Was Tampons mit Menschenwürde zu tun haben

Dass Hygieneartikel nach wie vor als Luxusartikel gelten, trifft insbesondere Menschen, die auch sonst nichts haben. Maxi und Tom wollen das ändern und sammeln für obdachlose Frauen.

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30 Juni 2017, 8:32am

Foto: Rebecca Rütten

In Deutschland leben 2017 Schätzungen zufolge etwa 466.000 Menschen in Wohnungslosigkeit, etwa doppelt so viele wie noch in 2008. Zahlen darüber, wie viele von ihnen obdachlose Frauen sind, gibt es wenige – für Berlin alleine jedoch werden etwa 2.500 Frauen geschätzt, die auf der Straße leben. Neben Problemen wie der täglichen Suche nach Unterkunft und dem schwierigen Zugang zu Nahrung und Gesundheitsvorsorge, kommt bei obdachlosen Menschen mit Gebärmutter noch ein ganz anderes Thema hinzu: die Versorgung mit Hygieneartikeln.

Während bei vielen, die ihre Periode bekommen, schon der Gedanke an ein unerwartetes Einsetzen der Regelblutung Unbehagen auslöst, geht es Frauen in Obdachlosigkeit noch wesentlich schlimmer. Tampons oder Binden, die steuerlich immer noch als "Luxusgut" gehandelt werden, kosten Geld, das dann für Essen oder einen Schlafplatz fehlt. Eine Crowdfunding-Kampagne sammelt daher Geld, um Hygieneartikel zumindest in Unterkünften umsonst zur Verfügung zu stellen. Broadly hat mit den Initiatoren Maxi und Tom über ihr Projekt gesprochen.

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Broadly: Wie seid ihr darauf gekommen, Hygieneartikel für obdachlose Frauen zu sammeln?
Maxi: Die Idee ist von Tom. Ich kam vor zwei Jahren mal nach Hause, als er am Computer saß und plötzlich sagte: "Ich möchte ein Crowdfundingprojekt für obdachlose Frauen starten." In England und den USA gibt es wohl schon ähnliche Projekte, so kam er drauf. Ich habe mich dann um die Ausführung gekümmert. Wir haben zuerst verschiedene Unterkünfte für obdachlose Frauen angeschrieben, um zu klären, was für Bedarf es überhaupt gibt. Dadurch kam dann die Zusammenarbeit mit der GEBEWO zustande. Für die sammeln wir nun seit 2015 Geld.

Was für Erfahrungen habt ihr in der Aktion gemacht?
Tom: Meine Freunde waren etwas überrascht, warum ich als Mann jetzt plötzlich Geld für Tampons sammle. Aber sie fanden es super.

Maxi: Ja, eigentlich sind alle begeistert, teilen die Aufrufe oder spenden selbst – mein Vater zum Beispiel. Die ersten 400 Euro kamen damals auch recht schnell zusammen. Nachdem wir ein bisschen Presse hatten, erhielten wir plötzlich eine Großspende, die den fehlenden Betrag auffüllte. Das war natürlich großartig und zeigt uns, dass es tolle Menschen da draußen gibt, die das Projekt unterstützen wollen. Leider wurde unsere initiale Crowdfunding-Seite Ende 2016 von der Plattform geschlossen, weil Privatpersonen nicht mehr für Organisationen Geld sammeln dürfen. Aber wir haben Mitte Juni noch mal neu angefangen und sammeln weiter.


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Wie viele Hygieneartikel habt ihr schon verteilt?
Maxi: Wir waren zwei Mal für jeweils 500 Euro einkaufen und haben dann gleich den ganzen Drogeriemarkt leergekauft. Mit 500 Euro kommst du aber schon so weit, dass wir in allen Unterkünften die Lager ordentlich für ein paar Monate befüllen konnten. Im Geschäft selbst kamen wir mit vier komplett vollen Einkaufswagen an die Kasse, wir standen dort bestimmt 15 Minuten. Die arme Kassiererin war ziemlich verwundert. Der Laden hatte gar nicht genügend Artikel vorrätig, damit wir das ganze Geld ausgeben konnten, deswegen haben wir dann neben Binden und Tampons auch noch andere Hygieneartikel wie Slipeinlagen gekauft. Wir haben aber ein paar Stück im Laden gelassen, damit die nächste Person nicht reinkommt und dann keine Tampons mehr kaufen kann. [lacht]

Was für Feedback bekommt ihr sonst so?
Maxi: Wir werden öfter gefragt, warum wir keine Menstruationstassen verteilen, weil das doch ökologischer wäre. Ich verstehe den Gedanken dahinter, aber die müssen ja monatlich abgekocht werden. Das ist eine große Hürde für obdachlose Frauen, die es im Endeffekt sogar unhygienischer macht. Vielleicht gibt es ja irgendwann öffentliche Abkochstationen in Städten, das wäre natürlich cool.

Maxi und Tom | Foto: Maxi Bethge

Was würdet ihr euch in dem Zusammenhang wünschen – von Seiten staatlicher Institutionen oder auch privater Organisationen?
Maxi: Mengenrabatte wären super, oder wenn wir die Ware zum Einkaufspreis einkaufen könnten. Leider haben wir keine Kontakte zu den Drogeriemärkten, das würde sehr helfen. Auch die Besteuerung von Tampons als Luxusgut ist natürlich ein Thema.

Tom: Es gibt einiges, was mittel- oder langfristig angegangen werden kann. Wir bekämpfen mit unserer Aktion nur die Symptome, aber nicht die Ursache. Uns fällt immer wieder auf, dass Hygiene kein Bedarf ist, der bei obdachlosen Menschen priorisiert wird. Klar, es wird sich darum gekümmert, dass es Essen und Unterkünfte gibt und das ist super wichtig. Aber Hygiene, auch als Menschenwürde, steht oft im Hintergrund. Klar, Essen und Unterkünfte sind wichtig für die Gesundheit – aber Hygiene eben auch.

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Maxi: Wir alle haben Tampons zu Hause stehen, selbst in Büros oder Bars findest du heute teilweise Hygieneartikel. Ich glaube, wir wissen alle, wie unangenehm es ist, wenn man einen Tampon benötigt und dann keinen hat. Wir könnten zumindest nach Hause fahren und haben Zugang zu Toiletten und Waschräumen, obdachlose Frauen haben das oft nicht.

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