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Mindfulness? Eure Achtsamkeit muss man sich erstmal leisten können

Ana Grujic

Mal ganz bewusst eine Avocado befühlen oder ein Mandala malen: Moderne Entspannungstrends richten sich primär an privilegierte Menschen und sorgen oft für noch mehr Stress.

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"Genieße die Hausarbeit!", "Akzeptiere Menschen, so wie sie sind. Auch dich selbst!", "Mach weniger, bemerke mehr!": Mindfulness ist der strahlende Stern am "Wie werde ich ein besserer Mensch?"-Himmel. Tipps zum besseren, entspannteren Leben gibt es in Zeitschriften wie der Cosmopolitan oder dem REWE-Magazin, sie haben es aber auch schon auf Tassen und Kalender geschafft.

Die Präsentation ist immer Instagramfilter-hip, gleichzeitig schwingt aber auch mit, dass es sich um uralte Prinzipien und Ansätze handelt, die euch dabei helfen sollen, euer Leben stressfreier zu gestalten. Stressfrei ist gut, gerade in Anbetracht der Tatsache, wie viele Menschen sich immer jünger ausgebrannt fühlen. Das Problem: Entspannt sein kann eben nur der, der es sich leisten kann. Das Versprechen von Stressbewältigung und Entspannung richtet sich an ein privilegiertes Zielpublikum.

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Der Mindfulness-Begriff, der in den Medien herumgeistert, beruht zumeist auf der Definition von Jon Kabat-Zinn. Für den Wissenschaftler, der auch die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) erfunden hat, bedeutet Mindfulness "auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein, bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen". Klingt ein wenig nach dem Heilpraktiker um's Eck? Nicht so verwunderlich, basiert doch auch Kabat-Zinns Begriff und Methode auf uralten Techniken aus anderen, vermeintlich exotischen Kulturen: Mindfulness hat ihre Wurzeln etwa im Hinduismus (Yoga), Daoismus (Qi Gong) und Buddhismus (Atemtechniken).

Heute kann man dank Kabat-Zinns Arbeit die Früchte fremder Kulturen nutzen, ohne sich intensiv mit ihren Theorien oder gar Regeln auseinandersetzen zu müssen. Wurzellos und auf Nützlichkeit reduziert, ist Mindfulness ein Begriff geworden, der mittlerweile als Mitarbeiter-Goodie gehandelt und Schwangeren zur Stressreduktion empfohlen wird. Außerdem lässt sich damit auch abseits von Entspannungsseminaren Geld verdienen. Sei es als lebensverändernder Terminplaner oder hipper Ratgeber in schönster Tumblr-Ästhetik.

"Es ist schon erstmal der obere finanzielle Bereich, der sich mit dem Thema auseinandersetzt", gibt Martin A. Ciesielski zu. Er gibt an der School of Life in Berlin Seminare zum Thema Achtsamkeit im Alltag und kennt die Zielgruppe.

Eine Frau mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, die am Wochenende zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit einen 450-Euro-Job hat, hat weniger Zeit, um zu 'chillen'.

Doch woran liegt das? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Vorteile – etwa auf Grund von Geschlecht, Bildung, sexueller Orientierung oder Herkunft–, wenn um eine Philosophie geht, die man verkürzt mit "öfter mal bewusst die Füße hochlegen" beschreiben könnte?

Dr. Irmgard Pfaffinger, Vorsitzende des Berufsverbands der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands, arbeitet mit Burnout-Erkrankten – also jenen, die nicht "nur ein wenig gestresst sind". Sie sieht durchaus einen Zusammenhang zwischen der Möglichkeit zu entspannen und den oben genannten Einflussfaktoren: "Eine Frau mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, die am Wochenende zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit einen 450-Euro-Job hat, um die Familie durchzubringen, hat weniger Zeit, um über irgendwas nachzudenken oder zu 'chillen'".

In den Mindfulness-Ratgebern scheinen Menschen, die zwei Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen, keine Rolle zu spielen. Anders ist es nicht zu erklären, dass viele Tipps davon auszugehen scheinen, dass man Freiheit über seine Zeiteinteilung hat. Nur wer nichts dringendes zu erledigen hat, kann beispielsweise mal ein "uhrenfreies Wochenende" einlegen, an dem man alle Dinge so lange macht, wie man Lust darauf hat.

Die Arbeitsrealität, der Druck, der auf einem lastet, die Angst, einen Job zu verlieren: alles elementare Gründe, aus denen wir gestresst sind. Gründe, aus denen wir uns ganz bewusst entspannen wollen. Trotzdem kommen diese Faktoren in der Achtsamkeit-Thematik nur am Rande vor – wenn überhaupt. Die Menschen, an die sich Mindfulness primär richtet, scheinen zu wissen, dass sie einen neuen Job finden, falls es ihnen der jetzige nicht erlaubt, entspannter oder "bewusster" zu arbeiten.

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Das Telefonläuten bei der Arbeit stresst dich? Lass es mindestens drei Mal klingeln und geh erst ran, wenn du dich mental dafür bereit fühlst. Dass das nur funktioniert, wenn auch dein Chef mit dieser Relax-Technik mitspielt, wird dabei ignoriert.

Das macht den Trend automatisch auch für die Bevölkerungsgruppen schwierig, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach wie vor diskriminiert werden. Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel. "Minderheiten, die vielleicht nicht so leicht eine neue Stelle finden, sagen sich: Ich muss diesen Arbeitsplatz auf Biegen und Brechen behalten, weil ich Kinder habe, die ich allein ernähren muss, weil ich eine Miete zu bezahlen habe oder weil ich hier sonst etwa den Aufenthaltsstatus verliere", bestätigt Dr. Pfaffinger.

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Auf Mindfulness-Büchern könnte durchaus ein Warnhinweis stehen, denn der Irrglaube, dass der Grad der eigenen Entspannung nur an einem selbst liegt, ist durchaus problematisch. Für einen selbst, weil man zusätzlich zur Arbeitsbelastung auch noch ein wenig Schuldgefühle bekommt, weil man nicht mal das mit dem Relaxen richtig hinkriegt. Aber auch für den Umgang mit anderen kann der Glaube an „Stress ist, was du daraus machst" fragwürdig sein. Man gesteht anderen nicht zu, überfordert zu sein, wenn man glaubt, dass durch Methoden wie ein Dankbarkeitstagebuch, bewusstes Kauen beim Mittagessen und einen Spaziergang im Grünen alle Stressfaktoren beseitigt sind.

Heißt das nun, dass alle gestresst und überfordert leben und sterben müssen, wenn sie nicht das Hohelied der Mindfulness singen wollen? Nein, es bedeutet nur, dass es kein hippes, neues Deckmäntelchen für Achtsamkeit braucht, damit einem nicht vor Stress die Haare ausfallen.

"Wenn mich jemand fragt, was er zur Burnout-Prophylaxe machen kann, würde ich Ausgleich sagen", erklärt Dr. Pfaffinger. "Jemand, der den ganzen Tag Dachdecker ist und ständig draußen ist und sich körperlich anstrengt, der will am Wochenende einfach mal seine Ruhe haben." Kurzum: Etwas anders zu machen, als was man den ganzen Tag über beruflich macht, kann einem schon helfen, abzuschalten und zu entspannen. Das muss dann auch nicht der groß beworbene Meditationskurs oder der Yoga-10er-Block für über hundert Euro sein, sondern vielleicht das Reparieren von Fahrrädern im eigenen Keller, Eisstockschießen oder einfach ein Spaziergang.

Ciesielski hingegen verfolgt in seinen Kursen einen Ansatz, der den Fokus der Achtsamkeit weg vom eigenen Inneren hin zum Gegenüber richtet: durch Improvisationsübungen. "Für mich ist Mindfulness ein achtsamer Umgang miteinander. Das erleben die Teilnehmer auch mit Improvisationsübungen anders, als wenn sie nebeneinander auf einem Kissen sitzen und über ihre Probleme meditieren."

Es gehört ein soziales Gefüge dazu, das sowas mitträgt.

Der Leitsatz des Improvisationstheaters – "Make the other one look good" – ist durchaus alltagstauglich, findet aber komischerweise im Gegensatz zu Mindfulness noch nicht seinen Weg in die großen Unternehmen und Führungsebenen.

In jedem Fall braucht es auch gesellschaftliche Unterstützung, um zu lernen, mit Stress und Druck umzugehen. Ob es nun Gesundheitserziehung in Schulen ist, die für Dr. Pfaffinger ein Schlüssel für besseren Umgang mit Stress und Gesundheit in der Gesellschaft ist. Oder eben das Bewusstsein, dass man es allein nicht schafft, stressfrei zu werden, wie Ciesielski ausführt: "Ich sehe die Gefahr, dass man Menschen dazu auffordert: 'Mach mal! Geh diesen Weg (der Mindfulness)!', und dabei unterschätzt, welche Ressourcen es braucht und das auch nicht kommuniziert. So erzeugt man bei den Betroffenen viel Frustration und Misserfolg. Es gehört ein soziales Gefüge dazu, das sowas mitträgt."

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Es gibt kein Patentrezept, keinen Fünf-Punkte-Plan, den man abhaken kann, um entspannt zu sein. Das kann es schwierig machen, die richtige Entspannungsmethode für sich zu finden. Auch deshalb wende ich mich zum Schluss meiner Recherche noch an eine echte Expertin auf dem Gebiet "sich einfach nicht stressen lassen". Meine Oma ist die entspannteste Person, die ich kenne – und das, obwohl sie nicht nur den Bürgerkrieg in Jugoslawien, sondern auch eine schwere Krebserkrankung überleben musste. Als ich mit ihr über das Thema spreche, findet sie ziemlich klare Worte. Sie wisse nicht, was Mindfulness ist, aber es würde sie sehr entspannen, mit ihrer Katze in der Nähe des Herds oder in der Sonne zu sitzen.

Was lernen wir daraus? Das Wichtigste ist, was sich für euch gut anfühlt. Egal, ob es gerade gehypt wird oder nicht.