Sára J. Molčan sorgt mit Farbmisch-Videos für visuelle Orgasmen

ASMR war gestern: Videos der kanadischen Künstlerin werden auf Instagram zehntausendfach angesehen – und sorgen bei ihren Followern für Entspannung und mitunter sogar Erregung.

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Juli 26 2016, 7:00am

Foto mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Jeden entspannt etwas anderes. Manche Menschen stehen auf autogenes Training, viele hören Hörspiele, andere können nur dann richtig abschalten, wenn sie Haarschneidegeräuschen auf einem ASMR-YouTube-Kanal lauschen. Während ASMR—ein wohlig-entspanntes Kopfkribbeln, das durch bestimmte Geräusche ausgelöst werden kann—vielen bekannt sein dürfte, hat Sára J. Molčan eine ganz andere Art der Entspannung auf Instagram etabliert: Videos, in denen sie Farben für ihre Ölgemälde anmischt.

Ursprünglich wollte die kanadische Künstlerin ihren Followern unter dem Hashtag #100daysofpaintmixing zeigen, welche Farbpigmente sie für ihre abstrakten, mehrschichtigen Bilder verwendet. Die Kombination aus dem Verschmelzen verschiedener Farbtöne und dem Geräusch des Farbspachtels auf der Glaspalette schien für manche aber einen beinahe erotisch gefärbten Beigeschmack zu bekommen. Mittlerweile folgen ihr über 60.000 Leute—eine Reichweite, die die studierte Malerin auch dazu nutzt, über ihre Depression und Mobbing zu sprechen. Wir haben uns für einen Moment von Sáras hypnotisierenden Videos losgerissen, um der heißen Anwärterin auf den Titel „der weibliche Bob Ross von Instagram" ein paar Fragen zu stellen.

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Broadly: In einem Kommentar auf deiner Instagram-Seite meinte eine Followerin, dass sie durch eins deiner Videos „feucht" geworden sei. Überrascht es dich, wie sehr dein Malprozess fetischisiert wird?
Sára Molčan: Ja und Nein. Ich verstehe, dass das Ganze für manche etwas sexuelles haben kann. Das Geräusch, das entsteht, wenn Farbe auf einer Glaspalette gemischt wird, könnte man womöglich unter einen Pornofilm legen und es würde niemandem auffallen. Mich überrascht aber schon, dass der visuelle Aspekt so angenommen wird. Auf der Kunstschule wurde mir gesagt, dass Malen künstlerische Masturbation und etwas eher eigennütziges ist, weil der Akt des Malens an sich in unserer Gesellschaft eigentlich tot ist. Das kann man jetzt natürlich auch kritisch sehen, aber vielleicht gibt es wirklich eine Verbindung zwischen der visuellen Stimulation und den Geräuschen, die zu einer körperlichen Reaktion führt. Andererseits lügen und übertreiben Menschen im Internet auch recht gern.

Du scheinst größtenteils Frauen zu malen. Was fasziniert dich so sehr an ihnen?
Lustig, dass du das fragst. Die Frage kam ziemlich häufig, als ich noch studiert und ausschließlich Frauen gemalt habe. Weil ich keine wirklich gute Antwort darauf hatte, habe ich angefangen, ein bisschen variantenreicher zu malen. Ich glaube, dass es ein Missverständnis ist, dass die meisten meiner Figuren immer noch Frauen sind. Viele sind Männer, Drag Queens oder nicht auf ein Geschlecht festgelegt, werden aber trotzdem als Frauen wahrgenommen, weil ich jeder Figur, die ich male, volle rote Lippen gebe. Außerdem arbeite ich sehr gerne mit Pinktönen—eine Farbe, die trotz ihren maskulinen Wurzeln als typisch weiblich angesehen wird. Für meine letzten fünf Gemälde habe ich drei Frauen, eine Drag Queen und eine Kombination aus Mann und Frau gemalt, bei der ich mir aus zwei Gesichtern einfach die Teile herausgesucht habe, die mir am Besten gefallen haben. Aktuell arbeite ich an zwei Bildern, für die Männergesichter das Vorbild sind. Ich bin einfach ein großer Fan der menschlichen Form, geschlechtsunabhängig. Weiche Linien, harte Kanten und rote Lippen findet man bei jedem Geschlecht.

Du gehst sehr offen mit deiner Depression und damit, dass du gemobbt wirst, um. Ist es dir wichtig, anderen Leuten zu zeigen, dass Malen eine Art von Therapie dagegen sein kann?
Absolut. Psychische Erkrankungen werden stigmatisiert und ich glaube, dass es wichtig ist, dass Künstler dazu beitragen, einen offenen Dialog darüber loszutreten. Ich fühle mich geehrt, wenn mir Leute schreiben, dass ihnen meine Videos dabei helfen, ruhiger und glücklicher zu werden—oder einfach nur zu realisieren, dass sie nicht die einzigen sind, die diese Probleme haben. Was Mobbing angeht, finde ich es wichtig klarzustellen, dass das niemals in Ordnung ist. Auch wenn wir im Zeitalter des Online-Mobbings aufwachsen. Das Internet scheint Menschen voneinander zu entfernen. Wenn du vor einem Bildschirm sitzt, fühlst du dich plötzlich dazu in der Lage, Leuten Dinge an den Kopf zu werfen, die du ihnen niemals ins Gesicht gesagt hättest. Ich gehe damit sehr offen um, weil es mir so wichtig ist zu zeigen, was das alles anrichtet. Mobbing kann Konsequenzen haben. Wenn ich auch nur eine Person dazu bringen kann, andere Menschen nicht länger online zu beleidigen, wäre das für mich ein Erfolg.

Wie wichtig ist Instagram für Künstler? Hilft das wirklich dabei, Kunst zu verkaufen?
Instagram ist insofern eine tolle Plattform für Künstler, als dass wir in einem visuellen Bereich arbeiten und es eine visuelle Plattform ist. Es hilft dir dabei, mit Kunstliebhabern, anderen Kreativen und möglichen Unterstützern in Kontakt zu kommen. Als Künstler kann man auch ohne Instagram Erfolg haben, viele tun das. Es kommt wirklich auf deine Zielgruppe an. Aber für mich persönlich funktioniert das sehr gut—sowohl was die Aufmerksamkeit, als auch die Verkäufe angeht.

In sozialen Medien gibt es viele Seiten, die sich Contouring und Make-up widmen und es als eine Art „moderne Kunstform" zelebrieren. Wie stehst du dazu?
Für mich ist Make-up eine Mischung aus Selbstdarstellung und Malerei. Dein Gesicht ist die Leinwand und deine Farben sind die trockenen Pigmente, die du mit einem Pinsel aufträgst. Dazu benötigst du ein gewisses technisches Können, Kreativität und natürlich auch Talent—alles Dinge, die eigentlich auf jeden Künstler zutreffen, egal in welchem Bereich. Es haut mich wirklich oft richtig um, wenn ich sehe, was Maskenbildner alles können. Ich habe vor Jahren mal im Nylon-Magazin ein Zitat dazu gelesen: „Du brauchst keinen Master-Abschluss, um dein Gesicht zu bemalen." Ich sehe so viele Verbindungen zwischen Make-up und Kunst, insbesondere der Malerei, dass ich glaube, dass wir viel voneinander lernen können.

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Glaubst du, dass du die Bob Ross der Instagram-Generation werden könntest?
Bob Ross—allein schon der Name beschwört bestimmte Bilder in einem herauf. Ich glaube, das ist die bisher schwierigste Frage. Wir sind wahrscheinlich beide ein bisschen kitschig und legen sehr viel Wert auf das Anmischen unserer Farben. Vielleicht habe ich keine „happy little Clouds" in meinen Bildern, aber wenn ich auch nur halb so inspirierend sein könnte, wie Bob Ross es war und immer noch ist .... Man weiß ja nie, was die Zukunft bringt. Vielleicht habe ich auch irgendwann meine eigene Farbspachtel-Kollektion.