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Verbrechen

Wir haben immer noch eine komplett falsche Vorstellung von mordenden Frauen

"Ein Typ wie Charles Manson sieht für uns aus wie ein klassischer Serienmörder. Frauen machen den Menschen keine Angst, weil sie nicht wie Killer aussehen."

Suzannah Weiss

Suzannah Weiss

Foto: imago | imagebroker

Die ungarische Gräfin Erzsébet Báthory, "Blutgräfin" genannt, soll im 16. Jahrhundert Jungfrauen ermordet und in ihrem Blut gebadet haben, um jung zu bleiben. Als Tori Telfer 2014 im Internet über die berüchtigte Adelige stolperte, grub sie sich tiefer in den Wikipedia-Kaninchenbau: Die Idee für ihre Kolumne "Lady Killers" war geboren. Anfangs schrieb sie die Artikel noch für The Hairpin, dann zog sie zu Jezebel um. Lady Killers ist auch der Titel ihres ersten Buchs, in dem sie die Geschichte und Folklore um berühmte Serienmörderinnen erforscht.

Das Buch macht Frauen menschlich, die ansonsten zu Monstern verklärt werden: So war Báthory beispielsweise ein Inzest-Kind, wurde in ihrer Kindheit Zeugin traumatischer Gewalt und mit zehn Jahren verlobt, lernte von ihrem Mann Graf Ferenc Nádasdy und ihrer Dienerin Anna Darvulia das Foltern und badete vermutlich nie in Blut. Der Mythos hat sich laut Telfer gehalten, weil Menschen sich leichter mit der Vorstellung einer eitlen Frau anfreunden können als mit der einer sadistischen.

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Lady Killers untersucht, wie Geschlechternormen die Gerüchte um Serienmörderinnen formen. So auch bei Lizzie Halliday, die in ihrer Jugend für ihr Aussehen verspottet würde und ihren 12-jährigen Sohn verlor, weil sie vor ihrem gewalttätigen Mann floh. Oder bei Mary Ann Cotton, die in Armut lebte und mehrere Babies verlor. Mitleid sollte man mit den Verbrecherinnen aber natürlich trotzdem nicht haben. Deswegen haben wir uns mit der Autorin darüber unterhalten, inwiefern Serienmörderinnen missverstanden sind und was sie von männlichen Killern unterscheidet.

Broadly: In deinem Buch schreibst du, dass Serienmörderinnen oft übersehen werden. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Tori Telfer: Serienmörderinnen machen Schlagzeilen, wenn sie festgenommen werden. Wenn sie dann allerdings hinter Gittern sitzen, scheint die Öffentlichkeit sie wieder zu vergessen. Das liegt vermutlich daran, dass die Vorstellung uns überfordert, dass auch Frauen Serienkiller sein können. Diese Verbrechen zeigen, dass Frauen nicht immer das sanfte, schwache Geschlecht sind. Wahrscheinlich haben wir Angst davor, uns das einzugestehen.


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Inwiefern reagieren Menschen unterschiedlich auf männliche und weibliche Serienkiller?
Die Leute haben viel mehr Angst vor männlichen Serienmördern. Tatsächlich morden weibliche Serienkiller im Schnitt länger, weil man sie nicht verdächtigt. Ein Typ wie Charles Manson, mit irrem Blick, zerzaustem Haar und einem schrecklichen Tattoo sieht für uns aus wie ein klassischer Serienmörder. Frauen machen den Menschen keine Angst, weil sie nicht wie Killer aussehen. In meinem Buch lege ich dar, wie gewisse Serienmörderinnen aufgrund dieser scheinbaren Normalität den Menschen kaum Angst machten.

Nannie Doss, die "kichernde Oma", ermordete in den 1950ern mehrere Ehemänner und andere Angehörige. Sie erklärte ihre Taten damit, dass sie sich einfach nach Liebe gesehnt hätte. Ted Bundy ist als Mann aber auch ein gutes Beispiel dafür, was für eine Vorstellung wir von Mördern haben. Anfangs kam er den Menschen nicht verdächtig vor, weil er so normal wirkte und gutaussehend war. Allerdings gibt es gewisse Klischeevorstellungen zu Mörderinnen, die zu stimmen scheinen: Frauen greifen häufig zu Gift als Mordwaffe, sie töten meist Menschen, die ihnen bekannt sind (männliche Serienmörder suchen sich oft fremde Opfer), und sie setzen keine übertriebene Gewalt wie etwa Leichenverstümmelung ein.

Gibt es eine bestimmte Serienmörderin, die deiner Meinung nach falsch verstanden wird?
Ich finde, das sind alle! Nicht auf die Art missverstanden, dass sie eigentlich total in Ordnung gewesen wären. Aber sie waren komplexe menschliche Wesen, die aus komplexen Gründen getötet haben, und am Ende wurden sie alle auf eine sensationslüsterne Schlagzeile reduziert.

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Was war für dich die größte Überraschung bei der Recherche?
Das ist jetzt verstörend, aber ich habe sehr detaillierte Beschreibungen von Anna Marie Hahns Hinrichtung gefunden. Sie war die erste Frau, die im Bundesstaat Ohio die Todesstrafe bekam. Eine Reihe Journalisten durfte dabei sein, also wissen wir, was für Geräusche der elektrische Stuhl machte. Einer verglich es mit einer "Wunderkerze". Außerdem wissen wir, dass ihre Daumen sich nach oben drehten, als sie starb. Ich war extrem hin- und hergerissen wegen der detaillierten Beschreibungen. Einerseits war ich aufgrund ihrer Taten furchtbar wütend auf sie, andererseits tat sie mir leid. Ich habe mit ihr gelitten, weil sie solche Angst hatte, aber ich musste dabei auch an die Angst denken, die ihre Opfer vermutlich verspürten. Und dann war da noch dieser kaltherzige Teil von mir, der ganz Autorin ist, und sich dachte: "Diese ganzen Details sind wirklich faszinierend."

Hast du eine der Mörderinnen sympathisch gefunden oder dich mit ihr identifizieren können?
Viele Leserinnen und Leser haben mir gesagt, dass sie ziemlich viel Mitgefühl mit den Mörderinnen von Nagyrév hatten. Diese Ungarinnen vergifteten ihre gewalttätigen Ehemänner, streitsüchtige Eltern und Schwiegereltern und andere Menschen, die ihnen das Leben zur Hölle machten. Die Frauen waren sehr verzweifelt und hatten sehr wenige Optionen im Leben. Sie saßen sozusagen in der Falle. Anders als andere Frauen in meinem Buch handelten sie nicht aus Blutdurst. Sie versuchten einfach nur, sich ein bisschen Freiheit zu verschaffen. In jeder Hinsicht ein tragisches Szenario.

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