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Beziehung

Warum Frauen fremdgehen

'Fremdgehen – ein Handbuch​ für Frauen' beschäftigt sich mit den Vorteilen, seinen Partner zu betrügen. Wir haben mit Autorin Michèle Binswanger über Monogamie-Müdigkeit und Vergewaltigungsfantasien gesprochen.

Lisa Ludwig

Lisa Ludwig

Foto: Ian Dooley | Unsplash | CC0

Sexuell aufgeladene WhatsApp-Nachrichten, heimliche Treffen, in dem einen all die Bedürfnisse befriedigt werden, die in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt wurden – Affären sind für viele nach wie vor der Inbegriff des ebenso verbotenen, wie lustvollen Nervenkitzels. Trotzdem gibt es kaum Leute, die offen dazu stehen, ihre Partnerin oder ihren Partner betrogen zu haben. Insbesondere Frauen gelten als egoistische, unverantwortliche Beziehungszerstörerinnen, während Männern oftmals noch zugerstanden wird, "eben so zu sein" oder "nicht anders zu können".

Michèle Binswanger will das ändern. In ihrem neuen Buch Fremdgehen – ein Handbuch für Frauen erklärt die Journalistin, was Affären mit sexueller Befreiung und Feminismus zu tun haben, spricht mit Frauen, deren Leben sich nach einem Seitensprung grundlegend verändert hat und greift auch ihre eigenen Probleme mit der Monogamie auf. Wir haben uns mit der Schweizer Autorin über geheime Wünsche und den Appeal von Vergewaltigungsfantasien unterhalten – und sie gefragt, ob Fremdgehen wirklich ein emanzipatorischer Akt ist.

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Broadly: Fremdgehen ist ja an sich ein Thema, über das viele gar nicht so gerne sprechen. Warum fasziniert es Sie so?
Michèle Binswanger: Ich führe jetzt seit mehr als 20 Jahren Beziehungen und früher oder später wurde Fremdgehen immer zum Thema. Ob man jetzt betrogen wird, ob man selber betrügt oder ob man mit der Frage ringt. Das wird besonders in langen Beziehungen aktuell, an denen viel dranhängt – wie zum Beispiel eine ganze Familie. Ich konnte in meinem Umfeld feststellen, dass Paare mit Kindern diese Frage besonders beschäftigt, weil die Beziehung jahrzehntelang funktionieren soll, aber die Vorstellung, bis zum Lebensende nur noch mit einer Person zu schlafen, nicht besonders attraktiv ist. Vor fünf Jahren habe ich dann einen Text für die ZEIT geschrieben: "Die Monogamie-Lüge". Das war der erfolgreichste Text meiner Journalistenkarriere.

Heute noch bekomme ich darauf Zuschriften, in denen sich Leute dafür bedanken, dass da mal jemand so offen drüber schreibt. Also dachte ich mir: Das ist ein gutes Thema, das gehe ich mal an. Ich möchte ja nicht jeden dazu zwingen, in einer polygamen Beziehung zu leben. Der Wunsch nach Treue und Verlässlichkeit ist ja auch bei mir da. Aber ich sehe einfach, dass es schwierig ist, über die Zeit ein monogames Ideal aufrecht zu erhalten und deshalb glaube ich, dass es da eine Diskussion braucht.

"Es ist natürlich einfacher, sich heimlich etwas zu holen, als mit seinen Bedürfnissen zu einem anderen zu gehen und zu sagen: 'Hey, können wir das mal diskutieren?'"

Haben Sie während ihrer Recherche den Eindruck gewonnen, dass Frauen anders betrügen als Männer?
Ja. Das haben mir auch Sexologen und Paartherapeuten bestätigt, mit denen ich gesprochen habe. Frauen machen das weniger aus einem Impuls heraus, sondern planen viel umsichtiger und sind auch geschickter darin, das zu verbergen. Umgekehrt sind Frauen sehr sensibel in der zwischenmenschlichen Kommunikation und kommen Fremdgehern eher auf die Spur. Bei den Warnzeichen hingegen gibt es nicht so große Unterschiede, das ist eher eine Gefühlssache. Natürlich ist es auffällig, wenn jemand plötzlich nur noch am Handy hängt, ein Grinsen im Gesicht hat und dann aber das Handy versteckt. Mir haben auch mehrere Frauen erzählt, dass sie plötzlich geträumt haben, dass ihr Mann sie betrügt. Daraufhin haben sie ihn angesprochen oder heimlich sein Handy kontrolliert – und meistens war da dann tatsächlich auch was.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Michèle Binswanger

Es geht sehr viel um die innere Gefühlswelt des Betrügenden, aber so gar nicht um den anderen Part. Den, der betrogen wird. War es eine bewusste Entscheidung, die Betrogenen so auszuklammern?
Mich interessierte in erster Linie die Gefühlslage und die Motive der betrügenden Frauen. Warum tun sie es, wie funktioniert eigentlich die weibliche Sexualität, was bewirkt fremdgehen, wie beurteilen die Frauen ihr Verhalten in der Rückschau? Ich wollte die Geschichten von Frauen erzählen, deren Lebensentwurf jetzt nicht die Polyamorie ist, sondern die sich mit ihrem Verhalten selbst überraschten. Denn die Konsequenzen sind oft dramatisch: Man fliegt auf und hat oft noch nicht einmal die Möglichkeit, sich aus seinem Umfeld Unterstützung oder Verständnis zu holen. Gerade andere Frauen reagieren auf so ein Geständnis häufig sehr moralisierend und emotional – auch, weil viele Frauen die Betrügende dann als eine Art Bedrohung sehen. Männer reagieren untereinander viel verständnisvoller, wobei sie durch die fortschreitende Gleichstellung mittlerweile auch keinen Freibrief mehr haben.

In Ihrem Buch wird Fremdgehen sehr häufig mit sexueller Befreiung gleichgesetzt. Ist es ein feministischer Akt, jemanden zu betrügen?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Befreiung hat auch damit zu tun, zu seinen Bedürfnissen zu stehen. Wer heimlich fremdgeht, tut das ja nicht. Aber durch den Feminismus hat sich das Verhältnis von Frauen und ihrer Sexualität wirklich gewandelt. Frauen haben jetzt höhere Ansprüche an Befriedigung und eine Beziehung und dürfen die auch formulieren. Wenn sie merken, dass sie das nicht bekommen, sind sie eher bereit, sich das eben woanders zu holen. Wie man das dann lebt – ob man betrügt oder einen Weg sucht, der weniger verletzend ist für den anderen –, ist eine individuelle Entscheidung. Es ist natürlich einfacher, sich heimlich etwas zu holen, als mit seinen Bedürfnissen zu einem anderen zu gehen und zu sagen: "Hey, können wir das mal diskutieren?"


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Ich glaube, Frauen sind Meisterinnen darin, sich über sich selbst und auch ihr sexuelles Begehren zu belügen. Das hat auch biologische Ursachen, wie vergleichende Studien der amerikanischen Sexologin Meredith Chivers gezeigt haben. Das, was in Sachen Begehren bei Frauen auf der körperlichen Ebene abgeht, steht oft nicht im Einklang ist mit dem, was auf einer kognitiven Ebene abgeht. Mit anderen Worten: Frauen können beim Betrachten pornographischer Bilder feucht werden, aber subjektiv keine Lust empfinden. Bei Männern besteht diese Kluft nicht. Die sind sich eigentlich immer ziemlich klar, was sie scharf macht, was sie wollen und was sie nicht wollen.

Im Buch steht, dass ein Drittel bis die Hälfte aller Frauen Erzählungen oder Bilder von Vergewaltigung erregend finden. Das ist jetzt natürlich eine ziemlich krasse Zahl.
Das ist ein sehr heikles Thema, das man auch entsprechend sorgfältig behandeln muss. Angefangen mit dem Begriff "Vergewaltigung", denn natürlich wünscht sich keine Frau eine echte Vergewaltigung, was schon im Begriff selber enthalten ist. Es gab eine vergleichende Studie im Journal of Sex Research, die auf die Häufigkeit dieser Fantasien verweist. Bestätigt wird das auch von amerikanischen Sexologinnen, etwa Marta Meana oder ihre Kollegin Chivers. Warum das so ist, dafür gibt es verschiedene Erklärungsmodelle. Eine Fantasie ist ja ein geschützter Raum, in dem die Frau die absolute Kontrolle hat. Und sie stellt sich eine Szene vor, in der sie keine Kontrolle mehr hat, es ist eine Submissions-Fantasie.

Man ist das ultimative Objekt der Begierde und muss sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob man etwas darf, kann oder sich jetzt dafür schämen muss. Das ist natürlich ein ganz schwieriges Thema, bei dem man klar zwischen Fantasie und Realität unterscheiden muss. Aber vielleicht kann man das mit BDSM vergleichen: Dort geht es auch um Submission, aber in einem klar definierten Rahmen, der garantiert, dass man sich wirklich gehen lassen kann. Eine Inszenierung, zu der Beide ja sagen.

"Plötzlich wird die Familie zu einer Art kleinen GmbH, in der Mann und Frau nur noch Geschäftspartner sind."

Das klingt, als wäre die Motivation dahinter, künstlich einen Rahmen zu schaffen, in dem man sich nicht mehr schämen muss für das, was man will – weil einem die Entscheidung quasi abgenommen wird.
Richtig, es ist eine Art Projektion. Die erwähnte Psychologin Meredith Chivers hat außerdem untersucht, wie Frauen Pornographie konsumieren. Während Männer wirklich immer die Augen auf der Frau haben, schauen sich Frauen die Szene viel umfassender an, also auch die Frauen, selbst wenn sie heterosexuell sind. Sie identifizieren sich mit der begehrten Pornodarstellerin und werden auch dadurch scharf, dass der männliche Darsteller eine offensichtliche Begierde zur Schau stellt.

Dann ist das Aufgeilende an einer Vergewaltigungsfantasie: "Der findet mich so erregend, dass er sich jetzt nicht anders helfen kann, als mit mir zu schlafen"?
Ja, genau. Das begehrt werden ist ja das, was die Frauen suchen. Das ist auch etwas, warum Frauen nach langjährigen Beziehungen zum Paartherapeuten gehen. Sie sagen dann oft: "Ich fühl mich nicht mehr begehrt", "Bei uns läuft nichts mehr, weil er mich nicht mehr will" ... Irgendwie ist ihnen unter dem ganzen Ballast von Alltag und Stress dieses Gefühl abhanden gekommen. Plötzlich wird die Familie zu einer Art kleinen GmbH, in der Mann und Frau nur noch Geschäftspartner sind.

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Wir haben viel von sexueller Befreiung und dem Anerkennen der eigenen Lust gesprochen: Gibt es denn in Ihren Augen ganz generell Dinge, die Frauen von Fremdgängerinnen lernen können?
Was mir viele Frauen erzählt haben, ist, dass sie sich selbst und ihre Sexualität ganz neu entdeckt haben. Das hat dann auch damit zu tun, dass man sich selbst entwickelt, ein größeres Selbstwertgefühl hat, ein besseres Gefühl davon bekommt, wer man ist. Mir haben Frauen gesagt: "Ich dachte, ich bin einfach nicht so sexuell wie er." Und dann treffen sie jemanden und merken plötzlich, dass da sehr wohl noch etwas da ist. Wenn man es schafft, diese Erfahrung in eine Beziehung zurückzutragen, kann das natürlich für Beide erfreulich sein. Es gibt Fälle, wo Paare gesagt haben: "Ja, wir sind daran gewachsen."

Würden Sie sagen, dass Sie persönlich auch an dieser Erfahrung gewachsen sind?
Naja. In meinem Fall bin ich daran gewachsen, wie man halt schlussendlich an allen extremen Erfahrungen wächst. Ich habe vieles gelernt, aber es war nicht immer nur positiv. Bei mir war es nicht so, dass ich die Beziehung noch retten konnte. Bei mir war der Fall – oder besser gesagt die Fälle – ein bisschen anders.

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