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"Mein Leben ist nicht euer Porno": Südkoreanerinnen wehren sich gegen versteckte Kameras

Mit sogenannten "Spycams" werden Frauen heimlich gefilmt – sogar auf der Toilette. Die Aufnahmen landen anschließend im Netz.

Kimberly Lawson

Kimberly Lawson

Foto: kaboompics | Pixabay | CC0

Vergangenes Wochenende sind in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul Tausende Frauen in roter, schwarzer und weißer Kleidung zusammengekommen und haben die wohl größte von Frauen angeführte Demonstration in der Geschichte des asiatischen Landes veranstaltet. Warum sie auf die Straße gegangen sind? Um auf das in Südkorea weitverbreitete Problem der Spycam-Pornografie aufmerksam zu machen. Beim sogenannten "Molka" werden Frauen heimlich dabei gefilmt, wie sie zum Beispiel öffentliche Toiletten benutzen, Rolltreppen in U-Bahn-Stationen fahren oder einfach nur an ihren Schreibtischen sitzen. Bei der Veranstaltung trugen viele Demonstrantinnen Masken, um sich selbst vor Belästigungen und Online-Trollen zu schützen.

“Mein Leben ist nicht euer Porno" stand auf einem der Plakate. Auf einem anderen: "Ich will ohne Bedenken kacken gehen können". Mehrere Frauen rasierten sich zudem eine Glatze, um ihre Wut gegen die Regierung deutlich zu machen.

"Die Angst der Frauen vor den sogenannten Spycams ist nicht unbegründet", sagte Chang Dahye gegenüber der Website Korea Exposé. Sie ist Forscherin am Korea Institute of Criminology, "Dabei geht es nicht nur um Aufnahmen beim Sex. Frauen werden auch heimlich dabei gefilmt, wie sie auf die Toilette gehen”, erklärt sie. “Dazu kommen Fotos von Frauen in Bikinis, bei sich zu Hause oder auf der Straße. Auf der Seite Soranet können Männer außerden Bilder von ihren Freundinnen oder Frauen hochladen und andere User dann deren Genitalien bewerten lassen."

Das Problem ist inzwischen so groß geworden, dass Seoul schon einen nur aus Frauen bestehenden "Spycam-Suchtrupp" organisiert hat, der in öffentliche Toiletten nach den winzigen Kameras sucht. "Ich muss sicherstellen, dass keine Frau dabei gefilmt wird, wie sie sich erleichtert", sagte ein Mitglied dieser Gruppe der Zeitung South China Morning Post im vergangenen Jahr. "Es ist komisch, dass es Leute gibt, die so etwas sehen wollen. Unsere Arbeit ist wichtig, damit sich Frauen wieder sicher fühlen können."

Im Dezember 2013 führte die Regierung Südkoreas eine weitere, wenn auch kontroverse Maßnahme gegen den verstörenden Trend ein: Das Korea Elevator Safety Institute brachte Warnschilder an, auf denen Frauen dazu aufgefordert wurden, beim Benutzen einer Rolltreppe ihren Rock zu bedecken. Viele kritisierten, dass man hier die Verantwortung an die Frauen abtrete, statt etwas gegen die eigentlichen Täter zu unternehmen. Daraufhin änderten die Verantwortlichen den Text. Wie die Zeitung Korea Times berichtet, sei die Zahl der Sexualverbrechen in Zügen zwischen 2012 und 2014 um 84 Prozent gestiegen – und die Hälfte dieser Fälle trug sich in U-Bahnen zu.


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Mehr als 200.000 Menschen unterschrieben eine landesweite Online-Petition, in der die südkoreanische Regierung dazu aufgefordert wurde, den Verkauf von Spycams zu verbieten und Personen härter zu bestrafen, die man beim illegalen Filmen erwischt (meistens kommen sie mit einer Geldstrafe davon). Im Mai startete das Ministry of Gender Equality and Family deswegen eine Initiative, bei der Opfern von digitalen Sexualverbrechen – inklusive Rachepornos und heimlich unterm Rock geschossenen Fotos – jetzt unter anderem eine Therapie, Hilfe beim Löschen der Bilder und Rechtshilfe zusteht. "Wer Opfer eines digitalen Sexualverbrechens wird, dem wird die Regierung helfen", hieß es in einem dazugehörigen Statement.

Wie die Autorin Yeji Lee in einem Artikel für 10 Magazin schrieb, haben viele Kritiker bemängelt, dass das Ministerium es nicht schaffe, langfristige Veränderungen zu bewirken. Laut Lee liege das wirkliche Problem beim Kampf gegen die Geschlechterungleichheit in Südkorea darin, "dass es sich zum Großteil nur um ineffektive, halbherzige Versuche handelt, bei denen es mehr darum geht, das öffentliche Image einzelner Politikschaffender aufzupolieren, anstatt wirklich gleiche Voraussetzungen zu schaffen."

Laut einer neuen Studie hatten rund ein Viertel aller 2015 gemeldeten Sexualverbrechen mit dieser Art der Überwachungskameras zu tun.

Dazu wiesen die Demonstrantinnen beim aktuellen Marsch darauf hin, dass man sich beim Kampf gegen Molka auch mit dem institutionellen Sexismus befassen müsse. "Unschuldig, wenn du einen Penis hast, schuldig, wenn nicht", rief eine der Frauen. "Ist es schon ein Privileg, ein Mann zu sein?" Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Anspielung auf einen Vorfall vom Mai, bei dem eine Frau verhaftet wurde, weil die Polizei der Überzeugung war, dass die Bilder eines männlichen Nacktmodels – ihres Kollegen – ohne dessen Zustimmung online gestellt hätte. Dieses Vorgehen der Beamten ist quasi das genaue Gegenteil von dem, was viele weibliche Opfer ähnlicher Vergehen erfahren.

Katherina Moon ist Gender- und Frauenrechtsexpertin mit Fokus auf Südkorea am Wellesley College. Sie sagt, dass die Spycam-Epidemie möglicherweise damit zu tun habe, wie südkoreanischer Männer mit den bildungstechnischen, ökonomischen, sozialen und politischen Fortschritten südkoreanischer Frauen in den vergangenen zwei Jahrzehnten umgehen – auch wenn der Trend zum illegalen Filmen und Fotografieren relativ aktuell ist. Laut einer neuen Studie der Korean Women Lawyers Association hatten rund ein Viertel aller 2015 gemeldeten Sexualverbrechen mit dieser Art der Überwachungskameras zu tun. "Das ist ein sehr großer Anstieg im Vergleich zum Jahr 2006. Damals waren Spycams nur bei 3,6 Prozent aller Sexualverbrechen involviert", sagt Moon.

Diese neue Machtdynamik habe zusammen mit einer durch wirtschaftliche Schwierigkeiten verursachten "sozialen und psychologischen Krise" bei jungen Südkoreanern die perfekte Grundlage für Unsicherheiten geschaffen, fährt die Expertin fort. Der Spycam-Gebrauch könne da ein "mehr passiver als aggressiver Weg, diese maskulinen Unsicherheiten und die sozio-ökonomische Unzufriedenheit gegenüber Frauen auszuleben" sein. Vor allem in den jüngeren Generationen gebe es viele Südkoreaner, die Frauen dafür verantwortlich machen, dass sie keine Beziehung führen oder im Berufsleben das Nachsehen haben.

"Auf eine gewisse Art und Weise", sagt Moon, "sieht der durchschnittliche Südkoreaner solche Vergehen als eine einfache Möglichkeit an, sich dafür zu rächen und Genugtuung zu verspüren."

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