Film

„Raw Chicks.Berlin“ zeigt, warum die Berliner Clubszene so einzigartig ist

Für ihre Dokumentation begleitete Beate Kunath elf Frauen aus der ganzen Welt, die nach Berlin gekommen sind, um Musik zu machen. Wir haben mit ihr über die Faszination am Berliner Nachtleben und Frauen hinter den Reglern gesprochen.

Broadly Staff

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Screenshot: Vimeo

Berlin ist die Stadt der Gegensätze, der durchgefeierten Nächte, des Rausches und der Kreativität. Gleichzeitig zeigt sich aber auch im Nachtleben, dass Frauen zwar gerne gesehen sind—aber eben nicht ganz so gerne hinter den Plattentellern. Verschiedene Initiativen versuchen bereits, weibliche DJs und Produzentinnen in der Musikindustrie und Clubkultur zu fördern, mit Raw Chicks.Berlin könnte die Bewegung nun ihren ersten eigenen Kinofilm bekommen.

Die Dokumentation zeigt elf Frauen aus der ganzen Welt, die nach Berlin gekommen sind, um Musik zu machen. Gleichzeitig will Regisseurin Beate Kunath einen Teil der Partyszene zeigen, den man in der Regel nicht in Touristenführern und Reiseblogs findet. Über die Crowdfunding-Seite Startnext kann man das Projekt noch bis zum 31. Januar unterstützen. Wir haben mit der Dokumentarfilmerin über die Berliner Clubkultur und die Wichtigkeit von Diversität in der Szene gesprochen.

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Broadly: Der Name des Films leitet sich von einer Berliner Veranstaltungsreihe ab, bei der nur Frauen auflegen und die du mit organisiert hast. Wie kam es dazu?
Beate Kunath: Angefangen haben wir—Eléonore Roedel und ich—2012 mit unserer Veranstaltungsreihe RAW CHICKS im RAW Tempel Club. Wir fragten damals den Clubbetreiber, warum es so wenige Frauen im Line-up gibt. Er meinte, er kenne gar nicht so viele weibliche DJs, wir könnten doch unsere eigene Veranstaltungsreihe machen und er unterstütze uns dabei. Wir nannten diese Veranstaltungreihe RAW CHICKS. Unser Fokus am Anfang lag auf weiblichen DJs, später holten wir weibliche VJs und Live-Acts dazu.

Wann wusstest du, dass du aus diesen Frauen und ihren Geschichten einen Film machen möchtest?
In den vergangenen Jahren haben mich Live-Acts immer wieder fasziniert, also Frauen, die auf die Bühne mit ihrem Equipment kommen und ihre eigenen Songs oder Kompositionen präsentieren. Man hört den eigenen Sound der Produzentin und verfolgt die Konzentration während eines Live-Sets mit all dem technischen Equipment. Das zu sehen, fand ich, war ein erster und wichtiger Impuls, diesen Film zu machen.

Aber auch die unterschiedlichen Facetten dieser Musikproduzentinnen fand ich wichtig und die enorme Bandbreite von elektronischer Musik, die wir durch die Suche nach Acts für unsere Veranstaltungsreihe entdeckt haben. Das musikalische Spektrum reichte dabei von experimenteller, über noise-basierter elektronischer bis hin zur elektro-akustischer Musik. Diese Bandbreite von Frauen mit ihrer eigenen Musik in einem Dokumentarfilm repräsentiert zu sehen, fand ich als Filmemacherin super spannend. Über die Technik und die Musik der Produzentinnen ließ sich sicher ein Zeitdokument schaffen. Oftmals sind es ja Männer, die in die Geschichtsschreibung eingehen und somit ihre männliche Geschichte schreiben.

Die Internationalität dieser Stadt ist natürlich auch Teil des Filmes. Die Protagonistinnen meines Filmes kommen aus unterschiedlichen Ländern und in meinen Interviewfragen wollte ich auch herausfinden, warum so viele Kreative nach Berlin kommen und ob und wie die Stadt ihre Musik beeinflusst oder formt.

Warum sind Frauen in der elektronischen Musikszene so unterrepräsentiert? Gerade bei toleranten, weltoffenen Metropolen wie Berlin ist das doch eigentlich absurd.
Ich kann da nicht wirklich eine Antwort geben. Es scheint absurd, aber vielleicht finde ich eine Antwort mit den ersten Vorführungen meines Filmes. Mein Film zeigt elf Portraits von Musikproduzentinnen, aber ich hätte so viel mehr drehen können. Es gibt so viele großartige Musikerinnen in dieser Stadt und es gibt auch sehr viele Veranstaltungsreihen, wo man Musikerinnen sehen kann. Ich glaube, wer Frauen in der elektronischen Musik finden will, der findet sie auch. Es gibt Initiativen wie das Heroines of Sound Festival, die Online-Datenbank und Events von female:pressure oder die Mint-Veranstaltungsreihe, die sich immer wieder für mehr Sichtbarkeit einsetzen.

Wir haben in unseren RAW CHICKS -Veranstaltungen seit 2014 immer wieder mal auch Männer in unsere Line-ups gebucht, denn es geht zum einen um die Sichtbarkeit von Frauen, aber es muss in unserer Vorstellung auch unbedingt eine Vernetzung von Männern und Frauen entstehen. Und gute Chancen dafür bietet nun mal ein gemischtes Line-up.

War dir von Anfang an klar, den Film über Crowdfunding finanzieren zu wollen oder ist das jetzt eine Art „Notlösung"?
Ich habe den Anfang selbst finanziert, aber da ich fast alles habe, was man zum Filmen und Schneiden braucht und von Festivals, Veranstalter_innen und den Musikerinnen selbst unterstützt wurde, hat es bis auf Zeit und gute Freunde nicht viel gekostet. Um dem Film aber mit einer professionellen Tonmischung und Farbkorrektur zu versehen und das entsprechende Vorführmedium für ein Kino oder ein Festival herzustellen, wusste ich, dass ich extra Geld brauchen werde. Mir schon lange klar, dass ich das über eine Crowdfunding mache.

Es ist so toll zu sehen, dass Leute deine Filmidee mögen, dich finanziell unterstützen und dann natürlich auch ins Kino gehen werden. Mit einer Crowd findet man sein erstes Publikum und die erzählen es weiter und weiter und für ein Publikum macht man ja den Film.

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Berlin gilt aktuell als eine Art Epizentrum für unkonventionelle Musik- und Kunstschaffende aus der ganzen Welt. Was macht die Stadt und insbesondere die Clubszene so spannend?
Die Stadt wird meiner Meinung nach durch ihre ungeheure Vielfalt an Kreativität bestimmt. Man kann immer irgendwo was lernen, findet Inspiration und kann mitgestalten, sich auch mal ausprobieren—ganz speziell in der Clubszene. Durch unsere Veranstaltungsreihe RAW CHICKS haben wir beispielsweise großartige Musikerinnen kennengelernt und eine unglaubliche Bandbreite an elektronischer Musik gefunden. Da gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Es gibt für jede Musik, für jede Art von Veranstaltung kleine feine Orte und auch große Häuser.

Insbesondere wenn Leute von außerhalb über das Berliner Nachtleben reden, geht es oft vor allem um das Berghain. Was ist in deinen Augen der interessanteste Club der Hauptstadt?
Ich mag das Berghain auch, der Sound ist großartig und die „Zwanzig Jahre Raster-Noton"-Veranstaltung war ein persönlicher Highlight im letzten Jahr. Das Tolle an Berlin ist aber, dass es super schöne, experimentierfreudige kleine Clubs in Kreuzberg, Neukölln oder Friedrichshain gibt. Das ist eine lebendige Landschaft, die man täglich entdecken kann und die man mit ein paar mehr Clicks auch in den Sozialen Medien wirklich problemlos findet.

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