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Polizeigewalt, Ohnmacht und Sexismus: Was Frauen auf Demos durchmachen

Berichte von Großdemonstrationen wie den G20-Protesten zeigen brennende Straßen und konfliktbereite Aktivisten. Eine Sache klammern sie jedoch oft aus.

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Aug. 8 2017, 10:03am

Foto: imago | Tim Wagner

"Ich habe schon diversen Bullshit gehört. Angefangen von: 'Was willst du denn auf der Demo?', bis hin zu diversen Vorschlägen, wer mich doch mal ficken solle", sagt Anna* gegenüber Broadly. Seit über 12 Jahren ist sie auf Demonstrationen aktiv und politisch mit der Roten Flora groß geworden. Auf Demos musste sie sich nicht nur von der Polizei als "Zeckenfotze" beschimpfen lassen. Auch männliche Demonstranten machten immer wieder klar: Politischer Aktivismus ist in ihren Augen männlich. Frauen kämpfen auch auf Demonstrationen immer noch um ihre Selbstbestimmung – gegenüber der Polizei, aber auch gegenüber anderen Demonstranten.

Dabei sind Frauen auf Demonstrationen in Deutschland spätestens seit den Suffragetten keine Seltenheit mehr. Auch nicht im Schwarzen Block, wie Katja* erzählt. Sie ist im antifaschistischen Bereich organisiert und nimmt an vielen Demonstrationen teil. "Entgegen dem Klischee sind organisierte Blöcke keine Typenveranstaltungen", sagt sie. Sexismus habe sie auf Demos aber auch selbst immer wieder erlebt.

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Kein Wunder eigentlich: Geschlechtsspezifische Beleidigungen und Diskriminierungen gibt es überall in der Gesellschaft und somit auch auf Demonstrationen. Sexistische Kommentare kommen sowohl von männlichen Demonstranten, als auch von der Polizei. Das sorgt nicht nur dafür, dass das Vertrauen der Aktivistinnen in die Obrigkeit und den Staat ausgehöhlt wird – auch der Solidarität ihrer Mitdemonstranten können sie sich nicht mehr sicher sein.

Anna berichtet zum Beispiel von Äußerungen durch männliche Polizisten, die deutliche Grenzen überschreiten. Einmal sei sie von einem Beamten gefragt worden, ob ihr Freund sie zu Hause nicht ficke, und sie deswegen auf der Demo sei. Natürlich verunsichert so etwas und hinterlässt viele mit einem Gefühl der Ohnmacht. Erfahrungen mit Sexismus dürften die meisten Frauen schon gemacht haben. Kommen die Äußerungen jedoch von Beamten und damit einer offiziellen Stelle, können sie ungleich härter treffen. Die Polizei soll schließlich schützen und helfen, nicht belästigen und beleidigen.

Der weibliche Körper wird zum Mittel der polizeilichen Strategie, ein vermeintlicher Schwachpunkt, der ausgenutzt wird.

Broadly wollte es genauer wissen und fragt Michael Gassen, Polizeisprecher der Polizei Berlin, inwiefern die Polizei für Sexismus sensibilisiert würde. Gassen erklärt, dass zum Teil der Grundausbildung auch Psychologieunterricht gehöre. Auf konkret sexistische Beleidigungen durch Polizisten angesprochen, kontert der Polizeisprecher damit, dass es allen Demonstrierenden freistehe, eine Anzeige wegen Beleidigung einzureichen. Egal, ob diese durch andere Demonstranten oder durch Polizisten erfolgte. "Sollte das bei einem Polizisten der Fall sein, wird das zuständige Fachkommissariat im Landeskriminalamt für Beamtendelikte ermitteln", erklärt er.

Tara war 2013 Teil der Blockupy-Proteste und hat da andere Erfahrungen gemacht: "Es bringt nichts, Polizisten anzuzeigen", erzählt die Aktivistin. "Mit der neuen Gesetzeslage hat man außerdem schnell eine Gegenanzeige am Hals und kann schon wegen eines Schubsers im Gefängnis landen." Sie spielt damit auf das im April 2017 verschärfte Gesetz an, das Polizisten und Polizistinnen besser schützen soll.


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Macht es für die Polizei einen Unterschied, ob sie eine Frau vor sich haben oder einen Mann? "Aufs Geschlecht schaut die Polizei vor allem aus taktischen Gründen", meint Anna. Kleinere Frauen würden zuerst aus der Gruppe gezogen, um die Reihen zu destabilisieren. Danach werde noch härter gegen die verbliebenen Demonstranten vorgegangen. Der weibliche Körper wird somit zum Mittel der polizeilichen Strategie, ein vermeintlicher Schwachpunkt, der ausgenutzt wird.

Die körperliche Unterlegenheit gegenüber vielen Polizistinnen und Polizisten, die eine Mindestgröße haben müssen und in der Hundertschaft eine 20 Kilogramm schwere Ausrüstung tragen, tut ihr übriges. Dass hier aufgrund des Geschlechts ungleich behandelt wird, kann das Vertrauen zwischen den Demonstranten untergraben. Das ist vielleicht nicht das primäre Ziel der Polizei, aber sicher ein willkommener Nebeneffekt.

Gleichberechtigung erfahren Frauen auf Demos erst dann, wenn taktische Feinheiten keine Rolle mehr spielen.

Die Direktion der Bundesbereitschaftspolizei sagt auf Anfrage von Broadly, dass keine Unterschiede im Umgang mit Demonstranten oder Demonstrantinnen gemacht würden. Gassen erklärt darüber hinaus, dass ein eingesetzter Polizist "die Griffe so anwendet, dass sie nicht belästigend auf Frauen wirken, sondern dementsprechend angesetzt werden, wo sie auch sinnvoll sind." Die Handgriffe der Berliner Einsatzkräfte in der Aus- und Fortbildung würden außerdem so trainiert, dass beim Einsatz das "polizeiliche Ziel" erreicht wird. Das bedeute, "dass die Frau – oder der Mann – bei einer Blockade dann auch mit uns den Bereich verlässt", so der Polizeisprecher. Dabei setzt die Polizei auch Zwangsmaßnahmen ein: Schlagstöcke, Pfefferspray, Wasserwerfer.

Sobald Frauen nicht mehr als potenzielle Schwachpunkte identifizierbar sind, erfahren sie die Gewaltanwendungen durch die Polizei genauso wie ihre männlichen Mitdemonstranten. Anna sagt, sie habe in Kesseln den Schlagstock genauso abbekommen wie die Männer neben ihr. "In einem Kessel standen wir eingehakt im Kreis, zwei Cops gingen um uns rum und ließen den Schlagstock über unsere Beine klappern. Zwischendurch gab's feste Schläge gegen's Schienbein." Beim Rausziehen aus dem Kessel sei sie so über den Boden gezogen worden, dass ihre Beine aufschürften. Frauen werden vielleicht zuerst rausgezogen. Eine sanftere Behandlung erfahren sie dadurch jedoch nicht.

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"Die Polizei hat nicht zwischen Männern, Frauen oder Kindern unterschieden", bestätigt auch Tara. Sie bekam auf der Blockupy-Demo hautnah mit, wie Demonstrierende von der Polizei mit Pfefferspray besprüht wurden. "Die Polizei hat damals etwa 1000 Menschen gekesselt, die sie als Gefährder eingestuft hatten. Sie haben in den Kessel gepfeffert, aber auch Menschen, die sich außerhalb solidarisch zeigen wollten, bekamen was ab." Unabhängig von Geschlecht oder Alter. Sie selbst stand kurz hinter dem Polizeikessel und versorgte als Ersthelferin viele Jugendliche, spülte deren vom Pfefferspray angegriffene Augen aus. "Es gab viele Verletzte."

Gleichberechtigung erfahren Frauen auf Demos erst dann, wenn taktische Feinheiten keine Rolle mehr spielen. Das kennt auch Barbara. Sie hat in Hamburg schon öfter Demonstrationen von Nazis blockiert und kam dabei selbst ins Gedränge zwischen Polizei und Demonstrierenden. Einmal habe sie in der ersten Reihe einer Gegendemonstration gestanden, die von der Polizei zurückgedrängt werden sollte. "Mir blieb auf einmal im Gedränge die Luft weg", erzählt sie, "also habe ich den Polizisten vor mir direkt angesehen und gesagt: 'Ich bekomme keine Luft mehr.'" Die Situation sei allerdings so angespannt gewesen, dass er sie nicht mehr wahrgenommen habe.

Ihr Freund konnte sie dann in einen Hauseingang ziehen. "Keine Ahnung wie ich sonst da raus gekommen wäre."

"Wieso sollte ich Menschen vertrauen, die mich nicht als vollwertige Demonstrantin wahrnehmen?"

Auf der einen Seite ein strategischer Schwachpunkt zu sein, begleitet von sexistischen Äußerungen; auf der anderen Seite die übliche Gewaltanwendung durch die Zwangsmaßnahmen der Polizei zu erfahren, die auch männliche Demonstranten kennen – das zermürbt. Darüber gesprochen wird kaum, vor allem nicht mit Menschen, die nicht selbst auf Demos aktiv sind. Zu schnell bekäme man den Stempel "gewaltbereit, linksextrem, Krawallmacher" aufgedrückt, sagt Anna. Auch Tara findet es schwer, über Erfahrungen zu sprechen: "Die Wut und Ohnmacht ist zu schnell wieder da."

Aber auch von anderen Demonstrierenden erfahren Frauen Abwertung. Grundsätzlich loben die Frauen, die mit Broadly sprachen, zwar die Solidarität auf Demonstrationen. Ausnahmen gibt es trotzdem. "Die eigene Szene ist da meist subtiler", sagt Anna. "Trotzdem erschüttert das mein Grundvertrauen in diese Leute." So wurde sie auf Demos gefragt, was sie eigentlich dort mache oder wo ihr Freund sei. Auch Aussagen wie "Frauen sind auf Demos anstrengend" kennt sie. Letzteres tut im Kontext dessen, dass Frauen von der Polizei scheinbar oft genug als strategisch nutzbare Schwachpunkte gesehen werden, natürlich doppelt weh.

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Wenn Frauen Selbstbestimmung oder eigener Handlungsspielraum abgesprochen wird, erschüttert das den Zusammenhalt. Dieser Zusammenhalt ist jedoch eine wichtige Voraussetzung auf Demos, wo man sich darauf verlassen können muss, dass man als Gruppe agiert.

Ein wichtiges Beispiel für diesen solidarischen Umgang innerhalb der demonstrierenden Gruppe ist der Polizeikessel. Dort kreisen Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei eine Gruppe von Demonstrierenden teils über Stunden ein, sodass diese nicht entkommen können. Personen, die den Kessel verlassen wollen, müssen häufig ihre Personalien abgeben und werden fotografiert, manchmal werden Aktivistinnen und Aktivisten auch in Gewahrsam genommen. Die Menschen im Kessel versuchen derweil, als Gruppe zusammenzubleiben: Um die Reihen zu halten, haken sich die Menschen untereinander ein – auch wenn damit ihre Köpfe Schlägen und Pfefferspray wehrlos ausgeliefert sind. Der Zusammenhalt der Gruppe steht über der eigenen Sicherheit, kein Wunder also, dass ein Mindestmaß an Grundvertrauen und Solidarität in die Anderen wichtig ist.

"Ich will solchen Leuten eigentlich nicht vertrauen, bei Demos ist das aber Grundvoraussetzung", erzählt Anna. "Wieso sollte ich Menschen vertrauen, die mich – auch aufgrund meines Geschlechts – nicht als vollwertige Demonstrantin wahrnehmen?" Immer wieder beweisen zu müssen, dass man gleichberechtigt demonstrieren und protestieren darf, gerade vor Gleichgesinnten, strengt an. Gleichzeitig vermeiden manche Frauen ganz bewusst, auch nur im Ansatz als Belastung für die Gruppe zu gelten.

Am Ende bleibt ein Ohnmachtsgefühl.

"Ich bin langsamer und, was Schmerzen angeht, nicht sehr belastbar", sagt Tara. Normalerweise passe man auf Demos aufeinander auf, vor allem auf Schwächere. "Aber ich will nicht, dass Menschen andauernd Verantwortung für mich übernehmen müssen und sich dadurch eventuell gefährden." Als kleinere Frau zog sich Tara also aus Solidarität aus dem Geschehen heraus. Nach den Erlebnissen mit den Pfefferspray-Verletzten halte sie sich nun von Demos fern, wo ähnliches Gefahrenpotenzial bestünde.

Auch wenn sich viele Dinge nicht verallgemeinern lassen, ist den Aktivistinnen durchaus aufgefallen, dass es oft geschlechtsspezifische Unterschiede im Verhalten von Demonstrierenden gibt. "Frauen gehen weniger kopflos in Situationen rein als viele Männer. Einfach um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen", glaubt Tara in Bezug auf ihre weiblichen Mitstreiterinnen. Auch Barbara erzählt, dass männliche Demonstranten deutlich weniger Rücksicht auf ihre Umwelt nehmen würden: "Ich hab schon erlebt, dass sich vermummte Männer neben eine Mutter mit Kinderwagen stellten und anfingen, Flaschen und Steine zu werfen."

Sie wünscht sich von Polizei wie Demonstranten mehr Respekt, um Situationen zu deeskalieren. Etwas, das vor Kurzem auch eine Journalistin forderte, die sich von beiden Seiten bei den G20-Protesten in Hamburg gleichermaßen beschimpfen lassen musste.

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Auch "positive Diskriminierungen" kann es geben. Katja sagt, dass die Polizei Frauen eher als gesprächsbereit und weniger bedrohlich wahrnehme. "Das geht so weit, dass eine Frau bei einer Blockade mal recht offensiv im Weg war und sie dann den Typen neben ihr mitnehmen wollten. Der hatte sich keinen Zentimeter bewegt, war aber halt groß und vergleichsweise laut." Auch Anna hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Bei Straßenblockaden wurde ich durchgelassen, weil ich eine Frau bin. 'Geh mal durch, Kleine. Hier wird's gleich hässlich.'"

Was auf den ersten Blick wie eine angenehme Sonderbehandlung klingt, ist letztlich einfach nur Diskriminierung. Frauen immer wieder als das "schwache Geschlecht" wahrzunehmen und sie mit Äußerungen wie "Kleine" zu verniedlichen, ist und bleibt Sexismus. Am Ende bleibt das Ohnmachtsgefühl, das viele Frauen auch aus ihren Sexismuserfahrungen im Alltag kennen. Und die Erkenntnis: Auch Demonstrationen sind Räume, die erobert werden müssen. Der Kampf um Gleichwertigkeit und Solidarität findet überall statt.

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*Namen von der Redaktion geändert.