Die verwirrende Welt von Girlfags und Guydykes

Lesbische Männer, schwule Frauen: Wir haben mit Menschen gesprochen, deren Sexualität eigentlich "nicht existieren kann."

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Juli 4 2017, 7:15am

Bild: Shutterstock

In einer Welt nach David Bowie und Prince werden die Grenzen zwischen männlich und weiblich immer mehr aufgebrochen, verwischt, hinterfragt, diskutiert. Menschen wie Conchita Wurst, Ruby Rose oder Jayden Smith spielen bewusst öffentlich mit Geschlechterbildern, Fälle wie der von Alex Jürgen, in dem ein österreichisches Gericht erstmals über ein drittes Geschlecht entschied, treten einen Diskurs über Intersexualität los und die französische Vogue zierte im vergangenen März erstmals ein Transgender-Model.

Und während wir langsam damit beginnen, optische Merkmale, charakterliche Eigenschaften oder einfach Rosa-Blau-Zuordnungen von fixen Gender-Entwürfen zu lösen, gibt es immer noch Attribute, die wir exklusiv dem einem oder dem anderen Geschlecht erlauben: schwul und lesbisch. Dabei gibt es nichts, das es nicht gibt. Willkommen in der Welt von schwulen Frauen und lesbischen Männern.

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Personen weiblichen Geschlechts, die sich als schwuler Mann, gleichzeitig aber auch als Frau begreifen, wurden bereits in den späten Neunzigern ansatzweise von queeren Autorinnen besprochen. Einem größeren Publikum wird die spätere Bezeichnung "Girlfag" 2003 in einem BUST-Artikel vorgestellt. Das Konzept Guydyke – biologische Männer, die sich als lesbische Frau, gleichzeitig aber auch als Mann identifizieren – wurde erstmals 1987 erkundet und erreichte während der Nuller in der US-Serie The L Word mit der Figur "Lisa" (eine Lesbe in männlichem Körper) sogar eine breitere Öffentlichkeit. Dennoch bedarf es bezüglich der Fluidität von Gender und sexueller Identität immer noch viel Forschung und umso mehr Aufklärung.

"Ich bin etwas, das es gar nicht gibt."

Für Girlfags und Guydykes kann das Selbstverständnis als solches ein erster Schritt in Richtung Geschlechtsangleichung sein – die meisten betrachten sich aber weder als Cis-Hetero noch als Transmann/-frau. So fühlt sich eine Frau beispielsweise als schwuler Mann, ohne dabei zwingend ihr eigenes Frausein abzulehnen.

Manu* ist so jemand. Keine der gesellschaftlichen Gender-Schablonen, die wir über die Jahre hinweg so sorgfältig entwickelt und mindestens genauso langwierig erklärt haben, will auf sie passen. Die heute 32-Jährige kommt gezwungenermaßen zum Schluss: "Ich bin etwas, das es gar nicht gibt."

Anders als etwa homosexuelle Männer und Frauen, die dank der hart erkämpften Sichtbarkeit der Gay-Community in der Regel wissen, dass Schwule und Lesben existieren, und sich dadurch früher oder später auch als solche identifizieren können, erleben die meisten Girlfags und Guydykes ihr inneres Coming-out aus einer Situation heraus, in der sie einfach nicht mehr weiter wissen.


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Wie auch Manu glauben viele zunächst, sie wären homosexuell. Irgendwie will das aber doch nicht passen, also doch eher bi, aber eigentlich auch nicht. Dann müssen sie wohl trans sein, aber das fühlt sich auch nicht richtig an – also einfach queer? Zumindest im weitesten Sinn. Aber immer irgendwie verwirrt. Und nie wirklich man selbst.

Manu war schon immer gerne eine Frau. Trotzdem fühlt sie sich homosexuell, nur eben nicht lesbisch, sondern schwul. "Schwul" konnte früher zwar auch für homosexuelle Frauen gebraucht werden, mittlerweile steht das Wort im öffentlichen Verständnis aber ausschließlich für Homosexualität unter Männern. Und das ist es, womit Manu sich identifiziert.

"Girlfags und Guydykes sind eine Minderheit in der Minderheit. Noch dazu eine, die sprachlich, gedanklich und kulturell eigentlich nicht existieren kann."

Die 32-Jährige merkt als Teenager, dass sie sich von Kultur angezogen fühlt, die man im weitesten Sinn als schwul konnotiert bezeichnen kann. Als Mädchen begeistert sie sich heimlich für Filme, in denen Homosexualität unter Männern thematisiert wird und protokolliert in ihrem Tagebuch den dringenden Wunsch nach einem Coming-out – allerdings weiß sie damals noch nicht, als was.

Das alles mag jetzt erst mal sehr verwirrend klingen und das nicht nur für Außenstehende. Wie es möglich sein kann, dass eine Frau schwul ist, weiß Manu nämlich selbst nicht: "Ich weiß nur, dass es möglich ist." Als sie im Internet nach Erklärungen sucht, bekommt sie stattdessen einen Song von Fettes Brot ("Schwule Mädchen"). Erst nach längerer Recherche findet sie schließlich die Bezeichnung "Girlfag".

Ein schwieriger Begriff. Während die einstige Beschimpfung für lesbische Frauen "dyke" im Englischen von ebendiesen beansprucht und positiv umgedeutet wurde, gilt "fag" ("Schwuchtel") immer noch weitgehend als beleidigend. Die Problematik darin, ausgerechnet diese Bezeichnungen zu verwenden, erkennen auch Girlfags und Guydykes.

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So gab es laut Manu zwar schon zahlreiche Vorschläge innerhalb der Community, wie man vor allem Girlfags stattdessen nennen könnte, durchgesetzt habe sich allerdings bisher noch keiner. Dazu sei der Begriff wohl schon zu etabliert. Zumindest im Deutschen wäre es leichter: "'Schwule Frau' oder 'Schwuler Mann im Körper einer Frau', das ist weniger verfänglich."

Das langersehnte Coming-out bei Freunden hatte Manu schließlich vor ein paar Jahren, mehr oder weniger: "Ich glaube, die meisten haben nicht kapiert, was ich meinte. Dass ich schwule Filme schaue, auf den CSD gehe und queere Männer mag, war ihnen vorher auch schon bewusst. Dass das irgendwas mit meiner Identität zu tun hat – aha, ja, OK. Aber was genau? Das war ihnen wohl auch eher egal." Ansonsten ist sie weiterhin ungeoutet.

"Jemand hat das mal die 'brotlose Kunst unter den sexuellen Orientierungen' genannt."

"Girlfags und Guydykes sind eine Minderheit in der Minderheit. Noch dazu eine, die sprachlich, gedanklich und kulturell eigentlich nicht existieren kann", so die selbstbekennende Girlfag gegenüber Broadly. Anfeindungen, auch aus der queeren Community, sowie allgemeines Unverständnis würden die Sichtbarkeit von Girlfags und Guydykes zusätzlich erschweren.

Girlfags sind dabei übrigens nicht zu verwechseln mit Faghags – Frauen, die sich vorzugsweise mit schwulen Männern umgeben, ein platonisches Verhältnis zur Community pflegen und oft als "Schwulenmutti" betitelt werden. Zwar sind Girlfags ähnlich wie Faghags eng mit der queeren Szene verbunden, Girlfags aber fühlen sich von schwulen Männern deshalb so hingezogen, weil es Männer sind, die auf Männer stehen – so lautet zumindest einer der unterschiedlichen Erklärungsversuche.

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Dafür gibt es aus LGBT-Reihen oft Kritik. Man würde doch lediglich Schwule fetischisieren oder Männern eine Ausrede geben, um sich an lesbischen Frauen aufzugeilen. Dabei geht es gemäß einer für Girlfags und Guydykes eingerichteten Website jedoch nicht nur um Sex, sondern auch um romantische, subkulturelle Vorzüge und nicht zuletzt auch um Selbstwahrnehmung.

Manu erklärt, dass die Identifikation als Girlfag oder Guydyke oft auch nur eine Art Zwischenstadium hin zur Geschlechtsangleichung darstellen kann: "Manche stellen irgendwann fest, dass sie kein Girl oder kein Guy mehr sind – also, dass ihre Identität entweder in Richtung des anderen Geschlechts geht, oder dass sie sich einfach als 'neutral', 'irgendwo dazwischen' oder 'sowohl als auch' sehen."

Girlfags und Guydykes sind also alles andere als eine homogene, einfach zu definierende Masse. Innerhalb der Community herrscht immense Vielfalt, die sich darüber hinaus auch noch laufend verschieben kann und somit für einiges an Dynamik und Individualität sorgt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist meist die Sehnsucht nach einer sexuellen Identität, die für gewöhnlich Personen des jeweils anderen Geschlechts vorbehalten ist.


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Wie divers die Community ist, zeigt sich beim Stöbern durch Internetforen. Der scheinbar einzige Ort, an dem sich mittlerweile eine Gemeinschaft gefunden hat, die ihre Erfahrungen und Gefühle austauscht. Dort liest man von Männern, die sich zwar selbst als hetero beschreiben, dann aber plötzlich ihre sexuelle Erfüllung in Guydykes finden und jetzt vermuten, womöglich schwul zu sein.

Dann gibt es Frauen, die sich danach sehnen, von ihrem Mann sexuell als Mann begriffen zu werden – wie auch die US-Amerikanerin Janet Hardy, die sich in einer Abschlussarbeit mit der Girlfag-Thematik auseinandergesetzt und ihre Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen in dem Buch Girlfag: A Life Told In Sex And Musicals kombiniert hat. Auch Hardy beschreibt ihre Girlfag-Identität als ein "Verlangen, von einem männlichen Liebhaber als Mann gesehen zu werden."

Eine andere Userin schreibt im Girlfag-und-Guydyke-Forum wiederum von ihrer ausgeprägten Abneigung gegenüber heterosexuellen "Machos": "Es beschämt mich und macht mich teils wütend, wenn ich sehe, wie wenig jemand ist und wie sehr er es nötig hat, sich größer zu machen. [..] Bei den Männern mit eher femininer oder gefühlsmäßiger Ausstrahlung, auf die ich so stehe, ist das nicht so." Und besonders springe sie nun mal darauf an, wenn sie diese Männer zusammen sehe.

So weit, so kompliziert. Aber mit wem schläft denn nun eine schwule Frau? Mit Männern? Würde sie das nicht theoretisch zu einer Hetero-Frau machen? Mit den schwulen Männern, zu denen sie sich hingezogen fühlt? Ginge das überhaupt? Oder mit Frauen? Und wäre das nicht streng genommen schon wieder lesbisch?

Ein Zugang zur Community ist oft die einzige Aussicht auf Verständnis, Gemeinschaft und Solidarität.

"Jemand hat das mal als die 'brotlose Kunst unter den sexuellen Orientierungen' genannt", scherzt Manu. Allerdings sei grundsätzlich alles möglich: Sie erzählt von Frauen mit "besonderen Freundschaften", Transfrauen, die sich kurzzeitig als Guydyke definiert haben, jetzt mit Frauen schlafen, und unglücklichen Singles. Fix vorgefertigte Schablonen für Girlfags oder Guydykes gibt es nicht.

Manu hat sich, um ihre Situation fassbarer erklären zu können, ein eigenes Bild zurechtgelegt: Eine Achse, auf der sich am einen Ende schwule Transmänner, und am anderen Ende heterosexuelle Faghags befinden. Girlfags bewegen sich ihrer Definition nach irgendwo dazwischen – manche mehr auf der einen, manche mehr auf der anderen Seite.

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Letztendlich muss man über Girlfags, Guydykes (und alles, was dazwischen liegt) nur wissen, dass man nichts weiß. Und dass man sie vielleicht nicht so ganz versteht. Das muss man aber auch nicht, sie tun es ja oft selbst nicht. Und das ist in Ordnung.

Laut Manu ist das größte Problem für schwule Frauen und lesbische Männer, dass sie ihre Situation selbst nicht für möglich halten. Viele verzweifeln an diesem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl, zweifeln dadurch am eigenen Dasein und fallen letztendlich in Depressionen. Um dem entgegenzuwirken, ist es notwendig, Sichtbarkeit zu schaffen und damit einen Austausch mit Gleichgesinnten zu ermöglichen. Ein Zugang zur Community ist oft die einzige Aussicht auf Verständnis, Gemeinschaft und Solidarität. Auch Manu hat irgendwann gemerkt, dass es noch mehr Menschen wie sie gibt: "Das ist das Befreiendste überhaupt."


*Name von der Redaktion geändert