Collage: VICE Media (Fotos: geralt | Pixabay | CC0; Michael Haddad PA | Pexels | CC0)

Wir sollten über "Political Correctness" diskutieren, aber bitte nicht so

Zwei deutsche Autoren glauben, dass "Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört". Wir wollten mit ihnen reden – aber dann kam doch alles ganz anders.

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Okt. 6 2017, 9:04am

Collage: VICE Media (Fotos: geralt | Pixabay | CC0; Michael Haddad PA | Pexels | CC0)

"Political Correctness" ist eines der Lieblingsschimpfwörter der Rechten und auch eine ihrer großen Ängste. Wer darauf besteht, rassistische, diskriminierende Worte nicht mehr hören oder lesen zu wollen, beteilige sich an der Beseitigung der Meinungsfreiheit, so der Konsens unter vielen Rechten und Rechtskonservativen. Wenn man Schwarze Menschen nicht mehr mit dem N-Wort ansprechen darf oder immer direkt ein Sexist ist, wenn man der Meinung ist, dass Frauen einfach nicht so viel können wie Männer: Lebt man dann überhaupt noch in einem freien Land?

In genau diese Kerbe der angeblichen Zensur unliebsamer Meinungen – noch einmal kurz und dann nicht nochmal: Zensur ist eine staatliche Maßnahme und nicht der Gebrauch des Hausrechts privater Medien – schlägt ein Buch, das diesen Monat veröffentlicht wurde: Es war doch gut gemeint – Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört.

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Ich gebe zu: Ich bin anfangs voreingenommen, mich mit dem Buch und den Inhalten auseinanderzusetzen, schließlich kenne ich ähnliche Äußerungen zum Thema "Political Correctness" zu genüge aus meinen Recherchen zu Anti-Feminismus und Hate Speech. Plus: Der diesjährige Wahlkampf und der Erfolg der AfD haben den Diskurs nach rechts verschoben. Online wie offline wird gerade dieses Jahr immer wieder versucht, Maßnahmen gegen Diskriminierung (zu denen "Political Correctness" absolut zählt) als etwas negatives darzustellen, und dieses Buch erscheint mir spontan als nur ein weiterer Haufen Sand am Meer. Ist es also sinnvoll, ein Buch, das in Titel und Inhalt buchgewordener Clickbait ist, zu rezensieren und mit den Autoren zu sprechen? Verantwortungsvoll? Richtig?

Geht es nur um die Intention des Buchs, müsste die Antwort wohl "ja" lauten. Denn die Autoren Daniel Ullrich und Sarah Diefenbach haben etwas Wichtiges vor. Der Medieninformatiker und die Wirtschaftspsychologin wollen Deutschland vor der ihrer Meinung nach unausweichlichen Meinungsdiktatur bewahren. Das überrascht erst mal: Bisher schrieben die beiden ein Buch über die negativen Folgen sozialer Medien und traten sonst mit wissenschaftlichen Publikationen in ihren Fachbereichen in Erscheinung. Doch etwas scheint die beiden zu alarmieren. Eine Eskalation der gegenwärtigen Verhältnisse, so schreiben sie in ihrem Buch, stünde uns bevor, ausgelöst durch ein "mentales Gift", welches alles nur noch schlimmer mache. Die Frage sei nicht, ob es eine Eskalation gebe, "sondern vielmehr wann und wie". Die Ursache? Genau: "Political Correctness".

Nun ist "Political Correctness", kurz auch PC, spätestens seit den Neunzigern ein politischer Kampfbegriff der Rechten. Er bezeichnet die Gegenbewegung zu anti-diskriminatorischer Sprache und setzt sich häufig für eine absolute Meinungsfreiheit ein, in der alles gesagt werden darf, auch rassistische, sexistische und homophobe Wörter. In Deutschland hat sich das Wort im letzten Jahrzehnt aus der rechten Szene solide im Vokabular all jener etabliert, denen Deutschland ganz generell zu links ist.

Selten wurde die Frage gestellt, wer ein Interesse daran hat, Schwarze mit dem N-Wort zu beschimpfen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

Dazu beigetragen haben natürlich auch die meisten deutschen Medien, die eben jenen Kampfbegriff der Rechten häufig ohne Kontext oder Einordnung reproduzierten. Die politische Agenda der Rechten ist, eine Angst zu schüren, nichts mehr sagen zu dürfen. Nur ist die selten als Agenda erkennbar. Stattdessen wird aus dieser irrationalen Angst ein objektiver Fakt gemacht. Selten wurde die Frage gestellt, wer ein Interesse daran hat, Schwarze mit dem N-Wort zu beschimpfen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, oder Menschen jüdischen Glaubens eine weltumspannende Verschwörung unterstellen zu dürfen.

"Sprache [kann] also Einfluss auf Einstellungen, Meinungen, Vorstellungen und
letztlich auch Verhalten haben – aber eben nicht direkt auf Realität", so schreiben es Ullrich und Diefenbach in ihrem Buch. Durch die Konzentration auf Begrifflichkeiten rücke die Beschäftigung mit den eigentlichen Geschehnissen ins Abseits. Dies steht im Gegensatz zur "Political Correctness" in linken Kreisen, in der die Auffassung existiert, dass beispielsweise rassistische Sprache auch Rassismus ist, schafft und reproduziert. Diskriminierende Sprache wird in linken Kreisen folglich als Teil des Problems gesehen, und Wörter nicht als in einem Vakuum existierende Begriffe, die keinen Effekt haben. Diese Auffassung teilen die Autoren nicht. Konsequenterweise benutzen sie in ihrem Buch auch diskriminierende Sprache wie das N-Wort.

Doch wenn diskriminierende Sprache Einstellungen, Meinungen, Vorstellungen und Verhalten verändern kann, was genau ist dann damit gemeint, dass sie die Realität eben nicht präge?

Eigentlich würde an dieser Stelle nun das Interview mit den Autoren stehen. Ich habe nämlich fast zwei Stunden mit Ullrich und Diefenbach in Berlin gesprochen. Die Zitate aus dem Gespräch wollen sie später allerdings nicht freigeben. Das Gesagte soll durch schönere, relativierende Dinge ersetzt werden. Doch das ist weder journalistische Praxis noch eine Haltung, die in diesem Kontext vertretbar wäre. Warum, wird auch ohne Interview recht schnell deutlich – das Buch reicht dafür vollkommen aus.

Foto: Hanko Ye

Beim Lesen des Buchs fallen mir zuerst die Quellen auf. Diese bestehen regelmäßig aus rechten Publikationen. Auch die (oft fehlende) Einordnung ist ein Statement für sich. Da wird die Junge Freiheit gleich mehrmals zitiert, mal als "Zeitung", mal als "rechtsorientierte Medien". Verschwörungstheoretiker Udo Ulfkotte wird zum "Journalist und Medienkritiker", ein homofeindlicher und anti-feministischer Blog wird zum "politischen Blog". Verschiedene Anti-Feministinnen werden im Buch zu vermeintlichen Vorzeige-"Feministinnen", so zum Beispiel Christina Sommers, ein Idol der Alt-Right und weibliche Speerspitze der Hassbewegung "Gamergate". PI-News, RT Deutsch und Verschwörungsblogs, die mit Artikeln wie "Die BRD Lüge" aufwarten, werden zu "Alternativmedien".

Linke alternative Medien wie Neues Deutschland, Jungle World und anti-rassistische oder feministische Blogs hingegen finden sich überhaupt nicht in den Quellen des Buchs. Es scheint, als liege der Fokus vor allem darauf, was einen Rand der Gesellschaft bewegt: den rechten.

So wundert es mich auch beim Lesen des Buchs irgendwann nicht mehr, dass neben rechten Quellen auch massiv klassisch rechtes Vokabular verwendet wird. "Gleichschaltung der Medien" wird im Buch zumindest kurz mit "entstammt der Nazi-Terminologie" eingeführt, anschließend berichten die Autoren dann aber doch in mehreren eigenen Kapiteln über vermeintliche "Anzeichen organisierter Gleichschaltung" in Deutschland. Auch typisch rechtes Vokabular wie "Opferkult", "Schuldkult" und "Erbschuld" wird benutzt, letztere Begriffe ganz eindeutig in Bezug auf die deutsche nationale Identität.

Es schwinge in der Beleuchtung der Vergangenheit "eine implizite Schuldzuweisung häufig mit, insbesondere wenn von der 'besonderen Rolle' oder 'historischen Verantwortung' Deutschlands die Rede" sei, schreiben Ullrich und Diefenbach. Ja, die Anführungszeichen im Zitat stehen so im Buch. Bei Begriffen wie "Opferkult", "Schuldkult" oder "Erbschuld" sucht man sie hingegen vergeblich. Normalerweise würde man die Anführungszeichen immer dann setzen, wenn man zeigen will, dass es sich um rechter Terminologie entlehnte Wörter handelt – oder ganz einfach um Wörter, die nicht im normalen Sprachfluss auftauchen würden. Im Buch von Ullrich und Diefenbach finden sich diese und andere Wörter dagegen ohne Anführungszeichen wieder. Ihre Verwendung erscheint normalisiert.

Müssten sie es besser wissen? Ist das alles Absicht?

"Als Opfer der Nazi-Verbrechen sind Juden in einigen Fragen freier darin zu sagen, was sie denken. Sie können aufgrund ihres Opferstatus leichter Forderungen stellen [...]", heißt es da, und fünf Seiten später: "Wer Opfer ist, ist gemäß PC-Ideologie unantastbar. Je stärker man sich als unterdrückte Minderheit (Opfer) inszeniert, umso mehr Menschen sympathisieren mit einem und geben einem, was man möchte."

Als ich mit einem Kollegen über das Buch spreche, ist er irritiert: "Warum genau geben wir solchen Äußerungen jetzt 'ne Bühne?" Das frage ich mich auch und hadere lange mit dem Ansatz für diesen Artikel. Denn eine Bühne finden rechtskonservative oder auch ganz einfach rechte Gedanken momentan an vielen Orten, nicht zuletzt durch prominente Vertreter und Vertreterinnen der AfD. Häufig werden die immer gleichen Phrasen wiederholt. Gleichzeitig möchte ich tatsächlich erfahren, was in den Autoren vorging, als sie das Buch schrieben. Könnte man nicht von der Problematik der Begriffe wissen, würde man sich richtig informieren? Andererseits bespreche ich hier gerade ein Buch von zwei Menschen, die als hauptberufliche Wissenschaftler durchaus in der Lage sein sollten, verschiedene Quellen nicht nur zu finden, sondern auch einzuordnen. Müssten sie es besser wissen? Ist das alles Absicht?

Ein Vorsatz ist vielleicht im juristischen Sinne wichtig; für diejenigen, die von den Folgen dieser immer wieder reproduzierten Vorurteile, Rassismen und rechter Konzepte betroffen sind, ist er aber egal. Im Jahr 2016 gab es laut dem BMI 22.471 Fälle von rechter politisch motivierter Kriminalität (bei den linksmotivierten Taten werden 5.230 Fälle gezählt). Eine Auswertung verschiedener parlamentarischer Anfragen, die LKA und BKA beantwortet haben, zeigt über 12.000 rechte Straftaten im selben Jahr, darunter mehrere Tote. Eine Partei, dessen Spitzenpersonal unverhohlen eine "Entsorgung" einer Deutschen fordert, weil deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden (im Übrigen eine typische Blutlinien-Argumentation der Nazis) und dessen Spitzenkandidatin sich von diesen Parteikollegen auch nicht distanzieren möchte, zog zweistellig in den Bundestag ein. Konsequenzen für Äußerungen wie die von Gauland gibt es keine. In Interviews darf sich die AfD stattdessen netterweise vom Dritten Reich distanzieren, so, als arbeite die Gesellschaft an einer Zeitmaschine in die Dreißiger und nicht daran, den immer noch existierenden Rechtsextremismus zu bekämpfen.

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Am Ende des Interviews hatten mich die beiden Autoren gefragt, was mein Eindruck von dem Buch sei. Gut, dass ihr fragt, denke ich, und versuche ehrlich zu antworten. Die Antworten im Interview selbst sind oft differenziert, andererseits gibt es aber auch problematische Aussagen, die sie später nicht freigeben wollen. Meine Antwort an die Autoren ist ehrlich: Ich finde es gefährlich und verantwortungslos, rechte Gedanken und Konzepte in diesem Buch aber auch ganz allgemein unkritisch wiederzugeben. Eben solche Konzepte, Wörter, Äußerungen sind Teil von Mobilisierungsstrategien rechter Gruppen, die am rechten Rand fischen. Durch Konzepte wie anti-feministische Theorien oder einen vermeintlichen "Schuldkult" in Deutschland führen sie Menschen an rechte Konzepte heran. Hassgruppen rekrutieren so passive Zuschauer, entmenschlichen die vermeintlichen Gegner und mobilisieren dann die neu aktivierten Überzeugten zu Taten. Ich versuche das zu erklären, unsicher ob Ullrich und Diefenbach das nicht bereits wissen, unsicher ob es überhaupt wichtig ist für sie. Dennoch: Mir ist es wichtig, ich will es nicht ungesagt lassen.

Und deshalb auch dieser Artikel. Als Journalistinnen trifft uns eine besondere Verantwortung, über die Rückkehr und den Anstieg eben jener rechten Konzepte zu berichten. Diese dürfen aber nicht einfach wiedergeben werden, sie müssen hinterfragt und eingeordnet werden. Ein – im besten Falle gut gemeintes – Buch über eine falsch verstandene linke Entwicklung kann potenziell gefährlich sein, wenn wir den Vorurteilen, die dem teils zugrunde liegen, nicht widersprechen. Und widersprechen sollten wir, egal, wie oft wir uns wiederholen müssen.

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