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Die Frau, die Hitlers Zähne aufbewahrte

In den Tagen nach Ende des Zweiten Weltkrieges bekam die Übersetzerin Elena Rzhevskaya einen sonderbaren Auftrag: Sie sollte eine Schmuckschatulle bewachen, die den einzigen unwiderlegbaren Beweis für Hitlers Tod enthielt.

Bess Lovejoy

Bess Lovejoy

Image by Kat Aileen

Wenn wir den Namen Hitler hören, denken wir nicht automatisch an seine Zähne. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges wirkt es seltsam, sich die Verursacher als echte menschliche Wesen mit Mundgeruch und Magenproblemen, zu engen Schuhen, Rückenproblemen und einem künstlichen Gebiss vorzustellen. Doch obwohl Hitler meist als Archetyp des Bösen dargestellt wird, war auch er nur ein Mann aus Fleisch und Blut, von dem nur ein paar sterbliche Überreste blieben. Nachdem er gestorben war, wurde der einzige unwiderlegbare Beweis für seinen Tod von einer jungen Frau durch die Trümmer von Berlin getragen, die sich selbst in einer der seltsamsten und gleichwohl menschlichsten Momente nach Kriegsende wiederfand.

Im Frühjahr 1945 war Elena Kagan 25 Jahre alt. Sie war eine Kriegswitwe und arbeitete als deutsche Übersetzerin für die Rote Armee. Geboren wurde sie als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Moskau. Die junge Mutter war zu Kriegsbeginn als Studentin an der literarischen Fakultät eingeschrieben. Ihr Mann, ein intellektueller Schriftsteller, kam bereits früh im Krieg um. Kagan sagt, sie hätte sich bei der Armee gemeldet, um ihre Tochter ernähren zu können. Mit ihren Deutschkenntnissen machte sie sich bei der Befragung von Gefangenen unentbehrlich, doch ihren denkwürdigsten Auftrag erhielt sie am 29. April 1945, als sie und zwei andere, den Auftrag erhielten, Hitler zu finden—tot oder lebendig. Ihre Erinnerungen an Kriegstage wurden zunächst 1965 als „Notizen über Berlin" in einer sowjetischen Literaturzeitschrift veröffentlicht. Die Welt erfuhr darin erstmals wie genau Hitlers Leichnam gefunden und identifiziert wurde. Eine ausführlichere Version ihrer Memoiren erschien später in mehr als zehn Sprachen.

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Kagan, die ihren Namen später zu Ehren der Stadt Rzhev, wo sie zum ersten Mal die volle Tragweite des Krieges zu spüren bekam, in Rzhevskaya umänderte, schreibt in ihren Aufzeichnungen, dass sie Mitgefühl mit den gefangenen deutschen Soldaten hatte. Viele von ihnen erst knapp volljährig. In ihren blutunterlaufenen Augen konnte sie sehen, wie viel Angst sie hatten. Die deutschen Frauen wurden wie Kriegsbeute behandelt. Sie erzählt von Waisen und Kühen, die durch die zerbombten Straßen wanderten, Soldaten, die sich mit teuren Weinen betranken, die die Nazis bei der Flucht zurückgelassen hatten, einem russischen Telegrafisten, der Eva Brauns langes weißes Abendkleid anprobierte und wie es war, Hitlers Zähne mit sich herumzutragen.

Die Zähne wurden ihr am 8. Mai, acht Tage nach Hitlers Tod, übergeben. Sie wurden zur Aufbewahrung in eine rote Schmuckschatulle gelegt. „Ich weiß nicht, woher sie die Schatulle hatten", schreibt sie in der neuesten Auflage ihrer Memoiren Memoirs of a Wartime Interpreter, einem übersetzten Auszug, der Broadly von ihrer Literaturagentur zur Verfügung gestellt wurde. „Sie war alt, weinrot und mit weichem Satin gefüttert—die Art von Schachtel, in der man Parfum oder billigen Schmuck aufbewahrte [...] Der gesamte Tag war erfüllt von einem Gefühl des bevorstehenden Sieges und es war eine große Bürde, die Schatulle die ganze Zeit über mit mir herumzutragen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken, dass ich sie aus Versehen irgendwo vergessen könnte. Die Schatulle lastete schwer auf meinen Schultern."

Die Schatulle lastete schwer auf meinen Schultern.

Der Tag, über den Rzhevskaya spricht, war der 8. Mai—der Tag, an dem Deutschland die Kapitulation unterschrieb und der Großteil der Welt in Jubel ausbrach. Am selben Tag fand die Autopsie von Hitler in einem provisorischen Leichenhaus in einer Klinik in Buch, im Nordwesten Berlins statt. Rzhevskaya erzählt, dass sie versuchte, dem „grob gearbeiteten Kästchen mit den schrecklichen schwarzen Überresten im Inneren" nicht zu nahe zu kommen. Sie schreibt auch über die schwierige Suche nach Hitlers Leiche, die hauptsächlich aus Verwechslungen und Falschmeldungen bestand.

Hitler beging am 30. April 1945 in seinem Bunker unter der Reichskanzlei Selbstmord. Seine Leiche sollte von seinen Helfern verbrannt werden, bis nichts mehr von ihm übrig blieb. Er wollte nicht, dass sein Leichnam in irgendeinem Moskauer Wachsfigurenkabinett zur Schau gestellt würde, wie er sagte, oder „in einem von den Juden veranstalteten Spektakel." Die Sowjets erfuhren erst einen Tag danach, was passiert war. Der SS-Brigadeführer Hans Krebs informierte während einem gescheiterten Versuch, einen Waffenstillstand auszuhandeln, einen sowjetischen Kommandanten darüber, dass Hitler tot war.

Mehrere Tage später fand ein sowjetischer Soldat die halb verkohlten Überreste eines Mannes und einer Frau, die in einem Granattrichter in der Nähe des Notausgangs des Bunkers vergraben worden waren. Er bemerkte die Spitze einer grauen Decke, die aus dem Granattrichter ragte. Diese passte zur Beschreibung einer Decke, in die die Leichen von Hitler und Eva Braun eingewickelt worden waren, wie die verbliebenen Helfer im Bunker während der Verhöre berichtet hatten. Bei den Überresten der beiden Leichen fand man auch die zweier Hunde, bei denen es sich—wie sich später rausstellte—um Hitlers geliebte Hündin Blondi und einen ihrer Welpen handelte. Um die Überreste herum fand man mehrere Medizinfläschchen aus dunklem Glas, handbeschriebene Seiten, etwas Geld und ein Medaillon, auf dem stand: „Laß mich immer bei dir sein".

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Die Soldaten verpackten die Überreste in hölzernen Munitionskisten, die von Rzhevskaya und ihrer Truppe in das Leichenhaus in Berlin-Buch gebracht wurden. Hitlers Autopsie wurde von dem sowjetischen Feldarzt Dr. Faust Jossifowitsch Schkarawski geleitet, aber von Anna Yakovlevna Marants durchgeführt. Sie notierte, dass „die Leiche stark verkohlt ist und nach verbranntem Fleisch riecht." Nur der Kiefer blieb relativ unversehrt. Die Ärzte lösten die Kieferknochen heraus und übergaben sie Rzhevskaya in der weinroten Schatulle.

Zähne sind wie eine persönliche Unterschrift: Sie sind bei jedem Menschen anders. Doch im Gegensatz zu Unterschriften sind Zähne schwer zu fälschen. Deshalb werden sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet, um Leichen zu identifizieren und die sowjetischen Ärzte wussten, dass Hitlers Kieferknochen der Schlüssel dazu sein würden, der Welt zu beweisen, dass Hitler tot ist.

Adolf Hitler bei einer Rede. Foto: imago | United Archives International

Gegen Mitternacht war die Autopsie abgeschlossen und Rzhevskayas Truppe hörte im Radio die Nachricht von der Kapitulation Deutschlands. „Wir schenkten uns, ohne ein Wort zu sagen, Wein ein", schreibt sie. „Ich stellte die kleine Schachtel auf den Boden. Schweigend stießen wir an. Wir waren extrem ergriffen und aufgewühlt. Uns fehlten die Worte, während wir im Radio die Geräusche von den Feuerwerken in Moskau hörten. Ich rannte die steile Treppe ins Erdgeschoss hinunter ... Ich werde dieses Gefühl, das mich in diesem Moment überkam, niemals vergessen. Passierte all das wirklich? War das wirklich ich, die dort stand—in der Stunde der deutschen Kapitulation—und eine Schachtel mit dem letzten unwiderlegbaren Beweis für Hitlers Tod umklammerte?"

Als der Morgen des nächsten Tages anbrach, machten sich Rzhevskaya und ihre Truppe auf den Weg, um jemanden zu finden, der Informationen über Hitlers Zähne hatte. Sie fuhren durch die zerbombten Straßen Berlins, die von zerstörten Häusern und unzähligen Flüchtlingen gesäumt waren. Sie fanden ein Krankenhaus, das noch immer in Betrieb war und fragten einen Arzt nach dem Namen von Hitlers Zahnarzt. Der Arzt hatte keine Ahnung, aber er schickte sie zu einem bekannten Laryngologen, Carl von Eicken, der Hitler behandelt hatte. Ein bulgarischer Student, der in Eickens Klinik arbeitete, kannte den Namen von Hitlers Zahnarzt, Professor Blaschke, und stieg zu Rzhevskaya in den Wagen, um ihnen den Weg zu seiner Praxis zu zeigen, die in einer der nobelsten Straßen von Berlin lag. Dort öffnete ihnen ein Arzt, der eine rote Schleife im Knopfloch trug, die Tür—„ein Zeichen des Willkommens und der Solidarität mit den Russen", wie Rzhevskaya schreibt. Er erklärte, dass Hitlers Zahnarzt geflohen sei, aber dass seine Zahnarzthelferin, Käthe Hausermann, nur ein paar Häuser weiter leben würde.

War das wirklich ich, die dort stand und eine Schachtel mit dem letzten unwiderlegbaren Beweis für Hitlers Tod umklammerte?

Rzhevskayas Erinnerung nach war Hausermann eine große, attraktive Frau Mitte Dreißig. Als sie hereinkam, trug sie einen blauen Mantel und ein Kopftuch, aus dem ihre blonden Haare heraushingen. Als sie die Russen sah, begann sie zu weinen. Sie war zuvor von russischen Soldaten vergwaltigt worden und musste erst davon überzeugt werden, dass sie ihr nichts antun würden. Als sie sich beruhigt hatte, wurde sie gebeten, ihnen zu sagen, woran sie sich bei Hitlers Zähnen erinnern konnte. Die Stellen seiner Kronen und der Oberkieferbrücke stimmten mit den Zähnen in der Schmuckschatulle überein, doch Rzhevskayas Truppe brauchte noch mehr Beweise. Hausermann führte sie zu einer winzigen, schimmligen Zahnarztpraxis im Führerbunker, wo sie Röntgenaufnahmen von Hitlers Zähnen angefertigt hatte. Mithilfe der Bilder—der Lage der Wurzelkanalfüllungen, des Knochenaufbaus und ungewöhnlicher Brücken—konnte bestätigt werden, dass es sich bei dem Leichnam, der im Schutt vor dem Bunker gefunden worden war, um Hitler handeln musste. Ein Zahntechniker namens Fritz Echtmann, der für dasselbe Labor wie Hausermann gearbeitet hatte und die Kronen und Brücken für Hitler wie auch für Eva Braun hergestellt hatte, bestätigte die Beobachtungen.

Als Rzhevskaya Hausermann später fragte, warum sie in Berlin geblieben war und nicht gemeinsam mit Blaschke geflohen war, sagte die Zahnarzthelferin, dass sie den Kontakt zu ihrem Verlobten verloren hatte und in Berlin bleiben wollte, damit er sie wiederfinden konnte. (Sie hatte außerdem einen Koffer voll Kleider außerhalb der Stadt vergraben, „um sie vor den Bomben und den Flammen zu schützen", schreibt Rzhevskaya, und die wollte sie nicht zurücklassen.) Nach dem Krieg wurde Hausermann in die Sowjetunion deportiert und verbrachte zehn Jahre in einem russischen Arbeitslager, weil sie durch ihre Arbeit als Zahnarzthelferin geholfen haben soll, ein bürgerliches Regime aufrechtzuerhalten.

Nachdem sie die Bestätigung für ihren Beweis hatten, schrieb Rzhevskaya einen Brief an ihre Familie in Moskau und sagte ihnen, dass sie bald nach Hause kommen würde. Dem war aber nicht so, denn aus Stalins Sicht gab es noch jede Menge zu tun. Die amerikanische Presse berichtete, dass Hitlers Leiche gefunden worden war, doch die russischen Medien beförderten das Gerücht, Hitler wäre noch immer am Leben und würde sich irgendwo verstecken. Tatsächlich informierte Stalin noch nicht einmal seine Spitzenbefehlshaber über Hitlers Tod. Als Rzhevskaya ihren Kommandanten Georgy Zhukov, der den Angriff auf Deutschland angeführt und Berlin eingenommen hatte, in den 60er-Jahren wieder traf, fragte der sie: „Ist Hitler wirklich tot?"

Mithilfe der Röntgenbilder konnte bestätigt werden, dass es sich bei dem Leichnam, der im Schutt vor dem Bunker gefunden worden war, um Hitler handeln musste.

Während sie auf weitere Befehle von Stalin warteten, zog Rzhevskayas Truppe nach Finow—eine Kleinstadt nördlich von Berlin. Dorthin wurden heimlich auch die Überreste in den Holzkisten gebracht. Eines Nachts vergruben sie die Kisten im Wald. Stalin sandte einen General aus, der ihm Bericht davon erstatten sollte. Anschließend ließ er sie wissen, dass er sehr zufrieden war. Trotzdem wollte er den Verbleib der Überreste Hitlers nicht öffentlich machen, weil „sie noch immer von den Kapitalisten umzingelt waren." Es dauerte noch Monate, bevor Rzhevskaya zurück nach Moskau durfte. 1946 wurden Hitlers Überreste dann in eine Militärbasis in Magdeburg umgesiedelt. 1970 wurden sie erneut exhumiert, bevor die Basis wieder in deutsche Hände übergeben wurde. Sie wurden erneut verbrannt, zu Staub zermahlen und in einen Nebenfluss der Elbe geworfen, sodass letztendlich wirklich keine Spur mehr von ihm übrig blieb—so wie er es seinen Helfern aufgetragen hatte. Nur sein Kiefer ist noch immer erhalten.

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Rzhevskaya sagt, dass sie lange über Stalins Entscheidung, den Beweis für Hitlers Tod nicht bekannt zu geben, nachgedacht hatte. In Memoirs of a Wartime Interpreter schreibt sie, dass „das System, das Stalin errichtet hatte, nur so lange funktionieren konnte, wie es Feinde gab—sowohl im Inneren wie auch von außerhalb [...] Wäre Hitler noch am Leben, würde das bedeuten, dass die Nazis noch nicht vollständig besiegt waren und die Welt noch immer besorgt sein musste." Diese Besorgnis wollte Stalin für seine eigenen Ziele nutzen. Er förderte Berichte, die behaupteten, Hitler sei nach Argentinien geflohen oder dass er von Franco in Spanien gefangen gehalten werde oder an verschiedenen Orten rund um die Welt gesichtet worden war. Rzhevskaya glaubt, er brauchte seinen alten Erzfeind.

Aber Rzhevskaya war immer der festen Überzeugung, dass die Welt die Wahrheit erfahren sollte. Heute ist sie 95 Jahre alt und lebt nach wie vor in Moskau, wo sie eine angesehene Schriftstellerin ist. Sie hat mehrere Memoiren und sechs Romane über den Krieg veröffentlicht. Sie sagt, sie musste jahrelang gegen die staatliche Zensur kämpfen, bevor ihre Berichte über die letzten Tage des Krieges veröffentlicht werden konnten. „Wie der Zufall so wollte", schreibt sie, „war ich mit dafür verantwortlich sicherzustellen, dass Hitler sein letztes Ziel, spurlos zu verschwinden und sich in einen Mythos zu verwandeln, nicht erreicht hat."