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Medien

Sexismus fängt schon im Kinderfernsehen an

Männer erklären, Frauen hören zu – auch im Fernsehen. Wir haben Experten gefragt, ob wir unsere Kinder wirklich zu Mansplainern erziehen.

Joely Ketterer

Joely Ketterer

Bernd das Brot. Foto: imago | Karina Hessland

"Mansplaining", die Wortkreuzung aus "man" und "explaining", beschreibt ein Phänomen, an das viele Frauen fast schon zu gewohnt waren, um es tatsächlich noch wahrzunehmen: Ein Mann erklärt, üblicherweise einer Frau, auf herablassende oder bevormundende Weise etwas, das sie längst weiß. Viele Frauen kennen dieses Gefühl aus ihrem Alltag, ob im Beruf oder bei Freunden. In Australien wurde es 2014 sogar 2014 Wort des Jahres. Erklärende Männer gibt es allerdings auch dort, wo man eigentlich hinguckt, wenn man sich entspannen will: im Fernsehen.

"Wie steht es um die audiovisuelle Diversität in Deutschland?" fragten Wissenschaftlerinnen der Uni Rostock. Für ihre Studie, die unter anderem von Sendern wie der ARD, dem ZDF, ProSiebenSat1 und RTL gefördert wurde, nutzten die Forscherinnen über 3.000 Stunden TV-Programm von 2016. Hinzu kamen über 800 deutschsprachige Kinofilme der letzten sechs Jahre. Die Bilanz ist ernüchternd: Zwei Drittel der Protagonisten sind männlich. Neben der Geschlechterungleichheit lässt sich auch eine Altersdiskriminierung bei Frauen in den Statistiken erkennen. Frauen, die älter sind als 35, bekommen halb so viele Rollen wie Männer. Ab 50 Jahren kommen sogar auf eine weibliche Rolle auf drei männliche.

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Die im Juli 2017 veröffentlichten Ergebnisse werfen allerdings noch eine andere Frage auf: Erziehen wir Männer dazu, Frauen die Welt erklären zu wollen?

Insbesondere im Bereich von Kindersendungen stellte die Studie ein problematisches Geschlechterverhältnis fest. Dort ist insgesamt nur eine von vier Figuren weiblich. Bei imaginären Tierfiguren kommen auf eine weibliche Figur neun männliche. Abseits der fiktionalen Geschichten, dort wo den Kindern von Moderatoren "die Welt erklärt wird", sind wieder zwei Drittel der Hauptakteure männlich. Wo man an Erwachsene noch den Anspruch erheben kann, mit kritischer Haltung vor dem Fernseher zu sitzen und Verantwortung für das eigene, zeitgemäße Rollenverständnis zu übernehmen, ist das bei Kindern natürlich schwieriger.

Dr. Frederik Holst ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler und Medienpsychologe und sieht das Vermitteln solcher Rollenbilder an Kinder sehr kritisch: "Die kleinen Zuschauer_innen befinden sich mitten in einer intensiven Phase der Prägung von Rollenbildern", erklärt er gegenüber Broadly. "Wenn auch im Kinderfernsehen weibliche Charaktere – egal ob in fiktiven oder realen Umgebungen – größtenteils klassische Stereotype widerspiegeln, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn auch die nächste Generation Expertentum weiterhin als männliche Domäne in ihrem (Unter-)Bewusstsein behält."


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Wer jedes Mal, wenn er den Fernseher anmacht, sieht und hört, dass fast ausschließlich Männer Licht ins Dunkel bringen, wird später wahrscheinlich annehmen, dass auch nur sein Geschlecht dazu im Stande ist. Wird hier das Fundament für den "Mansplainer" gelegt?

Dr. Ingrid Holst, Politologin mit Schwerpunkt Gender Studies, glaubt zwar nicht, dass man an dieser Stelle einen eindeutigen Kausalzusammenhang herleiten kann. Gleichzeitig habe es aber natürlich einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Kindern, wenn ihnen medial die Welt eigentlich nur von Männern erklärt wird. "Es ist sehr besorgniserregend, dass die Zahlen trotz aller Gleichstellungsarbeit weiterhin so eindeutig sind. Geschlechterrollen werden also traditionell fortgeschrieben und es ist klar, dass Kinder diversere Beispiele und auch Rollenvorbilder brauchen, wenn wir eine Gesellschaft mit offenen Geschlechterrollen wollen."

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Eine weitere Wirkung, die mediale Überrepräsentation von männlichen Experten hat, darf natürlich auch nicht außer Acht gelassen werden, warnt Medienpsychologe Frederik Holst. "Wenn es im Zweifelsfall immer der Mann ist, der weiß, wo es lang geht, kann das eine entsprechende Erwartungshaltung erzeugen." In anderen Worten: Männer lernen, dass sie immer diejenigen sein müssen, die den Plan haben. Frauen lernen, dass Männer ihnen die Welt erklären. Mansplaining inklusive.

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