanter ist hingegen, was die befragten Schüler über die pornografischen Inhalte, die sie gesehen haben, dachten. Entgegen der gängigen Annahme, junge Menschen seien Sexverrückte, die nur darauf warten, im richtigen Moment unter falschen Einfluss zu geraten, stellen die Forscher aus Middlesex fest, dass sich die Jugendlichen tatsächlich eine gesunde Form der Aufklärung über Sex und Intimität wünschen. Obwohl Forscher zu dem Schluss kamen, dass Kinder Gefahr laufen, durch Pornografie „desensibilisiert" zu werden, waren sich viele der befragten Schüler bewusst, dass Pornos nicht der beste Weg sind, um etwas über Sexualität zu lernen.

Diese Befürchtung teilen insbesondere Mädchen. Eine 13-Jährige sagte den Forschern, dass Pornografie „Druck auf uns Mädchen ausüben kann, etwas zu tun oder uns auf eine bestimmte Art zu verhalten, obwohl wir noch gar nicht bereit dazu sind." Doch auch Jungs waren sich des Einflusses von Pornografie bewusst. „Einer meiner Freunde hat angefangen, Frauen so zu behandeln, wie er es in den Videos gesehen hat—nicht komplett, aber ein Klapps hier und da", erzählte ein 13-jähriger Junge.

Laut Michele Ybarra, der Präsidentin und Forschungsdirektorin des Center for Innovative Public Health (und eine der Autorinnen der Studie aus dem Jahr 2005), ist Pornografie nicht gleich Pornografie. „Gewalttätige Pornografie, die zeigt, wie eine Person durch eine andere Person verletzt wird, kann in Verbindung mit sexuell gewalttätigem Verhalten unter Jugendlichen gebracht werden—auf nicht gewalttätige Pornografie trifft das nicht zu", sagt sie per Mail. (Wenn man aber aus Versehen auf gewalttätige Pornos stößt und sie sich trotzdem ansieht, ist das natürlich kein Trost.)

Die Forscher der Middlesex University fanden heraus, dass nur 39 Prozent der Mädchen der Meinung waren, dass das, was sie in Pornos gesehen haben, „realistisch" sei. Bei den Jungen waren es 53 Prozent. Der Großteil der Befragten—87 Prozent der Jungen und 77 Prozent der Mädchen—sagten, dass Pornografie ihnen nicht dabei half zu verstehen, was Einvernehmlichkeit bedeutet.

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Selbstverständlich ist der beste Weg, um Kindern die Bedeutung von Einvernehmlichkeit beizubringen, „verpflichtender, qualitativer Aufklärungsunterricht über Sex und Beziehungen", sagt Claire McGlynn, Professorin der Durham University Law School in Großbritannien, die sich auf die gesetzliche Regelung von Pornografie und Rachepornos spezialisiert hat. „Auf diese Weise haben junge Menschen die Gelegenheit, über ihre Erfahrungen zu sprechen und über Themen wie die unrealistische Natur von Pornografie zu diskutieren." Zudem kann den Schülern im Zuge dessen konkretes Informationsmaterial angeboten werden.

Die Studie legt nahe, dass sich auch junge Menschen verständlichen Aufklärungsunterricht wünschen, meint McGlynn. Darüber hinaus befürworteten die befragten Jugendlichen die Altersüberprüfung für Online-Pornografie, „vermutlich aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil von ihnen versehentlich auf pornografische Inhalte gestoßen ist", sagt McGlynn. Nachdem sogar jedem 14-Jährigen klar ist, dass es sich bei der Altersüberprüfung um keine besonders sichere Methode handelt, fordern sie genau wie das britische Centre for Gender Equal Media (zu dem auch McGlynn gehört) die Gesetzgeber dazu auf, über diese Regelung nachzudenken.


Foto: kaboompics.com | CC0