Wie Chun-Li aus 'Street Fighter' die Gaming-Branche revolutionierte

In den frühen 90ern waren Frauen in Videospielen entweder vor allem sexy, oder mussten von Männern gerettet werden. Dann kam Chun-Li – der jetzt sogar von Nicki Minaj ein Denkmal gesetzt wurde.

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Juni 4 2018, 8:46am

Screenshot: Capcom

Es war das Jahr 1991, als die Veröffentlichung eines neuen Titels die ganze Computerspielindustrie revolutionierte. Street Fighter II: The World Warrior überzeugte durch bahnbrechende Technik, Hochgeschwindigkeits-Special-Moves und acht spielbare Charaktere, die alle ihren eigenen Kampfstil hatten. Das neuartige Design des Spiels war allerdings nicht das Einzige, was die damalige Zockerwelt in Aufruhr versetzte. Zwischen muskelbepackten Sowjet-Ringern, grünhäutigen Mutanten und feuerspeienden Yoga-Meistern fand sich mit einer chinesischen Kampfkunst-Meisterin auch endlich eine Frau im World Warrior-Aufgebot. Ihr Name: Chun-Li.

Im Laufe der mittlerweile fast 30-jährigen Geschichte des Spiels hat sich Chun-Li von einer pixeligen 2D-Grafik zu einem weltweiten Symbol weiblicher Stärke entwickelt. Schließlich hat die Kämpferin Bösewichte und Geschlechterklischees zu Brei geschlagen. Chun-Li ist nicht nur eine der wenigen Figuren gewesen, die es aus dem Spiel in beide Realverfilmungen geschafft hat – im zweiten sogar in Titel und Hauptrolle –, sie wurde vom Magazin Complex 2013 außerdem als "wahrscheinlich bekanntester weiblicher Videospielcharakter aller Zeiten" bezeichnet.

Um wirklich zu verstehen, was Chun-Li für die Gaming-Kultur bedeutet, müssen wir uns die Zeit anschauen, in der Streetfighter II erschien. In die frühen 90er blicken, wo Frauen in Spielen meistens dürftig bekleidet und stets hörig vorkamen – wenn überhaupt. Generell war die Zahl weiblicher Figuren in Spielen begrenzt und wenn sie doch auf dem Bildschirm erschienen, ging es entweder um Sex oder darum, sich über sie lustig zu machen. Am offensichtlichsten ist das an den nicht-jugendfreien Titeln der Ära zu sehen, wie den nackten Pin-ups von Bubble Bath Babes (1991) oder den "Gas Pump Girls" von Leather Goddesses of Phobos 2 (1991). 1995 erreichte die willkürliche und grundlose Sexualisierung von Frauen in Videospielen schließlich ihren Höhepunkt.

Wer nicht sexualisiert wurde, musste als hilflose "Damsel in Distress" darauf warten, endlich vom (männlichen) Helden gerettet zu werden. Ein besonders bekanntes Beispiel ist Prinzessin Peach in Super Mario 64 (1996), deren einzige Verteidigung gegen feindliche Angriffe ein lächelndes Herz mit Grübchen war. Und dann gab es natürlich noch die Fraktion der sexy Kämpferinnen wie Agentin Jill Valentine in Resident Evil (1996) oder Gaming-Phänomen Lara Croft (1996), deren überdimensionierten Brüste und übermenschliche Stärke einen offensichtlichen Bedarf an Figuren offenbarte, die mindestens so erotisch wie tödlich sind.

Screenshot: Capcom

Chun-Li hingegen widersprach den damaligen Erwartungen an Frauen in Spielen komplett. Sie trug eine sportliche Variante des traditionellen Qipao-Kleids, Kampfstiefel, stachelige Nietenarmbänder und verfügte über beeindruckend muskulöse Beine. Außerdem war sie eine der besten Figuren im ganzen Spiel. Ihre gezielten Schläge und Tritte, ihre kraftvollen Mid-Air-Würfe und ihre wirbelnden Spinning-Kicks waren eine Herausforderung für jeden Gegner und sicherten ihr einen festen Platz unter den beliebtesten Charakteren in der Street Fighter-Serie.

Auch wenn Chun-Li als unverwüstliche Action-Heldin auf den Plan trat, verlief die Erschaffung ihrer Figur alles andere als gradlinig. Die Spieleentwickler von Street Fighter II hatten den Auftrag, Chun-Li "süß", "anmutig" und "wunderschön" zu machen. Einer der Chefdesigner des Spiels, Yoshiki Okamoto, wollte ihr zuerst einen kürzeren Lebensbalken geben, um zu demonstrieren, dass Frauen das körperlich schwächere Geschlecht sind ­– glücklicherweise wurde er überstimmt. Chun-Lis Geschichte wurde ebenfalls mehrfach überarbeitet. Fast hätte sie den Namen "China Daughter" bekommen, ihr Aussehen war außerdem ursprünglich anPrivate Vasquez aus Aliens – Die Rückkehr angelehnt.

"Als chinesische Frau war sie womöglich einer der besten ersten weiblichen Charaktere aller Zeiten."

Als es um ihre äußere Erscheinung ging, legte Character-Designer Akira Yasuda großen Wert auf das Aussehen von Chun-Lis Beinen und Stiefeln. Dem damaligen Street Fighter-Verantwortlichen bei Capcom, Akira Nishitani, zufolge überarbeitete der Designer ihre Beine dreimal, was dazu führte, dass das Team die Deadline knapp verpasste. Angeblich soll Yasudas ausgewachsener Oberschenkel-Fetisch eine nicht unerhebliche Rolle dabei gespielt haben. Nichtsdestotrotz waren ihre muskulösen Beine eine willkommene Abwechslung zu der übersexualisierten, zerbrechlichen Weiblichkeit, die in Videospielen sonst an der Tagesordnung war.


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Indem die Entwickler ihr eine ebenbürtig tiefschürfende Hintergrundgeschichte und Kampfeigenschaften wie jeder anderen Figur im Spiel verpassten, setzte Street Fighter neue Maßstäbe für die Darstellung von Weiblichkeit in Computerspielen. Kein Wunder, dass die Fans die Kämpferin sofort ins Herz schlossen. Chun-Li war so beliebt, dass Capcom zwei Jahre später die "Delta Red"-Soldatin Cammy in Super Street Fighter II – The New Challengers einführte.

"Es ist durchaus möglich, dass Chun-Li in den frühen 1990ern für viele junge Männer und Frauen die erste Umsetzung der Vorstellung war, dass eine Frau in der virtuellen wie realen Welt genauso fähig wie ein Mann sein kann", schreibt Bryan J. Carr in 100 Greatest Video Game Characters. Rapperin Nicki Minaj, ebenfalls eine erfolgreiche Frau in einem männlich dominierten Feld, identifiziert sich so sehr mit der Kämpferin, dass sie ihre aktuelle Single nach ihr benannte – inklusive Cover-Artwork mit kräftigen Oberschenkeln und der unverkennbaren Knotenfrisur. Jedes Mal, wenn Chun-Li bei ihrem blitzschnellen Kick “Yup” schreit, kann man fast schon hören, wie Minaj ihr lyrische Vermächtnis ins Mikrofon rappt.

Vor allem aber hat Chun-Li gezeigt, dass Protagonistinnen einem Videospiel richtig gut tun können. Ohne den Einfluss von Street Fighter II hätten weibliche Figuren sehr wahrscheinlich ein viel längeres Schattendasein in Nebenrollen gefristet. Zwar haben sich die Dinge nur sehr langsam entwickelt, aber inzwischen gibt es in fast jedem Kampfspiel mindestens eine oder zwei spielbare Frauen – oder gar eine Frau in der Hauptrolle.

Street Fighter hat mit Chun-Li den Feminismus in der Videospielindustrie etabliert”, schrieb Patricia Sarkar im Jahr 2016. “Wie in jeder anderen Unterhaltungsindustrie werden auch hier die vorherrschenden Rollen von weißen Männern eingenommen. Chun-Li bildete da eine Ausnahme und trat so die Entwicklung hin zu einer breiteren Charakterpalette los. Als chinesische Frau war sie womöglich einer der besten ersten weiblichen Charaktere aller Zeiten.”

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