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Wie Frauen mit Hass im Netz umgehen

Wer sich online zu Themen wie Feminismus und Antirassismus äußert, muss auf die "Ich hoffe, du wirst von Flüchtlingen vergewaltigt!"-Kommentare nicht lange warten. Anne Wizorek und andere Autorinnen erklären, was gegen Hatespeech hilft.

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20 März 2017, 8:10am

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Todesdrohungen, weil man seinem Job nachgeht? Während das für viele unvorstellbar ist, gehören Hasskommentare für Autorinnen zum Alltag. Insbesondere dann, wenn sie sich zu feministischen, flüchtlingsbezogenen oder anderen potenziell polarisierenden Themen äußern. Eine Erfahrung, die auch wir Broadly-Redakteurinnen regelmäßig machen müssen. Frauen werden beschimpft, bedroht, beleidigt und in bewusst größer aufgezogenen Aktionen online diffamiert. Wer sich dagegen wehrt, sieht sich gerne dem Vorwurf ausgesetzt, keine "Kritik" annehmen zu können. Egal, wie wenig konstruktiv öffentlich kundgetane Vergewaltigungsfantasien auch sein mögen.

Zuletzt erntete die Autorin Stefanie Sargnagel einen massiven Shitstorm und wurde mit Mord und Vergewaltigung bedroht, nachdem die Kronen Zeitung einen Bericht über die staatliche Förderung einer Literaturreise und ein dabei entstandenes Reisetagebuch verfasst hatte. Das Phänomen, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen und sie damit mundtot zu machen, ist so gängig, dass es mittlerweile einen eigenen Begriff kennt: Silencing.

Seit Jahren wird nun über Gegenmaßnahmen diskutiert, breitenwirksame Lösungsansätze wurden allerdings noch nicht gefunden. In Deutschland gibt es zum Beispiel das Bundestrollamt gegen Hass im Netz, in Österreich soll im ersten Halbjahr 2017 eine Meldestelle eingerichtet werden. Leitfäden im Internet sollen dabei helfen, die eigenen Accounts und die Psyche vor den Angriffen Fremder zu schützen.

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Wie betroffene Frauen in der Praxis mit dieser Thematik umgehen, unterscheidet sich individuell. An einem Tag, an dem man vielleicht ohnehin schlecht gelaunt ist, treffen einen Hasskommentare mehr als an anderen. Manche nimmt man sich zu Herzen, andere kann man ganz einfach weglachen. Von Kollegen und Freunden hört man immer wieder, man solle den Trollen und "Hatern" keine Beachtung schenken. Aber kann man wirklich jemals zur Gänze über Morddrohungen und Beleidigungen stehen?

"Ich bin stellenweise immer noch überrascht, mit welcher Aggressivität Menschen mitunter auf ihnen vollkommen unbekannte Leute losgehen und sie zu einer reinen Projektionsfläche machen, sie einfach entmenschlichen", sagt Anne Wizorek. Für die deutsche Autorin und Netzfeministin gehören Anfeindungen im Netz seit Jahren zum Alltag. Wer auch nur im Ansatz verstehen möchte, wie sich antifeministischer Backlash auf Twitter anfühlt, kann ja versuchsweise mal etwas zum Thema Sexismus posten. Beschimpfungen bis weit unter die Gürtellinie lassen da nicht lange auf sich warten. Meistens fühle sie sich einfach schlecht und regelrecht blockiert, erzählt Wizorek. "In den schlimmsten Fällen führte es auch schon zu Panikattacken."

Je mehr Hasspostings kommen, desto eher habe ich in ein Wespennest gestochen, das dringend thematisiert werden muss.

Dass sich die Heftigkeit der Bedrohungen daran orientiert, zu welchem Thema man sich als Autorin äußert, zeigt auch der Fall von Jelena Gučanin. Sie ist Autorin beim österreichischen Frauenmagazin Wienerin und gerät insbesondere dann ins Visier der Online-Trolle, wenn sie über rechte Parteien wie die FPÖ oder sexualisierte Gewalt schreibt. "Als ich über sexuelle Belästigung in Zügen geschrieben habe, erhielt ich sogar Sexvideos zugeschickt", erinnert sie sich im Gespräch mit Broadly. "Die berühmten 'Ich hoffe, du wirst von Asylanten vergewaltigt'-Sager sind natürlich auch dabei."

Kalt den Rücken runter läuft es ihr dann, wenn sie von den Nutzern private Nachrichten auf Facebook bekommt. "Ein Mann hat mir geschrieben, dass ich 'gestört' bin und er mich gerne mal durch Wien begleiten würde, um mir zu beweisen, dass ich nicht belästigt werde. Das ist generell eine interessante Dynamik: dass diese Männer behaupten, Sexismus gäbe es nicht, dann aber genau solche sexistischen Dinge schreiben."

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Auch hier passt er wieder, der Begriff des Silencing. Wer sich zu Themen äußert, die der jeweiligen Person unbequem sind, wird versucht, durch massive Einschüchterung zum Schweigen gebracht zu werden. Der Wunsch dahinter: dass sie in Zukunft nicht mehr über ebenjene Dinge schreibt. Sei es aus Angst vor Drohungen oder einfach, weil sie keine Lust mehr hat, sich dafür beschimpfen zu lassen, ihren Job zu machen. Glücklicherweise geht dieser Plan nicht immer auf. "Je mehr Hasspostings kommen, desto eher habe ich in ein Wespennest gestochen, das dringend thematisiert werden muss", sagt Gučanin. "Eine Selbstzensur von Journalist_innen wäre eine fatale Entwicklung für die Gesellschaft."

Den Erfahrungen von Barbara Kaufmann zufolge, die als freie Autorin in Wien schon für Ö1, Die Presse oder Datum geschrieben hat, lesen Hasskommentatoren oftmals nicht einmal den Text, sondern lediglich die Headlines. Mittlerweile sei sich die Autorin klar darüber, welche Folgen manche Themen haben: "Ich wappne mich für Beschimpfungen und Hatespeech. Das heißt aber nicht, dass ich eine Schere im Kopf haben würde und deshalb manches nicht mehr schreibe. Ich weiß eben nur, was es hervorrufen kann."

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Die österreichische Bloggerin Madeleine Alizadeh hat hingegen immer mal wieder darüber nachgedacht, sich aufgrund von Anfeindungen vom Schreiben zurückzuziehen. Sie überwand den Tiefpunkt und deaktivierte stattdessen die Kommentarfunktion, erzählt sie gegenüber Broadly. Dass man sich einfach nur abhärten müsse, gegen den ganzen Hass, der am Ende nicht nur bei einem Avatar, sondern einem fühlenden Menschen ankommt, glaubt sie nicht. "Mich stören Anfeindungen im Netz noch genau so wie am ersten Tag, nur habe ich inzwischen gesündere Mechanismen gefunden, damit umzugehen: Kommentare deaktivieren und Leute blockieren, um ihnen die Plattform nicht zu geben."

Den richtigen Umgang mit derartigen Postings und Nachrichten muss jede Autorin für sich festlegen – möglicherweise hilfreiche Strategien gibt es jedoch, wie Ingrid Brodnig erzählt. Sie ist Journalistin und Autorin des Buches Hass im Netz. "Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, Anfeindungen öffentlich zu machen, um Bewusstsein zu schaffen. Wenn man es beispielsweise mit Verschwörungstheoretikern zu tun hat, hilft es auch einzusehen, dass man denjenigen nicht von der Falschheit seiner Argumente überzeugen kann und sich lieber darauf konzentrieren sollte, Mitlesende zu überzeugen."

Jungen Autorinnen rät Brodnig vor allem, sich ein Netz an Verbündeten aufzubauen. So wäre die Gefahr geringer, den negativen Kommentaren zu viel Glauben zu schenken und den Fehler bei sich selbst zu suchen. Die Schuld liegt bei den Tätern, den Kommentatoren, nicht den Frauen, die sich nicht länger für die Ausübung ihres Berufs beleidigen lassen wollen.

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Anne Wizorek greift sich manchmal bewusst besonders absurde Kommentare heraus, um Witze darüber zu machen. Ein Umgang mit verbaler Gewalt, der nicht für jede Betroffene das Richtige ist. "Ätzend" findet sie es, dass man dazu angehalten sei, möglichst lustig auf Hass zu reagieren, anstatt beispielsweise zu zeigen, wie sehr er einen verletze. "Auch das entmenschlicht und packt Betroffene wieder nur in die nächste Schublade."

Barbara Kaufmann differenziert. Trolle, die sie lediglich beschimpfen, blockt sie meist sofort. "Wenn es inhaltliche Kritik ist, die einfach sehr grob und unhöflich vorgebracht wird, dann frage ich schon nach und weise auch auf den Tonfall hin. Oftmals bin ich dann sogar besonders höflich und habe da auch schon mehrfach erlebt, dass sich die Leute entschuldigen."

Wichtig ist es für die Autorinnen, ihren Trollen so wenig "Macht" wie möglich zu geben – und dazu gehört es auch, ihnen die Bühne zu entziehen. Jelena reagiert auf ihren privaten Accounts nicht auf Anfeindungen, sondern blockiert die Personen sofort. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Diskussionen in den meisten Fällen nichts bringen. "Wenn ich sie ignoriere und sie sogar davon abhalte, mich jemals wieder zu kontaktieren, habe ich das Gefühl, ich habe die Situation unter Kontrolle", sagt sie. "Ich kann selbst entscheiden, ob ich ihnen die Macht gebe, die sie so gerne haben wollen." Sich die Art der Auseinandersetzung nicht aufzwingen zu lassen, ist kein Zeichen von Schwäche.

Sich hinter Filtern und Nutzerblockierungen zu verschanzen, kann temporär helfen. Das Problem als solches löst es aber nicht.

Wenn am Ende nur die übrig bleiben, die brüllen, beleidigen und drohen, verlieren wir alle.

"Wir müssen auch auf einen Staat zurückgreifen können, der uns schützt, wenn Frauen aufgrund ihrer Haltung als wertlose Menschen oder Schlampen bezeichnet werden", kritisiert Ingrid Brodnig die oftmals vorherrschende Mentalität, die Betroffenen mit dem gegen sie gerichteten Hass alleine zu lassen. Sie hält es in manchen Fällen für eine durchaus gute Idee, rechtliche Schritte zu ergreifen – vor allem dann, wenn der Nutzer unter seinem echten Namen im Netz auftritt. Das wiederum scheint insbesondere im Trollparadies Twitter eine Seltenheit.

"Im Endeffekt hilft auch das Bewusstsein, dass es sich letztlich um sehr feige Menschen handelt, die da aus der Anonymität des Netzes auf einen losgehen", betont Barbara Kaufmann. Feige Menschen, von denen man sich weder seinen Beruf, noch das, was man liebt, vermiesen lassen sollte.

Für Anne Wizorek, die sich wie viele andere Netzfeministinnen seit Jahren gegen Hate Speech engagiert, sind Aufklärung und Solidarität elementar wichtig. Das Bewusstsein, dass man zum Schweigen gebracht und isoliert werden soll. "Es soll euch das Gefühl vermittelt werden, ganz allein mit eurer Meinung zu sein. Das seid ihr aber nicht." Wer sich mit anderen betroffenen Frauen zusammentut, hat nicht nur die Möglichkeit, sich "auszukotzen" und Erfahrungen auszutauschen. Auch kann ein Support-Netzwerk dabei helfen, herauszubekommen, ob juristisch etwas machbar ist. Außerdem dürfe man nie unterschätzen, dass der Hass in uns weiter arbeite und unsere psychische Gesundheit angreife.

"Ich glaube nicht, dass eine 'dicke Haut' der Preis dafür sein sollte, dass Menschen sich im Netz oder sonstwo äußern dürfen. Am Ende lassen wir damit zu, dass ein Stück Menschlichkeit verloren geht", erklärt Wizorek abschließend. "Wenn am Ende nur die übrig bleiben, die brüllen, beleidigen und drohen, verlieren wir alle."