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Foto: imago | Schöning

Mein Vater, der bekannte Verschwörungstheoretiker

Anonymous

Unter dem Pseudonym "Freeman" stieg ein Schweizer mit seinem Blog "Alles Schall und Rauch" schnell zu einer Instanz unter deutschsprachigen Truthern auf. Seine Tochter hat hinter die Kulissen der Szene geblickt.

Foto: imago | Schöning

Mein Vater betreibt seit zehn Jahren einen der größten Verschwörungstheorie-Blogs im deutschsprachigen Raum. Mit durchschnittlich fünfzigtausend Zugriffen jeden Tag (gemäß Klickstatistik auf ASR über hundertachtzig Millionen Zugriffe seit 2007) ist „Alles Schall und Rauch" eine einflussreiche Plattform und gilt als Einsteigerforum in die Truther-Szene. Es erscheinen täglich Artikel zu verschiedenen aktuellen Ereignissen wie den Absturz des EgyptAir Flugzeugs und der Verdacht, dass das Israelische Militär die Maschine abgeschossen hat. Für Neulinge gibt es eine eigene Seite, wo sie sich zuerst das Truther-ABC (False Flag Operation um 9/11, Klimalüge, NWO, Chemtrails usw.) aneignen können; sich also quasi erleuchten lassen, bevor sie im Forum mitdiskutieren können.

Als „Freeman" hat sich mein Vater zum Ziel gesetzt, die nichtwissenden Schlafschafe unserer, von einer angeblich geheimen Elite unterjochten Gesellschaft ins Licht zu führen und füttert seine hörigen Wahrheitsjünger täglich mit seinem Allwissen. Dabei könnte man ihn schlicht als verrückten „Aluhut" abstempeln, doch so einfach ist es nicht. Ich halte meinen Vater für einen der intelligentesten Menschen, die ich kenne. Er ist sehr belesen und weiß auf jede Frage eine Antwort. Das hat mich vor allem als Kind beeindruckt und ich konnte ihm stundenlang zuhören. Oft hat er mir und meinen zwei Brüdern beim Essen die Relativitätstheorie, oder die schwer zu fassende Unendlichkeit des Universums mit einer Leichtigkeit erklärt, wie ich es noch nie bei einer anderen Person erlebt habe. Dabei hielt er uns stets an, unseren Verstand zu benutzten und alles zu hinterfragen. Auch Freunde und Bekannte konnte er mit seiner charmanten und bildhaften Art zu Reden leicht in seinen Bann ziehen. So wurden ihm seine häufig spontanen, cholerischen Anfälle gerne verziehen.

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Meinen Vater als etwas „schwierig" zu bezeichnen, wäre ziemlich untertrieben. Schon als ich noch klein war, ging er bereits wegen Lappalien an die Decke. Sei es nur ein verschüttetes Glas oder ein Streit zwischen mir und meinen Geschwistern. Mit hochrotem Gesicht baute er sich dann vor uns auf und drohte uns mit gepfefferten „Watschen", bis wir flennend Besserung gelobten. Als Teenager checkte ich beim Heimkommen immer zuerst die Lage ab. War er gut drauf, konnte ich mich frei bewegen. Ansonsten war es ratsam das Zimmer nicht zu verlassen, wenn ich keine Prügel riskieren wollte. Selbst hatte er wohl keine einfache Kindheit. Geboren in Buenos Aires und aufgewachsen in Australien, schleppte ihn mein Großvater durch die halbe Welt. Von der Stiefmutter ungeliebt und von der eigenen Mutter ignoriert, kam er alleine mit 19 Jahren per Schiff nach Europa, wo er dann in der Schweiz meine Mutter kennenlernte und ein kleines, aber erfolgreiches Software-Unternehmen aufbaute. Dass er irgendwann zu einer Führungsfigur der Verschwörungstheoretikerszene aufsteigen würde, hätte er damals wahrscheinlich selbst nicht geahnt.

Üblicherweise fanden Truther-Treffen auf abgelegenen Bauernhöfen statt. Es gab Wurst vom Grill und Bier.

Meine erste Erinnerung daran, wie er sich total in einem Thema verloren hatte, ist der 11. September 2001. Der heimische Fernseher war rund um die Uhr eingeschaltet und mein Vater zappte sich im Morgenmantel manisch durch die News-Kanäle. So wie ich mich erinnern kann, fand er die offiziellen Erklärungen der US-Regierung widersprüchlich. Von einem Inside-Job konnte zwar noch nicht die Rede sein, dafür war es auch noch viel zu früh. Trotzdem war 9/11 ein Wendepunkt für ihn—wie für viele Verschwörungstheoretiker. Er hat angefangen, Informationen zu sammeln, zu vergleichen und nach Spuren von Ungereimtheiten zu suchen. Damals war ich zwölf Jahre alt und die Ehe meiner Eltern lag bereits in den Brüchen.

Zwei Jahre später hatte meine Mutter genug von seinen Wutanfällen. In einer Nacht-und-Nebelaktion flüchtete sie und ließ ihn mit uns Kindern zurück. Zwar bemühte sie sich, uns zu sich zu holen, mein Vater verhinderte das allerdings mit aller Kraft; auch dadurch, dass er uns gegen sie ausspielte. Rückblickend erscheint es mir logisch, die Anfänge seines Blogs mit der Trennung von meiner Mutter in Zusammenhang zu bringen. Obwohl er es nicht zugab, ging es ihm damals sichtlich schlecht. Er zog sich oft bis nach Mitternacht in sein Büro zurück und ließ sich körperlich gehen. Mit tiefschwarzen Augenringen und zerzaustem, merklich dünnerem Haar, versuchte er für uns trotzdem einen einigermaßen normalen Tagesablauf zu gestalten. Was er aber jenseits der Mahlzeiten so trieb, wussten wir nicht. Denn mit seiner Software-Firma lief es schon länger nicht mehr gut und die offenen Rechnungen stapelten sich auf dem Küchentisch, die er dann schwerfällig vor sich hin ignorierte. Erst etwa drei Jahre später hat er mir erzählt, dass er seit längerer Zeit mit einem Projekt beschäftigt sei. Mich interessierte das damals nicht wirklich, deshalb habe ich auch nicht groß nachgefragt. Später, während meiner Lehre, fing ich allerdings an, mich für Politik und gesellschaftliche Themen zu interessieren. Gelegentlich tauschte ich mich mit ihm aus, wobei er mir schrittweise seine Sicht der Dinge eröffnete.

Als ich mit 19 aus der Lehre kam, hatte sich mein Vater als „Freeman" in der Truther-Szene einen Namen gemacht. Er hockte mich neben sich an seinen Computer und ging mit mir die Artikel auf seinem Blog durch. Dabei referierte er wild gestikulierend über Chemtrails, die New World Order und die „Klimahysterie". Er eröffnete mir eine ganz neue Welt und ich sog alles dankbar auf. Ich habe zwar die Hälfte davon nicht wirklich kapiert, aber durch seine einnehmende Art wurde ich so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich bald selbst nächtelang im Internet die abstrusesten Theorien recherchierte.

Bald darauf bat mich mein Vater, ihm bei diversen Veranstaltungen zu helfen. Üblicherweise fanden Truther-Treffen auf abgelegenen Bauernhöfen statt. Es gab Wurst vom Grill und Bier und alles machte den Anschein einer gemütlichen Familienfeier. Solche Veranstaltungen brachten ungefähr zwei bis dreihundert Personen zusammen. Es waren Leute, Arbeiter oder Sozialhilfeempfänger, und die Mehrheit davon waren Männer. Frauen wurden meistens nur als Anhängsel mitgeschleppt, die dann schweigend daneben standen und ab und zu zustimmend nickten.

Sie hingen Freeman an den Lippen und mir ebenso. Wahrscheinlich auch, weil ich als Frau eine Ausnahme in der lokalen Szene war.

Damals ging es vor allem um Autarkie und wie man sich vom System unabhängig machen konnte. Bei den Podiumsdiskussionen konzipierte man Lebensentwürfe für selbstversorgende Kommunen und mein Vater ging als scheinbar leuchtendes Beispiel voran, denn er hatte sich eine Vorratskammer für den Notfall im Keller eingerichtet. „Tabak und Rasierklingen", meinte er großspurig „das sind die wichtigsten Tauschgüter, wenn euch die da draußen den Saft abdrehen". Ehrfürchtiges Raunen ging durch die Menge. Die Leute, die nicht daran glaubten, dass man irgendetwas verändern könne, bezeichnete er abfällig als dumm und feige. Man müsse halt Opfer bringen und sich selber einschränken, wenn man nicht länger Sklave der NWO sein wolle. Die NWO (New World Order) ist für die Truther ein Plan, den elitäre Kräfte wie zum Beispiel die Rothschild-Familie umsetzen, um die Erdbevölkerung auszubeuten, dumm zu halten und schlussendlich zu dezimieren (in dem sie Menschen homosexuell machen oder über vermeintliche Impfstoffe Krankheiten verbreiten). Ich verstand irgendwie nie, warum jetzt ausgerechnet die Rothschilds einen so miesen Plan aushecken sollten, aber wahrscheinlich war ich auch einfach zu faul, die entsprechende Literatur zu wälzen. Schließlich befand ich mich in der „privilegierten" Situation, die Tochter von Freeman zu sein und konnte mit meinem lächerlichen Halbwissen gestandene Truther beeindrucken.

Überhaupt fühlte es sich gut an, die Tochter von „jemandem" zu sein. Man schenkte mir Aufmerksamkeit und beneidete mich, „so einen tollen Vater" zu haben. Sie hingen Freeman an den Lippen und mir ebenso. Wahrscheinlich auch, weil ich als Frau eine Ausnahme in der lokalen Szene war. Ich teilte mit diesen Leuten die Arroganz, etwas zu wissen, was all die Zombies in der Mainstream-Welt nicht wussten. Gemeinsam hatten wir ebenso den Hass auf alle Feindbilder der Wahrheitsbewegung. Das waren die Massenmedien, die Zionisten, die Banken und natürlich die USA. Ich war ständig wütend, wenn ich Leute im Zug Gratiszeitungen lesen sah. Am liebsten hätte ich ihnen die Zeitung aus der Hand gerissen und sie aufgeklärt, was sie sich da für einen Müll reinziehen.

Antisemitismus wird in der Szene halboffen praktiziert. Es gibt die Hardliner, welche nicht davor zurückschrecken, den Holocaust zu leugnen. Und dann welche, die nur hinter hervorgehaltener Hand über die bösen Zionisten und das verbrecherische Israel (USrael) wettern. Ein Erlebnis hat sich da besonders in mein Hirn eingebrannt. Ich war wütend auf meinen Vater, weil er mir kein Geld für den Besuch eines Musikfestivals geben wollte. Einer seiner Freunde aus der Szene war gerade zu Besuch, dem ich dann mein „Leid" klagte. Dieser meinte völlig zusammenhangslos, dass ich lieber wütend auf das wahre Übel dieser Welt sein solle: die Juden. Mein Vater selbst ist sehr vorsichtig mit solchen Aussagen. Da er nicht dumm ist, weiß er ganz genau, was für Konsequenzen er dadurch befürchten müsste. Allerdings erwähnte er mal in einem Nebensatz, dass er uns Kindern ganz bewusst keine jüdischen Namen gegeben hätte.

Wie viele subversive Gruppen aus dem rechten Lager, holen sich die Truther meistens Leute aus schwierigen sozialen Verhältnissen ins Boot.

Zum Bruch mit meinem Vater kam es ein paar Jahre später, als ich von zu Hause auszog—ein Schritt, nachdem ich mich plötzlich enorm befreit und selbstständig fühlte. Damals war ich bereits seit einem Jahr wegen einer Angststörung in Therapie und als sich mein Zustand nach meinem Auszug merklich besserte, blockte ich für eine Zeit lang jeden Kontaktversuch seitens meines Vaters ab. Ich fing an, mein Leben neu zu ordnen, hatte einen passablen Job und machte viele Bekanntschaften abseits der Truther-Szene. Als Weihnachten vor der Tür stand, fühlte ich mich allerdings doch etwas schuldig und lud meinen Vater zu mir nach Hause ein. Ich merkte, dass es für ihn keine anderen Themen mehr als „Alles Schall und Rauch" gab und mir war das ziemlich zuwider. Mittlerweile konnte ich nämlich mit Verschwörungstheorien überhaupt nichts mehr anfangen und bildete mir lieber meine eigene Meinung. Als ich ihn mit gewissen Dingen konfrontierte, brach er einen Streit vom Zaun und versuchte, mich davon zu überzeugen, dass mein Gehirn vom Mainstream gewaschen worden war. Ich wusste, dass eine Diskussion mit ihm ins Endlose laufen würde, daher hielt ich die Klappe und hoffte, dass er bald verschwinden würde.

Auf Anraten meines Therapeuten traf ich mich mit meinem Vater nur noch zu meinen Bedingungen: Wir verabredeten uns stets an einem neutralen Ort, den ich jederzeit wieder verlassen konnte. Außerdem bestimmte ich, wie und über was gesprochen wurde und nur ich legte den Rahmen für ein nächstes Treffen fest. Für einige Zeit lief das auch ganz gut und er riss sich echt zusammen. Wahrscheinlich merkte er, dass ich ihm allmählich entglitt.

Das ist ungefähr vier Jahre her. Heute beschränkt sich der Kontakt mit meinem Vater auf das Nötigste. Jüngste Vorfälle, wie ein aufreibendes Skype Gespräch, bei dem er gegen Flüchtlinge hetzte, veranlassten mich, auf Abstand zu gehen. Er hat sich ein Domizil im unsouveränen Staat Abchasien am Schwarzen Meer aufgebaut und hetzt von dort gegen den „teufelsanbetenden Westen". Ab und zu besuche ich „Alles Schall und Rauch" noch und lese vor allem die Kommentare. Da finden sich teilweise haarsträubende Aussagen von Lesern, die „Mischehen" widerlich finden oder am liebsten „alles Dreckspack an die Wand stellen" würden. Als ich meinem Vater mal ein, zwei Zitate seiner Leser gemailt habe, löschte er diese umgehend und bezeichnete mich als Islamhasserin. Warum auch immer.

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Rekapitulierend kann ich sagen, dass ich mich heute für mein Verhalten von damals schäme. Mir ist es peinlich, dass ich mich von paranoiden Spinnern habe einlullen lassen, weil ich selbst total neben mir stand. Mir ist es unangenehm, dass ich so einen Müll wie Die Bandbreite gehört und versucht habe, Freunde von meinen abstrusen Theorien zu überzeugen. Ich möchte nicht alles auf meinen jugendlichen Leichtsinn schieben, jedoch fühlte ich mich meinem Vater gegenüber stets moralisch verpflichtet und es war für mich praktisch unmöglich, sich seinem Einfluss zu entziehen. Das können wahrscheinlich auch viele seiner Leser bestätigen, denn obwohl er sich in den Kommentarspalten seines Blogs vielfach beleidigend, persönlich angreifend und aggressiv verhält, wird er von ihnen als Wahrheitsmessias und Heilsbringer vergöttert.

Gerade weil Verschwörungstheoretiker immun gegen jedes noch so vernünftige Argument aus der „Mainstream-Welt" sind, sehe ich diese Bewegung als äußerst gefährlich an. Wie viele subversive Gruppen aus dem rechten Lager, holen sich die Truther meistens Leute aus schwierigen sozialen Verhältnissen ins Boot. Menschen, die froh über Sündenböcke sind und in eloquenten Persönlichkeiten Führung suchen. Die Truther bestreiten eine Zugehörigkeit zum rechten Lager zwar vehement, jedoch sprechen meine persönlichen Erfahrungen für sich. Sexismus, Homophobie und Rassismus sind genauso verbreitet, wie eine fehlgeleitete Vorstellung von Kultur und Heimatliebe.

Einen Rat meines Vaters habe ich mir jedoch zu Herzen genommen: Heute versuche ich wirklich, immer meinen Verstand zu benutzen.


* Aufgrund der Tatsache, dass die Verschwörungsszene dafür bekannt ist, zum Teil auch vor Morddrohungen gegenüber Aussteigern oder Kritikern nicht zurückzuschrecken, erscheint dieser Artikel unter „Anonym". Die Identität der Autorin ist der Redaktion bekannt.