Todas las fotos cortesía de Sany

Die Doku „Girl Power“ zeigt, dass Graffiti keine reine Männersache ist

Die tschechische Sprayerin Sany hat eine Dokumentation über Frauen in der Graffiti-Szene gedreht. Wir haben mit ihr gesprochen.

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Mai 17 2016, 6:00am

Todas las fotos cortesía de Sany

Die Graffiti-Szene wird weitgehend als eine Männerdomäne wahrgenommen—nicht zuletzt wegen der Illegalität, in der sich viele Sprayer bewegen. Die tschechische Sprayerin Sany hat am eigenen Leib erlebt, wie schwierig es für Frauen ist, sich in der Graffiti-Szene einen Namen zu machen. Sie musste jahrelang kämpfen, um sich zu behaupten, den Respekt der männlichen Sprayer zu verdienen und ernst genommen zu werden. So geht es vielen Sprayerinnen weltweit. Um die Realität dieser Frauen zu beleuchten und zu zeigen, dass auch Frauen sprayen, taggen und Züge bomben können, hat Sany beschlossen, eine Dokumentation zu drehen.

Fast acht Jahre, 15 Länder und 28 Graffiti-Künstlerinnen später ist die Dokumentation fertig. Wir haben mit ihr über den Film namens „Girl Power" gesprochen. Zu sehen ist die Doku übrigens am 20. Mai in Berlin im Urban Spree, am 14. Juli in Leipzig und am 6. August am Frameout Festival in Wien.

Broadly: Hey Sany. Du bist mit „Girl Power" gerade auf Promo-Tour. Wie läuft es bisher?
Sany: Wir hatten gerade ein Screening in Paris, in der Ukraine, in London und bald geht's weiter nach Berlin. Es liegen noch so einige Screenings vor uns. In der Tschechischen Republik läuft der Film auch im Kino, zur Premiere sind 1.200 Leute gekommen. Die Graffiti-Szene hat sehr lange auf den Film gewartet.

Wie ist das Feedback bisher?
Das Feedback ist super. Natürlich kann nicht jeder was mit Graffiti anfangen und es ist auch nicht unser oberstes Ziel, das zu ändern. Wir wollen nur, dass Graffiti-Künstler und Künstlerinnen als ganz normale Menschen wahrgenommen werden, die arbeiten, studieren—und auch ihre Probleme haben. Graffiti-Künstler führen oft ein Doppelleben und das kann schon sehr hart sein. Auch im Film sieht man beispielsweise, wie ich meinen Job verliere oder wir Probleme mit der Polizei haben. Die Polizei hatte Beweise gegen uns und auch gegen einige der Künstlerinnen in der Hand, die illegal sprayen und die wir für den Film begleitet haben.

Wie geht es den Sprayerinnen jetzt, wo der Film fertig ist?
Sie sind sehr glücklich. Ich sehe auch bei den Screenings immer wieder Künstlerinnen, die zu weinen beginnen und mir sagen, dass wir Geschichte geschrieben haben, was Frauen in der Graffiti-Szene betrifft.

Was ist dein persönlicher Antrieb? Warum sprayst du?
Wenn man sich in der Szene erst einmal durchgesetzt hat, reist man um die Welt, entdeckt außergewöhnliche Orte und erlebt Situationen, die man im normalen Alltag so niemals erleben würde. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich dran geblieben bin.

Warum glaubst du, ist es als Künstlerin so schwer, in der Szene ernst genommen zu werden?
Ich bin aktuell die einzige Sprayerin in der Tschechischen Republik—und es war sehr schwer, an den Punkt zu kommen, an dem ich jetzt bin. In meinem Land haben wir lange unter dem kommunistischen Regime gelebt, das Frauen stark eingeschränkt hat. Als ich angefangen habe zu sprayen, haben viele Typen meine Pieces übersprüht und Dinge wie „Geh zurück in die Küche" darüber geschrieben. Außerdem wollte mich niemand in seiner Crew haben, weil ich eine Frau bin. Aber ich habe nicht aufgehört—und meine eigene Crew gegründet, „Girl Power".

Und jetzt wirst du von deinen Kollegen ernst genommen und respektiert?
Ja. Ich bin jetzt seit 16 Jahren aktiv und habe mehr gemacht als 90 Prozent der tschechischen Männer. Dafür musste ich aber ziemlich hartnäckig sein und aktiv in der Szene mitwirken. Ich glaube, dass einen die Männer oft nicht als ebenbürtig sehen, weil man körperlich nicht so stark ist. Aber ich finde, sie sollten einfach respektieren, dass man sich für einen Weg entschieden hat und damit klar kommen. Es kommen in letzter Zeit oft auch Typen auf mich zu, die mir Entwürfe von ihren Freundinnen zeigen, die jetzt auch sprayen wollen. Das ist ein echt gutes Gefühl.

Gab es während den acht Jahren, die du an dem Film gearbeitet hast, auch Phasen, in denen du nicht mehr konntest?
Ja, die gab es auf jeden Fall. Einige der Künstlerinnen, mit denen wir gedreht haben, bewegen sich in der Underground-Szene. Es hat mich Jahre gekostet, mit ihnen in Kontakt zu treten. Die Szene wusste auch schon über uns bescheid—und wir mussten ihnen erst einmal beweisen, dass es uns ernst ist und wir die Doku durchziehen. Die Polizei hatte wie schon gesagt Beweise gegen uns in der Hand, ich hatte meinen Job verloren, mein Studium abgebrochen ... Es war schon hart.

Hast du dich während all der Zeit verändert—als Künstlerin und als Person?
Natürlich. Als ich mit dem Film begonnen habe, war ich 22 und voller Energie. Ich habe nicht erwartet, dass das Ganze so lange dauern würde. Wir haben schnell einen Co-Produzenten gefunden, der versprochen hatte, uns zu unterstützen, aber uns dann stehen hat lassen. Aber wir waren schon zu weit, um das Ganze abzubrechen. Ich habe während der Zeit gelernt, dass man als Sprayerin niemandem vertrauen kann. Ich habe mich zurückgezogen und wurde depressiv, habe mit niemandem außerhalb der Szene gesprochen, weil sie mich nicht verstanden haben. Aber das alles war es wert. Ich habe mich selbst gefunden, habe heute einen Job, den ich liebe und bin viel gelassener.

Welche Botschaft willst du mit „Girl Power" vermitteln?
Es geht einfach darum, seinen Traum zu verfolgen und nicht darauf zu hören, was andere sagen oder denken. Ich wollte auch zeigen, dass Graffiti sehr wohl was für Frauen ist, auch wenn viele Künstler das Gegenteil behauptet haben. Ich wollte zeigen, dass wir es schaffen können. Wir sind da, kommt damit klar. Und ja, wir haben einen Film über Frauen gedreht, aber im Endeffekt kommt es nicht auf dein Geschlecht an. Du musst Vertrauen haben und bereit sein, viel für deinen Traum zu geben.