"Ich kam auf meinen BMW": Aus dem Alltag eines Camboys

Auch wenn die Pornoindustrie seit Umsonst-Angeboten wie Pornhub wankt: Mit Webcam-Liveshows lässt sich immer noch jede Menge Geld verdienen. Einer von vielen Gründen, warum sich immer mehr Männer vor die Kamera wagen.

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07 Juni 2017, 8:19am

Sie heißen Garret, Jaden oder Dave und sehen aus wie der Football-Kapitän in High-School-Filmen, in den alle verliebt sind: Camboys. Auch wenn es größtenteils Frauen sind, die sich vor der Webcam ihren Lebensunterhalt verdienen, gibt es immer mehr Männer, die in das milliardenschwere Business einsteigen. Alles was sie dafür brauchen, ist ein schneller WLAN-Zugang und eine Flasche Babyöl. Auch wenn es darum geht, die Nutzer glücklich zu machen, stehen sie ihren Kolleginnen in nichts nach – vorausgesetzt, man hat genug elektronische Wertmarken.

Garret Radivan, besser bekannt als XXXGarretXXX, begann seine Camboy-Karriere in der Garage seiner Eltern. Weil die irgendwann anfingen sich zu wundern, was er da die ganze Zeit machte, musste er ihnen schließlich von seinem neuen Erwerbsmodell erzählen. Sie zeigten sich überraschend aufgeschlossen. "Ich bin allerdings auch nicht ins Detail gegangen", gibt Radivan zu.

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Der 24-Jährige hat schnell gelernt, das Beste aus seinem Filmset zu machen und integrierte – ganz zur Freude seine Zuschauer – Gartenwerkzeuge oder manchmal auch eine Kettensäge in seine Auftritte. "Einmal bin ich auf die Motorhaube meines BMW gekommen. Das war interessant."

Die Camboys, mit denen ich gesprochen habe, sind unglaublich enthusiastisch, was ihren Job angeht. "Ich liebe es, als Webcam-Model zu arbeiten", freut sich Vallex, ein 22-jähriger Camboy aus Kalifornien. "Der beste Job der Welt! Man kann sich die Zeit selbst einteilen, trifft die nettesten und bodenständigsten Menschen der Welt und reist viel herum."

Benji Bastian hat die Arbeit als Camboy aus einer ziemlich verzweifelten Situation gerettet. "Im Sommer nach meinem ersten Jahr auf dem College wurde ich wegen dem Besitz von Marihuana angezeigt. Ich hatte damals einen schrecklichen Nebenjob in einer Lagerhalle, lebte zu Hause bei meiner Mutter und brauchte dringend Geld, um meine Anwaltskosten zu bezahlen." Heute, knapp sechs Jahre später, schätzt der 25-Jährige, dass er umgerechnet knapp 90.000 Euro verdient hat. Bastian ist heterosexuell, steht der LGBTQ-Community durch seine Arbeit inzwischen aber sehr nahe. "Ich hatte noch nie was gegen Homosexuelle, mittlerweile setze ich mich aber auch aktiv für ihre Rechte ein."

"Immer mehr Frauen suchen nach virtueller Intimität."

Grundlegend hat die Welt der erotischen Webcam-Shows sehr viel mit der Garage von Radivans Eltern gemeinsam: Sie ist ein dunkler, höhlenartiger Raum, in dem sich viel Interessantes entdecken lässt. Natürlich gibt es Webcam-Seiten, die ihr Geld nicht wert sind – vergleichbar mit der billigen Bohrmaschine, die einem jedes Mal einen leichten Stromschlag verpasst, wenn man sie benutzt. Doch es gibt eben auch die glänzenden Hightech-Rasenmäher. Seiten, deren Stars nicht nur gut bezahlt werden, sondern die auch eine unglaubliche Diversität abbilden, was die Herkunft, sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität angeht.

Einer der buchstäblichen Höhepunkte – zumindest im amerikanischen Raum – ist Chaturbate. Die bekannte Webcam-Seite bietet ihren Zuschauern fünf Hauptkategorien: Camgirls, Camboys, Webcam-Paare und transsexuelle Webcam-Darsteller_innen. Die Live-Streams sind unbeschränkt zugänglich, was auch heißt, dass man nicht bezahlen muss, um zuzusehen. Der Umsatz der Seite entsteht dadurch, dass sich die Zuschauer "Tips" kaufen, die im Großen und Ganzen nicht anderes sind als Wertmarken. Zehn Euro entsprechen in etwa hundert Wertmarken und können dazu eingesetzt werden, um sich bestimmte Dinge von der Person vor der Kamera zu wünschen. Rund 40 Prozent der Einnahmen gehen an Chaturbate, den Rest können die Darsteller_innen behalten.


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"Das Schöne an der Chaturbate-Community ist, dass alle gleichgestellt sind", sagt Pressesprecherin Shirley Lara. "Egal, ob männlich, weiblich, transgender, hetero, schwul oder Paare – die Darsteller_innen, die ihr Webcam-Unternehmen über unsere Seite laufen lassen, bedienen jede Fantasie, jede Orientierung und jeden Geschmack."

Camgirls beherrschen zwar noch immer den internationalen Markt, allerdings melden sich in letzter Zeit auch immer mehr Darsteller bei Chaturbate an. Das liegt unter anderem auch daran, dass immer mehr Konsumentinnen und Paare die bekannten Webcam-Seiten für sich entdecken. Lara möchte mir zwar nicht verraten, wie hoch der Gewinnanteil durch die Camboys ist, sagt mir aber, dass sie sich monatlich "zu Tausenden" anmelden. Außerdem sei es nicht ungewöhnlich, dass Camboys in den obersten beiden Reihen der Chaturbate-Homepage stehen, weil sie unter den monatlich 4,1 Millionen Besuchern die meisten Zuschauer_innen haben.

"Dass ich heterosexuell bin, war mein Schlüssel zum Erfolg."

Besonders begehrt sind Solo-Shows von Frauen und homosexuellen Darstellern. Allerdings schlagen sich auch bisexuelle und heterosexuelle Camboys nicht schlecht auf ihrer Seite, sagt Lara. Der Grund? Auch heterosexuelle Frauen sind vermehrt auf der Suche nach den ferngesteuerten Freuden einer Webcam-Performance. "Immer mehr Frauen suchen nach virtueller Intimität. Es ist auch schon vorgekommen, dass unsere Darstellerinnen Wertmarken verdienen, die sie anschließend ihren Lieblingsdarstellern schenken."

Für heterosexuelle Paare sind die Webcam-Performances eine Alternative zu Pornografie. "Wenn ich vor Paaren performe", sagt Vallex, "mache ich eigentlich nichts anderes als sonst, spreche sie aber individuell und in einem anderen Ton an. Manchmal arbeite ich aber auch mit Camgirls oder Frauen, mit denen ich in der Zeit gerade ausgehe, zusammen."

Manche heterosexuellen Camboys bedienen ganz bewusst homosexuelle Fans, die auf Heteros stehen. "Dass ich heterosexuell bin, war mein Schlüssel zum Erfolg", sagt Bastian, dessen Zuschauerschaft zu 85 Prozent aus homosexuellen Männern, zu fünf Prozent aus Frauen und einigen Menschen besteht, die sich noch nicht geoutet haben. "Meiner Erfahrung nach gibt es viele homosexuelle Männer, die auf die 'Hetero-Fantasie' stehen. Nicht alle natürlich, aber schon einige."

Benji Bastian. Foto: Mark Henderson Photography

Deutlich weniger aussagefreudig scheint die Branche allerdings zu sein, wenn es darum geht, wie viel Geld konkret mit den Live-Shows umgesetzt wird. Lara macht lediglich vage Andeutungen zu den "mehrgeschossigen Penthäusern", in denen die erfolgreichen Camboys offenbar leben. Auch die Darsteller, mit denen ich gesprochen habe, hielten sich beim Thema Einkommen überraschend bedeckt.

"Ich habe mich dieser Industrie und dem Aufbau meiner eigenen Marke verschrieben", sagt Dave Slick aus Arizona. "Daraus wurde eine äußerst lukrative und faszinierende Karriere." Generell sind Slicks Antworten eine Mischung aus klassischer Marketing-Rhetorik und fleischgewordener Unternehmenssichtbarkeit. Er redet wie ein Popstar, der seinen Fans sagt, dass sie immer an ihre Träume glauben müssen – soll heißen: Das Ganze wirkt entweder extrem irritierend oder extrem motivierend, je nachdem wie viel Zynismus in einem schlummert. Immerhin scheint er seinen Beruf sehr ernst zu nehmen.

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"Die genaue Summe werde ich nicht verraten", sagt Slick, als ich ihn frage, wie viel er verdient. "Allerdings habe ich den allerersten Monaten rund 3.000 Dollar [2.600 Euro] verdient." Damals war der mittlerweile 25-Jährige zwar durchaus zufrieden mit seinem Gehalt, inzwischen glaube er allerdings, dass er sich unter Wert verkauft hätte. "Ich habe nicht erkannt, welches Potenzial in dieser Branche steckt. Heute zeige ich mehr Einsatz und konzentriere mich nicht nur auf eine Sache. Ich denke, ich kann 2017 mit einem sechsstelliges Einkommen rechnen."

Im Gegensatz zu Slick, der Tag und Nacht an seiner Camboy-Karriere arbeitet, scheint Radivan die Sache etwas entspannter anzugehen. Er tritt nur für homosexuelle Männer auf und arbeitet drei Tage die Woche, vier Stunden am Tag. Nach eigener Aussage verdient er mit seiner Arbeit umgerechnet zwischen 250 und 550 Euro die Woche. Wenn sein Freund allerdings mit ihm auftritt, kann seine wöchentlichen Einnahmen auch leicht verdreifachen.

Dave Slick.

Außerdem gibt es immer wieder die Möglichkeit, auch dann Geld zu verdienen, wenn die Kamera aus ist. Einmal, sagt Vallex, habe ein Mann "zwei Riesen für meine Unterhose" bezahlt. Dann gibt es allerdings auch für Szene-Stars wie ihn Tage, an denen einfach gar nichts läuft. "Das Schlimmste ist, wenn an ruhigen Tagen tausende Menschen im Chatroom sind, man aber keines seiner Ziele erreicht und nicht einmal die Mindestanzahl an Wertmarken verdient, die man sonst verdient."

Um im hart umkämpften Business erfolgreich zu sein, reicht es nicht, einen ausgeprägten Geschäftssinn und einen schönen Penis zu haben. Wichtig ist es auch, sich schnell eine treue Fanbase aufzubauen.

"Als Webcam-Darsteller baut man eine Beziehung zu seinen Fans auf, die weit darüber hinausgeht, dass sie zusehen, wie jemand Sex vor der Webcam hat", erklärt Lara. "Die bekanntesten Camboys sind nicht nur Unterhalter und Performer, sondern schätzen auch die Verbundenheit zu ihren Fans und wollen ihre einzigartige Persönlichkeit und ihre Talente mit ihnen teilen."

"Als ich jünger war, war ich ziemlich schüchtern. Ich konnte nicht aus mir rausgehen."

Primär habe das Ganze natürlich immer einen sexuellen Hintergrund, sagt Radivan, "aber ich könnte auch jederzeit online gehen und allen sagen, dass ich mich nicht ausziehen werde und wüsste, dass ich noch immer eine nette Unterhaltung mit einigen wundervollen Menschen führen würde. Ich habe durch meine Arbeit schon einige gute Freunde kennengelernt."

Viele der Camboys, mit denen ich gesprochen habe, mussten zuerst persönliche Schwierigkeiten überwinden, um es als Camboy zu schaffen. "Ich bin ein trockener Alkoholiker", sagt Slick. "Ich bin stolz darauf und lebe damit. Es hat mich zu dem Menschen gebracht, der ich heute bin."

Vallex sagt, dass ihm die Arbeit als Camboy das Selbstbewusstsein verliehen hat, das ihm in seiner Jugend immer gefehlt hat. "Als ich jünger war, war ich ziemlich schüchtern. Ich konnte nicht aus mir rausgehen und auf andere zugehen. Außerdem war ich extrem voreingenommen gegenüber Menschen in der Sexindustrie, weil ich es einfach nicht verstanden habe."

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Im Grunde sind Camboys nichts anderes als DIY-Pornostars, die sich ihren Weg durch eine Industrie gebahnt haben, die traditionell immer Darstellerinnen bevorzugt hat. Ob sie nun tatsächlich sechsstellige Beträge verdienen und in Penthäusern leben, sei mal dahingestellt. So oder so scheinen Webcam-Shows eine Chance zu sein, Geld in einer Branche zu verdienen, die sonst bekannt dafür ist, ihre Darsteller reihenweise auszubeuten.

"Man ist von tausenden wundervollen Menschen umgeben, die nur das Beste für dich wollen", sagt Vallex. "Was will man mehr?"

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