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"Self-Portrait" by Vanessa Bell, courtesy of Dulwich Picture Gallery

Vanessa Bell: Die Künstlerin, die es wagte, ihre Sexualität zu leben

Jennifer Schaffer-Goddard

Die Schwester von Virginia Woolf war für ihr ausschweifendes Liebesleben bekannt – und wurde dafür, im Gegensatz zu ihrem Freund Pablo Picasso, schwer verurteilt.

"Self-Portrait" by Vanessa Bell, courtesy of Dulwich Picture Gallery

Als ich die Vanessa-Bell-Ausstellung in der Dulwich Picture Gallery betrete, fällt mein erster Blick auf eine Gruppe grell blauer Blazer, die vor einem Porträt des bekannten Malers Duncan Grant stehen. Es sind vier Schüler in ihrer Schuluniform, von denen jeder einen überdimensionierten Zeichenblock und eine Schachtel Pastellkreiden in der Hand hält. Auf dem Porträt, das sie abmalen, schaut Grant in einen Spiegel und hat dabei ein Handtuch um den Kopf gewickelt. Der Moment wirkt intim und verschämt, wie eine domestizierte Umkehr der Venus vor dem Spiegel.

So gefesselt die Schüler auch von Bells Gemälden sein mögen – ich glaube nicht, dass ihnen bewusst ist, wie skandalös diese Bilder und das Leben ihrer Schöpferin einmal waren. Vanessa Bell lebte in offener Ehe mit dem Kunstkritiker Clive Bell, machte Nacktfotos von ihren Freunden und Kindern und hatte eine unkonventionelle Affäre mit Duncan Grant (der eigentlich überwiegend mit Männern geschlafen hat). Ihre progressive Einstellung gegenüber freier Liebe und ihre allgemeine Weltoffenheit machten sie zur "bodenständigen, domestizierten Göttin" der queeren Szene von Bloomsbury.

"Warum glaubst du, ist sie so lange unbeachtet geblieben?", flüstert eine ältere Dame ihrer jüngeren Begleiterin zu. "Meinst du, es liegt daran, dass sie eine Frau war? Oder daran, dass sie eher durchschnittlich war?"

"Ich glaube, es liegt an ihrer Lebensgeschichte", antwortet die andere Frau. Und was für ein Leben sie geführt hat.

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Vanessa Stephen wurde als älteste Tochter des angesehenen Wissenschaftlers Leslie Stephen und der Muse der Präraffaeliten, Julia Stephen, geboren und wuchs in London in der Nähe des Hyde Park auf. Als Tochter einer privilegierten Familie genoss sie im Vergleich zu anderen vielleicht eher den Freiraum, mit Traditionen zu brechen. In einem ihrer Texte beschreibt Bell, wie sie bereits in jungen Jahren versucht hat, die spießige viktorianische Einöde im Hause ihrer Eltern zu durchkreuzen. Zum Beispiel versteckte sie regelmäßig Familienerbstücke und zwang ihren Bruder, ihr dabei zu helfen, den protzigen Kronleuchter im Foyer abzuhängen. Im Jahr 1904, nach dem Tod ihrer Eltern, zog sie gemeinsam mit ihrer Schwester Virginia in den Londoner Stadtteil Bloomsbury und lebte dort nach ihren eigenen Vorstellungen.

Ein Jahr später gründete Bell die legendäre Künstlergruppe Friday Club, die von ihren Reisen nach Paris inspiriert worden war. Zu den Mitgliedern der Gruppe gehörten über die Jahre einige der einflussreichsten Maler Großbritanniens. Bell machte sich mit ihrer Vorliebe für künstlerische Kollektivarbeiten und ausgefallene Dinner-Partys einen Namen. In Bloomsbury verkehrten die beiden Schwestern im selben Kreis wie der Schriftsteller E. M. Forster, der Ökonom John Maynard Keynes und natürlich auch der Kunstkritiker Clive Bell und der Schriftsteller Leonard Woolf – die beiden zukünftigen Ehemänner der Schwestern.

"Virginia Woolf, geb. Stephen" von Vanessa Bell. Bild: Dulwich Picture Gallery

Um weitere viktorianische Grundsätze wie Keuschheit und Treue abzuschütteln, führten Clive und Vanessa Bell eine offene Ehe. Das heißt, jeder von ihnen hatte neben ihrer gemeinsamen Partnerschaft auch noch andere Liebhaber. Obwohl sie zu Beginn des ersten Weltkriegs nicht mehr zusammenlebten, blieben sie enge Freund und ließen sich nie scheiden. In der Ausstellung findet man unter anderem auch ein Porträt von einer von Clives Liebhaberinnen, Mary Hutchinson – einer verheirateten Frau, die für ihre Schönheit bekannt war. Außerdem hängt in einem weiteren Raum das Kopfende von einem Bett, das Bell für Hutchinson gestaltet hat.

Im Jahr 1918 zog Bell dann gemeinsam mit ihren beiden Söhnen sowie Duncan Grant, Bloomsburys schwulem Frauenschwarm, und seinem bisexuellen Liebhaber David Garnett nach Charleston im englischen Sussex. Trotz Grants eigentlicher Präferenz für Männer kamen sich er und Vanessa sowohl als Freunde wie auch als Liebhaber näher und führten in Charleston eine familiäre Dreiecksbeziehung. Als Bell und Grant ihre Tochter Angelica bekamen – Bells drittes Kind – zog Clive Bell sie gemeinsam mit ihren beiden älteren Brüdern auf wie sein eigenes Kind. Angelica heiratete später Garnett, was aber selbst Grant und Bell mit ihrer offenherzigen Einstellung einen Schritt zu weit ging. Die Beziehung entwickelte sich letztendlich zu einem permanenten Streitthema zwischen Angelica und ihrem biologischen Vater.

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Neben der Malerei war Bell auch eine leidenschaftliche Designerin und stürzte sich in die Gestaltung und die Dekoration ihrer Häuser. Allerdings ließ sie ihre häuslichen Aufgaben nicht unter ihrer Kunst leiden: Sie betrachtete ihre Rolle als Mutter, Liebhaberin und Hausfrau als verschiedene Facetten ihrer Rolle als Künstlerin und passte all ihre Rollen an ihr kreatives Leben an. Dabei nutzte sie allerdings auch jede Gelegenheit, um den Idealen vergangener Jahrhunderte eine Absage zu erteilen, wenn sie ihren eigenen Überzeugungen widersprachen.

Auch ihre künstlerischen Arbeiten waren eine Absage an die viktorianische Weiblichkeit, die bornierte Sicht auf Schönheit und die konventionellen Vorstellungen von Familie. Dieselben vehementen Überzeugungen übertrugen sich auch auf ihre politischen Ansichten. Bell war ein Leben lang eine entschiedene Kriegsgegnerin und bezeichnete das sinnlose Töten im Ersten Weltkrieg als "Idiotie." Ihre Ansichten über Sexualität würden hingegen selbst heute noch von modernen Konservativen als progressiv bezeichnet werden. In Briefen, die von der Kuratorin Sarah Milroy im Einleitungstext zu einem Kunstband über Vanessa Bell zitiert werden, wettert Bell gegen die sozialen Sitten und die Wertevorstellungen der Oberschicht, in die sie geboren wurde. Sie verhöhnte die "respektablen Reichen" und ihre Vorstellungen von einem "konventionellen Zuhause." Der Kritiker und Künstlerkollege Roger Fry sagte über Bell: "Du verfügst sowohl in deinen Leben als auch in deiner Arbeit über einen genialen Geist." Der Clou an der Sache war allerdings, dass Bell keinen Unterschied zwischen diesen beiden Rollen machte.

Vanessa Bell. Foto: Dulwich Picture Gallery

Wer als Mann ein maßloses, skandalöses Privatleben führt, wurde für die Öffentlichkeit interessanter – wie es beispielsweise bei Bells Freund Picasso der Fall war. Für Künstlerinnen hingegen war es eine Bürde. Bells Gemälde wurden zwar auch schon vereinzelt im Metropolitan Museum of Art, im Tate und der National Portrait Gallery ausgestellt, doch im Gegensatz zu ihren Weggefährten Grant und Fry wurde Bell nie mit einer Einzelausstellung geehrt. Ihr unorthodoxer Lebensstil geriet zu einer Art Wasserzeichen, das unübersehbar auf jeder einzelner ihrer Arbeiten prangte.

Die Retrospektive von Milroy und Ian Dejardin soll das nun ändern und Bell als Künstlerin. nicht als Muse zeigen. Im Gespräch mit Broadly sagt Milroy, dass sie und Dejardin "den Menschen einen neuen Blick eröffnen wollten: Vanessa als Muse, Vanessa als Schönheit und Vanessa als domestizierte Göttin. Es dreht sich nur um ihre Ansichten, ihre Intelligenz, ihren Witz und ihr Gespür für Kunstgeschichte. Diesen Aspekt wollten wir hervorheben."

Bells Stil übernimmt Elemente von Modigliani, Sargent und Matisse und verwandelt sie durch einen ganz eigenen Duktus in die raue Verspieltheit einer Malerin, in deren Augen Malerei nicht vom Leben getrennt betrachtet werden konnte, sondern mittendrin stattfand. Allein mithilfe ihrer Farben und ihrer Linienführung stellt Bell die Stimmung ihrer Motive in schwungvollen blaugrünen Pinselstrichen dar. In einem Porträt von Virginia zeigt uns Bell in einem einzigen verschwommenen Farbstrich die depressive Gedankenverlorenheit ihrer Schwester.

"Sie war nicht nur eine Künstlerin, sondern auch eine überzeugte Kriegsgegnerin und in gewissem Sinne auch sehr queer-positiv, weil sie eine offene Ehe geführt hat und ihre Kinder in einer unkonventionellen Familienkonstellation großzog", sagt Milroy. "In gewisser Weise war der Kreis aus Künstlern und Denkern, in dem sie verkehrte, schon damals sehr offen gegenüber der Welt und gegenüber anderen Menschen."

"The Other Room" von Vanessa Bell. Bild: Dulwich Picture Gallery

Wenn man sich Bells Leben und ihre Kunst aus heutiger Sicht ansieht, muss man sagen, dass wir noch keine besonders großen Fortschritte gemacht haben, was unsere Sicht auf Frauen betrifft. In unserer Gesellschaft ist es nach wie vor so, dass die Arbeit im Haushalt als intellektuell minderwertig, Mutterschaft als schädlich für die Karriere und Weiblichkeit als Bürde betrachtet werden.

Umso interessanter ist es, dass einige der eindrucksvollsten Motive in Bells Ausstellung die mit Abstand häuslichsten und "weiblichsten" sind. Das Gemälde Oranges and Lemons aus dem Jahr 1914, das Bells Freude zeigt, als Grant ihr einen Strauß Blumen schenkt, beispielsweise. Oder ihr 1935 entstandenes Werk Interior with the Artist's Daughter, das ihre Tochter Angelica beim Lesen in der Familienbibliothek zeigt. Gleichzeitig erkennt man darauf auch, dass die Bibliothek voller Wandbilder, Textilien und Haushaltsgegenstände ist, die Bell selbst gestaltet und dekoriert hat.

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Tatsächlich ist Interior with the Artist's Daughter eine der markantesten Arbeiten von Bell, weil es zeigt, wie sie den Wert der minderwertig angesehenen Arbeit als Mutter und Hausfrau durch ihre Kreativität erhöht. Bell vermittelt weder den Eindruck, als wäre sie eine Mutter, die die Zeit findet, sich künstlerisch zu betätigen, noch als wäre sie eine Künstlerin, die Zeit findet, Mutter zu sein. Sie ist beides zur selben Zeit und mit großem Erfolg.

"Es existiert nach wie vor die sehr männlich geprägte Vorstellung, dass Frauen ihr wahres Können nicht in der Häuslichkeit entfalten können. Dass sie einen Kopf für die Arbeit haben und einen, mit dem sie ihre Kinder großziehen, und dass beide streng voneinander getrennt sind", sagt Milroy. "Dabei hängt das alles zusammen, vermischt und verändert sich. Das ist eine unserer großen Stärken: Wir stehen mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen und das bereichert wiederum unser Verständnis von Kunst, Politik und allem anderen. Bell hat genau das verkörpert."