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Wie ich lange vor YouTube zu einer der berühmtesten Personen des Internets wurde

1998 schauten Millionen Menschen rund um die Uhr dabei zu, wie ich aß, schlief oder Sex hatte. Heute verstehe ich endlich, warum ich es getan habe.

Ana Voog

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Ana Voog

Es gab einmal eine Zeit, in der sieben Millionen Menschen alles sahen, was ich tat. Und für mich war es das Normalste in der Welt.

Mein Name ist Ana Voog und ich bin Multimedia-Künstlerin, Forscherin und Singer-Songwriterin. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass du mich als die Frau hinter anacam kennst – einem Live-Stream, über den ich 13 Jahre lang rund um die Uhr mein Privatleben geteilt habe. Der Stream ist inzwischen tot, aber meine Broadcasts findest du unter AnaVoog.com.

Am 22. August 1997 ging ich mit anacam online. Ein Jahr später hatte ich täglich sieben Millionen Zuschauer. Das war in einer Zeit, in der das Internet noch lange nicht so omnipräsent war wie heute. Es gab noch nicht mal Google! Trotzdem herrschte schon damals ein unstillbarer Appetit auf die intimen, banalen und obszönen Details im Privatleben wildfremder Menschen. Ich hatte vor der Kamera Sex (mit Pizza-Bestellungs-Pause) und brachte ein Kind zur Welt (ohne Pizza). Immer dabei: meine Zuschauer.

Ich wurde zu einer der ersten Internetpersönlichkeiten, lange vor YouTube-Stars und Twitch-Streams. Durch meinen überraschenden Ruhm durfte ich sogar im New Yorker Museum of Modern Art ausstellen. Und das alles mithilfe der inzwischen nicht mehr existierenden FTP-Webcam-Technologie, die alle drei Minuten ein pixeliges Bild über mein Einwahlmodem übertrug.

Obwohl ich einer der ersten Social Media Stars war, erinnern sich heute die Wenigsten an mich – zum Glück. Rückblickend weiß ich jetzt, warum ich es damals normal fand, mein Leben mit der Welt zu teilen: Mein Verhalten war Teil der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die mir vor Kurzem diagnostiziert wurde. Durch mein anacam-Projekt wollte ich eine Konstante schaffen, die mir dabei helfen sollte, die Welt besser zu verstehen.

Wenn ich Schmerz spüre, tendiere ich dazu, kopfüber in ihn einzutauchen und ihn totzuanalysieren. Wenn ich ein Problem habe, verwandle ich es in Kunst.

1997 befand ich mich in einem schwierigen Zwiespalt: Ich wollte meine Kunst mit der Welt teilen, litt aber unter massiver Platzangst. Das aufblühende World Wide Web erschien mir als ein Weg, mit der Welt zu kommunizieren, ohne mich direkt mit ihr konfrontieren zu müssen. Das Internet war ein nicht-hierarchisches, destabilisierendes Machtsystem, ein Werkzeug der Ungehörten. Wir konnten etwas sagen und das bestehende hierarchisch-patriarchale System umgehen, das uns stumm hielt. Zumindest fühlte sich das damals so an.

Nach Jahren vor der Webcam habe ich vor allem gelernt, dass der treibende Impetus des kollektiven Internets ein alles konsumierender Impuls ist, "Hi" zu sagen. Wenn ich mit 75 Menschen aus 15 verschiedenen Ländern im gleichen Chatroom war – damals IRC oder Internet Relay Chat –, wollte ich etwas verändern und die vermeintlichen Grenzen zwischen den Nationen einreißen. Ich wollte mit Russland, Brasilien, Ecuador, Japan, Deutschland, Belgien, Australien gleichzeitig sprechen.

Doch damit schien ich ziemlich allein zu sein. "Wink mir zu! Kannst du mich sehen? Ich sehe dich!" hieß es stattdessen von meine Zuschauern. Sie wollten gesehen und gehört werden, mehr nicht. Das Internet mag sich in den letzten 20 Jahren verändert haben, die menschliche Natur ist jedoch gleich geblieben.

Heute vermittelt uns Social Media die Illusion, von der ganzen Welt wahrgenommen zu werden. Deswegen teilen wir viel zu viel mit allen, bis jeder komplett abgestumpft oder derartig wütend, verzweifelt und hoffnungslos ist, dass Social Media Menschen sprichwörtlich krank macht – körperlich, geistig und seelisch.

Als anacam begann ich fast augenblicklich die Form von Online-Belästigung zu erleben, der so viele Frauen heute ausgesetzt sind. Als Single-Frau seine Meinung zu sagen – und dabei obendrein nackt zu sein – war ein gigantisches Tabu. Ich hatte Stalker und musste mir gleichzeitig den Vorwurf gefallen lassen, meine Grenzen nicht zu kennen.

Viele haben über mein Projekt geschrieben, aber meine eigentlichen Beweggründe haben sie letztendlich nicht verstanden. Ich war keine Exhibitionistin. Ich war Anarchistin. Ich wollte die ganzen Archetypen zerstören, die Menschen mit sich über mich rumschleppten, indem ich sie langsam von innen ins Wanken brachte. Wenn du mich für eine “dumme Blondine” hältst, zeige ich dir eben, wie schlau ich bin, dachte ich mir.

Mir war egal, ob Menschen Persönliches über mich wussten oder meinen nackten Körper sahen. Es war nur ein Foto meines Körpers, nicht mein echter Körper und ich kontrollierte, wer ihn wann zu sehen bekam.

Als jemand, der mehrere sexuelle Übergriffe erlebt hat, war ich außerdem auf der Suche nach einer Art Sicherheit. Und reagierte darauf mit dem Versuch, so transparent wie nur möglich zu sein. Ich habe mich nie so sicher gefühlt wie damals, als ich alles in meinem Umfeld mit meiner Webcam dokumentierte. Wenn jemand etwas gesagt oder getan hat, durch das ich mich unwohl fühlte, würde das von meiner Webcam eingefangen werden. Oder ich würde einfach nächtelang vor meinem Publikum darüber schreiben, bis ich mich beruhigt hatte oder zu müde war, um mich weiter damit auseinanderzusetzen.

Indem ich so transparent gelebt habe, bekam ich das Vertrauen meines Publikums geschenkt. Mittlerweile weiß ich, dass ich nicht nur diejenige war, die beobachtet wurde. Ich selbst war und bin Beobachterin. Diese Menschen haben viele persönliche Dinge mit mir geteilt. Ich wurde in Geheimnisse eingeweiht, in Sehnsüchte, Gelüste, Träume und Probleme. Hausfrauen, Diplomaten, Fernfahrern, FBI-Agentinnen – sie alle waren dabei. Und das hat, zumindest zum Teil, meine Reise durch das frühe Internet so lohnenswert gemacht.

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