Illustration by Jennifer Kahn

Wie Anti-Trump-Hexen und 4Chan-Magier um die Zukunft der USA kämpfen

Während Hexen versuchen, den amtierenden US-Präsidenten mit Magie aus dem Amt zu befördern, behauptet ein mysteriöser 4Chan-Kult, die Macht eines alten ägyptischen Gottes auf ihrer Seite zu haben.

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06 März 2017, 10:08am

Illustration by Jennifer Kahn

Im Schatten der palastartigen Trump Tower in Manhattan fand sich in einer Februarnacht, kurz nach Mitternacht, eine kleine Gruppe zusammen, um lautstark gegen Trump zu protestieren. "Sie sind nur dann für die Demokratie, wenn es so läuft, wie sie es wollen", brüllte eine der Trump-Unterstützerinnen inbrünstig. Soweit, so normal.

Hätten die Demonstrantinnen nicht neben einem provisorischen Altar gesessen. Statt mit Plakaten, waren sie mit Kerzen und einer Tarotkarte bewaffnet. Statt seine Politik anzugreifen oder sich zumindest über seine Tweets lustig zu machen, belegten sie ihn mit einem Fluch. Ihre einzige Gegenspielerin, eine "christliche Mystikerin", stellte sich ihnen mutig mit einem kleinen, runden Spiegel entgegen – um die Magie der Demonstrantinnen auf sie selbst zurückzuwerfen.

"Ich möchte Donald Trump schützen", erklärte sie.

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Berichten zufolge fanden ähnliche Aktionen im ganzen Land statt: Unzählige Hexen und andere Anhänger des Okkultismus sagten zu, zeitgleich am 24. Februar gegen Mitternacht ein Massenritual durchzuführen, um "Donald Trump und all seine Helfer zu verfluchen." Ziel der Aktion war es allerdings nicht, Einzelpersonen zu verletzten, wie ausdrücklich festgehalten wurde. Stattdessen wolle man sie davon abhalten, andere zu verletzen.

"Es ist nicht so, als würden wir unsere magischen Fähigkeiten dazu nutzen, einen Nazi zu schlagen", betonte der Medium-Post, der die rituelle Beschwörungsformel enthält. "Es geht darum, ihm das Megafon aus den Händen zu reißen, sein Handy zu zerschmettern, damit er nicht mehr twittern kann, ihn zu fesseln und ihn in einen dunklen Keller zu verbannen, wo er niemandem mehr schaden kann."

Als das Massenritual dann schließlich durchgeführt wurde, hatte es sich schon zu einer medialen Sensation entwickelt. Medien von BuzzFeed bis Breitbart berichteten und es tauchte mit Lana del Rey sogar ein waschechter Star auf. Besonders engagierte Teilnehmer sahen in der Aktion den alles entscheidenden Kampf um die tiefschwarze Seele des Präsidenten. Eine rechte, christliche Gruppe rief deswegen wohl nur folgerichtig dazu auf, sich dieser "Blasphemie gegen Gott" mit Gebeten entgegenzustellen.

"Sie haben uns den spirituellen Krieg erklärt und das verlangt nach einer Antwort", hieß es in der offiziellen Mitteilung. "Wir bitten euch darum, gemeinsam mit uns zu beten – für die Stärke unserer Nation und unserer gewählten Vertreter und für die verlorenen Seelen, die ihre satanischen Waffen gegen uns gerichtet haben." Kein Wunder, dass sich in der Öffentlichkeit die Wahrnehmung durchsetzte, dass es sich bei der Veranstaltung um nicht viel mehr als eine besonders absurde Art von Demonstration handeln würde. "Hexen und Christen bereiten sich auf den Kampf um Trump vor" hieß es in den Schlagzeilen mehrerer großer Medien.

Es ist nicht so, als würden wir unsere magischen Fähigkeiten dazu nutzen, einen Nazi zu schlagen.

Doch das war nicht das erste Mal, dass sich Hexen in die Geschäfte von Trump eingemischt haben. Tatsächlich ist die magische Widerstandsbewegung gegen den amtierenden Präsidenten sehr viel zersplitterter als von den Medien dargestellt. Viele liberale und linksgerichtete Hexen sind ganz unterschiedlicher Meinung darüber, wie mit dem umstrittenen ehemaligen Reality-Star und seiner Regierung umgegangen werden sollte. Einige von ihnen finden die Rhetorik eines Fluchs zu spaltend. Andere wiederum sind besorgt, dass die Beliebtheit des Massenrituals die gewünschte magische Wirkung gefährlich verwässern könnte.

Michael Hughes, der Magier, der das Ritual gegen Trump publik gemacht hat, sieht darin einen direkten Akt der Selbstverteidigung gegen die aktuelle Regierung, die er selbst als "eine offensichtliche Gefahr" bezeichnet. Überrascht habe ihn allerdings, auf welchen Widerstand er unter anderen Okkultisten stoßen würde. Als sich die Nachricht von einem Massenritual im Netz verbreitete, kamen auch die kritischen Kommentare. Einige reagierten besorgt wegen der ungenauen Wortwahl des Zaubers – das Ritual forderte ursprünglich, dass Trump "ganz und gar scheitern" sollte, ohne genauer zu sagen woran.

Sie befürchteten deshalb, dass diese Formulierung unbeabsichtigte, aber katastrophale Folgen für die nationale Sicherheit haben könnte. Andere warnten, das die Planeten zu diesem bestimmten Datum nicht korrekt ausgerichtet seien. Die Mehrheit der Kritiker des Rituals sahen allerdings ein ganz anderes Problem: Der Zauber an sich sei zu negativ und widerspräche der "Regel der Drei". Diese besagt, dass jede Energie, die von einem Menschen in die Welt entsendet wird, dreifach wieder zu ihm zurückkehren wird.

Eine Alternative sahen viele Kritiker darin, ihn mithilfe eines magischen Massenrituals lieber zur Erleuchtung zu führen, als ihn zu stürzen. So würde er verstehen, wie er anderen schadet und hätte die Möglichkeit, seinen Kurs zu ändern. Von diesem Konzept hält Hughes allerdings nicht viel. "Ich finde die Vorstellung naiv, dass es bei Magie immer nur um Liebe und Licht geht. Wieso Menschen zur Erleuchtung verhelfen, die anderen in ihrem Wahn ganz eindeutig schaden und alles zum Einsturz bringen, was sie berühren?", sagt er gegenüber Broadly in einem Telefon-Interview.

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Apropos Naivität: Dadurch, dass die Aktion viral ging, bestand natürlich die ganz reale Gefahr, unerfahrene Magier und blutige Anfänger anzulocken. "Die Idee, dass ein Ritual so weite Kreise zieht und Tausende von Magiern zusammenbringt, ist zwar reizvoll", schrieb John Beckett, ein bekannter Druide. Allerdings, warnt er, dass "nicht alle Magier gleich sind. Einige von ihnen sind gut ausgebildete, erfahrene Magier. Andere sind Anfänger, die erst noch herausfinden müssen, was sie tun [...] Nur weil mehr Menschen daran teilnehmen, heißt das nicht, dass das Ritual dadurch erfolgreicher wird."

Tatsächlich kommt der Aufruf zum magischen Widerstand nicht von ungefähr. Die Hexen-Community als solche steht politisch gesehen eher links. Die Debatten, die unter ihnen geführt werden, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen, die den Rest der Gesellschaft umtreibt. Nur eben mit Zaubersprüchen. So gab es auf der einen Seite Hexen, die das Mantra "they go low, we go high" vertraten und die Hoffnung hegten, an die Vernunft der Trump-Unterstützer appellieren zu können, indem sie ihre Erleuchtung beschwören. Auf der anderen Seite waren viele skeptisch, ob es wirklich sinnvoll ist, die Aufmerksamkeit mit verwässerter Magie auf sich zu ziehen.

Wichtig zu verstehen ist außerdem, dass es bei dem Ritual nicht nur darum geht, den Präsidenten selbst zu Fall zu bringen. "Wir kämpfen nicht nur nur gegen Trump," erklärt Carrie St. Aaron, eine queere Hexe, die sich auch an dem Ritual beteiligt hat. "Wir kämpfen auch gegen die Söhne des Kek."

Die Kek sind eine Vereinigung, die stellvertretend dafür steht, wie eng Donald Trumps Erfolgsgeschichte mit dem Internet verknüpft ist. Gegen Ende seines Wahlkampfes hat eine Reihe von Zufällen dazu geführt, dass 4Chan-Nutzer ihr ganz eigenes okkultes Glaubenssystem begründet haben. Die grundlegende Idee dahinter ist, dass Pepe der Frosch eigentlich ein Avatar ist, durch den die Mitglieder von 4Chan unwissentlich einen alten ägyptischen Gott heraufbeschworen haben: Kek, den Gott des Chaos und der vorzeitliche Dunkelheit. Am 11. September 2016 erlebte Kek als Pepe eine öffentliche Apotheose. An diesem Tag schrieben Hillary Clintons Wahlkampfhelfer auf ihrer offiziellen Webseite, dass Pepe "ein Symbol der White Supremacy" sei. Noch am selben Tag musste Clinton die Gedenkfeier zu den Anschlägen vom 11. September vorzeitig verlassen, weil sie schwach auf den Beinen war.

Ein Bild, das von dem okkulten Laden "Catland" eingesetzt wird, um Trump zu verhexen. Foto: Catland | Facebook

"Die Reinkarnation von Kek in Pepe wurde am 11. September deutlich", erklärte der Vlogger Davis Aurini in einem animierten Lehrvideo über den Kult der Kek. "An diesem Tag wurde er von Hillary Clinton angeprangert und kurz darauf wurde sie ohnmächtig." Einen weiteren Beweis für ein "wiederkehrendes Muster" sieht er außerdem darin, dass der Bengasi-Anschlag ebenfalls am 11. September stattfand. "Hier haben wir diese alte Frau, die über einen Zeichentrickfrosch schimpft und schließlich an dem Tag, an dem sich ihr Vertrauensbruch jährt, zu Fall gebracht wird."

Durch diese Kette an Ereignissen verwandelte sich der Kult der Kek schließlich in eine Gruppe, die an einen ausgebildeten, spirituellen Glauben erinnert. Ihre Überzeugung: Mit der Macht des Kek könnte es der Immobilienmogul zum mächtigsten Mann der Welt werden. "Den 4Chan-Nutzern wurde klar, dass sie Donald Trump durch Pepe den Frosch und den alten ägyptischen Gott, der von Pepe repräsentiert wird, ins Weiße Haus 'memen' konnten", erklärt uns ATL per Mail. Er ist der Verantwortliche hinter der Webseite "Truth About Pepe", möchte aber anonym bleiben.

In seinem Buch Occult Memetics zieht der Okkultist Tarl Warwick einen Vergleich zwischen bestimmten Memes und dem Konzept der Egregoren, einer metaphysische Wesenheit, die häufig als eine "Gedankenform" oder eine "Gruppenseele" bezeichnet wird. Ein Egregor wird durch eine Gruppe von Gleichgesinnten beschworen, heißt es in den Texten des okkulten Autors W. E. Butler. Wenn die Zahl der Menschen, die seine Macht nähren, zunimmt, "nehmen auch die Macht und der Einfluss des Egregors zu [...] Jedes Mitglied der Gruppe speist die Gruppenseele mit Energie, aber gleichzeitig auch jedes einzelne Mitglied, wodurch der Einfluss der Gruppe als Ganzes wächst." Pepe, schreibt Warwick, "ist ein Egregor von unvorstellbarer Macht."

Millionen von 'kleinen Leuten', die durch 4Chan scrollen, haben das Abbild von Pepe durch ihren Hass auf die angebliche Korruption von Hillary und ihre Hoffnung auf Trumps Sieg im November gespeist.

Laut ATL stellt Pepe eine Wesenheit der chaotischen Magie dar – einem alten Glaubenssystem, das auf magischen Symbolen oder Siegeln beruht, um den Willen eines Einzelnen in das Universum zu entsenden. "Wenn viele Menschen ihre Willenskraft in einem einzigen Siegel vereinen, nennt man das ein Hyper-Siegel. Es besitzt exponentiell mehr Macht," erklärt er auf seiner Webseite. "Millionen von 'kleinen Leuten', die durch 4Chan scrollen, haben das Abbild von Pepe durch ihren Hass auf die angebliche Korruption von Hillary und ihre Hoffnung auf Trumps Sieg im November gespeist. Egal ob sie es bewusst oder unbewusst getan haben."

Théodore Ferréol, ein französischer Journalist, der viel über die magische Kraft von Memes geschrieben hat, ist überzeugt: So richtig ernst nimmt 4Chan diese Magiesache nicht. "Ich habe viele Artikel gelesen, die davon ausgingen, dass die Leute auf 4Chan der festen Überzeugung wären, magische Kräfte zu haben. Ich kann nicht für alle sprechen, aber das tun sie nicht", erklärt er per Mail. "Wenn du zu sehr daran glaubst, dann gehörst du selbst zu den Angeschmierten. Wenn du zu sehr daran glaubst, dann haben sie dich dran bekommen."

Ferréols etwas verwirrende Schlussfolgerung: "Es ist ein Streich, aber kein Witz."

Wenn das Ganze nichts weiter ist als ein sorgfältig ausgearbeiteter Streich, dann sind die Beteiligten allerdings ziemlich fanatisch. Die Anhänger von Kek haben ihr eigenes fiktives Land, ihre eigene Titelmelodie inklusive diverserr Remixe und mehrere spirituelle Bücher, die über Amazon erhältlich sind. Ich frage ATL, ob er jemanden kennt, der tatsächlich ernsthaft an Kek glaubt. Ist es überhaupt wichtig, ob auch irgendjemand daran glaubt? "Wenn die Leute denken, dass das alles nur ein einziger großer Scherz ist, umso besser", antwortet er. "Die Macht eines Meme-Magiers wird durch das Gelächter der Leute verstärkt. Humor hat eine hochenergetische Wellenlänge. Diese Anti-Trump-Hexen haben hingegen keine. Sad!"

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Ferréol vergleicht den Kult der Kek mit Creepypasta, Horrorgeschichten, die von Nutzern massiv im Internet verbreitet werden. Auf diese Weise entstand auch die Geschichte des berüchtigten Slendermans – eine Gruselgeschichte, die angeblich so übermächtig wurde, dass sie sogar einen Mord beeinflusst haben soll. "Ich glaube, in diesem Fall gibt uns die Magie von Memes die Möglichkeit zu erkennen, welchen Einfluss die Gemeinschaft auf die reale Welt hat [...] Gedanken nehmen Form an. Wie Slenderman, der sich von einem simplen [mit Photoshop bearbeiteten Bild] zu einem kollektiven Albtraum entwickelt hat", sagt er. "Donald Trump ist der neue Slenderman."

Die Anti-Trump-Hexen scheinen ihrerseits zu denken, dass sich die rechtsgerichteten Okkultisten ziemlich ernst nehmen. "Viele dieser 4Chan-Leute glauben wirklich, dass sie Trump durch ihre Magie erfolgreich gemacht haben", ist Hughes überzeugt. "Sie halten sich für stärker als uns, weil sie Kek und Pepe haben.'" Für viele Hexen sind sie allerdings nicht mehr als unwissende Amateure.

"Soweit ich das beurteilen kann, haben die meisten von ihnen nur ein sehr oberflächliches Verständnis von dieser Kunst", ergänzt er in einer weiteren E-Mail. "Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, sie zu bekämpfen. Dafür ist der Einfluss, den sie haben, einfach zu gering." Er ist sich sicher, dass ihnen die Sache mit der Magie bald zu langweilig wird und sie sich neuen Projekten widmen.

Die Anhänger von Kek geben sich hingegen sehr selbstbewusst. Auf die Frage, was er über das Massenritual denkt, reagiert ATL schadenfroh. "Ich kann zwar nichts mit Sicherheit sagen, aber ich glaube schon, dass sie nicht genug Leute waren und dass sie auch einfach zu spät gekommen sind", sagt er. "Unsere Memes haben eine solche Macht entwickelt, dass es extrem schwierig sein wird, sie zu besiegen. Wenn wir uns Trumps unglaubliche erste Rede vor dem Kongress ansehen, dann war ihr Ritual ein einziger Fehlschlag."

Donald Trump ist der neue Slenderman.

Diejenigen, die sich an dem Ritual beteiligt haben, sind geteilter Meinung, was Trump angeht. Carrie St. Aaron hat Broadly am Tag nach dem Ritual eine überschwängliche E-Mail geschrieben, in der sie die deutliche Welle an Energie beschrieb, die sie spüren konnte, als der Zauber vollendet war. "Wow. Das war unglaublich. Es gab 1.400 Zusagen auf Facebook und das waren nur die Facebook-Nutzer. Sogar Lana del Rey hat daran teilgenommen." Sie ist fest davon überzeugt, dass die christliche Opposition und die Söhne des Kek geschlagen wurden. "Ich habe wirklich das Gefühl, dass wir in ein neues Zeitalter aufbrechen werden. Es ist unglaublich."

Hughes war ebenfalls extrem begeistert. Laut ihm war das Feedback überwältigend positiv und er wurde von Magiern aus der ganzen Welt auf die Aktion angesprochen. "Das langfristige Ziel ist es, Trump aus dem Amt zu befördern, aber das wird noch dauern. Deswegen werden die Rituale weitergehen." In der Zwischenzeit will er die politischen Entwicklungen ganz genau im Auge behalten. "Jede Kritik an seiner destruktiven Agenda wird zu unseren Gunsten ausfallen. Außerdem glaube ich, dass der Widerstand umso größer sein wird, je heftiger er vorpreschen wird."