Foto: Sessi Kuwabara Blanchard


Ich habe Hetero-Männer gefragt, warum sie nicht mit mir schlafen wollen

Ich finde Typen heiß, die nach eigener Aussage auf Frauen stehen. Nur: Warum macht ihr Verlangen dann vor Transfrauen Halt?

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21 Februar 2019, 8:00am

Foto: Sessi Kuwabara Blanchard


Warum wollen die Typen, von denen ich etwas will, nicht mit mir schlafen? Diese Frage treibt mich schon lange um. Und nachdem ich diesen Valentinstag wieder alleine verbracht habe, fasste ich einen Entschluss: Ich werde das Objekt meiner Begierde – heterosexuelle cis-Männer – einfach direkt gefragt.

Meine Freundinnen haben mich davor gewarnt, diesen Text zu schreiben. Für sie ist die Antwort klar: Die Typen wollen mich nicht ficken, weil sie hetero sind. Sie stehen eben auf Frauen, sagen sie. Was meine Freundinnen implizieren: Bei Heterosexualität geht es um Männer, die auf Frauen stehen, und da könne ich als Transfrau einfach nicht mithalten.

In der Psychologie gibt es verschiedene Ansätze, sexuelle Anziehungskraft zu erklären. Sigmund Freud schiebt sexuelle Anziehungskraft auf ein gestörtes Verhältnis zu den Eltern, während Charles Darwin meint, dass sie von Merkmalen abhängt, die für die erfolgreiche Fortpflanzung wichtig sind. Der Psychiater und Verfechter der Entkolonialisierung Frantz Fanon und die Professorin für Schwarzen Feminismus Hortense Spillers argumentieren, dass auch größere soziale Zusammenhänge wie Kolonialisierung oder Nachwirkungen der Sklaverei, einen Einfluss auf Sexualität haben.

Einfach ausgedrückt: Die einen sagen, dass sexuelles Verlangen biologisch vorbestimmt sei, die anderen halten sie für ein soziales Konstrukt. Aus Erfahrung wissen wir, dass sich Bedürfnisse auch ändern können: Viele Transmenschen berichten beispielsweise, dass sich ihr Verlangen während der Geschlechtsangleichung ändert. Viele Studien ergeben, was ich selbst erlebe: Egal ob hetero oder homo, die meisten cis-Menschen wollen keine Transmenschen daten.

Das Problem besteht nicht generell darin, dass Männer nicht mit mir schlafen wollen, meine Erfahrungen auf Grindr beweisen das Gegenteil. Allerdings neige ich dazu, Männer, die offen hinter mir her sind, als "Jäger" abzustempeln, die Transfrauen fetischisieren. Darum werden sie für mich schnell uninteressant. Ich hingegen finde die Typen heiß, die sonst nur auf cis-Frauen stehen. Aber genau die wollen nicht mit mir schlafen.

Beweisstück Eins: Chris. Er ist groß und geistreich und ich stehe seit fünf Jahren auf ihn. Im College haben wir uns ein Zimmer geteilt. Unser Verhältnis war so eng, dass wir öfter in ein Einmachglas gepinkelt und den Urin aus dem Fenster geschüttet haben, wenn wir zu faul waren, auf die Gemeinschaftstoilette zu gehen. Leider war das unser einziger Austausch von Körperflüssigkeiten.

Trotzdem kann man nicht behaupten, dass nichts zwischen uns gewesen sei. Er hat mit mir gekuschelt, mir vor Parties gesagt, dass ich toll aussehe und sich beim Tanzen an mich gepresst. Beim Spazierengehen sagte er einmal: "Ich mag die Vorstellung, was mit engen Freunden anzufangen." Einmal beim Essen schwärmte er von der Sängerin Kim Petras. Er überlegte laut, wie sie wohl im Bett sei, und dass er sich vielleicht doch vorstellen könne, mit Transfrauen zu schlafen. Ich fantasierte, dass ich die nächste Auserwählte sein könnte, und beschloss, dass ich handeln musste.

Letzten Frühling kroch ich also nach einer durchzechten Nacht in sein Bett, bereit, ihm meine Gefühle zu gestehen. Als er schließlich nach Hause kam, lallte ich: "Warum willst du mich nicht ficken?" Darauf grinste er nur wie die Fratze auf dem Mad-Cover und machte irgendeinen Witz. Damit war das Thema beendet.

Bis heute! Unter dem Deckmantel dieser Sex-Kolumne, schreibe ich ihn an, um endlich die Wahrheit zu erfahren. Ich male mir aus, dass er völlig verblüfft sein wird, dass ich sein Verlangen nach mir überhaupt in Frage stelle. Ich will, dass es romantisch ist und ich will vor allem, dass es hetero ist.

Warum willst du mich nicht ficken? Bitte sei brutal ehrlich.

Ich sehe, dass er immer wieder anfängt zu tippen. Schließlich kommt seine Antwort: "Ich kann selbst nicht erklären, zu wem ich mich hingezogen fühle", schreibt er. "Aber ich schätze, dass es ein paar Eigenschaften/Charakterzüge gibt, die ich generell anziehend finde."

"Und einige davon hast du nicht", fügt er hinzu.

Ich weine. Natürlich. Dann wende ich mich meinem nächsten Opfer zu: Alex, mein aktueller Mitbewohner. Alex ist hetero, ebenfalls groß und jemand, den ich vielleicht einmal zu oft gebeten habe, mich zu spoonen. Wenn ich andeutete, dass ich gerne weiter gehen würde, biss er nie an. Warum?


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"Da kann ich gar nicht so genau den Finger drauf legen", schreibt er zurück. Er erklärt mir gerade, warum er nicht mit mir schlafen will und unter "da" verstehe ich definitiv meinen Arsch. "Ich kann ein paar Dinge aufzählen, die mir durch den Kopf gehen…"

"Mach mal", schreibe ich und beiße mir auf die Zunge. "Nein, lass es lieber!"

Aber er schreibt schon weiter und führt seinen Gedanken zu Ende. "...Aber das heißt nicht, dass das der tatsächliche Grund ist, warum nichts zwischen uns gelaufen ist."

Es liegt daran, dass du trans bist!, werden einige meiner Freunde jetzt rufen. Hab' ich dir doch gleich gesagt! Natürlich könnte es daran liegen – oder an meinen Dehnungsstreifen, meinen komischen Leberflecken oder an irgendetwas anderem. Ich würde mit jeder anderen Transfrau schimpfen, wenn sie sagt, dass sie nur zurückgewiesen wird, weil sie trans ist. Doch für mich scheint es gerade die einzige Erklärung zu sein.

Wenn ein heterosexueller Mann mir sagt, dass er nicht auf mich oder andere Transfrauen steht, trifft mich das emotional sehr hart. Jede schlaue Frau würde das Thema nun ruhen lassen und sich jemanden suchen, der ihre Gefühle auch erwidert. Doch mein Verlangen ist genauso befangen, wie die Männer, die mich zurückweisen. Ich möchte sie und niemanden sonst.

Vielleicht wirkt es aggressiv, dass ich andere frage, Warum willst du mich nicht ficken? Vielleicht hört es sich sogar so an, als ob ich glaube, ich hätte ein Recht darauf. So ist es natürlich nicht, sexuelle Anziehung lässt sich nicht erzwingen.

Einige könnten den Typen nun Transphobie vorwerfen. Aber damit verwechselt man meiner Meinung nach sexuelles Verlangen mit Rationalität. Du begehrst etwas nicht, weil du darüber nachdenkst – sondern weil du deinem Gefühl folgst. Das Gehirn kann verstehen, dass Transfrauen Frauen sind – aber eine Erektion verlässt sich nur auf die fünf Sinne.

Ich kann mich in Alex und Chris hineinversetzen. Wenn man mich fragt, sage ich, dass ich auf große Typen mit Dreitagebart stehe, die sich in der Philosophie-Abteilung eines Buchladens auskennen. Doch diese Begeisterung kann sich schnell in Luft auflösen, wenn ich tatsächlich Zeit mit jemandem verbringe. Alex und Chris können nicht richtig erklären, warum sie nicht auf mich stehen. Selbst, als sie nach konkreten Antworten suchen, können sie sie nicht greifen. Und ich will nicht, dass Alex und Chris mir sagen, dass sie versuchen würden, mit mir zu schlafen, dass sie ihre Gefühle vielleicht ändern könnten.

Denn das ist das Problem mit sexueller Anziehung: Sie ist da oder sie ist nicht da – aber sie wird auch durch unsere Gesellschaft beeinflusst. Lebe deine Sexualität aus, rufen sex-positive Menschen begeistert, aber Denk bloß daran, dass dein Verlangen im Grunde brutal ist, ermahnen kritische Feministinnen. In einer idealen Romanze sollten wir uns auf das Erste konzentrieren und das Zweite im Hinterkopf behalten.

Meine Identität als Transfrau steht dem heterosexuellen Leben, das ich so gerne hätte, im Weg. Ich musste mich bereits ändern, um als Frau leben zu können. Ich kann nicht auch noch hetereosexuelle Männer ändern. Manchmal fühlt es sich so an, als ob ich als Heterosexuelle versage – dabei ist es in Wirklichkeit die Heterosexualität, die mich im Stich lässt.

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