Alle Fotos: James Perolls

Jennifer Weist über Gina-Lisa und wie man mit Silikon Sexismus bekämpft

Die Frontfrau von Jennifer Rostock ist laut, ehrlich und lässt sich nicht länger einreden, dass sie keine gute Feministin ist, weil sie auf der Bühne blankzieht. Wir haben sie in Berlin getroffen.

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19 August 2016, 7:00am

Alle Fotos: James Perolls

Jennifer Weist steht für viele synonym mit der Band Jennifer Rostock. Dabei wird die 29-Jährige nicht müde zu betonen, dass sie lediglich die Frontfrau ist und die Band mit Johannes Walter, Alex Voigt, Christoph Deckert und Christopher Kohl eben auch weitere Mitglieder hat. Einer der Gründe dafür, dass sie nicht so gerne allein Interviews gibt. Trotzdem ist sie, als eine von wenigen Frontfrauen deutscher Rockbands, eine wahnsinnig interessante Gesprächspartnerin, die sich noch nie gescheut hat, Dinge zu thematisieren, die sie aufregen—im Zweifelsfall auch mit ordentlich Körpereinsatz. Damit stößt sie nicht überall auf Gegenliebe, stören tut sie das aber nicht.

Wir haben mit der Wahlberlinerin über mediale und gesellschaftliche Doppelmoral, die Diskussion um den Fall Gina-Lisa und die Frage gesprochen, ob man auch dann eine „richtige" Feministin sein kann, wenn man auf der Bühne seine Brüste zeigt. Außerdem hat sie erklärt, warum es Jennifer Rostock als Band ein großes Anliegen war, auf dem neuen Album Genau in diesem Ton, das am 9. September erscheint, feministische Töne anzuschlagen.

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Broadly: Ich habe mir euer neues Album angehört und allein schon vom Titel her, hat mir „Silikon gegen Sexismus" sehr gut gefallen. Seid ihr auf einer feministischen Mission?
Jennifer Weist: Das Thema Feminismus ist auf unseren letzten Alben ein bisschen zu kurz gekommen. Ich glaube sogar, wir haben noch nie so richtige „Frauensongs" gemacht. Allgemein war mir das ein wahnsinnig großes Anliegen, als wir angefangen haben, für das neue Album zu schreiben. Unsere Texte allgemein sind sehr autobiografisch, sehr persönlich. Ich beschäftige mich sehr viel mit der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft und somit durfte das Thema dieses mal nicht zu kurz kommen. Diese Bild-Sache damals ist natürlich auch ein ganz großes Ding gewesen, worüber ich mich extrem aufgeregt habe, wie man sich vorstellen kann. Ich habe eine lange Rede zu dem Thema auf der Bühne gehalten und am Schluss als Statement meine Brüste gezeigt. Und dann drucken die meine Brüste ab, sagen „Jennifer zeigt ihre Brüste" und das war's.

Da denken natürlich alle „Wie ist die Alte denn drauf?". Ich wurde in der Presse als Seite-3-Mädchen ohne Message dargestellt und das war für mich natürlich extrem beschissen. „Silikon gegen Sexismus" ist auch nicht der einzige feministische Song auf Genau in diesem Ton, es gibt auch noch „Hengstin", einer meiner absoluten Lieblingssongs auf dem Album. Ist schon echt komisch: Als wir angefangen haben, Musik zu machen, war es wirklich so, dass in fast jeder Band eine Frau war. Zwar auch fast nur als Sängerinnen, aber zumindest waren Frauen da. Jetzt ist es so: Ich fahre auf ein Festival und die Mädchentoilette ist leer. Es gibt kaum Frauen mehr im Musikbusiness.

Da gab es doch auch diesen Facebook-Post von Kat Frankie, der ziemlich rumgegangen ist. Sie hat einen Moderationsgig beim „Müssen alle mit Festival" abgesagt, weil keine einzige Frau gespielt hat und sie nicht die Quotenfrau sein wollte, die die Männer ansagt und dann von der Bühne muss.
Das habe ich gar nicht mitbekommen. Total krass, wie sich das geändert hat. Ich habe wirklich das Gefühl, dass vor ein paar Jahren viel mehr Frauen da waren. Auf einmal ist es so, dass man auf ein Festival kommt und dann ist nicht mal mehr eine Sängerin da. Vor ein paar Jahren war ich Schirmherrin für ein Mädchen-Musik-Förderprojekt, habe mit vielen Girls dort persönliche Gespräche geführt und mitbekommen, wie es in der Realität aussieht. Die Mädels trauen sich manchmal gar nicht mehr auf eine Bühne, weil sie nicht ernstgenommen werden. Die Mädchen in diesem Projekt spielen teilweise ja schon in Bands, kommen dann irgendwo als Vorband an einem Club an und die Techniker vor Ort kommen auf die Bühne und sagen „Na Mausi, kann ich dir helfen? Du kannst dir doch bestimmt selber keine neue Seite auf die Gitarre ziehen, oder? Lass mich das mal machen!" Sag mal, gehts noch? Da denkt man doch eigentlich, in der Musikbranche sind alle so aufgeschlossen und pc ...

Es ist immer noch so, dass es ein Problem ist, wenn Frauen sich leichtbekleidet auf der Bühne zeigen.

Es ist auch immer noch so, dass es ein Problem ist, wenn Frauen sich leichtbekleidet auf der Bühne zeigen. Da heißt es dann nicht „Oh cool, die ist zufrieden mit ihrem Körper", wenn man sich an die Brüste fasst. Da heißt es dann „Na ja, das Einzige, was die kann ist, ihre Silikonbrüste zu zeigen." Und das nicht nur von Außenstehenden, sondern auch von Kollegen.

Das haben andere Musiker zu dir gesagt?
Das haben die mir natürlich nicht ins Gesicht gesagt, ich habe es von Leuten denen gegenüber sie sowas geäußert haben. Das ist natürlich manchmal noch trauriger, weil man denkt, dass doch gerade andere Künstler als erstes die Message verstehen sollten. Es sollte einfach allgemein total egal sein, ob ein Schlagzeuger sein Shirt auszieht oder ich mit Bikini auf der Bühne stehe. Ich bin nun mal zufrieden mit meinem Körper und ich wüsste nicht, warum ich das nicht genauso machen sollte.

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Du sagst in „Silikon gegen Sexismus" auch: „Wem gehört mein Körper, wenn ihn die Zeitung druckt?" Es scheint allgemein das Problem zu geben, mental nachzuvollziehen, dass eine Frau entscheiden kann, was sie wann von sich zeigen möchte—und dass das eben auch einschließt zu entscheiden, wann sie nichts von sich zeigen möchte.
Genau! Mich fragen zum Beispiel viele, warum ich noch nicht im Playboy war, wenn ich so freizügig und zufrieden mit meinem Körper bin. Das kann ich dir ganz genau sagen: Weil ich in so ein scheiß Magazin nicht rein möchte. Ich zeige meine Brüste nicht für Geld oder damit sich andere daran aufgeilen können. Ich zeige meine Brüste nicht, um zu provozieren, oder zu sagen „Guck mal hier. Geil, oder?", sondern immer für eine Sache, für die es sich wirklich lohnt oder um ein Statement zu setzen. Ich habe mich zum Beispiel auch für PETA ausgezogen, weil es um Tierschutz ging. Ich möchte kein Geld dafür kriegen, meine Brüste zu zeigen, sondern bitte für eine wirkliche Leistung.

In den Köpfen der Menschen findet sich leider noch ganz oft diese Kurzer-Rock-Mentalität. „Du ziehst dich so freizügig an, da musst du dich ja nicht wundern, wenn du angequatscht oder sogar vergewaltigt wirst! Du hast Silikontitten? Da musst du dich auch nicht wundern, wenn du darauf reduziert wirst." Das ist manchmal unheimlich frustrierend, was man so als Frau erlebt, woran Männer keinen Gedanken verschwenden müssen.

Was hat denn dein Bandkollege, mit dem du die Sexismus-Songs geschrieben hast, zu dem Thema gesagt? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer oft sehr überrascht sind, wenn man ihnen davon erzählt, was man in die Richtung schon mitbekommen hat.
Bei uns war das nicht so. Ich muss dazu sagen: Der Joe, mit dem ich die Texte zusammen schreibe, ist schwul. Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten. Ich habe mich im Zuge des Albums mit ihm so krass über Sexismus, Feminismus und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft unterhalten. Wir haben überlegt, ob der Begriff Feminismus überhaupt noch zeitgemäß ist, ob ihn nicht alle Leute nur mit Alice Schwarzer verbinden. Ob es einen neuen Feminismus braucht, was wir schon erreicht haben und was wir noch erreichen müssen. Wie werden wir erzogen? Mit welchen Vorbildern wachsen wir auf?

Frauen in der Popmusik wollen sich oft zu solchen heiklen Themen gar nicht äußern.

Bei Filmen ist es zum Beispiel immer das Gleiche. Männer sind in Hauptrollen immer die starken, coolen Helden. Wenn Frauen diese Rolle haben, ist es immer so, dass dahinter ein tragischer Charakter steht. Irgendwas krasses haben sie dann erlebt und geben eigentlich nur vor, stark zu sein. Joe und ich haben uns da schon immer blind verstanden, weil er ist einfach ein krasser Feminist ist. So wie alle meine Bandkollegen eigentlich. Joe hat mir da sogar sehr viele neue Denkanstöße gegeben. Ohne ihn würde ich zum Beispiel immer noch sagen, dass ich keine Feministin bin, weil der Begriff in meinem Kopf immer eher negativ belegt war.

Unterhältst du dich über so was mit anderen Musikerinnen?
Ja, wenn ich mal irgendwo andere Musikerinnen treffe ... Das kommt echt selten vor. Ich bin meist nur von Männern umgeben. Wir waren zum Beispiel schon super oft auf Hip-Hop-lastigen Festivals und es ist wirklich unglaublich, was da abläuft. Testosteronüberschuss vom Feinsten. Wenn Frauen da sind, dürfen sie im Hintergrund die Tanzmaus spielen oder singen allerhöchstens im Background. Und Frauen in der Popmusik wollen sich oft zu solchen heiklen Themen gar nicht äußern.

Ich sage nicht, dass man in der Musik politisch sein muss oder in irgendeiner Form Aufklärung leisten muss. Musik ist natürlich vollkommen frei. Du kannst über Beziehungen reden, über Gott und die Welt, alles was dich bewegt, du musst nicht politisch sein. Aber für mich wäre das keine Option, ich möchte über Themen sprechen die mich bewegen und andere vielleicht zum Nachdenken anregen. Ich finde, Kunst kann so viel bewirken und wir können mit unserer Musik so viele Menschen erreichen, das sollten wir ausnutzen. Wenn du was zu sagen hast, dann mach es. Ob es nun um tagespolitische Themen oder Feminismus geht. Viel mehr Künstler sollten das ausnutzen—gerade Frauen.

Und die wenigen Male, wo es mal um feministische Themen geht, wird meiner Meinung nach eine Sprache benutzt, die viele Leute abschreckt und nicht an das Thema ranführt. Eine Sprache, die sehr krass provoziert und die Leute nicht mehr zuhören lässt, um was es eigentlich geht. Ich bin einfach nicht so die die „Lutsch meinen Schwanz"-Sagerin. Ich mag die deutsche Sprache, sie klingt besonders, echt schön und hat mehr zu bieten als irgendwelche Kraftausdrücke.

Ich habe generell das Gefühl, dass es nur wenige Frauen in der Popkultur oder den Medien gibt, die sich in die Richtung klar äußern wollen, weil es halt ein unbequemes Thema ist. Deswegen fand ich diese Gina-Lisa-Debatte auch ganz interessant.
Ich fand es auch gut, dass die Diskussion zum Thema sexueller Missbrauch durch Gina Lisa angeschoben wurde. Leider habe ich mich auch über sehr viele Frauen, die sich zu dem Thema geäußert haben, extrem aufgeregt. Da sie so ist wie sie ist, schon mal Sexvideos gedreht hat, freizügig rumläuft, vielleicht auch den Ruf hat nicht die Hellste zu sein, glaubt keiner ihre Vergewaltigungs-Geschichte. Es sollte doch völlig egal sein, wie Gina-Lisa lebt oder sich anzieht oder was sie alles schon gemacht hat in ihrem Leben. Und ich finde es voll schlimm wenn grade Frauen sich dann so vom öffentlichen Bild dieser Frau leiten lassen, sich hinstellen und einfach sagen: „Na ja, komm. Sieht man doch, dass die nicht vergewaltigt wurde." Ist das dein verfickter Ernst?

Man muss sich schon etwas differenzierter mit dieser Thematik auseinander setzen wenn man sich schon dazu äußert. Und auch grade als Person des öffentlichen Lebens kannste dich doch nicht einfach hinstellen und das in einem Satz so abfrühstücken. Das ist echt scheiße. Entweder du machst dieses Thema auf und differenzierst und gehst weg von dieser Medienperson Gina-Lisa und guckst dir an, was da eigentlich passiert ist—sie hat „Nein" gesagt, wie wird das in den Medien aufgegriffen, wie ist jetzt auch die Gesetzeslage dazu?—, oder du hältst einfach mal deinen Mund.

Ich glaube auch, dass es immer noch ein bestimmtes Bild davon gibt, wie Frauen auszusehen haben, die selbstbestimmt sein können. Wenn du eine bestimmte Optik hast und wenn du dich auf eine bestimmte Art und Weise präsentierst, dann bist du automatisch nicht selbstbestimmt. Dann ist es „nuttig", dann ist es falsch und dann hast du einmal Haut gezeigt und jeder hat die Verfügbarkeit über deinen Körper. Da sehe ich auch so ein bisschen die Parallele zu der Bild-Sache mit dir—oder auch, wenn man sich anguckt, wie manche Leute auf deiner Facebook-Seite die Bühnenfotos von dir kommentieren.
Da denke ich mir immer: Ich habe einen Bikini an, Leute. Was ist denn los? Eure Freundin trägt auch einen Bikini, wenn sie im Freibad liegt—wo ist der Unterschied, wenn ich es auf der Bühne mache? Das ist irgendwie immer noch total krass für die Leute. Nuttig, vulgär, diese Wörter sind alle schon gefallen. Wenn dann aber ein Typ auf die Bühne kommt und eine Boxershorts anhat, ist das natürlich vollkommen in Ordnung. Mir wird dann unterstellt, ich würde bestimmt mit jedem vögeln und hätte eh nichts anderes zu bieten als meine gemachten Titten. Männer müssen sich einfach mit solchen Vorwürfen nicht auseinandersetzen.

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Hast du das manchmal, dass auf Konzerten junge Mädels zu dir hinkommen und dir sagen, dass du für sie da auch irgendwie ein Vorbild bist?
Ja, das habe ich ganz oft, was megacool ist. Viele sagen mir Sachen wie „Ich kann mich supergut mit deinen Texten identifizieren". Oder jetzt auch bei Snapchat zum Beispiel, kommt: „Danke, dass du mich durch deinen Tag bringst", „Du motivierst mich, selbstbewusster zu sein und zum Sport zu gehen" ... Ich finde es krass, wie viele Frauen und Mädels ich damit erreicht habe. Und das ja nur indem ich bin wie ich bin und mache was ich mache, das ist schon toll. Ich hatte aber auch oft schon Diskussionen mit Frauen, die sich selbst auch als Feministinnen bezeichnet haben. Die sagen mir dann, dass ich Mädchen, mit dem was ich sage und mache, ein falsches Frauenbild vermittle.

Ich meine: Wie bitte? Sorry, aber das ist doch Quatsch. Ich stehe doch nicht da und sage „So Mädels, ihr seid nur cool, wenn ihr jetzt alle mal eure Brüste zeigt!" Es gibt doch immer klare Aussagen! Klar, man muss natürlich zuhören. Man muss zuhören, was ich sage. Man muss uns zuhören als Band und unsere Texte verstehen. Ich bin vielleicht nicht in allen Belangen das beste Vorbild, aber ich möchte mich weiterhin für Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung stark machen. An alle Frauen da draußen: Lebt euer Leben so wie ihr es für richtig haltet, nicht wie es euch die Gesellschaft vorschreibt!