Illustration: imago | Ikon Images

Unsere Gesellschaft ist sexistisch – wie wir mit Robotern umgehen, beweist es

Weibliche Roboter sollen hübsch und nett sein, während männliche Androiden Studien zufolge ernster genommen werden. Eine Wissenschaftlerin erklärt, warum Fortschritt manchmal rückschrittlich ist.

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Jan. 30 2017, 8:00am

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"Wir können uns gar nicht dagegen wehren. Wir vermenschlichen sofort", erklärt Dr. Elisabeth André. "Schon als Kinder spielen wir mit Puppen und projizieren uns selbst und unsere Wünsche da hinein. Das passiert ganz intuitiv." Seit mehreren Jahren programmiert die Wissenschaftlerin der Universität Augsburg als Informatikerin Roboter und Avatare für Forschung und Industrie. Ihre Roboter sollen Menschen in Zukunft in der Altenpflege assistieren, als Putzkräfte oder in der Kinderbetreuung arbeiten – und dabei mit Menschen interagieren und kommunizieren.

Dabei muss André viele Aspekte berücksichtigen: "Welche Verhaltensweise soll der Roboter an den Tag legen? Soll er höflich sein? Bestimmend?". Wie sehen die Bewegungen und Gesten aus? Was spielen Stimme, Name und Erscheinungsbild für eine Rolle? Und nicht zuletzt: Welches "Geschlecht" soll die Maschine haben? "Darauf kann man leider nur schwer verzichten. Es ist eines der ersten Erkennungsmerkmale für eine humanoide Maschine. Wir wollen wissen: Ist es Mann oder Frau?"

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Die letzten Erfindungen der japanischen Firma Kokoro Company Ltd waren die sogenannten Actoiden Q1 und Q2: Täuschend echt aussehende, attraktive, junge Frauen – die eine aufreizend, mit kniehohen weißen Stiefeln und einem kurzen Rock und die andere eher das Mädchen von nebenan oder die niedliche Kollegin mit Pferdeschwanz und beiger Hose. Die Gynoiden – die weibliche Form des Androiden – beobachten mit Sensoren die Bewegungen und Gesten des menschlichen Gegenüber und spielen sie wieder zurück. Die älteste Form des Mimikry und das einfachste Rezept, damit der Mensch sich bei der Interaktion wohlfühlt und sein Gegenüber sympathisch findet. "Wir haben herausgefunden, dass das Roboterverhalten konsequent sein muss. Das heißt: Wenn man sich für eine weibliche Kreatur entschieden hat, müssen auch alle Bewegungen, der Gang und die Gesten sehr weiblich erscheinen. Sonst reagieren die Menschen skeptisch", erklärt André.

Eine Überspitzung menschlicher Verhaltensweisen ist also nötig, um uns von der künstlichen Kreatur zu überzeugen. Vor zwei Jahren brachte Toshiba einen der ersten Roboter auf den Markt, der eindeutig nichts mehr mit einer primitiven Maschine aus Plastik, Metall und Kabeln gemein hatte. Aiko hat rosige Wangen, volle Lippen, eine ebenmäßige Haut, langes schwarzes Haar. Sie trägt gerne eine rosa Bluse, einen schlichten knielangen Rock und Ballerinas. Aiko ist eindeutig eine "Sie", und zwar eine attraktive Sie. Dabei sollte dies im Falle Aikos eigentlich gar keine Rolle spielen. Ihr Aufgabengebiet ist fern von Technofetischismus oder Sexarbeit – Aiko arbeitet heute in der Altenpflege und als Rezeptionistin. "Sie hat das Erscheinungsbild einer freundlichen, jungen Frau", schreibt das Unternehmen in der Produktbeschreibung. "Zwinkernde Augen und ein warmes Lächeln."

Sobald wir ihn als Frau vorstellten und mit einer weiblichen Stimme ausrüsteten, dauerte die Aufgabe bei den männlichen Teilnehmern um einiges länger.

52 Prozent humanoider Roboter stammen bis dato aus Japan. Bis 2025 sollen sie angesichts der alternden Bevölkerung der Insel zu einer stabilen Hilfe in Familie, Haushalt und Altenpflege werden, so die Vision des Premierministers Shinzo Abe. Ist es ein Zufall, dass Toshiba für diese Aufgabe ausgerechnet einen eindeutig weiblichen Androiden erschaffen hat? Und wenn ja, ist das überhaupt ein Problem?

Eine Studie aus China sagt: Ja. In einem Experiment sollten Teilnehmer die Kompetenz und Performance eines Roboters bewerten, der Sicherheitsaufgaben – wie zum Beispiel die Überprüfung einer CCTV Kamera – ausführte. Die Hälfte der Testpersonen traf dabei auf einen Roboter mit dem Namen "John" und einer tiefen, männlichen Stimme. Die andere Hälfte lernte "Joan" kennen, die weibliche Version mit heller Stimme. Das Ergebnis ist keine Überraschung: John wurde von den Teilnehmern fast einheitlich als kompetenter bewertet.

Ein Besucher des National Museum of Emerging Science and Innovation in Tokio macht ein Foto von "Otonaroid", einer Gynoid. Foto: imago | ZUMA Press

André hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "In einem Experiment mit der Universität Bielefeld haben wir die Testpersonen gebeten, mit der Hilfe eines Roboters eine Aufgabe auszuführen. Der Roboter gab dabei die Instruktionen", erzählt die Wissenschaftlerin. Das Geschlecht des Robo Sapiens wurde dabei variiert. "Sobald wir ihn als Frau vorstellten und mit einer weiblichen Stimme ausrüsteten, dauerte die Aufgabe bei den männlichen Teilnehmern um einiges länger". Ob die männlichen Testpersonen einfach beeindruckter von einer Roboterfrau waren oder ob sie an der Kompetenz der Instruktionen zweifelten, darüber sind sich André und ihr Team noch nicht einig.

Aber warum soll es überhaupt wichtig sein, ob wir Roboter ihrem Geschlecht nach beurteilen? Ein Roboter kümmert sich nicht um Sexismus. Ein Roboter kämpft nicht für Gleichberechtigung, ein Roboter hat keine Angst vor Benachteiligung. Eine Roboterfrau stört es nicht, primär dafür entwickelt worden zu sein, in der Küche zu stehen und sich um die Kinder zu kümmern. Sollten die Menschen hier also nicht völlig frei sein, nach Belieben zu entscheiden?

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Die Anthropologin und Professorin für Kunstgeschichte der Universität Michigan, Prof. Jennifer Robertson, hat sich seit mehreren Jahren mit genau dieser Frage beschäftigt: „Humanoide Roboter sind die Vorreiter für post-humanen Sexismus und werden innerhalb eines reaktionären Klimas erschaffen", schreibt die Forscherin in einem Artikel. Soll heißen: Wenn wir den traditionellen Stereotypen jetzt nicht zuvorkommen, werden althergebrachte Rollenbilder durch den Roboter wieder – oder noch mehr – in unseren Alltag integriert und der Seximus in der realen Welt dadurch noch stärker zementiert. Dies werde, so Robertson, zu einer erstarkenden patriarchischen und konservativen Haltung in der Gesellschaft führen. Da der Robo Sapiens alles toleriert, werde man seinen Neigungen freien Lauf lassen.

Problematisch sei das nicht nur in Gender-Fragen, betont Dr. André. In einer Studie mit der Universität Bielefeld stellte die Forscherin den Testpersonen zwei Roboter vor: einen, der zur kulturellen "In-Group" gehörte und einen, der zur kulturellen "Out-Group" gehörte. Man gab dem Roboter ein Alter und eine Nationalität. Die Teilnehmer der Studie bewerteten den Roboter als vertrauenswürdiger, der zu ihrer persönlichen Identitätsgruppe gehörte. "In einer weiteren Studie gaben wir unserem Roboter einen arabisch klingenden Namen. Die Testpersonen begegneten ihm mit mehr Ablehnung und Skepsis", erzählt André.

Ich erziehe meine Kunden nicht. Solange ich es ethisch vertreten kann.

Die Ergebnisse brachten die Wissenschaftler der Bielefeld Universität dazu, in der Bewertung ihrer Studie die Industrie zu warnen: Bei der Kreation von Robotern müsse man darauf achten, nicht mit Absicht in traditionelle Stereotype zu verfallen, um den Wunsch der Abnehmer zu befriedigen. Die Konsequenz daraus könnte sein, dass sich diese Leitbilder in der Kultur noch stärker verankern.

"Es ist zunächst nichts Schlechtes daran, dass wir in Zukunft frei entscheiden können, was für einen Roboter wir gerne in unserem Haus anstellen und mit welcher Maschine wir uns gerne umgeben", erklärt André abschließend. "Gegen individuelle Präferenzen ist nichts zu sagen. Es kommt immer auf die Anwendung an". Zunächst sei es am wichtigsten, dass man sich mit dem Androiden wohlfühlt. Das sei ja überhaupt der Grund, dass man sie dem menschlichen Wesen nachempfinde. "Ich möchte auch keine Maschine in meinem Wohnzimmer haben, vor der ich Angst habe oder die mir fremd erscheint. Die Testpersonen etablieren schnell eine persönliche Beziehung. Sie wollen den Roboter umarmen obwohl sie wissen, dass er dabei nichts fühlt", erzählt sie. Wenn ältere Damen im Altenheim lieber von einem weiblich erscheinenden Androiden betreut werden möchten, weil es um sehr intime Aufgaben geht, sieht die Informatikern darin kein Problem. "Ich erziehe meine Kunden nicht. Solange ich es ethisch vertreten kann."

Im Auge behalten sollten wir diese Entwicklung trotzdem. Damit wir eine Zukunft schaffen, die nicht nur im technischen, sondern auch im gesellschaftlichen Bereich fortschrittlich ist.

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