Für Journalistinnen könnte Mexiko derzeit der gefährlichste Ort der Welt sein

Eine Reporterin wurde in ihrer Wohnung erwürgt, eine andere in ihrem Auto erschossen, wieder andere berichten von sexuellen Übergriffen durch Regierungsmitarbeiter.

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05 Mai 2017, 10:33am

A photographer in Mexico on International Women's Day. All photos by Andalusia Knoll Soloff

Im April 2012 wurde Regina Martinez tot in ihrer Wohnung in Xalapa aufgefunden, der Hauptstadt des Küstenstaates Veracruz. Sie wurde erwürgt. Auch heute, fünf Jahre später, ist man als Journalist in Mexiko noch immer der ständigen Gefahr ausgesetzt, Opfer eines Verbrechens zu werden – vor allem, wenn man eine Frau ist.

Martinez schrieb für das mexikanisches Magazin Proceso und berichtete intensiv über die Verbindungen zwischen der örtlichen Regierung und dem organisierten Verbrechen. Trotzdem stand ihre Arbeit nicht im Fokus der Ermittlungen. Stattdessen vermutete die Staatsanwaltschaft, dass es sich um eine Beziehungstat handeln musste, weil das Opfer zu Hause Make-up und Parfum trug.

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Ihr vermeintlicher Liebhaber wurde nie gefunden und auch nach über fünf Jahren wurde noch niemand wegen dem Mord an der Journalistin verurteilt. Das wahre Motiv hinter dem Verbrechen bleibt nach wie vor unklar. (Ein Mann kam zwar vor Gericht, doch sein Urteil wurde aufgehoben, weil sein Geständnis unter Folter zustande kam.)

"So geht man in Mexiko mit den Mörder von Menschenrechtsaktivisten und Journalisten um: Sie werden stigmatisiert, doch die wahren Motive ihrer Verbrechen bleiben ungeklärt. Stattdessen entwickeln die Ermittler alternative Erklärungen und konzentrieren sich auf Dinge wie Parfum und Make-up", sagt Catalina Botero, ehemalige Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit der interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (IAKMR).


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Broadly hat mir Botero über die Veröffentlichung des neuen Berichts Freiheit und Widerstand gesprochen, der von der internationalen Organisation für Pressefreiheit Article 19 veröffentlicht wurde. Der Bericht dokumentiert die Gewalt an mexikanischen Journalisten und die rechtlichen Bedingungen, unter denen die Täter straffrei davon kommen. Allein 2016 zählte die Organisation 426 Angriffe auf Mitglieder der Presse. Diese Zahl umfasst 11 Morde sowie 97 Angriffe auf Journalistinnen.

Der Mord an Martinez ist nur ein Beispiel, das in dem Bericht genannt wird. In 99,75 Prozent kommt es bei Morden an Journalist_innen nie zu einer Verurteilung. Der Großteil der Verbrechen bleibt unbestraft. "Die Mörder gehen sehr systematisch vor. Der Fall von Martinez zeigt, welche strukturellen und institutionellen Versäumnisse dazu führen können, dass ein Täter nicht angemessen bestraft wird", sagt Ana Ruelas, Leiterin der Außenstelle von Article 19 in Mexiko und Zentralamerika. Seit dem Mord an Martinez kamen in Veracruz 14 weitere Reporter ums Leben, darunter auch einer ihrer Kollegen von Proceso.

Fotos, die bei den Protesten im Gedenken an die ermordeten Journalist_innen ausgestellt wurden. Regina Martinez ist rechts zu sehen. Alle Fotos: Andalusia Knoll Soloff

Im März wurde die Journalistin Miroslava Breach am helllichten Tag in Chihuahua erschossen. Breach saß gerade in ihrem Wagen und wartete auf ihren Sohn, den sie von der Schul abholen wollte, als sie von acht Kugeln getroffen wurde. Die Schützen hinterließen eine Nachricht, die den Mord damit begründen sollte, dass sie "ein Großmaul war". Breach hatte mehr als 20 Jahre damit verbracht, Chihuahua über die Korruption, die Politik und die Verbrechen in Chihuahua zu berichten. Sie war bereits die dritte Journalistin, die in diesem Monat in der Region ermordet wurde.

Zwei Tage nach ihrem Tod gingen in Mexiko-Stadt unzählige Reporter auf die Straße. Auf ihren Plakaten stand: "Journalisten zu ermorden, tötet nicht die Wahrheit." Die Zeitung Norte, für die Breach gearbeitet hat, schloss infolge ihres Tods. Unter der Überschrift "Adios" erklärte der Herausgeber Oscar Cantu, dass er die Sicherheit seiner Angestellten nicht mehr länger gewährleisten könne. "Ich möchte keinen meiner Mitarbeiter mehr mit dem Leben bezahlen lassen und möchte auch nicht selbst den Kopf hinhalten müssen." Trotzdem gab sich Ruelas zuversichtlich, was die Ermittlungen anging. Er erklärte, die Generalbundesanwaltschaft konzentriere sich mit ihren Ermittlungen auf Breachs journalistische Arbeit und hoffe, dadurch Hinweise auf die möglichen Täter zu finden.

Eine Demonstrantin in Mexiko-Stadt prangert die Ermordung von Journalist_innen an.

Laut Article 19 und CIMAC, einem mexikanischen Medienverband für Frauen, hat sich die Zahl der Angriffe auf weibliche Journalisten in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt. Das umfasst neben Fällen von körperlicher Gewalt, auch Drohungen im Netz und Fälle von sexueller Belästigung. Die Auswirkungen sind in jedem Fall verheerend. "Die Sichtbarkeit von Frauen nimmt immer mehr zu, vor allem durch ihre Arbeit in digitalen Foren. Nichtsdestotrotz werden sie noch immer diskriminiert und mit dem Tod oder sexueller Gewalt bedroht", sagt Ruelas. Es kommt immer wieder vor, dass Journalistinnen Fotos von bewaffneten Männern und abgetrennten Köpfen zugeschickt bekommen, weil sie über sexuelle Gewalt und Sexismus berichten. Eine Journalistin musste deswegen sogar zeitweise ins Ausland fliehen.

Journalistinnen berichten aber auch, dass sie von Personen sexuell belästigt wurden, über die sie eigentlich berichten sollten. Laut Article 19 gehen 53 Prozent der sexuellen Übergriffe von Regierungsmitarbeitern aus. Die Journalistin Carmen Pizano von der Zeitung Zona Franca überrascht diese Zahl kaum. Sie wurde selbst bereits von einem mexikanischen Politiker sexuell belästigt, während sie ihn zu seiner Auseinandersetzung mit einem anderen Regierungsmitglied interviewte.

Seine Reaktion: "Er kniff mir immer wieder in die Wangen und nannte mich 'Kleine'", erklärt Pizano gegenüber Broadly. "Er hat sich mir gegenüber vollkommen sexistisch benommen. Im Grunde sagte er mir: Stell keine Fragen und halt einfach den Mund." Sie berichtete über ihr Erlebnis später auch in Zona Franca und nutze dazu die Aufzeichnungen, die sie von dem Vorfall hatte. Außerdem reichte sie eine formelle Beschwerde bei der mexikanischen Menschenrechtskommission ein.

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Doch viele Journalistinnen gehen noch immer noch nicht damit an die Öffentlichkeit, wenn sie Opfer von Gewalt oder sexueller Belästigung wurden. Botero, die ehemalige Sonderberichterstatterin, sieht darin auch eine Selbstzensur mexikanischer Journalisten, die ihrer Meinung unter einer demokratisch gewählten Regierung überhaupt nicht existieren dürfte. "Die Presse wird vom organisierten Verbrechen und den Regierungsvertretern, die mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung stehen, regelrecht belagert. Deswegen müssen sie fürchten, mit dem Leben zu bezahlen, wenn sie Menschenrechtsverbrechen oder Korruption anprangern", sagt sie. "Nichts anderes passiert in einer Diktatur."

CIMAC bezeichnet die Drohungen gegen mexikanische Journalistinnen als Form der psychologischen Gewalt – vor allem, wenn sie mit sexueller Gewalt bedroht werden, "um Kontrolle über sie auszuüben und sie zum Schweigen zu bringen". Article 19 sagt dazu: "Die Botschaft ist klar: Ohne Wahrheit und ohne Gerechtigkeit sind Journalisten auch weiterhin ein leichtes Ziel."

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