Ungerechtigkeit

Drogen, Ausbeutung, sexuelle Übergriffe: Wenn das Au-pair-Jahr zur Hölle wird

Wer sich für das Au-pair-Programm entscheidet, der träumt von oft einem günstigen Auslandsabenteuer. Die jungen Mädchen werden aber meistens nicht wie ein Familienmitglied, sondern eher wie ein Dienstmädchen behandelt. Warum gibt es bei diesem Programm...

Johanna Siegemund

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Hauptsache raus—eine Richtung, die viele Jugendliche nach dem Schulabschluss einschlagen wollen. Dabei kann es oft nicht weit genug von der eigenen Heimat entfernt sein. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Zeit bis zum Studienbeginn ist knapp und meistens fehlt das nötige Geld für ein sorgenfreies Auslandsjahr. Das wissen viele Au-pair-Agenturen und werben mit dem Traum, in einer fremden Umgebung eine neue Heimat zu finden—ohne finanzielle Sorgen. In Katalogen geben glücklich lachende Modelfamilien oft das Gefühl, dass man mit der Zahlung einer Vermittlungsgebühr zudem die perfekte, unkomplizierte Ersatzfamilie erhält. Ähnlich romantisch wie das Layout der Kataloge klingen dann auch die Erwartungshaltungen der angehenden Au-Pairs. Es gleicht einem auswendig gelernten Gedicht aus einem Au-Pair-Katalog. Symbolhafte Begriffe wie „Abenteuer", „Traum vom Reisen" und „neue Kulturen kennenlernen" sind das, was man sich von seinem Jahr im Ausland erhofft.

Die Kinderbetreuung, also die eigentliche Hauptaufgabe eines Au-pairs, spielt dabei eine eher kleine Rolle. Zehntausende Au-pairs werden jedes Jahr von Deutschland und Österreich ins Ausland vermittelt. Die beliebtesten Ziele sind dabei Großbritannien, Frankreich, Spanien und natürlich die USA. Christine Geserick, Soziologin am österreichischen Institut für Familienforschung, hat 24 Au-pairs auf ihrem Weg in die USA begleitet: „Es geht selten wirklich um das Thema Kinderbetreuung. Es sind eher andere Faktoren, beispielsweise in das Traumland zu reisen. Viele wollten das ‚Gap Year' nutzen, um einfach mal rauszukommen und neue Fähigkeiten zu erwerben. Sprachliche Kompetenzen und einen neuen Kulturkreis erfahren; solche Motivationen haben da eine Rolle gespielt."

Irgendwann setzt bei den Au-pairs eine gewisse Ernüchterung ein. Man ist eher Arbeitskraft als Gastfamilienmitglied.

Auch Sophie neue Erfahrungen sammeln. Mit 17 Jahren entschied sie sich dazu, als Au-pair nach Schottland zu gehen. Doch die Erfahrungen, die sie in ihrer ersten Gastfamilie machte, waren jenseits ihrer Vorstellungskraft, wie sie im Gespräch mit Broadly erzählt: „Ich fand ziemlich schnell heraus, dass der Gastvater gar nicht der leibliche Vater der Kinder war. Er hatte die Frau von der Straße geholt. Sie war drogenabhängig. Während ich dort gewohnt habe, ist sie rückfällig geworden."

Sophie befand sich in einer Art anhaltenden Schockstarre. Nichts hatte sie auf diese Situation vorbereiten können. Schließlich konnte sie nach der Arbeit nicht einfach nach Hause gehen und abschalten. Man wohnt dort, wo man arbeitet. Der Arbeitsplatz, nämlich die Gastfamilie, wird gleichzeitig zu einem der wichtigsten Bezugspunkte für die jungen Menschen.

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Der Wunsch, in seiner Gastfamilie eine Art Ersatzfamilie zu finden, ist groß. Die Bezeichnung eines Au-pairs als „Familienmitgliedes auf Zeit" ist allerdings oft irreführend, meint Christine Geserick. „Es setzt irgendwann eine gewisse Ernüchterung ein. Man ist eher Arbeitskraft als Gastfamilienmitglied. Für manche war es beispielsweise auch eine sehr schmerzhafte Erfahrung, wenn die Familie die Au-pairs nicht mit in den Urlaub nimmt. Das war für viele das Symbol für die vollständige Integration in die Familie, man fühlt sich ausgegrenzt."

Auch Sophie hat sich nie wie ein vollständiges Familienmitglied gefühlt. Sie fühlte sich einsam, mit ihren Problemen allein gelassen. Besonders, als der Gastvater auf einmal anzügliche Kommentare machte: „Er meinte zu mir, wir könnten ja ins Schlafzimmer gehen. Andere Au-Pairs vor mir hätten das auch schon gemacht." Nach diesen Andeutungen entschied sich Sophie, ihren lokalen Betreuer zu informieren. Nachdem sie die Erlebnisse mit ihrem Gastvater schilderte, durfte sie die Gastfamilie wechseln. „Ich musste das aber für mich alleine einschätzen. Hätte ich nicht von mir selbst aus gesagt, dass ich in Gefahr schwebe, hätte mich da keiner rausgeholt", meint Sophie.

Der Gastfamilienwechsel, auch Rematching genannt, ist keine Seltenheit. Christine Geserick erlebte während ihrer Forschung 13 Familienwechsel: „Der Arbeitsort ist die Familie und in jeder Familie gibt es Probleme, die eben nach außen verschleiert werden. Bei jedem Familienwechsel waren die Auslöser irgendwelche Eklats oder komische Zusammenhänge. Es gab auch Pornoheftchen, die im Bad für das Au-pair platziert wurden. Es sind teilweise ganz wilde Geschichten und leider keine Einzelfälle. Da sind die lokalen Betreuer und Betreuerinnen sehr unterschiedlich. Die einen ergreifen teilweise für die Familie Partei, oft auch ohne Grund. Andere nehmen das Au-Pair sofort bei sich auf, wenn sie von der Familie rausgeschmissen wird."

Im Internet reden zahlreiche Au-Pairs über ihre negativen Erfahrungen. Auf YouTube oder in Foren gibt es zahlreiche Beiträge über verrücktgewordene Gastmütter, grenzüberschreitende Gastväter und fragwürdige lokale Betreuer. Doch warum kommt es immer wieder zu solchen Zwischenfällen?

Seit 2002 wurde die Agenturpflicht für Au-pairs in Deutschland abgeschafft. Das bedeutet, dass mittlerweile jeder ein Au-Pair-Vermittlungsprogramm anbieten kann. Die Professionalität der jeweiligen Agentur muss also von dem angehenden Au-pair selbst überprüft werden. Susanne Flegel ist Leiterin einer solchen Agentur und hat bereits viele Fälle erlebt, in denen sich junge Frauen aus Deutschland in ihrer Not an sie gewandt haben. Das ist bei Weitem keine Seltenheit mehr. Aus einer Umfrage der deutschen Au-Pair-Versicherungsgesellschaft Dr. Walter geht hervor, dass im Jahr 2014 alle befragten Agenturen Au-pairs aus anderen Agenturen aufgenommen haben.

Agenturen haben oft keinen Überblick darüber, wann ein Familienwechsel notwendig wäre. Susanne Flegel weiß, dass Gastfamilien oft unfaire Arbeitsbedingungen stellen: „Keine Einhaltung der Arbeitszeiten, das Taschengeld wird über Monate nicht gezahlt, das Handy wurde abgenommen, sie kommen nicht raus, sie bekommen nicht das gleiche Essen wie die Familie, sie leben vielleicht im Keller; Da gibt es alles. Der häufigste Grund ist natürlich, dass die Mädchen von früh bis spät arbeiten sollen." Mit dem ursprünglichen Gedanken des Au-pairs, nämlich einem gegenseitigen Austausch, hat das dann nur noch sehr wenig zu tun.

Foto: Lindsey Turner | flickr | CC BY 2.0 | Das größte Problem sind oft nicht die Kinder, sondern die Gasteltern.

Häufig trifft es Mädchen aus dem asiatischen Raum. Da diese oft nur wenige Möglichkeiten haben, um nach Europa zu kommen, wird das Au-pair-Programm als eine Art Studienaustausch genutzt. Die jungen Frauen sind oft überqualifiziert und besitzen bereits einen Studienabschluss, aber aufgrund der schlechten Berufsperspektiven im eigenen Land stellt der Job als internationales Hausmädchen eine bessere Alternative dar. Innerhalb der letzten Jahre hat sich das Au-pair-Programm deshalb zu einem riesigen Trend in den östlichen Ländern entwickelt. Oft besteht auch die Hoffnung, danach in dem Gastland bleiben zu können. In Österreich werden beispielsweise jährlich 3.000 Visa für Au-Pairs bewilligt. In Deutschland sind es ungefähr 5.000 Visa für Mädchen, die größtenteils aus Usbekistan, Nepal und Georgien kommen.

Der Traum von Europa wird von den Gastfamilien dabei häufig zum eigenen Vorteil ausgenutzt: „Mädchen aus dem asiatischen Raum haben oft mehrere tausend Euro aufgewendet, um nach Deutschland zu kommen. Und dann gibt es eben Gastfamilien, die ihnen bei jedem kleinen Aufmucken sofort mit dem Flug nach Hause drohen. Das sind so die Standarddrohungen. Sie sind eine leichte Beute, weil sie eine ganz andere Erziehung erfahren haben. Sie sind es von zu Hause nicht gewohnt, Widerspruch zu leisten. Die Familien wissen auch, dass die Mädchen Angst haben und deswegen leichter auszunutzen sind."

Die Au-pairs lassen sich darauf ein, weil dabei Vergünstigungen und Vorteile entstehen—auch emotional.

Susanne Flegel betreut viele solcher Fälle, täglich melden sich zwei bis drei Mädchen, weil sie in ihrer Gastfamilie ausgenutzt werden. Erst letzte Woche hatte sie eine junge Frau, die bei der Gastfamilie suizidale Gedanken entwickelte. „Die Mädchen sind oft traumatisiert. Das dauert meistens eine ganze Weile, bis man diese jungen Frauen wieder aufgebaut hat", erklärt sie. Viele Agenturen im Internet bieten Au-pair-Vermittlungen auch ohne die strengen Grundvoraussetzungen an. Es gibt keinerlei Garantien—weder für die Familie, noch für die Au-pairs. Zwar ist alles gesetzlich geregelt , doch meist wissen die jungen Mädchen gar nicht, was sie leisten müssen und was nicht. Leichte Mithilfe im Haushalt ist beispielsweise erlaubt, jedoch gehört dazu nicht die Komplettreinigung der Ferienhäuser. Eine Reportage des NDR zeigte, wie deutsche Familien die jungen Mädchen teilweise schamlos ausnutzen.

Das Au-pair-Programm hat in den letzten Jahren sehr viel Kritik einstecken müssen. Das Interesse ist immer noch hoch, jedoch vor allem bei Europäern nicht mehr so beliebt wie andere Auslandsprogramme. Viele deutsche Agenturen meldeten für das Jahr 2014 große Verluste. Das Programm, das eigentlich vorrangig dem Kulturaustausch dienen soll, wird deswegen zum „modernen Sklavenhandel" degradiert—ein Ausbeutungsverhältnis. Die Soziologin Christine Geserick hält das für zu platt. Durch das besondere Setting entstehen nicht nur besondere Konflikte, sondern auch sehr spezifische Arbeitsverhältnisse: „In diesem Setting trauen sich Familien auch öfter mal, einen Gefallen einzufordern. Das heißt aber nicht, dass die Gasteltern das ausnutzen. Die Au-pairs lassen sich darauf ein, weil dabei Vergünstigungen und Vorteile entstehen", widerspricht sie. „Beispielsweise wurde ein Au-pair von ihrer Gastmutter zu vielen tollen Konzerten in New York eingeladen. Auch die emotionale Zuwendung als Währung spielt da eine Rolle."

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Für viele junge Frauen, die frisch aus der Schule und dem Elternhaus kommen, ist gerade auch das Gefühl des Gebraucht werdens eine ebenso neue wie befriedigende Erfahrung.

„Am Anfang dachte ich, dass sie viel zu naiv für dieses Programm ist", beschreibt Christine Gerserick den Fall der 18-jährigen Toni, die in eine sehr zerrüttete Familie kam. Der Vater ist schwer alkoholabhängig, die Mutter arbeitet fast den ganzen Tag. Irgendwann geht der Familie das Geld aus. „Da kaufte Toni einfach von ihrer eigenen Kreditkarte Essen für die Kinder. Sie hat die Kinder auch vor dem oft aggressiven Vater geschützt." Es herrschen katastrophale Zustände. Toni musste plötzlich viel Verantwortung für die Kinder übernehmen. Am Ende entschied sie sogar über die Operation des Gastkindes, weil beide Elternteile nicht verfügbar sind. Der Agentur hat sie all das verschwiegen. „Sie sagte dann zu mir, dass das eigentlich das Jahr ihres Lebens war. Sie hat da ganz viel an Weiterentwicklung für sich rausgezogen."

Und das ist auch das Entscheidende: Das Au-pair-Programm ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Man kann sich nicht wirklich auf das Au-pair-Jahr vorbereiten. Die Arbeit in einer Familie ist der wohl sonderbarste Arbeitsplatz der Welt—besonders wenn es nicht die eigene ist. Das heißt zum einen, dass man sich Normen unterordnen muss, gleichzeitig darf man sich aber auch nicht alles gefallen lassen. In Amerika gibt es deswegen ein einwöchiges Au-Pair-Vorbereitungsprogramm, um die Au-pairs über Rechte und Pflichten aufzuklären. So etwas fehlt in Deutschland und Österreich beispielsweise komplett, wie Susanne Flegel erklärt: „Der Traum ist, dass wir es schaffen, ähnliche Einführungskurse wie in Amerika anzubieten. Wir wollen, dass es Pflicht wird, einen drei-Tages-Kurs zu absolvieren. So lernen sie, ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Beruf als Au-pair aufzubauen."

Man darf nicht erwarten, dass das Au-pair perfekt funktioniert.

Das Au-pair-Programm ist das älteste und auch preiswerteste Austauschprogramm der Welt, enthält aber auch das mit Abstand größte Mogelpaket. Es braucht mehr Aufklärung, bessere Schutzmechanismen. Da reicht ein Gütesiegel oft nicht aus, erklärt meint Susanne Flegel. „Wir versuchen Gastfamilien klarzumachen, dass ein Au-pair keine Arbeitskraft, kein Kindermädchen, keine Putzfrau ist. Es ist ein junger Mensch, der vielleicht Erfahrungen in der Kinderbetreuung hat. Man darf nicht erwarten, dass diese Person perfekt funktioniert." Eine ältere Schwester auf Zeit, also.


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