Illustration by Ellen Swadling

"Endlich frei": Wenn Frauen den Kontakt zu ihrer Mutter abbrechen

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gilt als etwas beinahe Heiliges. Doch was, wenn einem die Person, die einen mehr als alles andere lieben sollte, das Leben zur Hölle macht?

|
Mai 16 2017, 9:22am

Illustration by Ellen Swadling

Vor fünf Jahren ging Marci gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und seiner Frau in den Zoo. Ein schöner Nachmittag, der letztendlich in einer Katastrophe endete.

"Danach fragte mich meine Mutter, was mit meinem Bruder und seiner Frau los wäre. Sie wusste, dass sich die beiden in letzter Zeit viel gestritten hatten", erzählt Marci. Obwohl sie mehrfach betonte, nichts genaueres zum aktuellen Beziehungsstatus ihres Bruders zu wissen, hörte ihre Mutter nicht auf, nachzuhaken. Bis es eskalierte. "Sie wurde so sauer, dass sie mir eine Ohrfeige verpasste". Marci war damals 35 Jahre alt und stand mit ihrer Mutter in einem Aufzug voller Menschen.

Wenige Tage nach diesem Vorfall brach Marci den Kontakt zu ihrer Mutter ab. Ihr Verhältnis war schon seit Längerem schwierig. Als Marci die Diagnose Multiple Sklerose erhielt, riet ihr Arzt ihr, jede Form von Stress soweit möglich auf ein Minimum zu reduzieren. Das bedeutete, dass ihre Mutter aus ihrem Leben verschwinden musste. "Ich dachte mir immer: So ist meine Mutter eben. Sie ist verrückt und weiß nicht, was sie tut. Ignorier sie und es wird alles gut. Doch es wurde nie gut." Marci benachrichtigte ihre Familie über ihre Entscheidung und bereut sie bis heute nicht.

Mehr lesen: Sind wir dazu verdammt, so zu werden wie unsere Mütter?

Mark Sichel, Autor und klinischer Sozialarbeiter, kennt aus seinem Berufsalltag weitere Beispiele, bei denen die „Trennung" von Mutter und Tochter langfristig gesehen das Beste war. "Eine Patientin hat es folgendermaßen formuliert: 'Meine Mutter und ich haben uns immer gestritten – schon mein Leben lang. Schließlich habe ich den Mut gefunden, ihr zu sagen, dass ich genug von ihr habe: Ich hatte keine Lust mehr, mich zu streiten und mich ständig von ihr provozieren und kritisieren zu lassen. Ich war endlich frei. Es geht mir besser ohne sie."

Dass ein Bruch mit der eigenen Mutter für die Tochter langfristig gesehen so positiv abläuft, ist nicht die Regel. Laut Sichel kann sich familiäre Entfremdung in Angststörungen oder Depressionen niederschlagen. Insbesondere auf Seiten der „verlassenen" Mutter. „In diesem Fall muss sie nämlich die Schuld bei sich selbst suchen. Solche Selbstbeschuldigungen können das Selbstwertgefühl schwer belasten."

Abhängig davon, unter welcher Form von Missbrauch oder Konflikt die Mutter-Tochter-Beziehung litt, beginnt die eigentliche Herausforderung meist erst, nachdem der Kontakt abgebrochen wurde. Rebecca Blands Erfahrung nach kann der Ablösungsprozess von einem Elternteil kompliziert und verworren sein, auch wenn es der eigenen psychischen Gesundheit am Ende zuträglich ist. Bland ist die Gründerin der britischen Organisation Stand Alone, die sich um Erwachsene kümmert, die sich von ihren Familien abgewendet haben.

"Den Kontakt zu seiner Familie oder einem zentralen Mitglied der Familie abzubrechen, kann zu Einsamkeit und Scham führen", erklärt Bland. "Die meisten Menschen beginnen, an sich selbst zu zweifeln, weil sie die Beziehung nicht aufrechterhalten konnten. Viele von ihnen fühlen sich deswegen vom Rest der Familie noch abgegrenzter und losgelöster."

"Die Menschen, die zu uns kommen, erzählen immer wieder, dass sie nicht gerne darüber sprechen. Sie haben Angst, verurteilt zu werden – insbesondere, wenn es um die Mutter-Tochter-Beziehung geht, die als besonders heilig und vertraut gilt. Immerhin vermitteln uns Filme, Bücher und Magazine immer wieder, dass unsere Mütter eigentlich unsere besten Freundinnen sein sollten."


Mehr von Noisey: Call Your Mom – Crimer


Eine Studie, die 2014 von Stand Alone durchgeführt wurde, konnte zeigen, dass 68 Prozent der 807 Befragten glaubten, dass die Abkehr von den eigenen Eltern "sehr stark stigmatisiert wird". Einer der Gründe dafür sei "ein genereller Mangel an Verständnis". Dieses Stigma sowie das angeschlagene Selbstwertgefühl der Frauen führen in vielen Fällen dazu, dass Frauen ihre Entscheidung immer weiter hinauszögern, erklärt Bland. Die Angst vor den sozialen Konsequenzen führt dazu, dass sie den Kontakt zu ihren Müttern noch über Monate oder sogar Jahre aufrechterhalten, bevor sie den Kontakt schließlich abbrechen.

Allerdings leiden viele von ihnen zu diesem Zeitpunkt bereits unter so starkem Stress, dass der Vorfall, der schließlich zum endgültigen Aus führt, meist ziemlich geringfügig erscheint. In Amandas* Fall reichte eine kleine Bemerkung von Seiten ihrer Mutter aus. Die 32-Jährige brach den Kontakt 2015 endgültig ab, nachdem sie es zwei Jahre zuvor bereits versucht hatte. "Meine Mutter glaubt, dass wir getrennte Wege gegangen sind, weil ich mich über einen Kuchen aufgeregt hätte", sagt sie. "In Wahrheit war ich aufgrund verschiedener persönlicher Probleme am Rande des Nervenzusammenbruchs. Als ich mich meiner Mutter anvertraut habe, meinte sie nur, dass ich 'darüber hinwegkommen' und nicht immer so 'selbstbezogen' sein soll."

In diesem Moment hat sich in ihrem Kopf ein Schalter umgelegt, sagt Amanda. "Mir wurde klar, dass sie mir einfach nicht gut tat. Ich brauchte Abstand von ihr, um mich zu erholen." Ihre Freunde und Verwandte reagierten irritiert.

Foto: Unsplash | Pexels | CC0

Die 32-jährige Drew* kann sich auch noch daran erinnern, wie ernüchternd es war, als sie den Kontakt zu ihrer Mutter vor einigen Jahren abgebrochen hat. "Das letzte Mal haben wir uns über meinen Bruder unterhalten", sagt sie. "Er sagte mir, dass sie wütend auf mich wäre. Doch zum allerersten Mal in meinem Leben rief ich sie nicht an, um mich zu entschuldigen." Drew wusste, dass sie ihrer Mutter nichts getan hatte, was eine Entschuldigung erforderte. „Sie hat aber auch nie versucht, sich bei mir zu melden."

In ihrer Kindheit wurde Drew von ihrer Mutter andauernd manipuliert und zurückgewiesen. Obwohl der Trauerprozess unerwartet emotional war, wurde ihr schließlich klar, dass ihre Mutter niemals die Mutter sein würde, die sie sich wünschte. Es war "ein Befreiungsschlag", wie sie selbst sagt.

So unterschiedlich die Mutter-Tochter-Beziehungen von Mensch zu Mensch sind, so unterschiedlich sind auch die Gründe, an denen sie zerbrechen. Laut Mark Sichel denken allerdings viele zwischen 20 und 30 Jahren zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, sich von ihrer Mutter zu lösen. "Eigentlich ist jede Form der familiären Entfremdung auf Probleme in der Kindheit zurückzuführen. Oftmals versuchen Mütter den normalen Loslösungsprozess und die Abgrenzung ihrer Kinder zu verhindern. Wenn der Kontakt dann schließlich doch abbricht, geht es meist darum, dass sich das erwachsene Kind weigert zu gehorchen", erklärt

Meist wächst die Bereitschaft von Frauen, den Kontakt zu ihrer Mutter abzubrechen, wenn sie ihren Partner kennenlernen oder finanziell unabhängig werden, ergänzt Bland. Das liegt unter anderem daran, dass der Bruch keine so hohen Risiken mehr mit sich bringt.

Natürlich können die Gründe, aus denen Frauen den Kontakt zu ihren Müttern abbrechen, sehr unterschiedlich sein: Neben psychischem und/oder körperlichem Missbrauch können auch Sexualität, Religion und Geld eine zentrale Rolle dabei spielen. Sichel erklärt, dass "es so viele verschiedene Wendungen und unvorhersehbare Ereignisse im Leben gibt, dass es schwierig ist, allgemeingültige Aussagen dazu zu treffen".

Mehr lesen: Wie es sich anfühlt, seine Mutter viel zu früh zu verlieren

Wenn sich ein Mensch allerdings über solche Widrigkeiten hinwegsetzen kann, "dann kann es sehr befreiend wirken", sagt Bland. "Im Gegensatz zu dem, was in den Medien präsentiert wird, konnten wir im Rahmen unserer Studie zeigen, dass 80 Prozent der Befragten auch etwas positives aus der Trennung von ihrer Familie ziehen konnten."

Mit ihrer Mutter ist auch die Person aus Drews Leben verschwunden, die ihr das Gefühl hab, „eine Schande, wertlos und verdorben" zu sein." Kein Wunder, dass sie ihr Leben jetzt als „Diagramm, das einen generellen Trend nach oben zeigt" sieht.

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.


*Namen wurden geändert.