Illustration by Julia Kuo

Meine Eltern haben versucht, mir meine homosexuellen Dämonen auszutreiben

Wer in einer Familie aufwächst, die so gottesfürchtig ist, dass sie den Konsum von „weltlichen“ Medien verbietet, kann sich nicht so einfach outen.

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Apr. 26 2016, 6:00am

Illustration by Julia Kuo

Weil ich in einer streng protestantischen Familie groß geworden bin, wuchs ich streng behütet vor der weltlichen Gesellschaft auf. Als ich 14 war, war Jesus mein Justin Bieber—eine offener, einfühlsamer Mann mit einem sanften Blick, von dem ich wie besessen war. Die Verbindung zum Sohn Gottes gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, als hätte ich Superkräfte. Ich war ernsthaft besorgt um diejenigen, die nicht an ihn glaubten, weil ich wusste, dass sie in der Hölle schmoren würden. Die Hölle wiederum war ein Ort, den ich mir wie das Innere eines Vulkans vorstellte, mit glühenden Abgründen voll Schwefel und geschmolzenem Gestein, wo Katholiken, Juden, allein erziehende Mütter und all die Leute, die Yoga machten, bis in alle Ewigkeit leiden würden.

In dieser behüteten Welt war es mir nicht erlaubt, He-Man anzusehen, weil es dabei um okkulte Themen ging. Es war verboten, Dr. Seuss zu lesen, weil meine Mutter der Meinung war, er wäre seltsam und böse. Ich dachte, Kettenbriefe wären Flüche des Teufels. Ich nahm an einer Pro-Life-Kundgebung teil und hielt dabei Schilder mit der Aufschrift „Abtreibung tötet Babys" oder „Abtreibung verletzt Frauen" hoch. Mir wurde gesagt, dass Sex außerhalb der Ehe eine der schlimmsten Sünden sei, die man begehen konnte. Ich habe all das nie hinterfragt. Ich habe all das geglaubt.

Meine Familie ist seit Jahrzehnten in der Kirche. Mein Großvater arbeitete seit den späten 40er Jahren als protestantischer Priester. Früher reiste er gemeinsam mit meiner Großmutter, meinen Onkeln und meiner Mutter durch die Welt. Sie traten mit Kirchenliedern auf und brachten sogar ein eigenes Album raus. (Unter anderem darauf enthalten: der Titel „Let Me Touch Him", den meine Mutter im Duett mit sich selbst singt.) Mein Großvater hielt dazu immer hochdramatische Predigten und wedelte währenddessen vor dem Publikum warnend mit der Faust. Zu seinem Vortrag gehörte auch ein Abschnitt über die Macht des Teufels, der in vielen attraktive Gestalten erscheint und versucht, die Menschen in Form sündhafter Filme und kurzer Röcke zu verführen.

Bevor ich 14 war, wusste ich noch nicht einmal, dass so etwas wie Homosexualität überhaupt existierte—bis ich bei einer Aufführung von Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat auf ein paar schwule Männer im Chor traf. In den darauffolgenden beiden Jahren fing ich an, heimlich Musikvideos im Fernsehen anzusehen und bekam dadurch eine Vorstellung davon, wie viele verschiedene Arten von Menschen es überhaupt gab. Damals entdeckte ich auch Madonna, die sich mit „Truth or Dare", ihrem Sexbuch und dem Album Erotica gerade auf dem Höhepunkt ihrer sexuellen Provokation befand und meine kleine abgeschiedene Welt aufbrach. Das Konzept unverfroren zur Schau gestellter weiblicher Sexualität, die Idee, seine eigenen Begierden zu erkunden und die Vorstellung, dass zwei gleichgeschlechtlichen Menschen eine sexuelle Beziehung miteinander führten, explodierten in meiner abgeschotteten Welt. Es war, als würde ein Feuer in einem kleinen dunklen Raum ausbrechen.

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1996 machte ich meinen High-School-Abschluss und entdeckte das Internet. Ich verbrachte jeden Tag Stunden in Chatrooms und stieß auf Musik, Literatur und Filme, die mir bis dahin vollkommen fremd waren. Eines Nachts chattete ich mit einem User namens Andie—zumindest dachte ich, Andie wäre ein Mann—und er flirtete ziemlich offensiv mit mir. Als ich mich am nächsten Tag wieder einloggte, sagte mir Andie, dass sie eigentlich eine Frau war. Dieses Vortäuschen falscher Tatsachen wühlte mich noch mehr auf als erwartet. Erst Tage später war ich in der Lage ihr zu gestehen, dass es nichts ausmachte, dass sie ein Mädchen war. Tatsächlich machte sie das noch attraktiver für mich.

Als Teenager fand ich meistens nur die hübschen Mädchen aus meiner Schule wirklich anziehend. So wie das Mädchen mit den dunkelblonden Locken und den grünen Augen aus der Abschlussklasse, die immer nett zu mir gewesen ist. Ich dachte an sie, als ich mich nachts selbstbefriedigte—über der Unterwäsche und unter der Decke. Ich dachte an Lippen, die volle Brüste küssten und an die weichen, kurvigen Hüften einer Frau. Der Orgasmus war wie ein großer Schluck Gin: schnell, heftig und mit einem bitteren Nachgeschmack aus lähmenden Schuldgefühlen. Mein Verlangen war eine schwelende Krankheit, die in meinem Kopf wohnte, eine Perversion, die mich von der Sicherheit der Kirche entfernte, der Liebe von Jesus Bieber, der Liebe meiner Familie und der Fähigkeit, einen Jungen dazu zu bringen, mit mir ausgehen zu wollen. Auch dass ich immer und immer wieder gebetet habe, um von diesem Verlangen befreit zu werden, hat nichts gebracht. Jesus hat mich im Stich gelassen und ich fühlte mich einsam und verängstigt.

Andie war eine verheiratete Mutter von zwei Kindern und lebte in Florida. Ihr Mann war beim Militär und wenn er Dienst hatte, war er meist monatelang weg. Wir telefonierten oft stundenlang und sie flüsterte mir mit ihrem Südstaatenakzent zärtliche Worte ins Ohr, wenn sie nicht gerade ihre Kinder anschrie, dass sie aufhören sollten zu streiten. Sie schickte mir Fotos von sich—einer vollschlanken Frau Anfang 30, die in den Augen meines 17-jährigen Ichs schon ziemlich alt aussah. Wir hatten Cybersex in privaten Chatrooms, wo sie mir beschrieb, wie sie mich lecken würde und machen würde, dass ich in ihrem Mund komme. Diese Bilder ließen mich wortwörtlich zittern vor Lust und ich masturbierte hektisch, während ich mit der anderen Hand meine Antworten tippte, die einzig und allein aus langen Konsonantenketten bestanden.

Meine Beziehung zu Andie gab mir das Gefühl, so akzeptiert zu werden, wie ich wirklich war und mich nicht dafür schämen zu müssen. Ich fand andere Dinge, die mir dasselbe Gefühl gaben. Einen Sommer lang war ich besessen von Xena und hing mit den schwulen Jungs, die ich in der Theatergruppe meiner High School getroffen hatte, rum. Außerdem besuchte ich regelmäßig meine Urgroßmutter, eine spirituelle, liebevolle und unglaublich intelligente Frau, die in den 60ern Teil der Golden Dawn-Bewegung war, Ein Kurs in Wundern studiert hatte, mein Interesse an Wicca förderte und mir mein erstes Tarotkartendeck kaufte.

Mich zu outen war keine Entscheidung, die ich aktiv getroffen habe. Vielmehr hat mich meine Mutter eines Tages in die Enge getrieben, als wir allein zuhause waren. Sie sagte mir, ich solle mich neben sie auf mein Bett setzen und sagte, dass sie mit mir über etwas Wichtiges sprechen müsste. Sie hatte mein Interesse an fragwürdigen weltlichen Medien bemerkt und zeigte auf die Karte der Herrscherin, die ich auf meinen Nachttisch gestellt hatte. Ich starrte einfach vor mich, starr vor Angst. Dann fragte sie mich schließlich—ihre Stimme zitterte vor Angst—, ob ich jemals schwule Gedanken hätte. In diesem Moment musste ich mich entscheiden, ob ich mich weiterhin verstecken oder ihre erklären wollte, wer ich wirklich war. Ich entschied mich dafür, den Lügen ein Ende zu setzen und es war das Mutigste, was ich jemals getan habe.

„Wenn ich dir die Wahrheit sage, wirst du wütend auf mich", antwortete ich. Ich konnte sie nicht ansehen, weil ich Angst vor ihrer Reaktion hatte. Ich starrte einfach vor mir auf die Wand und zog meine Hand von ihrer weg. Sie schluchzte und bat Jesus um Hilfe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Interesse mehr an Jesus' Hilfe. Jesus war mein Teenieschwarm, für den ich längst zu alt geworden war.

„Die Homosexualität können wir heilen", sagte sie schließlich in einem strengen Ton, der keinen Raum für Zweifel ließ.

Evangelikale lieben jede Gelegenheit, um die Macht ihres Glaubens zu demonstrieren. In meiner Kindheit und Jugend bin ich tausende Male Zeuge solcher dramatischen Inszenierungen geworden. Jeden Sommer reisten mein Bruder und ich mit meinen Großeltern durch die Prärieprovinzen im mittleren Westen Kanadas. Mein Großvater trat mittlerweile—nachdem seine drei Kinder erwachsen waren—allein auf und führte seine Erweckungsversammlungstour fort. Während er früher in Zelten predigte, vollzog er seine hoch theatralischen Messen nun in großen Kirchen. Der Altarraum, also der Raum, in dem die Messe abgehalten wird, war kalt, hallend und fensterlos. An den sterilen weißen Wänden hingen gigantische Banner, die Jesus am Kreuz zeigten und um seinen ausgezehrten Körper herum standen Phrasen wie „Das Blut des Lammes". Eine große hölzerne Kanzel war der Mittelpunkt, auf den sich alle Augen richteten.

Ich sah meinem Großvater dabei zu, wie er dort oben unter den Gewölben immer und immer wieder dieselbe Predigt hielt. Am Ende des Sommers konnte ich sie Wort für Wort mitsprechen. Seine Rufe hallten durch die hohen Decken und kamen als Echo zurück, als bekäme er die direkte Zustimmung von Gott. Er warnte davor, dass der Teufel jederzeit bereit wäre, unser Leben zu zerstören. Er brüllte Textstellen aus der dicken Bibel mit den vergoldeten Enden, die er in der Hand hielt und mit der er wild gestikulierte. Der gefesselten Gemeinde sagte er, das sie von Dämonen besessen wären und dass Jesus der Einzige wäre, der sie befreien könnte und sie nur durch Gottes Licht wieder rein werden konnten. Das Finale seiner Predigt war der Altaraufruf. Mit seiner tiefen, gebieterischen Stimme forderte er die Leute dazu auf, nach vorne zu kommen und sich von den Dämonen zu befreien, die sie versklavten. Ich sah ihm dabei zu, wie er seine Hand auf die Stirn schluchzender Männer, Frauen und Kinder presste, laut für die Reinheit ihrer Seele betete und immer lauter und inbrünstiger in sein Mikrofon brüllte, bis der Heimgesuchte schließlich anfing heftig zu zittern und zu brabbeln.

Diese Phänomen (das Sprechen in fremden Zungen) ist eine geheime „Sprache" aus sich wiederholenden Kehllauten, mit der jeder direkt zu Gott sprechen konnte. Das Publikum unterstütze die Vorstellung durch laute Zurufe, die sich mit der immer lauter werdende Stimme meines Großvaters und dem anhaltenden Gebrabbel mischten, wodurch das Ganze den Charakter einer verrückten Halluzination annahm.

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Diese gottgegebene Fähigkeit zu vollführen, was der Laie wohl als Exorzismus beschreiben würde, wurde in den 90ern, als die Angst vor satanischen Ritualen ihren Höhepunkt erreichte, immer beliebter. Evangelische Christen glaubten, dass es eine geheime satanistische Untergrundorganisation gab, die immer mehr Macht gewann und heimlich die Seelen von Teenagern durch okkulte Erscheinungen wie Heavy Metal-Musik, Dungeons and Dragons und Freddy Krüger infiltrierte. Solche Dämonenaustreibungen konnten nicht nur von Priestern wie meinem Großvater durchgeführt werden. In christlichen Buchhandlungen konnte jeder, der wollte, kleine Fläschchen mit heiligem, geweihtem Öl kaufen, das die Macht besitzen sollte, Dämonen auszutreiben. Es wurde dazu benutzt, Menschen und Dinge zu salben, von denen man glaubte, dass sie vom Teufel besessen waren. Nach meinem Coming out ging ich in das Zimmer meines Bruders, um ihm etwas Kleingeld aus seiner Spardose zu klauen und mir Zigaretten zu kaufen und fand dabei eine kleines Fläschchen Öl auf seinem Regal. Es war in einem kleinen blauen Fläschchen, das so ähnlich aussah wie die, in denen ich heute mein Cannabisöl kriege. Es hatte kein Etikett, aber ich wusste, was drin war und wozu es benutzt wurde. Ich habe es nicht gewagt, es anzufassen.

In den Monaten nach meinem Coming out entwickelten die Spannungen bei uns zuhause ein Eigenleben und wurden immer größer und größer, bis sie jede Ecke des Hauses einnahmen. Wir sprachen kaum darüber—abgesehen davon, dass mein Vater sagte, wie widerlich er es fand, dass ich mir Xena anschaute. Außerdem fand ich auf meinem Kopfkissen christliche Literatur, die ein Familienfreund dort für mich zurückgelassen hatte. Meine Mutter schwieg und ging wie eine Märtyrerin durchs Leben, die ein besonders schweres Kreuz zu tragen hatte. Ich spürte, dass etwas im Busch war, dass diese Spannungen in einer Konfrontation mit mir und „meinem Lebensstil" enden würden.

Ende 1996 kam ich nach einem Wochenende bei meiner Urgroßmutter zurück in mein Jugendzimmer. Ich fing an auszupacken und bemerkte dabei einen gespenstischen Handabdruck an meiner Wand. Als ich mir meine Collage aus Schauspielerinnen, für die ich zu dieser Zeit gerade schwärmte, genauer ansah, konnte ich schmierige Flecken auf Lucy Lawless' und Bettie Pages Gesicht erkennen. Panisch sah ich mir den Rest meiner Sachen an und fand dieselben Handabdrücke auch auf all den anderen Dingen, die den neu entstehenden Teil meiner Persönlichkeit repräsentierten. Meine Zeichnungen, die ich in einem Aktmalkurs im College gemacht hatte, hatten riesige schmierige Verfärbungen. Die Venus-Skulpturen, die ich nach den Götterfiguren von Willendorf gemacht hatte, sahen aus, als hätte man den unglasierten Ton mit Schweinefett beschmiert. Jeder Ausdruck meiner Sexualität war unwiderruflich markiert worden und in manchen Fällen sogar zerstört. Ich konnte spüren, wie mich dieser verletzende Angriff mitten ins Herz traf.

Die Botschaft dieser schmierigen Flecken war klar. Meine Familie betrachtete meine Homosexualität als das Werk eines Dämons, der von mir Besitz ergriffen hatte. Es war kein Teil von mir, sondern es war böse und lebte in mir. Wie meine Mutter später sagte: „Ich liebe dich, aber ich hasse deine lesbische Seite." Es gab keine bedingungslose Liebe, nicht solange mein wahres Ich etwas war, das sie nicht verstehen konnten und vor dem sie Angst hatten.

Monate später erfuhr ich, was wirklich passiert war. Während ich weg war, hatte meine Familie eine Gruppe von Leuten aus unserer Kirche eingeladen. Das waren Leute, denen ich vertraute und die ich liebte. Sie hatten sich in meinem Zimmer versammelt, um dem schwulen Dämonen laut und vehement zu befehlen, mich in Ruhe zu lassen und um ihm zu sagen, dass meine Seele Jesus, der Kirche und letztendlich auch meiner Familie gehörte.

Dann—wie so oft bei religiösen Extremisten—lief es etwas aus dem Ruder. Weil sie solche Angst vor diesem vermeintlichen „Etwas" in mir hatten, sahen sie sich gezwungen, ihre Christlichkeit auch physisch zu demonstrieren, tauchten ihre Hände in Öl und zerstörten jeden Ausdruck meines Selbst, das ich so schamlos zur Schau gestellt hatte.

Kurz danach lag ich in meinem Bett, blickte auf all diese Handabdrücke um mich herum und spürte die Wut und die Ablehnung, die sie repräsentierten. Sechs Monate später sagten mir meine Eltern, dass ich in ihrem Haus nicht länger willkommen wäre. In meiner eigenen Wohnung begann ich neue Bilder aufzuhängen—Symbole meiner wahren Persönlichkeit—und stellte damit meinen Stolz wieder her. Ich habe diese beiden fleckigen Götterskulpturen von mir behalten. Heute stehen sie in meinem Bücherregal, um mich daran zu erinnern, dass ich mutig sein muss und keine Angst vor dem Unbekannten haben darf, sondern immer ich selbst sein muss.